Die Romantik fordert ihren Preis



An Pastor Ommerborns Pfarrhaus in Sand nagt der Zahn der Zeit
Die Romantik fordert ihren Preis
Die Kirche wird renoviert

Bergisch Gladbach (dm) — Von Gerüsten umgeben ist der Sander Kirchturm. Der Blitz hat kürzlich hier eingeschlagen und in der Kirchturmspitze einigen Schaden angerichtet, der repariert werden muß. „Da sind mit dem Sander Kirchturm schon andere Sachen passiert", berichtet der Vorsitzende des San-der Pfarrgemeinderates und Chronist Peter Höller. Anno 1879 gab es hier einen großen Bauskandal: Der Kirchturm war noch nicht fertig, die Kirche noch nicht bezogen, da stürzte der Turm in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Bald hundert Jahre ist die jetzige Sander Kirche alt, und doch ist sie in der Sander Ortsgeschichte noch die „neue" Kirche.
Ihre Vorgängerin war kleiner. Sie hatte Platz auf dem versteckten Flecken in „Untersand", wo jetzt das Ommerborn-Denkmal steht, dem alten Sander Friedhof.
Um 1400 muß hier das erste Kirchlein gestanden haben, bescheiden in den Ausmaßen, aberdennoch Zentrum für die Gläubigen in weitem Kreise. 1374 wurde der Pfarrer „Heinrich vonme Sande" urkundlich erwähnt. Für das Seelenheil nicht nur der Sander, sondern auch der Bewohner aus Rommerscheid, Oberthal, Unterthal, Blissenbach und anderer Flecken bis in die heutige Gemeinde Kürten waren die Sander Pfarrer lange zuständig. Damals entwickelte sich Sand zu einer Metropole. Ein eigenes Gericht tagte im Sander Hof. Hinter der Kirche lag der Sander Hof, jetzt steht hier am alten Friedhof noch das Fachwerkhaus, das 1713 an der Stelle des abgebrannten alten Sander Hofs gebaut wurde.
Heute ist dieser Fleck in Sand immer noch romantisch, aber wenig attraktiv. Die Stadt hält den alten Friedhof notdürftig instand, der Rasen wird gemäht und das alte Gras deckt die Grabplatten zu. Die Treppe und die alte Einfriedungsmauer verfallen und dieser Park ist so gut wie unbekannt.
Jahrhundertealte Kastanien
Dabei sind gerade hier mehr Denkmäler auf einem Fleck als anderswo. 33 alte Grabmäler lehnen sich an die alte Mauer oder stehen unter den Bäumen, die teilweise selbst schon Naturdenkmäler sind. Einige hundert Jahre alt sind jedenfalls mehrere der dicken Kastanien und Lebensbäume um diesen alten Sander Friedhof.
Und dann steht hier noch das Denkmal des „Heldenpastors" Johann Peter Ommerborn. 1826 bis 1837 war dieser eher kriegerische Seelenhirt Inhaber der Sander Pfarrstelle. Er führte die Bergische Freiheitsbewegung gegen Napoleon an, Auch die Platte seines Grabes liegt, etwas eingewuchert, auf dem alten Friedhof. Ungeschützt ist die Grabplatte dem Wetter ausgesetzt.
Auch die Grabplatte des Philipp von Leer, der 1690 die inzwischen restaurierte RochusKapelle stiftete, liegt auf demalten Friedhof achtlos herum. Das älteste Sander Grab, von Gottert in der Schmalzgrube, der am 21. Juli 1633 starb, ist verfällen.
Ein anderes „Denkmal" des Pastors Johann Peter Ommerborn ist aber in weitaus schlechterem Zustand als das Denkmal auf dem Friedhof. 1830 leiß Pastor Ommerborn unter dem alten Friedhof, also gegenüber von der damaligen Kirche, ein neues Pfarrhaus errichten. Bisher hatte der Sander Pfarrer immer auf dem Wiedenhof oberhalb von Sand gewohnt. Pastor Ommerborn wollte nicht so weitab von seiner Gemeinde sein und hatte zuerst in Schloß Lerbach gewohnt. Dann wurde das Bruchsteinhaus mit Walmdach gebaut.

Auch heute sieht es noch malerisch aus, wenn man auf der Ommerbornstraße schnell an ihm vorbeifährt. Sieht man sich das alte Gemäuer, das der Komponist Max Bruch einst erwerben wollte, aber einmal näher an, wird der historische Bau zum Standbild des Verfalls. Das unter Denkmalschutz gestellte Pastorat ist unbewohnt und macht einen hinfälligen Eindruck. Die Fensterscheiben sind zerbrochen und durch Bretter ersetzt. Zuletzt diente das alte Gemäuer bis vor einigen Jahren als Jugendheim. Wie Peter Höller bestätigt, soll jetzt mit dem Haus etwas geschehen. Da die Renovierung weit über 100 000 Mark kosten wird, soll das Haus in Erbpacht vergeben werden. Die Verhandlungen darüber sollen schon weit fortgeschritten sein, wie zu erfahren war.
Renoviert werden soll aber auch die "neue" Sander Kirche. Wenn in drei Jahren die 100jahrige Kirchweih gefeiert wird, soll sie in neuem Glanz erstrahlen. Schon jetzt untersuchen Fachleute die Baulichkeiten und bereiten die Renovierung vor. Viele Bürger würden es begrüßen, wenn dieser noch ländlich anmutende romantische Winkel der Großstadt Bergisch Gladbach ein wenig herausgeputzt werden könnte.

DAS ALTE PASTORAT an der Ommerbornstraße verkommt mehr und mehr. Jetzt soll das unter Denkmalschutz stehende Bruchsteinhaus in Erbpacht vergeben werden.

ROMANTISCH — VERFALLEN ist der alte Friedhof an der Ommerbornstraße in Sand. Kaum jemand kennt diesen schönen Flecken in der Großstadt. Die Steinplatte im Vordergrund ist das Grab Joh ann Peter Ommerborns.

GEFÄHRLICH WIRKT das Gerüst am Sander Kirchturm. Noch sind die längst fälligen Renovierungsarbeiten aber nicht in Angriff genommen; nur ein Blitzschaden wird ausgebessert.

VON NAHEM sieht das alte Pastorat alles andere als malerisch aus. Die Scheiben in der alten Tür sind herausgebrochen, der Einbau eines modern-geschmacklosen Briefkastens war wohl die auffälligste Erneuerung innerhalb der letzten Jahre.
Bilder: Günter Möllinghoff

Quelle: 
KStA-19780719-RN9 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 23. Okt. 2009