„Sprechverbot der Damen” als Problem


„Sprechverbot der Damen” als Problem
Chor an der Gnadenkirche feiert jetzt 75jähriges Bestehen

Von unserer Redakteurin Karin M. Erdtmann
Bergisch Gladbach — Waren es Jungfrauen oder heimkehrende Soldaten? Über, die Anfänge des Chores an der Gnadenkirche gibt es verschiedene Versionen. Eine geht sogar davon aus, daß sich schon 1836 ein Singverein zu regelmäßigen Proben traf und somit die Tradition der Kirchenmusik am evangelischen Gotteshaus in der Stadtmitte begründete.
Am Wochenende jedenfalls feiert der Chor sein 75jähriges Bestehen. Bei einem Festgottesdienst am Sopnntag, 31. Oktober, 10 Uhr, führen die Aktiven gemeinsam mit dem Chor der Kirche Zum Frieden Gottes die „Messe brve C-Dur" von Ch. Gounod auf. Danach ist ein Empfang im Gemeindehaus auf dem Quirlsberg geplant.
Daß er Chor mittlerweile zahlreiche Erfolge verbuchen kann und heute aus dem Gemeindeleben nicht mehr wegzudenken ist, mag den Leser der Festschrift zunächst verwundern, hatte doch Dirigent Schilling Anfang der 20er Jahre den Chor mit einem Taubenschlag verglichen, „wo jeder geht und kommt, wann er will". Zudem bereitete anno 1924, wie aus der Chronik hervorgeht, „das Rauchverbot der Herren und das Sprechverbot der Damen" dem Verein große Sorgen.
Trotz allen Ringens um Disziplin (wer bei den Proben viermal unentschuldigt fehlte, wurde ausgeschlossen) kam die Geselligkeit im Vereinsleben nicht zu kurz. Beim Sommerausflügen gab es Wett- und Eierlaufen für die Damen, während sich die Herren dem Preisschießen widmeten.
Während des Krieges wurden Päckchen an die Chormitglieder geschickt, „die im Feld sind"; Proben konnten manchmal nur unter Lebensgefahr stattfinden. Doch der Chor fand weiter Unterstützung. So wurden für eine Weihnachtsfeier acht Kuchen und drei Liter Milch gestiftet.
Starken Schwankungen waren nicht nur die Einnahmen (1922 mit inflationären 519 446 489 Mark beziffert), sondern auch die Mitgliederzahlen unterworfen. Waren es 1927 noch 43 Aktive, gab es im letzten Kriegsjahr nur noch 18 Sänger. Die Spitze weist die Statistik 1979 mit 70 Mitgliedern aus. Heute sind es 35.
1950 erweitert ein Madrigalchor das Repertoire; mehrere Jahre lang singen die Gladbacher auch im Altenberger Dom. Die Sänger der Gnadenkirche sind nicht nur im Gottesdienst präsent, sondern auch bei Grundsteinlegungen, Glockenweihen, Rundfunkübertragungen, im Krankenhaus und im Klingelpütz.
Bei Mehrtagesfahrten entstehen Kontakte zu Chören in Holland, Schweden und der Schweiz. Auch mit dem Chor der Laurentiuskirche arbeitet man zusammen. Mit Rainer Lille bekommt der ehemalige Wartburgchor, der sich in der Anfangsphase vor allem volks- und vaterländischen Liedern widmete, 1948 zum ersten Mal einen ausgebildeten Musiker zum Chorleiter.
Unter Kantorin Margret Gräber (1953-1986) wagen sich die Sänger an immer schwierigere Stücke. 1958 wird zum ersten Mal eine Bachkantate aufgeführt. Später kommen Messen von Mozart und Dvorak sowie Musik des 20. Jahrhunderts hinzu. Seit 1986 liegt die musikalische Leitung in den Händen von Susanne Rohland-Stahlke. Höhepunkt im Jubiläumsjahr ist die Aufführung des Weihnachtsoratoriums am 26. Dezember unter Mitwirkung aller evangelischen Chöre der Gemeinde in der Hander HeiligGeist-Kirche.
Wie der Chor entstand, weiß vielleicht Gründungsmitglied Martha Rosinski am besten. In der Festschrift erinnert sie sich: „Als der Krieg zu Ende war, saß ich mit meiner Schwester Hilde und Müllers Fritz zusammen. Meine Schwester und Herr Müller sangen bereits im Cäcilienchor. Da haben wir beschlossen, in der evangelischen Kirche in Zukunft zusammen zu singen. So war das!"

Ausflüge standen neben dem Gesang stets auf dem Programm des Chores an der Gnadenkirche: Dies s Bild enstand in Immekeppel am 6. Juli 1924. (Bild: privat)

Quelle: 
KStA-19931027 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 16. Okt. 2009