Endlich war es vorbei (10) - Das Kriegsende im Bergischen Land


Die größten Nachkriegsprobleme waren die Lebensmittelbeschaffung und das Dach über dem Kopf
Sorge um Wasser und das tägliche Brot
Das Leben unter einer Besatzung begann

Von Sylvia Koppelberg
Rheinisch-Bergischer — „Maggeln" und „organisieren" — darum drehte sich alles, als der Krieg zu Ende war. Es gab kaum etwas zu essen; die Lebensmittel waren rationiert. Und in der ersten Zeit gab es selbst auf Marken wenig Lebensmittel. Die „Hamsterfahrten" begannen und der Schwarzmarkt blühte. „Wir sind per Fahrrad nach Deutz zu „Linde's Eisfabrik" gefahren, hatten Äpfel und Birnen mitgenommen und gegen Butter, Schmalz und Gemüse eingetauscht. Männer sind auch oft heimlich über die Mauer geklettert und haben Lebensmittel organisiert". Daran erinnert sich Gertrud Hamacher, die damals in Schildgen wohnte.
Rationiert waren auch Strom und Gas, denn die Energieversorgung war nach dem Zusammenbruch teilweise ausgefallen. Zuerst wurde die Wasserversorgung geregelt, auch um Seuchen vorzubeugen. Denn viele Menschen lebten beengt und unter extrem unhygienischen Verhältnissen. Der Flüchtlingsstrom hatte eingesetzt, der dem damaligen Rheinisch-Bergischen Kreis einen Bevölkerungszuwachs von 15707 Menschen bescherte.
Dazu kamen 40000 Evakuierte, meist aus Köln, und weitere 19000, die ihre Wohnungen bei Luftangriffen verloren hatten oder deren Domizile von den Besatzern als Quartiere requiriert worden waren. Die Menschen waren in Baracken, Scheunen und Ställen notdürftig untergebracht. 50 bis 60 Baracken, schätzt der Gladbacher Emil Borbe, waren an der Richard-Zanders-Straße errichtet worden, voll mit ausgebombten Kölnern.
Unter solchen Bedingungen war die Angst vor Seuchen nicht unbegründet. 1946 brach zum Beispiel im Raum Overath eine Typhus-Epidemie aus. Allein ins Krankenhaus Marialinden wurden über 200 infizierte Menschen eingeliefert, von denen neun starben.
Den Besatzern ging es besser. Sie beschlagnahmten die Häuser und Wohnungen, die sie brauchten. Ende 1946 bestanden die Besatzungstruppen im Kreis aus 7000 Soldaten, die alle untergebracht werden mußten. Schon gleich nach der Ankunft der Amerikaner in Bergisch Gladbach mußte eine ganze Häuserreihe an der Laurentiusstraße geräumt werden.
Die Militärregierung nahm ihren Sitz im ehemaligen Haus der NSdAP an der Hauptstraße. Schon gleich nach ihrer Ankunft prasselte eine Flut von Gesetzen, Verordnungen, Direktiven und Verlautbarungen auf die Verwaltung und Bevölkerung nieder. Zuerst mußten alle Schußwaffen und Kriegsmaterial abgegeben werden. Nachts gab es Ausgangssperre.
Am 22. Juni 1945 lösten britische Besatzungstruppen die amerikanischen Kampftruppen ab.
Im September 1945 wurde die Einkommenssteuer rückwirkend für das ganze Jahr um 6,3 Prozent angehoben. Lohnsteuerpflichtige wurden noch stärker zur Kasse gebeten. Sie mußten eine Erhöhung von 25 Prozent in Kauf nehmen. Dabei gab es kaum Arbeit. Alle Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten durften nicht produzieren.
Für Firmeninhaber, Politiker und das Verwaltungspersonal kam die Zeit der Entnazifizierung. In Gladbach war dafür der Sozialdemokrat Josef Kenfenheuer zuständig. Die politischen Spitzen der Verwaltungen wurden von der Siegermacht besetzt. Schon im Mai 1945 hatte der US-Militärbefehlshaber den Kölner Regierungsbeamten Fritz Heuser zum neuen Landrat bestellt.
Alle Angehörigen der Kreisverwaltung mußten Fragebögen ausfüllen. Es ging darum zu erfahren, wer Mitglied der NSdAP oder einer ihrer Organisationen gewesen war. Dabei wurde differenziert: stramme Nazis und „Mitläufer". Die Einstufung hatte Folgen. Je nach Grad des Engagements in der NSdAP drohte Entfernung aus dem Dienst oder Internierung. Das führte in den Verwaltung zeitweise zu personellen Engpässen.
In Bergisch Gladbach setzten die Amerikaner gleich nach Kriegsende den politisch unvorbelasteten Bäckermeister Jakob Kirch als Ersten Beigeordneten ein. Er hatte gewissermaßen die Funktion eines Bürgermeisters. Statt eines gewählten Kommunalparlaments stand er einem Bürgerausschuß vor. (Kirch starb schon im Juli 1945.) Zwischen dem Bürgerausschuß und der Kommunalverwaltung gab es anfänglich keine klare Kompetenzabgrenzung.
Auch die erste Gemeindevertretung wurde nicht gewählt, sondern von der Alliierten Militärregierung ernannt, und zwar im Mai 1946. Ihr gehörten elf Mitglieder der CDU, acht der SPD, sieben der KPD und vier Parteilose an.
Arbeit und Brot wichtig
Die meisten Menschen haben es wohl leicht verschmerzen können, daß sie auch nach dem Ende des Krieges und Faschismus ihre Volksvertreter nicht sogleich selbst wählen konnten. Für sie war es zuerst einmal am wichtigsten, wieder Arbeit und Brot zu haben und ein menschenwürdiges Dach über dem Kopf.
Und da machten sich gleich alle ans Werk. In Marialinden zum Beispiel legte fast die gesamte Einwohnerschaft Hand an den Bau neuer Wasserleitungen. Oder bei der Evangelischen Kirche in Bergisch Gladbach: als die Gläubigen das Gemeindehaus auf dem Quirlsberg bauten, preßten sie die Ziegel selbst, weil es keine zu kaufen gab. Dr. Helmut Hochstetter, der damals dort Pfarrer war, erinnert sich: „Die Gladbacher sagten: Der Bau hält höchstens zehn Jahre." Er steht immer noch.

ZERSTÖRTE HÄUSER mußten nach dem Krieg wieder aufgebaut werden. Diese Ruine in Schildgen war eine Folge der Kämpfe, die dort beim Einmarsch der Amerikaner noch stattgefunden haben.

NUR WENIGE AUTOS ROLLTEN unmittelbar nach dem Krieg über die Straßen, wie in Bergisch Gladbach an der Hauptstraße und dem ehemaligen Marktplatz (heute Konrad-Adenauer-Platz).

AUCH BRIEFTAUBEN und Radiosendegeräte mußten als „Kriegsmaterial" abgeliefert werden.    Bilder: Albert Günther

IM KREISARCHIV kann Walter Hauf eine Reihe von Bekanntmachungen und Verordnungen der Militärregierung in verschiedenen Sprachen vorzeigen.

Quelle: 
KSTA-19850419-RN14 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 15. Juli 2009