



Von Dr. Anton Jux, Berg. Gladbach
In einer Familie, die ein Eigenheim bewohnt, keimt ganz von selbst auch geschichtliches Denken. Der Besitz bindet die Menschen an den Boden und damit an die Heimat. Vater und Mutter erzählen den Kindern davon, wie sie einst ihr Haus erbaut oder erworben haben, von aller Arbeit und allen Sorgen, die damit verbunden waren. Ist es ihnen gar im Erbgange zugefallen, so raunt aus den Steinen und Balken zu jeder Stunde irgendwie die Stimme der Ahnen, die von der Vergangenheit berichtet. Geschichte wird dort lebendig und greifbar, Geschichte des Hauses, der Familie und darüber hinaus der Heimatlandschaft, an die jene auf Gedeih und Verderb gebunden sind. Die Kenntnis ihrer Geschichte wiederum bereitet den Nährboden für die Liebe zur Heimat. Es gibt daher für den Staat kaum eine schönere, in sich selbst fruchtbarere Aufgabe, als die Bildung von Eigentum zu fördern.
Das wußten auch vor über tausend Jahren die fränkischen Könige, von denen die ersten Rodungen in unser schönes Land am bergischen Höhenrande geschlagen wurden. Sie legten das große Bruch trocken, indem sie dem aus dem Tal nach Westen vorbrechenden Wasser ein enges Bett gruben und ihm damit den Weg zumRhein erst künstlich bahnten. Nun konnten sie auch den großen Fronhof am Geladebach errichten lassen, den einer ihrer verdienten Kriegsmannen zu Lehen erhielt. Ein solcher Hof entstand dann auch zu Paffrath am Mutzbach, ein anderer in Gronau, ein dritter am Waldborn (Hadeburne), dem späteren Hebborn, noch einer in Sand und an der Strundequelle, vielleicht auch in Katterbach, Dombach u. Lückerath. Damit waren die Urzellen der ersten Besiedlung gegeben und von diesen wurden immer mehr Landstücke an neue Siedler oder nachgeborene Söhne abgegeben, so wie die Rodearbeit fortschritt. Ein fester Lehnsverband hielt jedoch das Gefüge der frühesten landesherrlichen Höfe zusammen, und die Hofgerichte zu Gladbach, Paffrath, Hebborn u. Sand wachten mit ihren Schultheißen, den Schelfen und der Gerichtsordnung, Weistum genannt, mit peinlicher Gewissenhaftigkeit darüber, daß die Lehnrührigkeit bei keinem noch so kleinen Stück Acker, Wiese oder Busch vergessen wurde. Die Zehnten und Renten klebten durch die Jahrhunderte daran fest wie Pech, und bei jeder Vererbung und jedem Besitzwechsel, was alles säuberlich in das Gerichtsprotokoll, Gedingsrolle genannt, eingetragen wurde, war die Kurmut an den Lehnsherren fällig. Das war in der Regel das beste Stück Vieh im Stalle, später ein fester Geldbetrag, der in Wirklichkeit nichts anderes darstellte als die Anerkenntnis des landesherrlichen Obereigentums.
Durch die Sitte der Realteilung wurden die „Sohlstätten", wie die frühesten Einzelhöfe hießen, immer mehr zersplittert, so daß es schließlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts im heutigen Stadtgebiete von Bergisch Gladbach über anderthalb Hundert besonders benannte Wohnplätze gab, von denen damals Nußbaum, Hand und Strundorf die größten waren. Noch heute kann man sie fast allesamt an den erhaltenen schwarzweinen Fachwerkhäusern aus dem modernen Stadtbilde herauskennen.
Denn früher lieferte hier der heimische Wald ausnahmslos die kernigen Eichenbalken zum Hausbau, der Boden an vielen Stellen den Lehm und Kalk für die Wände und das Feld das Stroh für das Dach. Die einstige „Feuerversicherung" lag neben dem Hausweiher im Eichenkamp beschlossen, wozu noch die Nachbarhilfe als selbstverständliche Christenpflicht trat. Der König hatte neben seinen Fronhöfen schon sehr früh eine Eigenkirche gestiftet. Als erste davon darf man mit gutem Grund jene zu Paffrath ansehen und vermuten, daß sie sicher schon in karolingischer Zeit, wenn nicht früher, bestand. Sie ging wahrscheinlich vor dem Jahre 1000, als auch die Kirche zu Gladbach schon entstanden war, an das Kölner Domkapitel über, das fortan die Pfarrer präsentierte, während in Gladbach der jeweilige Landesherr selbst Patron blieb.
Auch die Kirche beim Sander Hof, dem Ritter „vamme Sande" zugehörig und im Erbgange zuletzt an die Grafen von Wolff Metternich übergegangen, reicht zum mindesten als Kapelle in das 13. Jahrhundert zurück. Schon vor 1294 hatten sich im alten Hof an der Quelle der Strunde die Johanniter niedergelassen und den Grund zu der berühmten Kommende Herrenstrunden gelegt. In den drei alten Pfarren oder Kirspeln (Kirchspielen) Paffrath, Gladbach und Sand vollzog sieh zur Hauptsache das ganze Gemeinschaftsleben vom Mittelalter her bis in die neueste Zeit, zumal sie durch einen ansehnlichen Grundbesitz auch in wirtschaftlicher Hinsicht eine beachtenswerte Rolle spielten. Von dem sehr bedeutenden Höfebesitz der Johanniterkommende lag auch ein beträchtlicher Teil im heutigen Stadtgebiete, außer Herrenstrunden und seiner Mühle selbst noch die Höfe zu Rosenthal, Trotzenburg, Rommerscheid und der Igeler Hof.
Einige vom König mit Gütern belehnte Ritter hatten sich hierselbst schon sehr früh feste Häuser, kleine Wasserburgen aus Stein, errichtet wie Haus Blech zu Paffrath, Katterbach, Lerbach, Zweifelstrunden, Dombach und Lückerath, später Neuborn. Jede von diesen Burgen hatte den einstigen Hof, aus dem sie hervorgegangen, als Wirtschaftshof beibehalten und war nicht nur mit beträchtlichem Ackerland, sondern noch mehr Waldungen verbunden. Wenn auch etliche kleinere Höfe zu ihnen in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis standen, so gab es doch auch zahlreiche unabhängige, freie Männer auf mittlerem und kleinem Besitz. Eine regelrechte Leibeigenschaft hat der bergische Bauer nie gekannt.
Vielmehr hatte sich gerade an der Strunde und am Mutzbach schon rech früh auch gewerbliches Leben und Streben entwickelt, das sich teils auf vorhandene Bodenschätze, mehr aber auf die Nutzung der starken Bachgefälle gründete. So wurde der Bergisch Gladbach-Paffrather Kalkstein seit dem Mittelalter gebrochen und genutzt, wie zahllose Narben der Erde hierselbst bezeugen und auch die Stellen alter Kalköfen verraten. Vielleicht noch älter ist die einst von der nachkarolingischen Zeit bis ins 15. Jahrhundert in Blüte stehende Paffrather Töpferei. Ganz besonders jedoch stellte sich unsere fleißige Strunde in den Dienst der Vorfahren. Neben den Mahlmühlen zu Gladbach, Gronau und Herrenstrunden. denen seit alters die Höfe im Umkreis als Zwangsmahlverband zugewiesen waren, nutzte man den Bach für Ölmühlen und Walkmühlen. dazu auch für Lohmühlen. So dürfte die Buchmühle (Bochmöll) die erste Ölmühle gewesen sein. Die Kalkmühlen nannte man Follmühlen. Noch erinnert die „Vollmühle" ( = mola fulonica) im Strundorf daran. -Wichtiger wurden jene Mühlen, die sich auf eine uralte Metallgewinnung (Eisenerz) stützten.
Es gab im Gladbacher Gebiet Schmelzgruben und große Schmieden. Die Messermacher genossen hohen Ruf im nahen Köln. Die Messerschleifer waren in einer kirchlichen Bruderschaft und einem weltlichen Amte zusammengefaßt und unterlagen den Vorschriften einer vom Herzog von Berg privilegierten Bruderschaftsordnung. An der Strunde reihte sich ein Schleifkotten an den anderen. Schon 1340 wird die Gierather Mühle erwähnt. Dagegen waren im 16. Jahrhundert die Pleißer (Polierer), die der Kölner Harnischmachergilde dienten, schon sehr im Niedergang begriffen.
Als die Neuzeit anbrach, die neue Welt entdeckt wurde, vollzog sich auch an der Strunde eine einschneidende Wandlung. Die überkommenen Gewerbe verfielen der Bedeutungslosigkeit. Doch ihre Gefälle waren bald neuen Zwecken dienstbar gemacht. Pulvermühlen und Farbholzmühlen wurden erbaut, und im Jahre 1582 geschah das für die Zukunft Bergisch Gladbachs Entscheidende. Philipp von Fürth aus Köln brachte die Papiermacherei und wandelte einen alten Pleißkotten (heutige Schnabelsmühle) in eine Papiermühle um. Er, dem selbst kein Glück mit seinem Plane beschieden war, konnte damals nicht ahnen, daß er der Begründer einer heute weltumspannenden Papierindustrie an der Strunde werden sollte. Mit dem ersten Papiermacher kam auch die neue Lehre nach Gladbach, die sich nach vielen Wechselfällen und Kämpfen im Jahre 1775 mit eigener Gemeinde und Kirche festigte.
Noch durch die Zeiten der Fremdherrschaft ging Bergisch Gladbach in fast unberührtem, mittelalterlich anmutendem Zustande. 1810 hatte es 2655 Einwohner in 330 Häusern. Seit 1827 durften die drei Katastergemeinden Gladbach, Gronau und Sand mit einigen anderen Orten auf Grund ihrer Fabriktätigkeit einen Abgeordneten im Stande der Städte zum Provinziallandtag wählen: der erste Schritt zur Stadtwerdung, der 1856 die Verleihung der Rheini- schen Städteordnung folgte.
Jeder weiß wie stürmisch seitdem die Entwicklung Bergisch Gladbachs fortgeschritten ist. Sprunghaft vermehrte sich die Bevölkerungszahl, vor allem auch durch Zuzug aus dem bergischen Hinterlande. Denn die wachsende Industrie brauchte immer mehr Kräfte. Eine rege Bautätigkeit ließ die Lücken zwischen den verstreut liegenden Fachwerkhäusergruppen kleiner und kleiner werden. Neue Straßenzüge entstanden nicht nur im westlichen ebenen Teil des Stadtgebietes, sondern sie stießen auch auf die Höhen ringsum vor. Die beiden Weltkriege konnten diese Ausdehnung nur für kurze Zeit unterbrechen. Ein modernes Stadtbild mit flutendem Verkehr setzt den fremden Besucher in Erstaunen. Eisenbahn und Straßenbahn, dazu Omnibuslinien nach allen Seiten stellen gute Verbindungen dar. Große Fabrikanlagen und gut ausgestattete Geschäftshäuser zeugen von gesundem wirtschaftlichen Leben. Eine Reihe neuer Kirchen traten längst zu den alten, das Schulwesen wird mit jedem Jahre besser gestaltet. Für die kulturellen Bedürfnisse der nun 36000 Einwohner zählenden Stadt wird in vorbildlicher Weise gesorgt. Überhaupt gab stolzer Bürgersinn ihr alles, dessen sie bedarf. Als Wahrzeichen der Stadt, die seit 1933 auch Sitz der Kreisverwaltung des Rheinisch-Bergischen Kreises geworden ist, steht im Mittelpunkt am Markt das prachtvolle Rathaus. Immer noch aber hat sich aus grauer Vorzeit her in reicher Fülle der Wald im gesamten Stadtbereich erhalten und gürtet ihre Häuser und Straßen nach wie vor mit einem herrlichen grünen Kranze.