In Urzeiten vom Meer erschaffen


In Urzeiten vom Meer erschaffen
Vor vielen Millionen Jahren entstanden die „Leichlinger Sandberge" — Nur noch Reste erhalten

Die „Silbernester" bescherten Leichlingen einen blühenden Handel mit Sand. Der Abbau begann spätestens im 17. Jahrhundert und endete in den 1960er Jahren.

VON STEFANIE JOOSS
Rhein-Berg - Gewaltige Veränderungen formten die Erde zu der Zeit, als die Leichlinger Sandberge entstanden: Die Alpen türmten sich auf, aus tiefen Rissen im Boden spuckten Vulkane Feuer und Lava. Der Graben der oberrheinischen Tiefebene brach ein, und das Wasser des Rheins flutete das entstandene Becken. Der Meeresspiegel stieg – so stark, dass sich die Nordsee bis in die Niederrheinische Bucht ausbreiten konnte und auch das spätere Stadtgebiet von Leichlingen unter ihren Wassermassen begrub. Am Meeresboden wuchsen die meterhohen Sandberge, von denen bis heute ein kleiner Rest am Stadtrand geblieben ist.
So beschrieb der Leichlinger Heimatforscher Fritz Hinrichs die Veränderung der Landschaft im Tertiär. Allerdings: Die Ereignisse überstürzten sich nicht einer Naturkatastrophe gleich, sondern passierten langsam, im Lauf von mehreren Millionen Jahren. Blitzschnell dagegen waren die Sandberge wieder verschwunden. Weniger als 200 Jahre dauerte es, bis der Bergrücken zu kleinen Hügeln schrumpfte und Leichlingen gleichzeitig einen blühenden Handel mit Sand bescherte.
„Weinrote Bänder wechseln mit rostfarbenen Streifen und schneeweißen Flächen." So beschrieb der Leichlinger Fritz Hinrichs 1953 im Heimatbuch die Meeresablagerungen. Über den bunten Sandschichten liegt eine Decke aus Steinen, die nicht im Bergischen zu Hause sind: Fremdlinge von Mosel, Lahn und Nahe. Sie hat der Rhein nach Leichlingen gebracht, als er das Bergische Land überflutete.

Große Ausbeute
Den Namen „Leichlinger Sandberge" bekamen die Meeresablagerungen um das Jahr 1800. Auch eine Straße wurde seit dieser Zeit nach ihnen benannt: Die alte Kölner Straße, die Solingen und Köln verband, wurde zur Sandstraße. Das liegt nicht daran, dass zu dieser Zeit die Leichlinger plötzlich ihre Begeisterung für das Wunder der Natur entdeckten. Vielmehr spielten die Sandberge, deren Abbau dem Leichlinger Landgerichtsprotokoll zufolge spätestens im 17. Jahrhundert begonnen hatte, finanziell eine wichtige Rolle für die damalige Gemeinde. Von welcher wirtschaftlichen Bedeutung der Sand für Leichlingen war, beschrieb Landrat von Hauer 1843: „Die Lager von weißem Streu- und Scheuersand geben viel Ausbeute." So zitiert Fritz Hinrichs den Landrat in seinem Heimatbuch von 1956. „An diesem unscheinbaren Handel" fänden „mehrere Familien einen recht auskömmlichen Unterhalt", erklärte von Hauer.
Der weiße Feinsand war begehrt. Um an diese „Silbernester" zu kommen, mussten anfangs noch Stollen in den Berg getrieben werden. Als diese später wiederentdeckt wurden, rankten sich allerlei Spekulationen um die Tunnel. 1827 schrieb ein Leichlinger Tuchfabrikant:
„Vor mehreren Jahren hat man auf dem Sandberg bei Trompete einen langen unterirdischen Gang gefunden. Ich halte solchen für eine Räuberhöhle, da er just an der Verbindungsstraße Köln-Solingen liegt. Bis auf die jüngste Zeit ist die Umgebung wegen außerordentlicher Räubereien berüchtigt gewesen.” Ein anderer Schreiber, der unter der Bezeichnung „Nachbar der Trompete" im „Opladener Unterhaltungsblatt" berichtete, hielt die Löcher für ein Werk der alten Römer. „Es ist ein Labyrinth von Gängen und Kammern im Innern des Berges gefunden worden. Ob vielleicht die Römer den schönen Sand schon nach Köln geschafft haben?"
Die Feinsande fanden in der Eisen- und Stahlindustrie zahlreiche Abnehmer. Um 1870 war der Trompeter Sandberg erschöpft. Die Abbauer arbeiteten sich weiter zum Kellerhansberg und im Lauf der folgenden Jahrzehnte zum Heidberg und Spürklenberg auf Langenfelder Gebiet vor. Zunächst mussten die Arbeiter den Sand noch mit einfachsten Mitteln abbauen. „Mit Mängchen, kleinen Weidenkörben, wurde der mit der Schöppe gestochene Sand in die am Wege stehenden Pferdekarren gebracht und im Tempo der Zeit zum Bahnhof transportiert", schreibt Fritz Hinrichs. Ein späterer Besitzer des Sandbetriebs, Karl Halbach, ließ eine von Pferden angetriebene Schleppbahn von der Sandstraße zur Grube anlegen. 1914 erhielt das Abbaugebiet einen direkten Bahnanschluss. Von da an fuhren täglich drei Bauzüge zu 50 Waggons ab.
Ab der Nachkriegszeit fand der Sand eine neue Verwendung: Gläser wurden daraus gefertigt. „Am Fuße der Leichlinger Sandberge vollzog sich im Jahre 1949 eine industrielle Entwicklung, deren Auswirkungen sich für Leichlingen und das Bergische Land noch nicht absehen lassen", schrieb Fritz Hinrichs 1956. Zwei traditionsreiche Glashütten aus Böhmen und Schlesien siedelten sich in Leichlingen an und betrieben die Glasfabrik „Rheinkristall". Die bis zu 1500 Grad Celsius heißen Öfen brannten bis zum Ende der 1960er Jahre. Mit der Glasproduktion wurde dann auch der Abbau des Sandes eingestellt.
Später bekamen die Sandberge eine neue Funktion: Teile von ihnen sollten im Kreis Mettmann in eine Mülldeponie umgewandelt werden. In den 80er Jahren gab es deshalb heftige politische Auseinandersetzungen. Umwelt- und Denkmalschützer protestierten. Die Interessengemeinschaft „Rettet die Sandberge" gründete sich. Aber alle Gegenwehr war vergeblich. Die Sandberge wuchsen wieder an – diesmal um Müll. Mittlerweile ist die Deponie an der Stadtgrenze weitgehend verfüllt und in Teilen bereits wieder stillgelegt.
Von dem ursprünglich zehn bis 25 Meter hohen Bergrücken ist ein kläglicher Rest des Neidbergs geblieben. Von der Straße Am Stockberg (L 288) aus kann man ihn am besten sehen. Er wurde 1983 endgültig zum geologischen Naturdenkmal erklärt und unter Schutz gestellt. Währenddessen tragen andere Kräfte den geschützten Berg ab: Regen und Wind. Trotzdem können noch viele Generationen das Farbenspiel der weinroten, rostfarbenen und schneeweißen Sandschichten bewundern. Denn an ihrem Abbau wird die Natur ähnlich langsam arbeiten wie schon an der Entstehung der Sandberge.
www.ksta.de/rbo-bodendenkmal

Vor 65 Millionen Jahren
Das Tertiär begann vor 65 Millionen Jahren. Zuvor, in der Kreidezeit, waren Dinosaurier und viele andere Tier- und Pflanzenarten ausgestorben. Das Klima auf der Erde war im Tertiär wesentlich wärmer als heute. Nach dem Massen-aussterben entwickelten sich viele Tier- und Pflanzenarten, wie wir sie heute kennen. Im Tertiär entstanden auch die Leichlinger Sandberge. Wesentlich später traten in Afrika die frühesten erkennbaren Vorfahren des Menschen auf, die Hominiden: vor rund sechs Millionen Jahren. Gegen Ende des Tertiär vor etwa zwei Millionen Jahren wurde das Klima kälter, das jüngste Eiszeitalter begann. (jos)

Zum Naturdenkmal erklärt
Seit 1983 ist ein Teil der Leichlinger Sandberge, der Heidberg, ein Naturdenkmal. Diese Auszeichnung kann an Landschaftselemente wie Felsen, Höhlen, Quellen oder seltene Bäume vergeben werden, die durch ihre Seltenheit, Eigenart oder Schönheit hervorstechen. Auch bis zu fünf Hektar große Flächen können zum Naturdenkmal erklärt werden, sie werden somit besonders geschützt. In Deutschland ist der Schutz von Naturdenkmälem in Paragraf 28 des Bundesnaturschutzgesetzes und in den Naturschutzgesetzen der Länder verankert. (jos)

Quelle: 
KStA-20090119-S15 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 7. Okt. 2009