Bilanz 1932-1974: Rheinisch-Bergischer Kreis




















Vor Stadt und Natur

Der ideale Lebensraum

Von Hans Josef Peltzer
Am 1. Oktober 1932 wurde durch Zusammenlegung der Kreise Mülheim am Rhein und Wipperfürth der Rheinisch-Bergische Kreis gebildet. Am 31. Dezember 1974 wird der Rheinisch-Bergische Kreis aufhören zu bestehen.
Gewiß, die in Vorbereitung befindliche kommunale Neugliederung wird ein Nachfolgegebilde hervorbringen, das möglicherweise sogar denselben Namen erhält. Aber einige der bisherigen kreiszugehörigen Gemeinden werden anderen kommunalen Gebilden angehören, einige neue Gemeinden werden dazukommen, und nur ganz wenige Gemeinden dieses Kreises werden diese Reform unverändert oder zumindest nahezu unverändert überdauern.
Verlockendes Grün
Wie bei einer Familie, die irgendwann einmal auseinandergeht, wie bei einem Betrieb, der eine Schaffensperiode abschließt, so lohnt es sich auch, für dieses Kreisgebilde, als einem Gemeinwesen für zuletzt nahezu 300000 Menschen Bilanz zu ziehen. Geht doch hier ein Lebensabschnitt für dieses Land zwischen Rhein und Wupper zu Ende, der der bedeutsamste in seiner bisherigen Geschichte war. Mehr als die 1000 Jahre zuvor haben diese 42 Jahre das Gesicht dieses Landes geprägt und verwandelt.
Und das nicht nur auf Grund der allgemeinen Entwicklung von Industrie, Technik und Verkehr. Die reizvolle Lage zwischen der Großstadt und den waldreichen Höhen des Bergischen Landes sorgten dafür, daß sich hier die Bevölkerung nahezu verdreifachte, während sie im Kölner Regierungsbezirk ebenso wie im Landesdurchschnitt nur um wenige Prozent anstieg.
50000 neue Wohnungen
Der kriegsbedingten Flucht aus der Großstadt, die immer mehr im Bombenhagel zerfiel und tausende Evakuierte in diesen Kreis brachte, folgte der Strom der Heimatvertriebenenund Flüchtlinge (über 50000 im Kreis) und schließlich der Drang zum Wohnen im Grünen nach dem Krieg. Immer mehr Menschen entdecken, daß die Nahtstelle zwischen Stadt und Natur den idealen Lebensraum bietet.
Entsprechend groß ist die Aufbauleistung, die hier vollbracht wurde. Von den rund 80000 Wohnungen, die 1968 im Rheinisch-Bergischen Kreis gezählt wurden, sind 50000 nach 1948 entstanden, die Hälfte davon mit öffentlicher Förderung.
Obwohl allein in den sechziger Jahren mehr als 13000 neue Arbeitsplätze im Kreis geschaffen wurden, konnte diese Entwicklung mit dem Bevölkerungsanstieg nicht Schritt halten; denn in derselben Zeit wuchs die Zahl der Erwerbstätigen um 18000 und die der Auspendler, jener Menschen, die außerhalb ihres Wohnortes berufstätig waren, von 18000 auf 23000.
Weniger Bauernhöfe
Gleichzeitig verringerte sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe fast um die Hälfte, wobei die Dauergrünflächen und die Waldgebiete auf Kosten des Ackerlandes um 20 bzw.zehn Prozent noch anwuchsen, ebenso die Durchschnittsgrößen der Betriebe.
Der zahlenmäßigen Entwicklung der Bevölkerung mußte die strukturelle Entwicklung des Gebietes beinahe zwangsläufig folgen. Schulen wurden gebaut. Gab es in den dreißiger Jahren nur wenige Progymnasien hier, so entwickelte sich bis heute im Westen des Kreises ein komplettes Netz weiterführender Schulen, das sich zum Teil auch auf die weiter zurückliegenden Gemeinden im östlichen Teil des Kreises hin erstreckt. Hinzu kam eine große Zahl von Sonderschulen für verschiedene Arten behinderter Kinder.
Sportplätze und Turnhallen gibt es heute in allen größeren Orten des Kreises, und fast alle Gemeinden können mit modernen Hallenbädern oder zumindest beheizten Freibädern aufwarten.
Auch das Banken- und Sparkassenwesen entwickelte sich rasch. Neben 'etlichen Privatbankfilialen bieten heute zahlreiche Zweigstellen der Kreissparkasse und 19 Genossenschaftsbanken des Rheinisch-Bergischen 'Kreises, die an 36 Plätzen vertreten sind, mit ständig steigenden Bilanzsummen der Bevölkerung ihren Service an.
Während der westliche Teil des Kreises schon früh an das Autobahnnetz angeschlossen wurde, wird die im Bau befindliche Autobahn nach Olpe in kurzer Zeit auch den östlichen Teil näher an die Metropole heranführen. Durchschnittlich jeder dritte Einwohner im Kreis besitzt einen Personenwagen. Damit hat der Kreis die höchste Verkehrsdichte im Bundesgebiet. Das öffentliche Verkehrsnetz erschließt überdies fast das letzte Dorf, wenn auch die Koordination der Verkehrsträger noch zu wünschen übrig läßt. In Porz entstand einer der modernsten Verkehrsflughäfen der Welt.
Das kulturelle Leben ist namentlich in den dichtbesiedelten westlichen Teilen des Kreises mit regelmäßigen Theatergastspielen, Konzerten und Kunstausstellungen außerordentlich rege, und die ärztliche Versorgung ist mit 124 praktischen Arzten, 125 Fachärzten, 107 Zahnärzten und Kieferorthopäden und elf Krankenhäusern befriedigend.
Riesige Summen wurden für die Wasserversorgung und Kanalisation investiert, wobei durch die Gründung eines Wasserbeschaffungsverbandes und den Bau von Leitungen aus den oberbergischen Talsperren auch kleine Orte im Bergischen, die bis vor wenigen Jahren noch auf unzureichende örtliche Brunnen angewiesen waren, inzwischen schon mit einwandfreiem Trinkwasser versorgt werden.
Kurzum: Während zur Zeit der Kreisgründung die Bewohner des größten Teils dieses Gebietes noch in ländlicher Abgeschiedenheit lebten, denen die Angebote großstädtischen Lebens wenn überhaupt, dann erst nach zeitraubenden Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zugute kamen, bieten heute die Gemeinden des Kreises auf schulischem, sportlichen und zum Teil auch auf kulturellem Gebiet selbst ein breites Angebot. Dies und das Verlangen nach grüner Umgebung haben das Wohnen in diesem Gebiet auch für den Städter interessant gemacht.
Heute bemühen sich die Planer, eine weitere Zersiedelung der Landschaft zu verhindern, indem sie dichtere Bebauung inden vorhandenen Siedlungsbereichen anstreben, statt neue Baugebiete auszuweisen. Die jüngst errichteten, kompakten Wohnburgen der großen Siedlungsgesellschaften, die weniger an die Landschaft als an die größtmögliche Ausnutzung von Grund und Boden denken, finden nicht immer die Zustimmung der ortsansässigen Bevölkerung. Die Diskussion um die erträgliche Grenze der Verdichtung ist gewiß noch nicht abgeschlossen.
Diskussion gab es und gibt es auch um die Gestaltung der Innenstädte und übrigen Ortszentren, deren Einzelhandelsangebot sich zwar in den vergangenen 40 Jahren auch stark entwickelt hat, aber mit dem Anstieg der Wohnbevölkerung nicht in dem Maße Schritt gehalten hat, daß sämtlicher Bedarf in den nahen Geschäftszentren gedeckt werden könnte. Allerdings sind die Städte im Westteil des Kreises dabei, durch weitgreifende Innenstadtsanierungen das Geschäftsangebot zu vergrößern und durch Planung von Fußgängerzonen für den Käufer attraktiver zu gestalten.
Naturpark Bergisches Land
Große Anstrengungen werden auch unternommen, um die ausgedehnten Grünzonen im Kreisgebiet verstärkt für die Naherholung nutzbar zu machen. Ein Zweckverband „Naturpark Bergisches Land" wurde gegründet mit dem Ziel, neue Erholungsund Freizeiteinrichtungen zu schaffen. Vom Staat geförderte Naherholungsgebiete entstehen am Rhein bei Zündorf, an der Saaler Mühle in Bensberg und hei Diepeschrath an der Stadtgrenze zwischen Köln und Bergisch Gladbach. Dem Dom und privater gastronomischer Initiative verdankt Altenberg es, daß es nach, Königswinter der meistbesuchte Ausflugsort im Land wurde.
Weniger der Erholung als der Wasserwirtschaft dienen die Talsperren, die am oberen Rande des Kreises in den vergangenen Jahrzehnten entstanden, sowie die im Bau befindliche große Dhünntalsperre, die Trinkwasser für die Großstädte im Bergischen Land liefern soll.
Diese Aufgaben erkannte auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Heinz Kühn in einem Geleitwort zu der in diesem Jahr erschienenen Kreisbeschreibung, in dem esheißt: „Der Rheinisch-Bergische Kreis umfaßt ein Gebiet, das im Spannungsfeld zwischen dem Verdichtungsraum Köln und dem angrenzenden Bergischen Land mit seinen besonderen Funktionen für die Erholung und Wasserwirtschaft liegt. Aus der Vielfalt seiner regionalen und überregionalen Verflechtungen ergeben sich somit wichtige Aufgaben im Rahmen der Landesentwicklung."
Die Landesregierung hat dieser Aufgabe Rechnung getragen, als sie in ihrem Vorschlag zur kommunalen Neugliederung den Städten Bergisch Gladbach und Bensberg die Rolle der Kreisstadt auch für einen neuen Rheinisch-Bergischen Kreis zuerkannte. Ihr Vorschlag, das rheinische Element dieses Kreises, die Stadt Porz, auszugliedern und mit Köln zu vereinigen, muß allerdings hier auf energischen Wiederstand stoßen.

So wuchs die Bevölkerung im Kreis

1925 1939 1950 1961 1970 1974 Zunahme
seit 1939
Bensberg 12624 15667 22584 29989 41267 46184 195
Berg. Gladbach 18192 22286 32681 41902 49558 51867 133
Porz 12060 24986 31553 50906 74915 82510 230
Wipperfürth 6799 7519 10537 12942 13082 13932 85
Klüppelberg 4396 4453 6410 6578 7620 7722 73
Lindlar 6694 7346 10589 11321 12636 13202 80
Odenthal 4142 6106 8015 12617 15292 269
Overath 6511 10537 11544 15432 17366 167
Rösrath 5 064 6164 11290 14801 18866 20434 232
Engelskirchen 4617 6015 7457 8139 8142 76
Hohkeppel 1183 1047 1845 2155 2237 2512 140
Bechen 1289 1654 2083 2223 2603 2933 77
Kürten 2329 2605 3790 4552 6379 7255 179
Olpe 1457 1424 2186 1913 2204 2280 60
Wipperfeld 970 948 1300 1306 1346 1469 55
Kreis 111369 159506 207604 268901 293100 163

MODERNE BÜROTECHNIK bietet die Kreisverwalteng des Rheinisch-Bergischen Kreises in. ihren Großraumbüros im neuen Verwaltungsgebäude am Rübezahlwald. Sie werden voraussichtlich auch dem Nachfolger des jetzigen Kreises als Verwaltungssitz dienen. Bild: pullja

WÄHREND DIE LANDWIRTSCHAFT in den vergangenen 20 Jahren ständig zurückgegangen ist, erlebte die Fischzucht im Bergischen einen Aufschwung. Zahlreiche Zuchtteiche wurden neu angelegt, in denen vor allem Forellen gezüchtet werden. Bild: pullja

DIE AUTOBAHN Köln—Olpe, ursprünglich nur als große Umgehungsstraße für Bensberg geplant, wird noch in diesem Sommer an das deutsche Autobahnnetz angeschlossen. Sie bringt vor allem Bensberg Overath und Engelskirchen Verbesserung der Verkehrssituation. Bild: pullja

 

Bergisch Gladbach - Magnet für Industrie und Handel
Gladbach setzt alte Tradition fort

EIN REICHHALTIGES kulturelles Angebot bietet Bergisch Gladbach. Mit dem Bau des „Forums" fand auch die Stadtbücherei wach-sendes Interesse bei der Bevölkerung. Bild: pullja

Von Wilhelm Becker
Ihren größten Aufschwung, aber auch ihre schwersten Probleme erlebte Bergisch Gladbach als Kreisstadt des Rheinisch-Bergischen Kreises von 1933 bis 1974. Nachdem die Gemeinde bereits im Jahre 1856 Stadtrechte nach der Rheinischen Städteordnung erhalten hatte, war die Festlegung der Stadt als Sitz der Kreisverwaltung des im Jahre zuvor gegründeten neuen Landkreises Lohn und Weiterführung der konsequenten dynamischen Entwicklung Bergisch Gladbachs seit seiner Stadtwerdung.
Einst 147 Weiler
1856 zählte die Stadt knapp 5000 Einwohner und umfaßte neben dem Dorf Gladbach die Kirchorte Paffrath und Sand sowie 147 Weiler und Einzelgehöfte. Zuvor war Gladbach schon Sitz einer Mairie (seit 1806) und später einer Bürgermeisterei (seit 1815) gewesen. Den Namen Bergisch Gladbach führte es zur Unterscheidung vom heutigen Mönchengladbach.
Bergisch Gladbach verdankt seine Entwicklung zur bedeutendsten Stadt des Rheinisch-Bergischen Kreises sowohl im Hinblick auf die wirtschaftliche als auch auf die kulturelle Situation in erster Linie seiner Lage. Dabei spielen sowohl geologische wie auch topographische Verhältnisse und die Zuordnung zur Metropole Köln eine Rolle.
Wegen der geologischen Verhältnisse im Bereich der Paffrather Kalkmulde siedelten sich in der ehemaligen Agrargemeinde schon früh kleinere Industriebetriebe an, die den Abbau von Kalkstein und die Töpferei betrieben. Damals, im ausgehenden Mittelalter, war allerdings Paffrath noch der Hauptort der heutigen Stadt.
Energiequelle Strunde
Der Strunder Bach war dann in erster Linie für die industrielle Entwicklung Bergisch Gladbachs verantwortlich. Schon seit dem 13. Jahrhundert gab es am Strunder Bach Mühlenbetriebe. Ihre Ansiedlung wurde wegen der kontinuierlichen Wasserführung, der guten Wasserqualität und der günstigen Gefälleverhältnisse des Bachlaufes vorgenommen. Bei den Mühlen handelte es sich unter anderem um Schleif-, Pulver-, Farbstoff-, Öl-, Kalk- und Getreidemühlen. Die Weiterverarbeitung dieser Rohstoffvorbereitung wurde dann in Kölner Handwerksbetrieben und deren Zünften vorgenommen. Damit bestand also schon in früher Zeit ein reger Handelskontakt mit der benachbarten Großstadt.
Diese Verbindungen führtendenn auch dazu, daß schon vom 16. Jahrhundert an, als religiöse Unduldsamkeit im katholischen „hilligen" Köln zu Differenzen führte, reformierte Kölner Unternehmer als günstigste nahegelegene Ausweichmöglichkeit den Gladbacher Raum, der damals trotz seiner beginnenden Industrie doch noch ein Vakuum darstellte, sahen.
Vier Jahrhunderte Papier
So siedelten sich schon im 16. Jahrhundert die ersten Papiermacher an der Strunde an. Die Papiermacherkunst, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts zur Industrie ausweitete, wurde denn auch bestimmend für die weitere Entwicklung der jungen Stadt. Während zur napoleonischen Zeit kaum 100 Menschen im Papiermacherhandwerk beschäftigt waren, stieg die Zahl der Beschäftigten rapide, nachdem im Jahre 1842 in der unteren Dombach die erste Papiermaschine aufgestellt worden war. Ein zweites industrielles Bein der Stadt wurde nach der Fertigstellung der neuen Handelsstraße zwischen Köln, Bergisch Gladbach und Wipperfürth durch die Täler von Strunde und Sülz die Wollverarbeitung in der Wollspinnerei im Gladbacher Strundorf. Hinzu kamen Blei- und Zinkverarbeitung sowie naturgemäß der Maschinenbau. Inzwischen war Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts auch die Verlegung der Eisenbahntrasse von Köln über Dellbrück vorgenommen worden, die 1870 bis Bensberg und 1912 bis Lindlar verlängert wurde. Die Schaffung dieser Verkehrsverbindung in den bergischen Raum wirkte sich für die Industrie günstig auf dem Arbeitskräftemarkt aus. So arbeiteten beispielsweise um die Jahrhundertwende in den vier Gladbacher Papierfabriken 850 Beschäftigte.
Geschäftstüchtige Zugereiste
Mit der industriellen Entwicklung, dem Ausbau von Straßen und Bahntrassen Hand in Hand gingen Siedlungsverdichtung sowie Ausweitung von Handel und Gewerbe in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Man möchte heute sagen, daß die Mentalität des Bergisch Gladbachers vom Geschäftsgeist geprägt wurde. Vor allein im relativ jungen Stadtzentrum setzte sich weniger die zahlenmäßig geringe Urbevölkerung durch, sondern die große Gruppe der „Zugereisten", der Menschen also, die von nah und fern in die Stadt zogen, weil sie hier ihr Geschäft witterten und machen konnten. Die Bevölkerungsziffer stieg — im Jahre 1900 waren es noch 11500 — stetig weiter an. Von der Familie Zanders als größtem städtischem Unternehmer gingen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziologische und kulturelle Impulse aus. Man denke beispielsweise bei der Ansiedlung von Menschen nur an die Gronauer Waldsiedlung, die, um die Jahrhundertwende geplant und errichtet, noch heute als vorbildlich angesehen werden muß und eine bauliche Dominante an der Peripherie des Stadtkerns darstellt.
Der zweite Weltkrieg stoppte dann für einige Jahre die rasante wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Dadurch, daß Bergisch Gladbach im letzten Kriegsjahr für wenige Wochen in der Kampfzone lag, wurde ein Viertel der Gebäude entweder zerstört oder zumindest beschädigt. Bezeichnend für die Mentalität der Bevölkerung, ihren Sinn für Organisation und Geschäft ist der rasche Wiederaufbau, an dem Privatinitiative, wie vor allem die Rheinisch-Bergische Siedlungsgesellschaft, maßgeblich beteiligt waren.
7000 Flüchtlinge integriert
Bezeichnend für die Mentalität der Einwohner ist aber auch, daß — die Einwohnerzahl betrug im Jahre 1946 über 30000 — mehr als 7000 Flüchtlinge und Vertriebene im Lauf der letzten zweieinhalb Jahrzehnte vom heutigen Standpunkt aus fast unbemerkt integriert, ja absorbiert wurden. Diese Tatsache ist deshalb bemerkenswert, weil es sich bei der Stadt nicht um eine Großstadt, sondern um eine Mittelstadt handelt, in der üblicherweise mit größeren Eingliederungsschwierigkeiten von Flüchtlingen und Vertriebenen hätte gerechnet werden müssen, weil sich die angestammte Bevölkerung normalerweise rein instinktmäßig gegen eine solche Überfremdung wehrt.
So erlebte Bergisch Gladbach, nachdem es im zweiten Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, nach dem Krieg seinen größten Aufschwung. Die Eigenständigkeit der Stadt wuchs weiter, nicht zuletzt angeheizt durch die inzwischen erwachten Konkurrenzbemühungen der jungen Nachbarstadt Bensberg. Die wirtschaftliche Infrastruktur machte erhebliche Fortschritte.
Später als der wirtschaftliche Boom, der ja vor allem der Privatinitiative entspringt, begann die öffentliche Hand mit der Erfüllung von Aufgaben, wie etwa der Kanalisation. Inzwischen wurde dies durch verdoppelte Bemühungen zum Teil wieder wettgemacht.
Geschaffen werden mußte auch neuer Raum zur Ansiedlung von Industrie, denn das Interesse der Wirtschaft, sich in Bergisch Gladbach anzusiedeln,ist nach wie vor groß. Die Lage der Stadt in der rheinischen Ballungsrandzone ist nach wie vor günstig. Mehr Industrie auf einer Grundfläche, die sich nun einmal nicht vermehren läßt, bringt weitere Probleme mit sich, denn die Wohnqualität der Gartenstadt, die den Namen „Tor zum Bergischen Land" trägt, soll ja nicht nur erhalten, sondern entsprechend dem allgemein steigenden Lebensstandard weiter verbessert werden. So entstanden nach dem zweiten Weltkrieg, vor allem im letzten Jahrzehnt, zahlreiche neue Schulen und Freizeiteinrichtungen. Weitere Freizeiteinrichtungen sind im Bau oder in der Planung.
Unterstützt werden die Anstrengungen der Stadt um die stetige Verbesserung der Infrastruktur durch die Landesplanung für Nordrhein-Westfalen. Bergisch Gladbach hat im Rheinisch-Bergischen Kreis die höchste Zentralitätsstufe. Ausschlaggebend dafür sind Bevölkerungsdichte, die große Zahl der Gewerbebetriebe und Einzelhandelsgeschäfte sowie die Verkehrsdichte. Trotz der Erhaltung ihres Wohnwertes wurde die Stadt zu einem bedeutenden, Umschlagplatz für Menschen und Güter.
Im in diesem Jahr erschienenen Handbuch für Verwaltung, Wirtschaft und Kultur „Der Rheinisch-Bergische Kreis", herausgegeben im Zentralausschuß für deutsche Landeskunde und erschienen im WilhelmStollfuß-Verlag, Bonn (diverse Zahlen und andere Daten dieses Berichts wurden im übrigen diesem Werk entnommen), wird unter anderem über die Stadt gesagt:
„Bergisch Gladbach, Knotenpunkt zahlreicher Omnibuslinien, darunter sieben innerstädtische Verkehrslinien, hat die höchste Zentralitätsstufe im Kreis. Das beweisen die vielen Kreisverwaltungs- und anderen Dienststellen, das reiche Angebot an Geschäften. des periodischen, wie auch speziellen Bedarfs und die große Zahl der Fachärzte (38). Daneben hat die Stadt ein reiches kulturelles Leben mit einer sehr aktiven Volkshochschule. Drei deutsche Großbanken und eine Kölner Bank haben hier Zweigstellen; ferner ist die Kreissparkasse Köln mit sieben und die Spar-und Darlehnskasse Paffrath mitdrei Zweigstellen vertreten, und die Spar- und Darlehnskasse Herkenrath-Sand unterhält in Sand eine Zweigstelle, Gladbachs Großhandel bedient weite Teile des Kreises und zum Teil darüber hinaus, der Einzelhandel in hohem Maße die Nachbargemeinden Odenthal und Bechen sowie Teile von Kürten und Bensberg. Dem entspricht der Einzugsbereich der zwei Gymnasien (inzwischen ist als drittes Gymnasium die integrierte Gesamtschule hinzugekommen) und der Realschule ziemlich genau. Als Sitz des Berufsschulzweckverbandes Bergisch Gladbach-Bensberg-Rösrath-Overath-Odenthal greift die Stadt mit dem Einfluß von mehreren Berufs-, Berufsaufbau-und Berufsfachschulen noch weiter und erfaßt mit ihm auch die genannten Gemeinden. Im übrigen entstand aus einem Saalbau ein Theaterraum mit 700 Plätzen, und so ist Gladbach trotz seiner Industrie auch ein begehrtes Wohngebiet geblieben."
Als letzte große Aufgabe vor der kommunalen Neugliederung hat nun die Stadt zur Erhaltung des Wertes von Gladbach als Wohngebiet und zu seiner weiteren Stärkung als Handelszentrum, vor allem aber auch zur Entflechtung der immer schwierigeren Verkehrssituation im Nadelöhr vom Bergischen Land zur Kölner Bucht die Sanierung der Innenstadt kürzlich in An griff genommen. Ohne Rücksicht auf zu erwartende Grenzänderungen beweist Bergisch Gladbach nicht zuletzt mit der Einleitung dieser Maßnahme. seine Dynamik und seine Exi-. stenzberechtigung als kommunale Einheit im Dienste des Menschen.

ZAHLREICHE OMNIBUSLINIEN sowohl im innerstädtischen Verkehrsnetz als auch zu den umliegenden Städten und Gemeinden, treffen am Omnibusbahnhof in Bergisch Gladbach zusammen. Wegen der geplanten S-Bahn-Linie nach Köln soll der Omnibusbahnhof zum Bahnhof verlegt werden. Bild: pullja

 

Viele lassen es sich was kosten: Bensberg
Einer der beliebtesten Wohnplätze in der Kölner Bucht

TÜRME aus drei Zeitepochen trägt die Kuppe von Bensberg. Vor der Kulisse des barocken Schlosses von Jan Wellem verband die Stadt ihr modernes Rathaus von Gottfried Böhm mit dem Burgfried aus dem 12. Jahrhundert.
Bild: pullja

Wenn sich Bensbergs Stadtrat in der jüngsten Vergangenheit energisch gegen die Kölner Forderungen auf Eingemeindung der jungen Stadt zur Wehr gesetzt hat, so führt er damit eine alte Tradition fort. Seit dem Bau der Bensberger Burg in der strategisch günstigen Lage auf der Randhöhe über der Mittelterrasse des Rheintales im 11./ 12. Jahrhundert besaßen hier die Grafen und späteren Herzöge von Berg eine Schlüsselposition gegen ihre jahrhundertelangen Widersacher, die Erzbischöfe von Köln.
Die Hälfte Wald
Ungeachtet der kommunalen Grenze haben viele Kölner in den vergangenen Jahrzehnten auf ihre Weise Bensberg entdeckt und erobert, indem sie sich hier niederließen. Besonders das westliche Stadtgebiet gehört zu den bevorzugten Wohngebieten der gesamten Kölner Bucht. Und viele ehemalige Kölner lassen sich das Wohnen hier etwas kosten: Die Grundstückspreise, die noch nach dem Krieg kaum eine Markpro Quadratmeter überschritten hatten, sind heute stellenweise auf 200 Mark und darüber, gestiegen.
Die Gründe für die Beliebtheit Bensbergs als Wohnstadt liegen auf der Hand: Rund die Hälfte des Bensberger Stadtgebiets ist auch heute noch von Wald bedeckt. Hinzu kommt die günstige Verkehrslage. Während in den 50er Jahren die Gleise der alten Vorortbahn von Köln nach Bergisch Gladbach hinter der Kölner Stadtgrenze abmontiert wurden, wurde auf Bensberger Gebiet der zweigleisige Ausbau der Straßenbahnlinie betrieben. In wenigen Wochen wird Bensberg auch mit vier Anschluß-stellen an das deutsche Autobahnnetz angeschlossen sein.
Kaserne, Asyl, Napola
Bensberg gehört neben Porz zu den Gemeinden, die sich am stärksten seit der Gründung des Rheinisch-Bergischen Kreises gewandelt und entwickelt haben. 1930 lebten etwas mehr als14 000 Menschen in der aus neun Orten bzw. Dörfern bestehenden Gemeinde. Und alles, was aus dieser Zeit bemerkenswert erscheint, ist die Tatsache, daß das von Jan Wellem als Jagdbesitz errichtete Schloß als Obdachlosenasyl diente, nachdem französische Besatzungstruppen es mehrere Jahre als Kaserne benutzt hatten. Wenige Jahre später beherrschten Braunhemden das Schloßterrain: In der nationalpolitischen Erziehungsanstalt wurden politische Nachwuchskräfte für Hitler geschult.
1945 flüchteten Gauleiter der NSDAP und Gebietsführung der Hitlerjugend von Köln vor den herannahenden alliierten Truppen ins Schloß nach Bensberg, bevor einige Monate später wiederum Besatzungstruppen das mächtige Gebäude als Kaserne in Anspruch nahmen.
Mit einer Kriegsschadensquote von zehn Prozent ist Bensberg zwar glimpflich davongekommen. Dafür bekamen 1300 Bewohner der Gemeinde auf andere Weise die Kriegsfolgen zu spüren: Sie mußten ihre Wohnungen — 262 an der Zahl — für Besatzungstruppen räumen. Erst Jahre später können die letzten von ihnen wieder in ihre Häuser zurückkehren, nachdem für die Belgier im Frankenforst neue Siedlungen errichtet wurden.
Wie ein Symbol für die kommenden Aufgaben erhielt Bensberg 1947 vom damaligen Regierungspräsidenten Wilhelm Warsch die Stadtrechte verliehen, nachdem die Bevölkerungszahl die 20000 erreicht hatte.
Wageners Impulse
Die darauf folgende kommunale Entwicklung ist eng mit dem unvergessenen Stadtdirektor Wilhelm Wagener verknüpft, der 1949 gewählt wurde und in seiner 20jährigen Tätigkeit als Chef der Verwaltung immer neue Impulse für den Bau der verschiedenen Einrichtungen und Projekte gab. Es entstanden eine neue Wasserversorgung und Entwässerung, Schulen, Siedlungen, Sportplätze, ein Hallenbad und ein großes Freibad, ein neues Krankenhaus,' Straßen und neue Industriebetriebe, unter ihnen die Internationale Reaktorbau (Interatom) mit inzwischen über 1200 Beschäftigten.
Die Hoffnungen Wageners, das von den Belgiern errichtete Hauptquartier und die Schule im Frankenforst nach Abzug der Besatzungstruppen eines Tages als Rathaus bzw. städtisches Gymnasium nutzen zu können, erwies sich als Trugschluß. Dafür entstand auf dem Gelände der alten Burg das Rathaus von Gottfried Böhm, das weit über Bensberg hinaus Aufsehen erregte. Und aus dem ehemaligen Progymnasium sind inzwischen längst zwei volle Gymnasien neben zwei Realschulen entstanden mit eigenen Gebäuden, unter ihnen das Schulzentrum Saaler Mühle.
Projekte für 20000 Menschen
Als eine der ersten Städte packte Bensberg auch die Innenstadtsanierung an. Ein neues Teilstück der Bundesstraße 55 als innere und der erste Abschnitt der Autobahn nach Olpe als äußere Stadtumgehung bildeten die Voraussetzung für Planung und Bau eines neuen Stadtzentrums, das Bensberg einmodernes Einkaufsviertel und einen Verkehrsknoten bringen seil, der die künftige ‚Stadtbahn von Köln mit dem innerstädtischen Busnetz verbinden wird.
Nicht, ganz unproblematisch sind die, in Vorbereitung befindlichen Projekte Bensbergs, deren Verwirklichung die gegewärtige Einwohnerzahl von 46000 um weitere 20000 ansteigen lassen würde.
Wenn auch die Auffassungen im Rat über die Frage, ob die weitere Entwicklung besser zusammen mit Bergisch Gladbach gemeinsam (wie von der Lau- desregierung vorgeschlagen) oder; weiterhin selbständig be- trieben werden soll, so ist Man sich doch einig darüber, daß diese Entwicklung nicht vorn Kölner Rathaus aus gesteuert werden kann. Auch wenn, oder gerade weil man den so beliebe ten Wohnplatz Bensberg auch vor künftiger Neubürgern nicht verschließen will. J. P

EIN SCHULZENTRUM, das Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten aufnimmt, entstand an der Saaler Mühle in Bensberg; Auf Weisung des Kultusministeriums sollen hier drei Schulen unter einem Dach Formen der Kooperation erproben.
Bild: pullja

 

Aus Ruinen zu neuer Blüte: Engelskirchen
Die Bewohner finden am Ort Arbeit und Erholung

IM KRIEG völlig zerstört und hernach wieder auf gebaut wurde das Zentrum von Engelskirchen. Über den Dächern am Berg eine Talbrücke der im Bau befindlichen Autobahn nach Olpe. Bild: pullja

Der landschaftlichen Gliederung des Rheinisch-Bergischen Kreises in das Tiefland der Kölner Bucht und die stufenförmig nach Osten ansteigenden Mittelgebirge des Bergischen Landes entspricht auch strukturell eine Zweiteilung des Kreises: der dicht besiedelte ;Westteil mit teilweise industriereichen Gemeinden und der stärker agrarwirtschaftlich ausgerichtete Ostteil.
Doch keine Regel ohne Ausnahme — in. diesem Fall heißt sie Engelskirchen. Mit seinen zahlreichen mittleren und kleinen Industriegebieten, dem umfassenden Dienstleistungs- und Versorgungsangebot bietet Engelskirchen dem nach Westen hin kopflastigen Kreis einen strukturell bedeutenden Gegenpol.
Bedeutende Zahnbohrerindustrie
Engelskirchen war nie ein reines Bauerndorf — der für seine Entwicklung bedeutsame Eisenerzbergbau spielt (wie allgemein im Kreisgebiet) nach seinem Rückgang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch heute keine Rolle mehr. Die 1908 auf den Trümmern der Unterkaltenbacher Hütte erbaute Zahnbohrerfabrik hingegen prägte langfristig die Wirtschaftsstruktur von Engelskirchen: heute liefern ein knappes Dutzend Zahn- und Spiralbohrerbetriebe ihre Qualitätsware ins In- und Ausland. Als zweite alteingesessene Industrie sei die Textilfabrikation angeführt, die sich schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Engelskirchen niederließ.
Betriebe der Kunststoff-, Holz- und Metallverarbeitung sowie Werkzeughersteller bieten mehr als 1500 Beschäftigten (Zahlen von 1970) Arbeitsplätze.
Auch Gymnasium
Der wirtschaftliche Aufschwung findet sein Spiegelbild im Wohnsiedlungsausbau vor allem in den letzten Jahren — wie etwa auf dem Stürzenberg, in Rommersberg, in Hardt und in der Talsohle bei Steeg. Zählte die Gemeinde noch 1945 ca. 5700 Einwohner, so sind es jetzt rund 8500.
Für die Bevölkerung und einen Einzugsbereich bis über die Amtsgrenzen hinaus wurde in Engelskirchen ein vorbildliches Schul- und Kulturwesengeschaffen: rund 800 Schüler. besuchen das Neusprachliche Gymnasium, daneben bestehen eine dreizügige Hauptschule und drei zweizügige Grundschulen. Die ständig steigenden Schülerzahlen — vor allem durch wachsenden Zuspruch aus den Nachbargemeinden bedingt — erfordern schon jetzt eine Erweiterung des Gymnasiums, um der akuten Raumnot abzuhelfen. An Plänen fehlt es hier nicht — nur an Geld.
Einkaufszentrum
Große Anziehungskraft auf die gesamte Umgebung übt auch der Krankenhausneubau in Grünscheid (ca. 250 Betten) und die Aggertalklinik (Spezialklinik für Gefäßleiden) aus. 10 Ärzte und 3 Zahnärzte sorgen für die Gesundheit.
Wie wenig Beeinträchtigung das Kommunalleben trotz beginnender Verstädterung erlitten hat, zeigt ein Blick auf das rege Vereinsleben der Gemeinde — neben den Chören und Orchestern besteht ein Karnevalsverein, der seit etwa 80 Jahren traditionsreiche Karnevals- und Kinderzüge veranstaltet. Die ausgezeichneten Sportanlagen der Gemeinde nutzen nicht nur die Sportvereine, sondern sie werden auch von anderen Ansässigen und von Fremden in Anspruch genommen.
Daneben hat sich Engelskirchen — bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung — zum Einkaufs- und Dienstleistungszentrum entwickelt. Groß-, Fach- und Einzelhandelsgeschäfte haben sich — in rechter Mischung und Spezialisierung — hier angesiedelt, undversorgen das Agger- und Leppetal.
Welche Leistung in Engelskirchen nach der fast völligen Zerstörung des Ortskern 1945 in den letzten 30 Jahren erbracht wurde, kann nicht zuletzt an den „Indikatorunternehmen" abgelesen werden, die sich immer dort finden, wo echter Bedarf und große Nachfrage bestehen: Vier Bank- bzw. Sparkassenfilialen sowie zahlreiche Handels-und Vertragswerkstätten für die meisten namhaften Autofirmen sind in Engelskirchen zu finden. Alles in allem bietet Engelskirchen 3500 Arbeitsplätze — unter anderem auch Pendlern aus den Nachbargemeinden. Engelskirchen gehört übrigens auf Grund seiner vielseitigen Wirtschaftsstruktur zu den wenigen Gemeinden des Rheinisch-Bergischen Kreises, mit einem posti- tiven bzw. ausgeglichenen Pendlersaldo.
Begünstigt wurde der wirtschaftliche Aufschwung durch, die verkehrsgünstige Lage von Engelskirchen. Es ist ein durch die Talvereinigung naturgegebener Verkehrsschnittpunkt. Mit Eisenbahn- oder Busverbindungen, über die B55 oder. bald auch über die Autobahn (BAB73 Olpe—Köln) ist Engelskirchen von allen Richtungen leicht erreichbar. Die durch den Ortskern führende B 55 hat sich zu einer Haupteinkaufsstraße entwickelt, an der sich Geschäfte, Restaurants, Cafés und Spar- und Kreditinstitute locker aneinanderreihen.
Parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung der Gemeinde wurden auch der Wohnungsbau und die Infrastrukturverbesserung vorangetrieben.
Fusion mit Ründeroth
Zwei Sportplätze, vier Turnhallen, ein Tennisplatz und nicht zuletzt das reizvoll gelegene Warmwasserfreibad mit Wärmehalle und Liegewiese locken Besucher auch aus der Ferne an. Drei Stauseen mit Angel- und Kanusport, zwei Campingplätze und 81 km (gezeichnete) Wanderwege machen Engelskirchen zu einem lohnenden Ziel für Ausflügler und Sommerfrischler, für derenleibliches Wohl gutgeführte und gemütliche Gasthöfe und Cafés sorgen.
Hat sich Engelskirchen bisher eine ausgewogene Struktur geschaffen und erhalten, so geht auch für die Zukunft das Bemühen weniger auf ungehemmtes Wachstum als vielmehr auf eine qualifizierte Ergänzung und einen Ausbau im vertretbaren Rahmen hin.
Wenn dem Vorschlag zur kommunalen Neugliederung gefolgt wird, soll Engelskirchen zusammen mit dem benachbarten Ründeroth — zu dem schon jetzt enge Beziehungen auf allen Ebenen bestehen — zu einem Entwicklungsschwerpunkt werden; in diesem Rahmen wird es seine gegenwärtigen und zukünftigen Aufgaben zu bewältigen wissen.

ZU EINEM ZENTRUM der Spiral- und Zahnbohrerindustrie entwickelte sich Engelskirchen. Die Gemeinde gehört damit zu denen mit einem ausgeglichenen Pendlersaldo.

 

Statt Pflastersteine Papiertüten: Lindlar

Strukturveränderung in der Gemeinde dauert an

Die letzten 40 Jahre haben der Gemeinde Lindlar bevölkerungs-, wirtschafts- und strukturmäßig wohl größere Veränderungen eingebracht, als die letzten 400 Jahre zusammen.
Seit 1939 hat sich die Bevölkerung nahezu verdoppelt — die Gemeinde zählt jetzt rund _ 13 800 Einwohner' — und Wirtschaft sowie Infrastruktur waren von , einschneidenden Wandlungen und Fortschritten gekennzeichnet.
Einst 45 Steinhauerbetriebe
Die Wirtschaft der Gemeinde Lindlar war noch bis in dieses Jahrhundert hinein wesentlich bestimmt durch die 'Steinbruchindustrie — 1846 gab es in Lindlar 45 selbständige Steinhauermeister und 200 Gesellen. Nach einem letzten Aufschwung dieses Gewerbes um 1912 verlor es mehr und mehr an Bedeutung, und heute bestehen lediglich sechs kleinere, handwerklich betriebene Unternehmen auf diesem Sektor.
Ein bedeutendes Papierwerk in Lindlar, in dem vor allem Tragetaschen und Verpackungspapiere hergestellt werden, hat sich zu einem führenden Unternehmen dieser Branche in Deutschland entwickeltund bietet zahlreiche Arbeitsplätze.
Gewerbe statt Landwirtschaft Die Bedeutung der Landwirtschaft hat in gleichem Maße abgenommen, wie sich neue Betriebe und Dienstleistungsunternehmen in Lindlar ansiedelten: Ein Großteil der landwirtschaftlichen Betriebe hat im Rahmen der strukturellen Bereinigung die Selbständigkeit aufgegeben. Damit ist nicht nur die Zahl der Betriebe innerhalb der Gemeinde Lindlar zurückgegangen — es sind auch mehr als 10 Prozent aller Erwerbstätigen allein aus dem landwirtschaftlichen Bereich freigesetzt worden. Diesem negativen Saldo im Bereich der Landwirtschaft steht allerdings ein beachtliches Plus auf dem gewerblichen Sektor gegenüber.
Die in der Landwirtschaft freigesetzten Kräfte konnten in der Stahl- und- Papierindustrie, in der Möbel-, Textil- und Kunststoffbranche sowie im Dienstleistungsbereich Arbeit finden. Die positive Entwicklung im gewerblichen Bereich wird deutlich, wenn man die Zahl von 407 Betrieben im Jahr 1963 mit der von 522 Betrieben im Jahr 1973 vergleicht.
Zur weiteren Förderung derWirtschaft hat die Gemeinde im Bereich Klause ein Gewerbe-und Industriegebiet ausgewiesen, für dessen Nutzung schon jetzt lebhafte Nachfrage besteht. Ein Schwerpunkt der wirtschaftlichen Bemühungen soll in Zukunft noch mehr als bisher der Fremdenverkehr in Lindlar sein.
Das Amt für Wirtschafts- und Verkehrsförderung hat es sich zur Ausgabe gemacht, das bereits vorhandene Angebot an Hotels und Gaststätten, an Wanderwegen und Freizeiteinrichtungen zu erweitern und zu ergänzen, und damit Lindlar zu einem Freizeit- und Erholungszentrum zu entwickeln.
Große Aufwendungen
Auf dem Gebiet der Infrastruktur hat die Gemeinde in den vergangenen Jahren beachtliche Anstrengungen und Fortschritte gemacht.
Mit den Aufwendungen für Verkehr, Versorgung und Entsorgung, Schulen, Soziales sowie Sport und Freizeit ist die Gemeinde bis an die Grenzen ihrer, finanziellen Möglichkeiten gegangen, um ihren Bürgern ein Höchstmaß an Wohn- und Freizeitwert zu bieten.
Das rund 67 qkm große Gemeindegebiet ist durch sehr gut ausgebaute Landstraßen, vier Kreisstraßen und ein umfangreiches Straßen- und Wegenetz erschlossen.
Den bildungspolitischen Anforderungen entsprechend hat sich auch auf dem Sektor Schulen in den vergangenen zehn Jahren Beachtliches zum Vorteil verändert.
Neu errichtet wurden die Realschule ebenso wie die Hauptschule in Lindlar. Die Hauptschule Frielingsdorf und die Grundschule Lindlar wurden durch Pavillonbauten erweitert. Die Lindlarer Grundschule wurde in eine Sonderschule umgewandelt, und das Gebiet der Erwachsenenbildung erfuhr eine Bereicherung durch die Volkshochschule.
Im Gemeindegebiet Lindlar wird die ärztliche Versorgung durch zahlreiche praktische und Fachärzte, Zahnärzte und ein Krankenhaus mit ca. 200 Betten gewährleistet. Darüber hinaus stehen zwei Schwesternstationen und eine Dorfhelferinnenstation zur Verfügung. Das moderne Altenheim, Jugendheime in Lindlar, Frielingsdorf, Kapellensüng und Linde sowie eine Jugendherberge und vier Kindergärten runden die Palette der sozialen Leistungen ab.
Sporthalle und Hallenbad
Lindlar ist von jeher eine sportfreudige Gemeinde gewesen — dies drückt sich nicht nur in der Zahl der Sportvereine mit insgesamt ca. 200 Mitgliedern aus, sondern auch in der Vielfalt der Sportanlagen. So wurden in den letzten Jahren die Turnhallen in Frielingsdorf und Lindlar neu gebaut, mehrere Sportplätze angelegt und im Bereich des Sportzentrums Lindlar eine Dreifachturnhalle und ein Hallenbad errichtet. Die verschiedensten Sportarten — von Go-Cart-Fahren bis zum Segelfliegen, Sportschießen bis Reiten — können in den Sportanlagen des Gemeindegebiets betrieben werden.
Falls dem Vorschlag zur kommunalen Neugliederung gefolgtwird, sollen der Gemeinde Lindlar die Gemeinde Hohkeppel und Teile der Gemeinden Gimborn, Overath und Olpe angegliedert werden. Mit diesem Zuwachs und der Aufnahme in den Oberbergischen Kreis wird *Lindlar seinen kommunalen Aufgaben noch besser nachkommen können, zumal die Struktur der übrigen Kreisgemeinden nicht mehr in dem Maße differieren wird, wie dies im Rheinisch-Bergischen Kreis der Fall war.

KONZERTE vor einem großen Publikum sind ebenso wie sportliche Großveranstaltungen heute kein Vorrecht der Großstadt mehr. Auch Lindlar schuf mit seiner Sporthalle die Voraussetzungen dazu.
Bild: Sven Hamann

 

Auf die Zukunft orientiert: Porz

Neues Stadtbewußtsein für 85000 Menschen

WO VOR 20 JAHREN noch Kühe weideten, entstandzwischen dem alten Porz, Urbach, Eil und Gremberghoven eine neue Stadt. Aus den 25 000 Einwohnern, die die damalige Gemeinde Porz 1939 beherbergte, sind inzwischen 85 000 geworden.
Bild: Grospitz

Von Artur Lamka
Wer Porz sagt, meint vielfach Flughafen. Das ist bei vielen Menschen im Rheinisch-Bergischen Kreis und weiter draußen im Lande immer noch der Fall. Für viele verschmelzen der Name der Stadt am Rhein und der interkontinentale Flughafen in der Wahner Heide zu einem Begriff.
Sicherlich, Porz ist Flughafenstadt mit allen Vorzügen und Nachteilen, die sich aus dieser Rolle ergeben. Aber das neue und moderne Porz ist mehr. Das moderne Porz, das dynamische Porz, wie es häufig apostrophiert wird, das signalisiert moderne zukunftsorientierte Stadtplanung, das signalisiert großzügiges Planen und Bauen, es beinhaltet Industrie, aber es bedeutet auch Erholungslandschaft.
Wirtschaftlich stärkste Kraft
Das Bild der Stadt hat im Laufe der letzten 20 Jahre ganz neue Züge erhalten. Markante Bauten und Einrichtungen geben der Stadt weithin sichtbar das Gepräge. Porz, mit 85 000 Einwohnern immer noch die größte Stadt im Rheinisch-Bergischen Kreis und auch die wirtschaftlich stärkste Kraft, die ja dem Kreis in Form der Kreisumlage alljährlich zugute kommt, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit einer atemberaubenden Rasanz entwickelt, wie sie im ganzen Bundesgebiet nur wenigen Städten zuteil geworden ist. Vergleiche lassen sich zu Leverkusen, zu Wolfsburg oder Marl im Ruhrgebiet ziehen.
Als die Großgemeinde mit ihren 15 Ortsteilen 1951 in den Rang einer Stadt erhoben wurde, zählte sie rund 30000 Einwohner. Jahr für Jahr kamen 4000 bis 5000 Menschen dazu. Damals konnte man noch feststellen: 15 Dörfer suchen eine Stadt. Inzwisehen sind Ortsteile zusammengewachsen, und die Stadtmitte braucht man auch nicht mehr zu suchen: Sie entsteht 'in einer beispielhaften und großzügigen Weise zwischen der Schiene der KVB und dem Rhein. Ein modernes Kaufhaus ist seit zwei Jahren in Betrieb, in Kürze folgt die Schaffung weiterer neuer Geschäftsbereiche für den innerstädtischen Einzelhandel, ein neues Rathaus und ein Erwachsenenbildungszentrum sind in der Planung und sollen in den nächsten zwei bis drei Jahren entstehen.
Beispielhafte City
Die neue Innenstadt wird eine einzige zusammenhängende Fußgängerzone bis zum Rheinufer. Der Verkehr wird aber unmittelbar an das Geschäftszentrum herangeführt und findet in Tiefgaragen und' demnächst in einem Parkhaus an der neuen Sammelschiene Einstellplätze. Nach den Vorstellungen des Städteplaners Prof. Heinz Zimmermann und den entsprechenden Beschlüssen des Rates der Stadt erhält Porz eine City, die beispielhaft sein soll und die in der Lage ist, echte Entlastungsfunktionen für das Oberzentrum Köln auszuüben.
Doch abgesehen von dem Bau einer neuen Stadtmitte, der erst 1969/70 in Angriff genommen geworden ist. Die Stadt hat den vergangenen 20 Jahren Leistungen erbracht, zu denen in ganz besonderer Weise auch das Krankenhaus mit 530 Betten und modernster medizinisch-technischer Einrichtung gezähltwerden muß, die höchstes Lob verdienen. In nahezu allen Stadtteilen sind neue Wohnbezirke entstanden. Aber von besonderer Bedeutung ist das Demonstrativ-Wohnungsbauprojekt zwischen dem Ortskern von Porz und dem Stadtteil Eil, das mit Sondereinrichtungen unter der Bezeichnung „menschenfreundliche Stadt" zu einem Modellfall und zu einem Begriff weit über Porz hinaus geworden ist. Die Stadt hat neuerdings Pläne auch für die zukünftige Besiedlung im südlichen Teil im Raum Zündorf entwickelt, denn im östlichen Bereich erlegt der Flughafen mit seinen Lärmzonen Beschränkungen auf.
Ein großes Anliegen ist die Verdichtung des Stadtkerns. Indiesem Zusammenhang wird auch das Rheinufer dem Wohnen zurückgewonnen werden. Beispielhaftes hat Porz auch auf dem Gebiet des Schulbaus geleistet: Neben den zahlreichen Grundschulen gibt es hier Hauptschulen, drei Realschulen und drei Gymnasien. Im Rahmen der Schulentwicklungsplanung entstehen zwei Schulzentren im Raum Wahn und in Zündorf sowie eine integrierte Gesamtschule im Raum des Demo-Gebietes.
Die Arbeiten dafür haben zum Teil bereits begonnen. Im Zusammenhang mit den Schulzentren sind bisher zwei Großsporthallen gebaut worden, weitere werden' noch folgen, außerdem Bezirkssportanlagen sowie ein Hallenbad in Wahnund ein neues Hallen- und Freibad in Zündorf, so daß Porz in wenigen Jahren über drei große, öffentliche Bäder verfügt.
An die Erholung der Menschen und vor allem der Jugend der Stadt ist von Rat und Verwaltung in den vergangenen Jahren stets besonders gedacht worden. Das größte Prunkstück der Stadt stellt die Freizeitinsel Groov in Zündorf dar, die mit Hilfe von Bund und Land in eine Oase für die Menschen in der Industriezone verwandelt worden ist. Mit Bootshafen, Binnensee, weiten Anlagen, Wanderwegen und Trimm-Dich-Strecke, mit Spielplätzen und Kleingolfanlage zieht die Groov täglich, aber vor allem an Wochenenden, Tausende von Menschen an.
Es war in Jahrzenten das Bestreben der Stadträte und der Verwaltung, aus Porz eine schöne und moderne Stadt zu schaffen, in der man gerne lebt, in der sich die Bürger wohl fühlen. Das ist bisher in vollem Umfang gelungen. Die Bürger haben denn auch in zunehmendem Maße ein neues Stadtbewußtsein entwickelt. Wie auch die Aktion Bürgerwille erwies, identifizieren sich die Porzer mit ihrer Stadt und wünschen nicht, von Köln eingemeindet zu werden.
Porz ist keine Schlafstadt. Hier wohnt man nicht nur, hier arbeitet man auch. 28 500 Arbeitsplätze stehen in der Stadt selbst zur Verfügung. Der Anteil der Arbeitsplätze in Porz beläuft sich auf 84,4 der in Porz ansässigen Erwerbstätigen. In zehn Jahren, von 1960 bis 1970, stieg die Zahl der Arbeitsplätze um 27 Prozent. Ähnliche Steigerungen wird es auch für den Zeitraum bis 1980 geben. Die Stadt hat in den letzten Jahren ganz neue Gewerbegebiete, vor allem im Raum zwischen Eil, Gremberghoven und Heumar erschlossen, die sich für die verschiedensten Unternehmen als attraktiv erwiesen haben. Durch die Lage im Schnittpunkt von Autobahnen und Bundesstraßen sowie im Einzugsbereich auch des Flughafens erwies sich Porz als ein bevorzugter Industriestandort.
Wenn man von der Industrie spricht, ist in erster Linie die Porzer Glasindustrie zu nennen. Dadurch hat sich die Stadt zum größten Flachglaszentrum in Europa entwickelt. Aber auch die Elektroisolierindustrie spielt eine bedeutende Rolle. Zu den überragenden Betrieben gehört auch die Deutsche Versuchs-und Forschungsanstalt für Luft-und Raumfahrt auf der Linder Höhe, die entscheidenden Anteil an internationalen Raumforschungsprojekten hat.
Doch trotz der starken Industrialisierung von Porz läßt sich nicht übersehen, daß nach wie vor die Landwirtschaft zwischen Rhein und Heide eine Rolle spielt, Das weltbekannte Gestüt Röttgen befindet sich in Porz-Heumar.
Die Stadt Porz hat die Weichen in die Zukunft gestellt. Bis 1977 will sie insgesamt rd. 300 Millionen investieren, um die Projekte, die begonnen, in der Planung oder in Vorbereitung sind, vom Rathausneubau über den Bau eines Jugendzentrums, den Schulbau und den Bau von Sportstätten zu realisieren. Sie braucht dazu allerdings die Selbständigkeit. Eine Eingemeindung würde aller Voraussicht nach die konzipierte großzügige Entwicklung hemmen. In diesem Fall würde freilich auch der Rheinisch-Bergische Kreis eine starke Säule in seinem Verband verlieren und in Zukunft vom Rhein verdrängt sein. Stadt Porz und der Kreis gehörten Jahrzehnte zusammen — es sollte auch in der weiteren Zukunft eines neuen Rheinisch-Bergischen Kreises so bleiben.

ZWISCHEN den alten Häusern von Porz entstand das Nahverkehrszentrum mit Straßenbahnhaltestelle und Omnibusbahnhof.

NICHT NUR neue Wohnungen und Arbeitsstätten entstanden in der Stadt Porz. An der Groow in Zündorf wurde rings um einen alten Rheinarm eine vorbildliche Freizeitanlage mit Bootshafen und vielen anderen Einrichtungen geschaffen. Bild: Grospitz

 

Wer Ruhe sucht, soll sie finden: Odenthal
Trotz großen Wachstums blieb die Idylle erhalten

Von Horst Willi Schors
Als mit Wirkung vom 1. August 1932 der Kreis Mülheim aufgelöst und die Gemeinde Odenthal in den neugebildeten Rheinisch-Bergischen Kreis eingegliedert wurde, war in Odenthal die Welt noch in Ordnung. Keine Industrieabgase verpesteten die Luft, die Landschaft war nur mäßig zersiedelt und schön. In Odenthal wohnte man, zur Arbeit ging man nach Leverkusen, Köln und Gladbach.
Diese Idylle stimmt auch heute noch, mehr als 40 Jahre später. Der Moloch Industrie hat seine Fangarme noch nicht nach Odenthal ausgestreckt, die Struktur der Gemeinde ist nach wie vor ländlich, und ein bevor zugter Wohnplatz für Leute, die gutes Geld in Köln und Leverkusen verdienen, ist Odenthal geblieben.
Zweimal verdoppelt
„Das stimmt", bestätigte Odenthals Gemeindedirektor Hans Klein, „an der Struktur hat sich nichts Entscheidendes verändert." Geändert hat sich zwar nichts in Odenthal, aber es hat sich doch einiges getan. Zum Beispiel in der Entwicklung der Bevölkerungszahl, die sich in den letzten vierzig Jahren recht stürmisch nach oben bewegte: 1933 zählte die kleine Gemeinde rund 4000 Seelen, 1961 — also 28 Jahre später — hatte sich diese Zahl verdoppelt. Nur 13 Jahre später, also 1974, hatte sich die Einwohnerzahl zum zweitenmal verdoppelt. Ganz genau sind es heute 15600 Einwohner, die auf 4129,2 Hektar in Odenthal wohnen.
Wasserleitung und Kanäle
In jüngster Zeit ist das stürmische Wachstum der Odenthaler Bevölkerung zu einem sanften Lüftchen abgeflaut. 1973 sank die Geburtenquote mit 154 (1967: 303) unter die Rate der frühen fünfziger Jahre (1952: 177) — und das bei einer Erhöhung der Einwohnerschaft um mehr als 250 Prozent zwischen 1950 und 1974. Auch der starke Zuzug, der die Gemeinde so schnell wachsen ließ, hat rapide abgenommen.
Weil der Gemeinde auch in der überörtlichen Planung, die Funktion eines Wohnortes zugewiesen ist, ging die ganze Entwicklung in Odenthal dahin, die Wohnqualität zu verbessern. Diese Entwicklung läßt sich mit einigen Zahlen eindrucksvoll belegen: noch 1960 hätte die Frage nach dem Verbleib der häuslichen Abwässer betretenes Schweigen bei den Verantwortlichen ausgelöst. Heute sind in der Gemeinde 40 Kilometer Kanäle verlegt. Während noch im Trockenjahr 1959 die Wasserknappheit die Gemeinde mit voller Wucht traf und sich ein gutes Dutzend privater Genossen schaften und Verbände um die Wasserversorgung kümmerten, sind heute mehr als 95 Prozent aller Häuser in der Streusiedlung an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen.
110 Kilometer Wasserleitung sorgen für reibungslosen Wassernachschub. Davon wurden allein seit 1963 80 Kilometer angelegt.
Schulen und Kindergärten
Allerdings: wichtige Gemeinschaftseinrichtungen wie Hallen- oder gar Freibad gibt es in Odenthal noch nicht. Das liegt daran, daß Odenthal, trotz des Bevölkerungsbooms, noch über einen zu geringen Einzugsbereich verfügt, um die geldgebenden Behörden von der Zuschußwürdigkeit solcher Einrichtungen zu überzeugen.
Doch dafür hat sich einiges getan in Sachen Infrastruktur: Wo noch vor wenigen Jahren sechs ein- und zweiklassige Zwergschulen mehr schlecht als recht ihre Aufgabe wahrnehmen konnten, stehen heute sechs zum Teil mehrzügige Grundschulen und eine Hauptschule in Odenthal zur Verfügung. Anfang der sechziger Jahre wurde der erste Odenthaler Kindergarten in Schildgen eingerichtet. Später folgten Kindergärten in Hüttchen, Odenthal und Blecher Weitere sind in Voiswinkel und Eikamp geplant.
70 statt 118 Wohnplätze
Das wären dann insgesamt sechs Kindergärten. Und sechs ist eine wichtige Zahl in Odenthal. Aus sechs Siedlungsplätzen besteht die Gemeinde: Schildgen, Scheuren, Eikamp, Blecher, Voiswinkel und Odenthal selbst als Entwicklungsmittelpunkt. Um einer heillosen Zersiedlung vorzubeugen, wird die gesamte Entwicklung der Gemeinde schwerpunktmäßig in diesen sechs Orten vorangetrieben.
Noch bis nach dem Krieg zählte man in Odenthal 118 Wohnplätze, heute ist diese Zahl auf 70 geschrumpft. Ein erster, wenn auch bescheidener Schritt zu einer gewissen Zentralisierung ist getan. Als zentraler Ort soll das Dorf Odenthal entwickelt werden.
Neben dem erklärten Ziel, Wohnstadt zu bleiben, dem Verzicht auf die Ansiedlung von Industrie und den Ausbau der Gemeinde zum Naherholungsziel, waren es zwei Faktoren, die die Entwicklung der Gemeinde nachhaltig. beeinflußt haben: Zum einen stehen fast 80 Prozent des Odenthaler Gebietes unter Landschaftsschutz, einschneidende Veränderungen sind also nur schwer möglich, zum zweiten gehört fast ein Viertel des Gemeindegebietes einem Mann: dem Prinzen zu Sayn-Wittgenstein.
Großen Experimenten waren hier Grenzen gesetzt. Auch auf dem Sektor Fremdenverkehr verlief die Entwicklung bescheiden: Der Ausflugsschlager Altenberg, sowieso eine Domäne des Tagestourismus, hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Besucherzahlen gehen. zurück. Auf die Installierung weiterer Attraktionen möchte man lieber verzichten. Gemeindedirektor Hans Klein winkt ab: „An jeder Ecke Remmidemmi, dafür bietet sich Odenthal nicht an." Die Bemühungen der Odenthaler zielten und zielen in andere Richtung. Klein formuliert das so: „Ich glaube, daß künftig viele Leute zu uns kommen werden, um Ruhe zu finden."
Gemeindekapital: Ruhe
Und wer Ruhe sucht', soll in Odenthal auch Ruhe finden. Rund 80 Kilometer Wanderwege wurden gepfadet, gekennzeichnet und in eine Wanderkarte eingetragen. Kaum mehr als zehn Prozent des Odenthaler Gemeindegebietes sind bebaut oder asphaltiert, fast die Hälfte besteht aus Wäldern.
Nur 19 Industriebetriebe, sämtlich Klein- und Kleinstbetriebe sind — so sagt es die neueste Statistik — in Odenthal angesiedelt. Hingegen mehr als 120 Handwerksbetriebe undrund 230 landwirtschaftliche Betriebe, davon 93 in einer Größenordnung von mehr als fünf Hektar. Die Landwirtschaft ist auf dem Rückzug, auf jeden Fall was die Zahl der Arbeitsplätze anbetrifft. Noch 1961 waren mehr als 500 Leute in der Landwirtschaft beschäftigt, das waren 13,7 Prozent aller Beschältigten. 1970 hat sich diese Zahl auf 246 verringert, und der Anteil an der gesamten Arbeitnehmerschaft ist auf fünf Prozent gesunken.
Jeder zweite Auspendler
Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der im produzierenden Gewerbe Tätigen von 1907 auf 2801 gestiegen. Doch längst nicht alle Odenthaler können einen Arbeitsplatz innerhalb ihrer Gemeinde finden, darum ist auch die Zahl der Auspendler in den letzten Jahren noch gestiegen, obwohl die Auspendlerquote schon immer hoch war. 1967 waren es noch 2127 Auspendler, 1972 bereits 3219, davon die meisten nach Leverkusen (116) Gladbach (764) und Köln (745). Die Zahl der Einpendler nahm sich dagegen 1972 mit 389 (1967: 218) bescheiden aus. Rund 50 Prozent aller „Erwerbspersonen" — so die amtliche Bezeichnung — finden in Odenthal also einen Arbeitsplatz außerhalb ihrer Wohngemeinde.
Für die Qualität dieser Wohngemeinde ist in den letzten Jahren einiges getan worden, doch bei der Bevölkerungsexplosion der letzten zwölf Jahre ist vieles liegengeblieben. Gemeindedirektor Klein: „Wir wollen jetzt alles das nachholen, was wir in den letzten Jahren nicht machen konnten: Kanalbau, Erwachsenenbildung, Spielplätze und Kindergärten."

SEINEN CHARAKTER als ländliches Gebiet hat Odenthal (hier ein Blick vom Odenthaler Kirchturm) erhalten. Die Gemeinde will auch in Zukunft ihren Bewohnern und Gästen vor allem Ruhe und Erholung bieten.
Bild: Sven Hamann

 

Rösrath: Zur Arbeit pendelt jeder zweite
Gemeinde an zwei Autobahnen

NEUE GESCHAFTSVIERTEL entstanden in fast allen Gemeinden (hier in Rösrath). Neben den üblichen Verkehrsschildern weist eine Tafel den Weg zu Gymnasium und Aula.
Bild: pullja

Von Sven Hamann
Zu den Gemeinden, die die kommunale Neugliederung ohne wesentliche Veränderung überstehen werden, gehört Rösrath. Sieht man von geringfügigen mit den Nachbarkommunen ab, wird die Gemeinde auch nach dem 1. Januar 1975 etwa 40 Quadratkilometer umfassen und über 20000 Einwohner zählen.
Gemeinde folgte Pfarrer
Die Geschichte Rösraths beginnt etwa mit dem 9. Jahrhundert, als in Volberg bereits eine Pfarrei existierte. Natürlich war das heutige Gemeindegebiet schon früher besiedelt, zahlreiche Funde beweisen es.
Der damalige Hauptort Volberg wurde 1560 samt Pfarrer evangelisch, während die auf den Wasserburgen lebenden adeligen Familien katholisch blieben. Sie ließen auch ein Kloster errichten. Aus der seelsorgerischen Tätigkeit dieses Ordens ging die spätere katholische Kirchengemeinde (und dann politische Gemeinde) Rösrath hervor.
Eine der ersten größeren Gewerbeansiedlungen, der „Hoffnungsthaler Hammer", ließ den Ortsteil Hoffnungsthal entstehen, dessen Name immer mehr auf Volberg überging. Um 1900 war Hoffnungsthal der allgemein gebräuchliche Name für den Ortsteil ah der Sülz. Die Gemeindeverwaltung befindet sich seit 1875 in Hoffnungsthal.
Bezeichnend für die Art, auf die sich die Rösrather schon in früher Zeit ihr Brot verdienten, ist der Bergbau. Bereits im Mittelalter wurde der Erzabbau zu einer wichtigen Einnahmequelle. Von wem und zu welcher Zeit er betrieben wurde, ist allerdings nicht bekannt. Urkunden aus vergangener Zeit lassen auf verschiedene Nutzer schließen, die vor allem Blei und Zink gewannen. Anfangs wurde vorwiegend im Tagebau, später auch in Gruben gearbeitet.
Keine Schlote
Während der Erzabbau im 30jährigen Krieg weitgehend an Bedeutung verlor und erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts wieder „entdeckt" wurde, nahm die Landwirtschaft über Jahrhunderte hinweg konstanten Raum ein. Auch heute noch lassen die Rösrather Ortsteile ihre ehemals ländliche Nutzung erkennen.
Gewissermaßen in logischer Fortsetzung dieser Entwicklungbeherbergt Rösrath auch heute noch keine riesigen Industriebetriebe. Es wurde vielmehr darauf geachtet, bei der Ansiedlung neuer Unternehmen nur solche zu holen, die sich umweltfreundlicher Produktionsmethoden bedienen. Die Erfolge dieser konsequent durchgeführten Politik sind heute bereits erkennbar.
Allerdings führte das auch dazu, daß rund 50 Prozent aller Erwerbstätigen außerhalb des Gemeindegebietes ihr Geld verdienen. Schon aus diesem Grund soll die Anwerbung neuer Firmen verstärkt fortgesetzt werden.
Zum Aufbau einer leistungsfähigen Industrie — im Sinne der Vorstellungen, die man bezüglich von Art und Größe der Betriebe entwickelt hat — gehört natürlich auch ein leistungsfähiges Verkehrsnetz.
Vor allem die Landstraße 284 Köln — Rösrath, über die auch die Bundesautobahn Köln—Frankfurt erreicht wird, stellt eine wichtige Verkehrsachse dar. Nach den Plänen des Fernstraßenneubauamtes soll siedurch den Bau der Autobahnanschlußstelle Rösrath schon in absehbarer Zeit spürbar entlastet werden.
Weiter über Hoffnungsthal führend, kreuzt die Landstraße 284 die Bundesstraße 55, über die der Raum Bensberg/Bergisch Gladbach einerseits und die Industrie im Aggertal andererseits schnell zu erreichen ist. An diesem Kreuzungspunkt liegt auch die für Rösrath nächste Auffahrt zur künftigen Autobahn Köln—Olpe. Schnell zu erreichen ist durch das Sülztal eine weitere Auffahrt der Autobahn Köln—Frankfurt, nämlich die Anschlußstelle Siegburg/Troisdorf.
Durch die Bundesbahnlinie Köln — Overath — Olpe hat die Gemeinde Rösrath mit Köln und dem Aggertal auch eine Verbindung auf dem Schienenweg. Omnibuslinien nach Köln, Bensberg, Bergisch Gladbach, Lohmar, Siegburg/Troisdorf und Neunkirchen dienen ausschließlich dem Personenverkehr.
Die Zukunftsvorstellungen der Verkehrsplaner liegen zur Zeit vor allem beim Bau einer Umgehungsstraße im zukünftigen Gewerbegebiet zwischen Bundesautobahn Köln—Frankfurt und der Kölner Straße und dem Bau der Landstraße 288 neu, die durch das Sülztal führen soll. Hier hat man weitere Planungen vorerst auf Eis gelegt, weil die Straße Hoffnungsthal zerschnitten hätte. Massiver Bürgerprotest hat das Landesstraßenbauamt bewogen, den Bau der Hochstraße vorerst nicht weiter zu verfolgen.
Alle Gedanken an die Zukunft werden natürlich nicht für die Gemeinde als kommunales Wesen bemüht, sondern für die Bürger. Im Laufe der Jahre haben sich vor allem Hoffnungsthal und Rösrath als Wohnsiedlungsbereiche herausgebildet. Beide haben je ein örtliches Geschäftszentrum, das sich in Rösrath auf die Hauptstraße beschränkt, in Hoffnungsthal aber auch einige kurze Nebenstraßen einschließt.
Beträchtliche Ortserweiterungen aus jüngster Zeit hat Rösrath in Stümpen, Gerotten und Scharrenbroich, Hoffnungsthal vor allem in Lehmbach aufzuweisen.
Forsbach, ein früherer Streuweiler, hat sich zu einem Wohnplatz entwickelt, der seit 1965 auch eine Raiffeisenschule beherbergt. In Kleineichen, heute einem bevorzugten Wohngebiet, gab es bis 1930 nur einen Gasthof. Inzwischen ist hier ein ausgedehntes Siedlungsgebiet entstanden.
Interessant erscheint in diesem Zusammenhang ein Blick auf die Bevölkerungszahlen: Im Jahre 1816 zählte man insgesamt 2538 Einwohner, das entspricht 63 Personen je Quadratkilometer Gemeindegebiet. 1925 waren es bereits gut 5000 Einwohner, 126 pro Quadratkilometer. 1932, als der Rheinisch-Bergische Kreis gegründet wurde, zählte man rund 5700 Einwohner. 1939 waren es schon 6100 Rösrather, 1944 waren es 8300, 1959 zählte man 13 600 Bewohner, 1970 waren es 18 800 Menschen, die im Gemeindegebiet lebten.
1972 erreichte man die 20 000Einwohner-Grenze. Damit lebten auf jedem Quadratkilometer 500 Menschen, oder andersherum ausgedrückt, jeder Einwohner hatte genau „200 Quadratmeter Rösrath" für sich.
Übrigens, 1972 wurden noch 122 Schweine, 67 Pferde, sieben Ziegen, rund 1000 Hunde, 166 Enten und viel anderes Getier gezählt.
Wo viele Menschen leben, sind auch entsprechende Gemeinschafts- und öffentliche Einrichtungen nötig. In erster Linie ist natürlich der Schulbau zu rechnen, der auch jedes Jahr zusammen mit dem Unterhalt der Schulen ein immer größeres Loch in den Gemeindesäckel reißt.
Vier Grundschulen, drei Hauptschulen, ein Gymnasium, eine Sonderschule und eine im Aufbau befindliche Realschule werden von insgesamt 3037 Kindern besucht (Stand: 15. Oktober 1973). Zahlreiche Jugendliche besuchen Fach- und weiterführende Schulen außerhalb des Gemeindegebietes.
Die Weiterbildungseinrichtungen für Erwachsene bestehen in Rösrath im wesentlichen aus dem Volksbildungswerk, das in zahlreichen Kursen verschiedenster Art Wissen vermittelt. Hinzu kommt noch die Volksbücherei, deren Bestand sich auf gut 8000 Bücher beläuft.
Breiten Raum im .Freizeitangebot nimmt der Sport ein. Fünf Sportplätze, ein Freibad, eine Schwimmhalle und ebenfalls fünf Turn- und Gymnastikhallen stehen. den Bürgern — meist über die Sportvereine oder das Volksbildungswerk — zur Verfügung.
Neben den Turn- und Sportvereinen gibt es in Rösrath einen Luftsportverein, eine Schützenbruderschaft, zwei Tennisklubs, einen Schachklub, eine Sportkeglergemeinschaft, einen Billardklub und eine Yoga-Schule. Abgerundet wird das Freizeitangebot von den naheliegenden Wanderwegen des Königsforstes und der Wahner Heide, die ja an Wochenende und Feiertagen der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen.
Mit dem Anstieg der Bevölkerungszahlen kam auch eine Vielfalt von Aufgaben' auf die Gemeinde zu, deren Lösung oftmals unmöglich erschien. Die einsetzende rege Bautätigkeit erforderte eine umfangreiche Erweiterung bestehender und die Ausweisung neuer Baugebiete.
Bei dem relativ großen Gemeindegebiet lagen die Probleme allerdings nicht in. der Ausweisung, sondern in der Erschließung dieser Gebiete. So mußte die Wasserversorgung durch den Bau eines eigenen Wasserwerkes in Leidenhausen sichergestellt werden. Seit Inbetriebnahme dieses Werkes im Jahre 1952 hat Rösrath auch keine ernstlichen Schwierigkeiten mehr mit der Wasserversorgung gehabt, zumal 1972 eine weitere Hauptversorgungsleitung zwischen Kleineichen und Forsbach verlegt wurde. Das und die Fertigstellung des' 3. Wasserhochbehälters werden bewirken, daß es zukünftig keine Engpässe mehr geben wird.
Die Versorgung mit Elektrizität erfolgt seit 1970 ausschließlich durch das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk. Bis 1970 hatten fünf Stromversorgungsgenossenschaften dafür gesorgt, daß die Lichter in Rösrath nicht ausgingen. Die „Rechtsrheinische Gas- und Wasserversorgungs-GmbH" liefert den angeschlossenen Ab- nehmern Erdgas.
Das größte Problem auf dem Gebiet der Entsorgung war die Abwässerbeseitigung. Um diesem ständig wachsenden Problem Herr zu werden, wurde der Bau eines Kanalsystems in Angriff genommen. Die mechanisch-biologische Kläranlage im Sülztal nimmt die Abwässer auf. Rund 70 Prozent der Rösrather Haushalte sind bereits an das Kanalnetz angeschlossen.
Über die Zukunft der Gemeinde bestehen schon recht klare Vorstellungen. So existieren 'für verschiedene Wohn- und Gewerbegebiete bereits detail- lierte Pläne, wie es in zehn, zwanzig oder noch mehr Jahren in Rösrath aussehen wird. Größtes Projekt ist die Ortskerngestaltung, die Rösrath nun auch ein wirkliches Zentrum bringen soll.

SO ALT ist der Rheinisch-Bergische Kreis noch nicht, daß nicht auch heute noch hier und da alte Ortstafeln an den Vorgänger, den „Kreis Mülheim" erinnern. Bild: Klaus Kraemer

 

Angebote für Aktivferien: Amt Kürten
Fremdenverkehr soll die schwache Wirtschaftskraft aufbessern helfen

Das Amt Kürten mit den Gemeinden Kürten, Bechen, Olpe und Wipperfeld ist im wesentlichen geprägt durch seine Orientierung an dem Ballungsgebiet im Westen — Kürten ist eine Wohn- und Pendlergemeinde. Die relativ kurze Entfernung zu den Arbeitsplätzen in den Industriezentren Köln, Leverkusen, Porz und Bergisch•Gladbach ließ hier zahlreiche Neusiedlungen entstehen, die einen beachtlichen Bevölkerungszuwachs mit sich brachten. Mit der Fertigstellung der ' Autobahn Köln — Olpe dürfte Sich dieser Trend noch verstärken. Die Bevölkerungszahlen spiegeln diese Entwicklung wieder — waren 1939 im Amt Kürten 6423 Einwohner ansässig, so sind es nunmehr mehr als doppelt so viele: 14 319 Einwohner. Den größten Zuwachs hatte dabei die Gemeinde Kürten selbst zu verzeichnen.
Industrie fehlt nicht
Die Dominanz der westlichen Orientierung bedeutet für Kürten jedoch nicht, daß Gewerbe und Industrie fehlen: Neben einem Fertighaushersteller haben sich hier auch eine Großschlachterei und ein Behälterfabrikant niedergelassen. Insgesamt verfügte die Gemeinde 1973 über 14 Industrie-, 19 Großhandels- und 15 Handwerksbetriebe. Der Einzelhan war mit 97 Niederlassungen und die Banken und Sparkassen mit 6 im Amtsgebiet vertreten. Die Bedeutung der Landwirtschaft hat dagegen in diesem Bereich ständig abgenommen. Insgesamt existieren heute noch 150 Betriebe ohne Fremdeinkünfte, von denen nur 4 noch größer als 50 Hektar sind.
Die seit Jahren rückläufige Entwicklung in der Landwirtschaft und die geringe Wirtschaftskraft der Gemeinden des Amtes sowie der steigende Bevölkerungszuwachs führten schon im Jahre 1970 zu der Überlegung, strukturverbessernde Maßnahmen durch Ausweisung von Gewerbe- und Industriegebieten, die Entwicklung eines großen Freizeit- und Erholungsgebietes in Verbindung mit Wochenendhäusern und einem Campingplatz zu betreiben.
Im Fremdenverkehr sieht Kürten denn auch einen wichtigen Faktor seiner Entwicklung und bemüht sich dementsprechend um Attraktivität des Angebots. Zehn Hotels bzw. Pensionen und 13 Gaststätten für den Tages- und Ausflugsverkehr haben sich in Kürten niedergelassen, daneben existieren noch rund 25 Gaststätten. Vor allem für Sommerurlauber sind auch die privat angebotenen Zimmervermietungen — unter anderem auf Bauernhöfen — interessant.
Bereits jetzt, am Anfang seiner Entwicklung zum Ferien-und Erholungsschwerpunkt, ist Kürten ein lohnendes Ziel für Urlauber und Ausflügler: Angelsport in den sauberen und fischreichen Gewässern, Fußball, Gymnastik, Kegeln, Kutschfahrten, Konzerte, Leichtathletik, Radwandern (mit Fahrradverleih), Reitsport, Ponyreiten, Schwimmen, Wanderungen (200 km Wanderwegenetz mit Ruhebänken) und ein Trimm-Dich-Pfad sowie ein Freibad ermöglichen einen vielseitigen Aktivurlaub. Das abwechslungsreiche Landschaftsbild, ausgedehnte Wälder und malerische Weiler laden zum Erkunden ein.
Langfristig plant Kürten den Ausbau eines umfangreichen Ferien- und Erholungsgebietes mit einem Feriendorf im Breibachtal. Für die Jugend wurde diese reizvolle Gegend allerdings schon entdeckt: Neben einer Jugendherberge in Kürten bestehen noch vier Pfarrjugendheime, zwei Landschulheime und ein evangelisches Freizeitheim.
Der verstärkte Zuzug von Pendlern brachte für die Gemeinde zahlreiche kommunale Aufgaben mit sich, die Zug um Zug gelöst werden. In Kürten befindet sich ein modernes Schulzentrum mit Schulkindergarten und Hauptschule. Hier soll auch eine Dreifachturnhalle als Mehrzweckhalle; verbunden mit einem Hallenbad, gebaut werden, sobald die notwendigen Mittel bereitgestellt werden. Die Volkshochschule mit mehr als 110 Hörern bildet eine wichtige Bereicherung des kulturellen Lebens.
Nicht zuletzt macht das Sozial- und Gesundheitswesen die Gemeinde des Amtes Kürten für Neunsiedler attraktiv: Kinderspielplätze in jeder Gemeinde, ein Altenwohnheim in Kürten sowie weitere vier Altenpflegeheime in Kürten, Forsten und Johannesberg, ein heilpädagogisches Kinderdorf in Biesfeld, fünf Kreisgemeindeschwestern, sechs praktische Ärzte und zwei Zahnärzte dienen dem leiblichen Wohl der Einwohner.
Die Kirchgemeinden unterhalten zahlreiche Büchereien und Chöre, mit denen zusammen nichtkirchliche Musik- und Gesangsvereine die bergische Sangestradition pflegen.
Auch die Sportvereine sind kleine Brennpunkte gesellschaftlichen Gemeindelebens wie auch die Schützenvereine.
Bald eine Gemeinde
Schon im Jahre 1969/70 beschlossen die vier Gemeinden des Amtes zum Zwecke der Verwaltungsvereinfachung, eine Vielzahl kommunaler Aufgaben auf das Amt zu übertragen. Aufgaben der Abwasserbeseitigung, der Müllabfuhr und Straßenreinigung, Kultur- und Sportaufgaben, Aufgaben der Wirtschafts- und Fremdenverkehrsförderung sowie des Feuerlösch- und Badewesens, das Haupt- und Sonderschulwesen, die Wasserversorgung und die neu eingerichtete Volkshochschule wurden auf die Verbands- bzw. Amtsebene übertragen und im neuerbauten modernen Rathausgebäude bearbeitet.
Bald eine Gemeinde
Dieser Verbund wird gemäß dem Vorschlag des Innenministers zur kommunalen Neugliederung zementiert: Die Gemeinden des Amtes Kürten sollen gemäß diesem Vorschlag zu einer neuen amtsfreien Gemeinde zusammengeschlossen werden. Die Wahrnehmung zentraler, langfristiger Planungsaufgaben und der Verwaltungsfunktionen wird damit weiter erleichtert.

ALTE FACHWERKHÄUSER gibt es an vielen Stellen im Bergischen Land. Nur
wenige haben noch Strohdächer wie dieser Stall aus Olpe, der in einem
aus Privatinitiative entstandenen Museumsdorf in Hungenbach neu
erstanden ist. Bild: Willi Wilmsen

 

Wappenglocke auch für heute ein Symbol
Overath bemüht um Kleinindustrie

Von Wilhelm Becker
Als Gemeinde des Rheinisch-Bergischen Kreises lag Overath lange im Dornröschenschlaf. Dieser Vergleich ist um so treffender, als Overath in früheren Jahrhunderten einmal eine relativ große Bedeutung als Glokkengießergemeinde und später als Postwechselstation an der Strecke Köln — Siegen hatte. Obwohl auch noch das Uhrmacherhandwerk zur Herstellung kunstvoller bergischer Standuhren ausgeübt wurde, verpaßte Overath zunächst den Anschluß an die industrielle Entwicklung, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm. Relikte aus der Zeit der Postkutsche waren nur die vielen Gastst 'en, die im 19. Jahrhundert etwa ein Viertel der bestehenden Häuser ausmachten.
Immerhin entwickelte sich die Gemeinde Overath seit Beginn dieses Jahrhunderts weitaus positiver als in der Vergangen-. heit. Der Fortschritt, etwa beginnend mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie Hoffnungsthal — Overath im Jahre 1910, hielt er allmählich, dann immer rasch seinen Einzug. Die Haupten wicklung vollzog sich allerdings
— sieht man einmal von einigen alteingesessenen spezialisierten feinmechanischen Betrieben ab
— erst nach dem zweiten Weltkrieg.
Overath, das noch immer die Glocke als Wahrzeichen in seinem Wappen führt, steht heute mitten in einem Umstrukturierungsprozeß, wie er typisch ist für die Randzonen städtischer Ballungsgebiete, typisch für die Gebiete zwischen städtischem und ländlichem Lebensraum. Es möchte der Nachbargemeinde Engelskirchen, deren Fusion mit der oberbergischen Gemeinde Ründeroth im Rahmen der kommunalen Neugliederung bevorsteht, den Rang als Metropole des Aggertales streitig machen.
Politische Aktivität
In diesem Raum zwischen Stadt und Land, in dieses scheinbare Vakuum, drängen 'städtische Lebens- und Wirtschaftsformen. Die vom Wechsel der Jahreszeiten, bestimmte ländliche Dorfidylle wird in ständig steigendem Maße von der multilateralen Stadt- und Industriestruktur abgelöst.
Diese Entwicklung bedarf der Steuerung, sie muß trotz ihrer Schnelligkeit, mit der sie sich vollzieht, kontrolliert vonstatten gehen, um Schaden zu vermeiden. Einerseits müssen Strukturschäden, wie sie Industriestädte des 19. Jahrhunderts in Kauf nahmen und mit denen sie heute noch nicht fertig geworden sind, verhindert werden, andererseits will und muß eine Gemeinde am Rande der wirtschaftlichen und bevölkerungsmäßigen Ballungszone wirtschaftlich profitieren, um ihre Eigenständigkeit zu behalten und damit ihr ferneres Schicksal in relativer Unabhängigkeit bestimmen zu können. Unumgänglich ist deshalb die Veränderung des ländlichen Charakters der Gemeinde, ohne daß allerdings Wohn- und Frei zeitwert gemindert werden. Die aus dieser Situation entstehenden Spannungen — der allerdings nur scheinbare Gegensatz zwischen wirtschaftlichen Notwendigkeiten und dem Anspruch auf einen der Gesundheit dienenden Lebensraum — haben in Overath eine früher nicht vorhandene politische Aktivität bewirkt.
Erhöhter Wohnwert
Diese permanente politische Diskussion hat bereits in den jüngst vergangenen Jahren zu beachtlichen Ergebnissen geführt. Das Bild der Gemeinde ist im Wandel begriffen. Trotz der starken Auspendlerbewegung, durch die Arbeitskräfte abgezogen werden, siedelten sich neue Industrie- und Gewerbebetriebe in neu ausgewiesenen Industriegebieten der Gemeinde an, weil sie den Wohn- und Freizeitwert Overaths erkannten und weil sie erkannten, daß die Menschen in Zukunft nicht unbedingt gewillt sind, stundenlange Fahrten von und zum Arbeitsplatz in Kauf zu nehmen.
Bei der Industriegebietsausweisung ging die Gemeinde so behutsam vor, daß der Wohnwert der übrigen Grundstücksflächen nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Zur Erhöhung des Wohnwertes — die Autobahn trägt ohnehin auch mit dazu bei — tat die Gemeinde ein übriges. Vor einigen Jahren entstand ein Hallenbad, neue Schulen wurden oder werden in allen Kirchdörfern gebaut. Ein Schulzentrum ist in der Planung, und der Bau eines Freibades wird bereits intensiv vorbereitet. Hinzu kommen fast an allen Orten neue Turnhallen und Sportplätze. Ausgewiesen wurden unter anderem neue, idyllisch gelegene Wohngebiete.
Das Geschäftsleben Overaths hält mit der von der Gemeinde gesteuerten Entwicklung Schritt, so daß sich das Einzugsgebiet für den Einzelhandel bereits über die Gemeindegrenzen hinaus in den Rhein-Sieg-Kreis hinein und in das Gebiet der Gemeinde Engelskirchen hinein ausdehnte. Begonnen wurde zudem mit der seit langem für erforderlich gehaltenen Ortskernsanierung, um Durchgangsverkehr und Zielverkehr in Einklang zu bringen und auch op- INDUSTRIE UND LANDWIRTSCHAFT sind auch heute noch im Kreisgebiet oft enge Nachbarn, tisch einen neuen Ortsmittel- z. B. am Lüderich, wo das letzte von einst vielen Erzbergwerken noch Zink und Blei zutage fördert. punkt zu schaffen. Bild: pullja

IM AGGERTAL haben sich in den vergangenen Jahren etliche neue Industriebetriebe angesiedelt. Einer der jüngsten ist dieses Betonsteinwerk bei Overath.
Bild: pullja

Quelle: 
KStA-19740529 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigegeben durch Kölner Stadt-Anzeiger für BGV-Rhein-Berg mit e-mail vom 6. Oktober 2008