







Sonderveröffentlichung des Kölner Stadt-Anzeigers vom 5. Nov. 1992
Aus dem Inhalt
Vom Kugeltopf zum Atom
Ein Streifzug durch ein Jahrtausend heimatlicher Wirtschaftsgeschichte Vielfältige Industrie und Unternehmen prägten das Gesicht der Region
Ein ganzes Jahrtausend umspannt die Wirtschaftsgeschichte dieser Stadt. Sie reicht von den mittelalterlichen Töpfereien in Paffrath bis zu den kerntechnischen Entwicklungen auf dem Bockenberg in Bensberg, die das Atom- und Weltraum-Zeitalter markieren.
Schon im zehnten Jahrhundert war der kleine Ort Paffrath von Gewerbefleiß erfüllt. Hier brannten die Töpferöfen. Die Töpfer stellten eine für sie typische Ware her, grau- und dunkelfarbige Kugeltöpfe. Ihren Spuren wurde 1952/53 wissenschaftlich auf den Grund gegangen. Walter Lung vom Römisch-Germanischen Museum gelang die Freilegung eines Töpferofens. Auch 1967 wurden im Zuge der Bauarbeiten zur Verlegung der Dellbrücker Straße und beim Abbruch des „Großen Kurfürsten" große Mengen von Tonscherben gefunden. Untersuchungen bestätigten, daß in nachkarolingischer Zeit eine regelrechte Haushaltswarenindustrie bestand.
Als ein wahrer Segens9uell für den hiesigen Raum erwies sichvom Mittelalter an die Strunde, die man den fleißigsten Bach Deutschlands nannte. An diesem klaren, hellen Wasser, das mit Stausystemen über Wasserräder geleitet wurde, erstanden über 50 Mühlen: Öl-, Gips-,Pulver-, Spleiß- und Walkmühlen, auch Getreidemühlen und vor allen Dingen Papiermühlen, in denen Papierschöpfer mit einem feinmaschigen Sieb aus einer mit dünnflüssigem Faserbrei gefüllten Bütte das Papierblatt schöpften. Erst die Erfindung der Dampfmaschine ersetzte die Wasserkraft. Allein für die Papiermanufaktur, deren Geschichte mit Verleihung der herzoglichen Konzession an Philip von Fuerth zum Betrieb einer Papiermühle 1582 begann (es war das Nabbenseifer Gut, Quirls- und später Schnabelsmühle genannt) und die spätere Papierfabrikation nach Erfindung und Einführung der Papiermaschine, blieb das Strunde-Wasser bis auf den heutigen Tag ein unverzichtbares Naturelement. Auch wenn mit der PM 3 bei Zanders ein neues Maschinenzeitalter soeben begonnen hat.
Ähnlich bedeutungsvoll wie die Mühlenindustrie war vorwiegend im 18./19. Jahrhundert der Erzbergbau im Bereich Gladbach und Bensberg mit Eröffnung zahlreicher Gruben mit Namen wie Weiß, Berzelius, Jungfrau, Blücher und der Grube Lüderich, die als letzte bis in die unmittelbare Gegenwart (1978) in Betrieb blieb. Sie haben strukturell und wirtschaftlich die Region beeinflußt.
Trotz Erliegens des Bergbaus wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die metallverarbeitende Industrie für das wirtschaftliche Leben dieses Raumes bedeutungsvoll. Sie ist gekennzeichnet durch Namen wie Berger, Fröling, Köttgen, Risch, Höller, von denen sich die Unternehmen Fröling (Kessel- und Apparatebau), heute in Untereschbach, und Köttgen (Mobillifte) in über hundert Jahren zu bedeutenden Exportfirmen entwickelten. Auf 150 Jahre konnte soeben die Bensberger Firma Offermann zurückblicken, die aus einer Gerberei hervorgegangen ist und sich mit der Herstellung hochwertiger Lederprodukte einen Namen schuf.
Gewerbliche Tradition verkörpert seit über 60 Jahren auch die Firma Grünzweig und Hartmann mit der Produktion von Dämmstoffen für Wärme-, Kälte-, Schall- und Brandschutz, in der Zeit neuen Umweltbewußtseins von großem Stellenwert. Anfang des Krieges (1940) wurde die Firma Joisten und Kettenbaum als kleiner Reparaturbetrieb für Elektroschweißmaschinen gegründet. Ein halbes Jahrhundert alt, ist sie heute ein führendes Unternehmen auf verschiedenen Gebieten.
Zu den Unternehmen, die die moderne Wirtschaftsgeschichte der Stadt seit Jahrzehnten mitprägen gehören u. a. TKT Turbon-Tunzini Klima-Technik, auf dem Sektor Energie-, Luft- und Umwelttechnik erfolgreich, die Firma Meleghy, Werkzeugbau und Preßwerk, die in den 50er Jahren im Strundetal begann, auch Krüger, Instant Werk, mit seiner Produktpalette. Es war Anfang der 50er Jahre, als Gustav und Ursula Lübbe eine kleine Firma übernahmen, die sich als Verlagsgruppe Lübbe zu einer der größten deutschen „Buchfabriken" entwickelte.
Das Atomzeitalter hielt 1957 in der Region Einzug mit Interatom auf dem Bensberger Bockenberg. Auf dem Gebiet der Kernenergieerzeugung für Reaktortypen wie den Schnellen Brüter und den Hochtemperaturreaktor, erlangte das Unternehmen internationale Geltung, auch im Anlagenbau und auf dem Sektor Neue Technologien. 1991 verschwand der Name Interatom nach Eingliederung der Firma in die Siemens AG. Mit der Entwicklung des Weltraum-Meßgerätes „Crista" beginnt nun der Sprung ins Weltall. (al)
Der Kalk war Gold wert
250 Jahre Kalkindustrie in Bergisch Gladbach
Straßennamen wie Alter Traßweg, Steinbreche oder Klutstein erinnern in Bergisch Gladbach an eine Industrie, die 1987 ihre Pforten für immer geschlossen hat: Die Kalkindustrie. Das Kalkwerk Cox hatte vor wenigen Jahren als letztes seine Produktion in Gladbach eingestellt und somit einen Schlußstrich unter den heimischen Industriezweig gesetzt.
Von den mehr als 50 Kalköfen, die es in Bergisch Gladbach einst gegeben hat, sind die meisten restlos verschwunden. Während die meisten von ihnen modernen Industrieanlagen weichen mußten, stehen die Öfen des Kalkwerks Cox inzwischen unter Denkmalschutz. Auch am Südhang des Strundetals zwischen Eulenburg und Igeler Mühle sind noch Reste eines Ofens deutlich erkennbar. Die Ruinen stammen aus dem ehemaligen Eulenburger Kalkwerk von August Franz Neißen, das später von Richard Zanders übernommen wurde.
Über 250 Jahre hat die Kalkindustrie hier eine wirtschaftlich bedeutende Rolle gespielt. Aus der Bergisch Gladbach-Paffrather Kalkmulde wurden unbeschreiblich große Mengen des Materials gefördert, das in der Eisen- und Stahlindustrie ebenso gebraucht wurde wie in der Landwirtschaft.
Kalkproduktion und sein Verkauf waren aus dem Stadtbild gar nicht wegzudenken. Viele Menschen arbeiteten nicht nur in der bekannten Papierindustrie, sondern rund um den Kalk. Zahlreiche Familien lebten über Generationen davon. Die Arbeiter plagten sich beim Kalkabbau oder schwitzten vor den glühenden Öfen in der Kalkbrennerei. Andere sorgten mit Pferdefuhrwerken für einen Transport des gebrannten Materials in das nahe gelegene Köln.
Um 1895 gab es in Bergisch Gladbach knapp 20 Kalkbrennereien, die sich auf das gesamte Stadtgebiet verteilten. Dabei zeigten sich große Unterschiede in den Betrieben. Während Conrad Esser in Nußbaum allein einen Handbetrieb mit Feldbrand unterhielt, hatte die Kalkbrennerei Jakob Coß auf der Marienhöhe und im Wapelsberg immerhin 45 Mitarbeiter. Neben einem Handbetrieb wurde hier auch mit Pferden und mit Hilfe von Dampf gearbeitet.
Welche Bedeutung die Kalkindustrie für Bergisch Gladbach hatte, wurde im Jahre 1898 deutlich, als Stadtbaumeister Kopf Vorschläge für ein eigenes Stadtwappen unterbreitete. Kopf wollte mit dem Bergischen Löwen auf die Historie eingehen, doch das Tier sollte im Zusammenhang mit der heimischen Industrie stehen.
So zeigt ein Entwurf, wie die Raubkatze mit den Hinterpfoten auf zwei Papierrollen steht und in einer Pranke Rad und Hammer hält, Symbole für den Bergbau. Um die Baustoffindustrie zu verewigen, unter anderem also auch der Kalkindustrie ein Denkmal zu setzen, schuf er in seinem Wappenentwurf eine Mauerbekränzung über dem Löwen.
„Des einen Freud ist des anderen Leid", heißt ein Sprichwort. Dies trifft auch für die Kalkindustrie zu, hat diese doch große Umweltschäden angerichtet. Viele Gruben sind im Laufe der Jahrzehnte zugeschüttet worden, zahlreiche Altlasten blieben zurück. Daß durch die Förderung des Kalkgesteins große Naturflächen zerstört wurden, ist ebenfalls trauriger Preis für den nun still ruhenden Industriezweig.
Ein geologischer Rückblick zeigt, woher die Kalkmassen stammten, die über zweieinhalb Jahrhunderte das Leben der Menschen in Bergisch Gladbach beeinflußten. Die Bergisch Gladbacher Kalke entstanden vor etwa 350 Millionen Jahren. Damals sind Korallenriffe am Rand eines flachen, warmen Meeres gewachsen. Korallen und Meerestiere wie Muscheln bildeten über einen langen Zeitraum die Kalkablagerungen, die immer mehr zusammengepreßt wurden und so den Kalkstein entstehen ließen.
Die Top Ten des Kreisgebietes
Rangfolge der umsatzstärksten Unternehmen
Spitzenreiter in der Liste der umsatzstärksten Unternehmen des Kreises ist unangefochten das Franchise-Unternehmen OBI in Wermelskirchen. Die „Hobby"-Spezialisten setzten in der Bundesrepublik 1991 2,2 Milliarden Mark um. Für 1992 wird gar ein Umsatz von 2,7 Milliarden Mark erwartet. Von Wermelskirchen aus lenkt die OBI-Systemzentrale 8000 Beschäftigte in der ganzen Bundesrepublik. 1970 gründete Manfred Maus das Heimwerker- und Freizeitbedarfuntemehmen. In Wermelskirchen selbst beschäftigt OBI 400 Menschen.
Ein Handelsunternehmen ganz anderer Branche belegt den zweiten Platz: Das Bürohandelsunternehmen Soennecken in Overath erwartet in diesem Jahr einen Umsatz von 1,7 Milliarden Mark. Die Genossenschaft beschäftigt 110 Mitarbeiter in Overath und betreut 350 Firmen mit Standorten in Deutschland, in den Niederlanden, in Luxemburg und in der Schweiz.
Platz drei für ein Industrieunternehmen: Die Zanders Feinpapiere AG setzte 1991 über eine Milliarde Mark um. Der Gesamtabsatz beläuft sich auf 294 100 Tonnen. Die Firma Zanders in Bergisch Gladbach gehört zu den traditionsreichsten Unternehmen im Kreis: 1829 wurde die Firma gegründet und beschäftigt zur Zeit 2712 Menschen. Zählt man die Dürener Werke hinzu, sind es sogar 3890 Beschäftigte.
Der Handel ist ganz groß im Kreis: Platz vier für die Bocchi Food Trade International GmbH in Bensberg. Mit dem Handel von Früchten setzte der Betrieb 1991 900,5 Millionen Mark um. Bocchi beliefert die großen Lebensmittelketten wie die REWE, Coop und Asko. 1989 siedelte die Firma von Köln ins Kreisgebiet um. Das Stammhaus liegt in Verona/Italien.
Platz fünf für die Goetze Werke AG in Burscheid: 1990 setzte das Werk weltweit 961 Millionen Mark um, 1991 waren es 886 Millionen. In Burscheid arbeiten 2820 Menschen. Weltweit stehen 8170 Beschäftigte bei Goetze unter Vertrag. 598 Millionen Mark setzten die Burscheiderallein in ihrer Produktgruppe Metall um.
Die G & H Isover in Bergisch Gladbach liegt auf Platz sechs: Im Geschäftsjahr 1991/92 setzten die Spezialhersteller von Isolierungen 700 Millionen Mark um. Seit 1931 ist der Betrieb inder Stadt ansässig; damals firmierte er noch unter dem Namen „Glaswatte". Das Unternehmen mit Firmenzentrale in Ludwigshafen produziert unter anderem 800 verschiedene Isolierschalen.
Platz sieben für die Krüger-Instant-Werke: 500 Millionen Marksetzt der Betrieb inzwischen um. Angefangen hat die Firma 1971 mit gerade zehn Beschäftigten. Heute sind es 600 Mitarbeiter. Krüger ist auch in Ostdeutschland aktiv und hat dort von der Treuhandansalt drei Betriebe übernommen.
Platz acht belegt der GustavLübbe-Verlag in Bergisch Gladbach: 259 Millionen Mark setzten die Verleger im vergangenen Jahr um. Das bedeutet ein Umsatzplus von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 750 Menschen stehen in Brot und Lohn. Das alles bedeutet immerhin Platz 26 in der Liste der 100 größten Buchverlage in der Bundesrepublik.
Platz neun für die Siemens AG, vormals Interatom in Bergisch Gladbach. 1000 Menschen arbeiten im Unternehmensbereich Energieerzeugung und KWU. Mit 150 Mitarbeitern hat interatom 1961 angefangen, ehe der Betieb 1991 der Firma Siemens eingegliedert worden war. Im letzten interatom-Geschäftsjahr setzten die Energieexperten 250 Millionen Mark um.
Ein ganz traditionreiches Unternehmen auf Platz zehn: Die Overather Fröling Kessel-Apparatebau GmbH machte im vergangenen Geschäftsjahr 120 Millionen Mark Umsatz und erwartet für das laufende gar 140 Millionen. Seit 1880 existiert der Betrieb, der ursprünglich in Gladbach ansässig war, seit 30 Jahren aber in Overath heimisch ist. 43 Mitarbeiter beschäftigt Fröling. Zur Firmengruppe zählen auch Unternehmen in Bochum, Brandenburg und Österreich mit noch einmal 100 Beschäftigten.