Forschungen zur Hexenverfolgung — Beispiel: „Scheuer Trein"

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Forschungen zur Hexenverfolgung — Beispiel: „Scheuer Trein"
Massenvernichtung für das eigene Heil
Im Namen der Inquisition Hunderttausende von Frauen ermordet

NUR EINE HEXE konnte nach mittelalterlicher Auffassung Folterung, wie sie diese Illustration zeigt, überstehen. Und als Hexe wurden viele Frauen dann verbrannt. Repro: Günter Möllinghoff

Von Michael Schlösser
Rheinisch-Bergischer Kreis — Katharina Güschen, genannt die „Scheuer Trein", hat die Folter nicht ertragen und ihren Pakt mit dem Teufel gestanden. Hätte die eigenwillige Frau aus Nittum bei Schildgen die Tortur ausgehalten, hätte ihr das auch nichts genutzt. Denn das wäre der „Beweis" gewesen: Nur eine Hexe, die mit dem Teufel im Bunde ist, kann diese Schmerzen ertragen.
Katharina Güschen hatte keine Chance. Der Überlieferung nach de sie im Jahre 1613 am Steinbrückchen in Lustheide bei Refrath als Hexe verbrannt. Eine üble Geschichte, die man heute kaum glauben mag. Aber ein Schicksal, dem in der Hauptphase der Hexenverfolgung zwischen 1450 und 1700 Hunderttausende von Frauen zum Opfer fielen. Wie konnte das nur geschehen?
Eine Frage, mit der sich Ursula-Maria Krah aus Wuppertal eingehend beschäftigt hat. Wie es zu dieser „größten, nicht kriegsbedingten Massenvernichtung in unserer Geschichte" gekommen ist, warum hauptsächlich Frauen davon betroffen waren und welche Rolle die Kirche dabei spielte, will sie in Kursen untersuchen, die im November in Burscheid angeboten werden.

Rolle nicht reflektiert

Da Thema werde in Geschichtsbüchern nur spärlich behandelt, sagt die Frau, die an der Gesamthochschule Wuppertal Deutsch und Geschichte studiert hat. Im herkömmlichen Schulunterricht komme es auch nicht vor, sofern sich nicht gerade ein Lehrer besonders dafür einsetze. Und auch die Kirche —Katholiken wie Protestanten —habe ihre schmähliche Rolle in der Zeit der Hexenverfolgung bislang nicht reflektiert. Erst in den vergangenen zehn Jahren sei das Problem „Hexenverfolgung" wieder mehr und mehr aktuell geworden — besonders in der Frauengeschichtsforschung.
Für Ursula-Maria Krah ist der Hexenwahn keineswegs damit zu begründen, daß er irgendwie im „finstersten Mittelalter" entstanden ist. Nein, Hexen seien in einer Zeit denunziert, gefoltert und verbrannt worden, in der die Welt sich an und für sich öffnete. Die Frauenfeindlichkeit, die dahinter stecke, habe die Kirche konstruiert, sagt die Wuppertalerin. Der Inquisitionsprozeß sei die „reine Rechtsverdrehung" gewesen undhabe später nur noch ein Ziel gehabt: Massenvernichtung.
Denunziert wurden meist Frauen, die aus der Norm fielen, so gesehen Randgruppen angehörten, oder schlichtweg unliebsam waren. Diese Frauen waren miteinmal schuld an allem Übel, bedrohten die eigene Existenz oder — noch schlimmer — das Seelenheil. Dieses Phänomen „Furcht vor der Vernichtung der Existenz" sei bemerkenswert, sagt die Wuppertalerin. Es tauche auf, wann immer irgendwelche Gruppen verfolgt worden seien: so bei den Juden, von denen es geheißen habe, sie vergifteten Brunnen oder fräßen Kinder auf; oder heute bei Ausländern, die die Arbeitsplätze bedrohen würden.
Katharina Güschen war innerhalb von zwei Jahren zu einer Bedrohung geworden. Warum? Zwei andere Frauen hatten in einem anderen Hexenprozeß unter der Folter Katharina als Mithexe benannt. Das genügte den übrigen Dorfbewohnern. Sie wandten sich von Katharina ab.
Und die Gerüchteküche fing an zu kochen: die „Scheuer Trein" hatte miteinmal Krankheiten herbeigezaubert, Vieh verhext, üble Tränke gebraut und damit Menschen getötet. Außerdem wurde bekannt, daß ihre Großmutter und zwei ihrer Tanten schon als Hexen verbrannt worden waren. Damit stand sie in dem Ruf, aus „Hexengeblüt entsprossen" zu sein.
Im Hexenturm in Bensberg packte sie die Vernichtungsmaschinerie der Hexenverfolgung. Unter der Folter bekannte sie sogar den Flug auf dem Besen zum Hexentanzplatz, wo sich die „Unholdinnen" angeblich in wüsten orgiastischen Gelagen ihren Buhlteufeln hingaben. Überliefert ist ferner, daß Katharina Güschen ihrer ausweglosen Situation durch Selbstmord entfliehen wollte. Aber der Versuch mißlang. Sie wurde zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, wobei man ihr die Gnade erwies (bei geständigen Personen üblich), sie vor dem Verbrennen zu erwürgen.

Quelle: 
KStA-19871114 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe für BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 5. Mai 2009