Die Idee der Gartenstadt (Teil 2)
Liegt der Ursprung des Alt-Frankenforst in England?
Nachdem in der letzten Waldhaus-Zeitschrift über die historischen Ursachen und die Grundkonzeption in England berichtet wurde, folgt nun eine kurze Darstellung der deutschen Gartenstadtbewegung und eine Charakterisierung und Einordnung der Wald- und Villenkolonie Frankenforst.
Nachdem sich in Deutschland die überwiegend sozial orientierten Anhänger der Gartenstadtidee zur Gartenstadtbewegung zusammengeschlossen hatten, wurde 1902 in Berlin die Deutsche Gartenstadtgesellschaft gegründet. Die Gründungsmitglieder diskutierten zunächst die aus England stammenden Ideen und betrieben Öffentlichkeitsarbeit. Das Studium der deutschen Verhälnisse ergab spezifische Aufgaben und Probleme und verdeutlichte die Unterschiede zur englischen Bewegung. Erst 1907 wurde ein Programm erlassen, in dem die englische Grundkonzeption weitgehend übernommen wurde. Der Erwerb von Grund und Boden und ausreichender Wohnungsbesitz, verwaltet von gemeinnützigen Genossenschaften, wurden als das geeignetste Mittel für den Ausschluß von Bodenspekulation betrachtet. Bei der Vergabe von Grund und Boden wurde strickt auf die Rechtsform geachtet, damit eine Kontrolle der Preise und ein Rückfall des Bodens in das Gemeineigentum gewährleistet blieb. Die Gartenstadtgesellschaft bekannte sich in ihrem Programm aber auch dazu, alle Bestrebungen mit verwandten Zielen zu fördern."Dazu gehört vor allem die Begründung von Wohnsiedlungen, Gartenvorstädten,Industriekolonien und die Erweiterung bestehender Städte im Sinne der Gartenstadt"(§ 1 der Statuten)(Häck/Schäfer S.34ff)
Nachdem der Gartenstadtgedanke einmal Fuß gefaßt hatte und durch die Deutsche Gartenstadtgesellschaft alle daran Interessierten in enger Kommunikation miteinander standen, wurde in dem Zeitraum von 1906 bos 1913 bei etlichen Projekten die Realisierung in Angriff genommen. So entstanden in Karlsruhe, Ratshof, Nürnberg, München-Perlach, Neumünster, Stockfeld (Straßburg), Mannheim usw. Gartenstädte und Gartenvorstädte. Die bekannteste deutsche Gartenstadt, Hellerau bei Dresden, gründete der Industrielle Karl Schmidt, der einerseits begeisterter Anhänger der Gartenstadtidee war, andererseits Flächen und Werkhallen für die Vergrößerung seines Betriebes"Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst benötigte. Sein Projekt "Gartenstadt Hellerau" verband ökonomische, soziale und kulturelle Ziele und wurde zwischen 1907 und 1913 realisiert. Das zu bebauende Gebiet sah vier verschiedene Viertel vor: das Kleinhausviertel, das Villenviertel, das Viertel für Wohlfahrtseinrichtungen und das Gebäude für die Fabrikanlagen. In Helllerau sammelte sich auch ein reges und reiches künstlerisches Leben.(Sarfert S.21 u.34)
Der Ausschluß der Bodenspekulation durch öffentlichen oder genossenschaftlichen Grundbesitz blieb jedoch das zentrale Problem bei der Umsetzung der Reform in Deutschland. In den andauernden Diskussionen über die städtebauliche Utopie von Howard und sein konkretes Projekt Letchworth verselbständigte sich der Begriff der Gartenstadt zunehmend. "Im allgemeinen war nicht mehr ein Nachvollziehen der Howardschen Gartenstadtidee gemeint. In England, noch mehr aber in Deutschland, wurde schließlich mit der Bezeichnung "Gartenstadt" eine Fülle von Ideen und Siedlungstypen verbunden."
So entstanden in jener Zeit im Umkreis großer Städte sogenannte Villenkolonien. Dabei handelte es sich um Siedlungen draußen im Grünen, die für den begüterten Mittelstand gedacht waren. Innerhalb der Stadt war es wohlhabenden Bürgern kaum noch möglich zu angemessenen Preisen geeignetes Bauland zu erwerben. In der Stadt war deshalb die Etagenwohnung auch für diese Bevölkerungsgruppe üblich.Der Titel "Villen-Colonie" kam dem Repräsentationsbedürfnis der potentiellen Käufer entgegen, denn die "Villa suburbana", die Sommer-Villa des Adels vor der Stadt wurde ab 1900 zum ständigen Wohnsitz. Es handelte sich nicht wirklich um Villen, sondern ehr um individuelle Landhäuser, häufig im englischen Stil, die möglichst preiswert entstehen sollten. So war es in dieser Zeit durchaus gebräuchlich, die Begriffe "Villa" und "Landhaus" zu vermischen. Villenkolonien haben gleichartige Merkmale und gestalterische Elemente, so daß man sie als typisch für den deutschen Städtebau nach der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg bezeichnen kann.
Die Wald- und Villenkolonie Frankenforst wurde 1908 gegründet und entspricht in ihren Merkmalen denen anderer Villenkolonien. Zu diesen Merkmalen gehören:
-die gewerbliche Gründung durch ein privates Unternehmen
-die verkehrsgünstige Lage außerhalb der Großstadt
-die Naturromantik der Gründer und Bewohner
-die repräsentative Gestaltung und Bebauung, sowie die an städtischen Maßstäben orientierte Ausstattung
Betreiber und Gründer der Siedlung Alt-Frankenforst war die Baubude-Organisation für Bodenverwertung G.m.b.H. und die spätere Waldhaus-Villenkolonie Frankenforst bei Köln G.m.b.H. Die Baubude war eine sogenannte Terraingesellschaft, nach heutigem Sprachgebrauch eine Art von privater Stadtentwicklungsgesellschafft. Diese Gesellschafften kauften an einer verkehrsgünstigen gelegenen Stelle Terrain auf, parzellierten es, erschlossen es mit Straßen, Strom und Wasser und verkauften es mit Gewinn. Das Geschäft lag also in der Wertsteigerung des Bodens. Der Frankenforst lag außerhalb des Stadtgebietes von Köln. Hier waren einmal die Grundstückspreise niedriger als in der Großstadt und weiterhin fanden die in der Stadt gültigen Bauauflagen hier keine Anwendung. Über die reinen Grundstücksgeschäfte hinausgehend bestand für den Architekten der Baubude, bekanntermaßen Jean Klein, die Möglichkeit von Einnahmen aus Honoraren für Architektenleistungen, der Schwerpunkt des Geschäfts lag aber in den Grundstücksverkäufen. (Möwisch S.103)
In einer Werbeschrift der Baubude wird dies ausdrücklich durch einen Hinweis auf die freie Architektenwahl belegt:"Bauausführungen sind jedem Architekten und Unternehmer auf Grund unseres Terrainerwerb-Vertrags gestattet, vielmehr ist jedem Interessenten die Wahl der letzteren freigestellt; auch dienen wir mit schlüsselfertigen Bauofferten einschließlich Terrain." Aber auch die ausführlichen Hinweise auf die günstigen Preise belegen die Bedeutung des Grundstücksgeschäftes. In der Werbeschrift wird der Kauf eines Grundstückes im Frankenforst als "denkbar lohnenste Kapitalanlage" bezeichnet. Damit wird ein potentiell wohlhabender Kundenkreis angesprochen.
Ein weiteres Merkmal der Villenkolonien war die günstige Verkehrsanbindung zur Großstadt. In der Werbeschrift der Baubude heißt es dazu:
"(...);die Verbindung mit der Stadt Köln, durch ca.25 Min. mit der Staatsbahn, dürfte nach der Weiterführung der elektrischen Linie über Brück hinaus bis zum Frankenforst demnächst wohl eine ideale genannt werden, so daß die Bewohner der Waldhaus- Kolonie sich die Annehmlichkeiten und Unterhaltungen der Großstadt ganz nach ihren Wünschen nutzbar machen können."(Werbeschrift)
Diese Verkehrsanbindung war unverzichtbare Notwendigkeit, da die Bewohner der Siedlung aus der Großstadt zuzogen und täglich oder mehrfach wöchentlich zwischen der Stadt und der Vorortsiedlung pendelten. Die Villenkolonie im Frankenforst stand also in engerer Beziehung zur Stadt Köln, als zur dörflichen Landgemeinde Bensberg. Dies drückt sich nicht nur in der Lage der Siedlung aus, sondern auch in der Ausrichtung der Straßen, die unabhängig von den umliegenden Höfen und Kleinweilern geplant waren. Der Wald wurde mit einem formalen Straßensystem belegt, das auch an beliebig anderer Stelle hätte verwirklicht werden können. Diese räumlich gestalterische Beziehungslosikeit zwischen Villenkolonie und ihrer Umgebung setzte sich in den sozialen Bindungen fort; das berufliche und kulturelle Leben der Bewohner fand überwiegend in Köln statt.(Möw. S.107)
Das Merkmal der Naturromantik findet sich im Text der Werbeschrift, wo die idyllische Ruhe und die reine Waldluft angepriesen werden. Kinder könnten im Frankenforst gesünder erzogen werden,da sie von den "schädlichen Einflüssen der Großstadt" abgesondert würden." Die bessere Geschäfts- und Beamtenwelt sucht nach des Tages Mühe und Arbeit Ruhe und Erholung, zieht es vor, statt im nervtötenden Gewirr der Industrie- und Handelsstädte ihre Kräfte zu verbrauchen, die Früchte ihres Fleißes in Ruhe und Behaglichkeit in Gottes freier Natur zu genießen".(Werbeschrift)
Die Hervorhebung des Waldbestandes als Lagevorteil ist typisch für die Kolonien dieser Zeit und die Erhaltung von Bäumen wird trotz der damit verbundenen Einschränkungen der Nutzung aus naturromantischen Vorstellungen hingenommen.
Diese Naturromantik und die Ausschließung der negativen großstädtischen Einflüsse machen sich die Begründer der Villenkolonie Frankenforst zu nutze, indem sie ihr Projekt der Villenkolonie mit den Gartenstädten gleichstellen, die "in den letzten Jahren allenthalben im Deutschen Reich entstanden" seien. Sie bezeichnen das Projekt als Teil der Gartenstadtbewegung, denn mit der Siedlung im Frankenforst würde die Gartenstadtbewegung gegen das Mietskasernentum der Großstadt seinen größten Triumpf aufspielen.
Bei der Villenkolonie Frankenforst handelt es sich jedoch nicht um eine selbständige mit aller Infrastruktur, sowie Gewerbe und Industrie geplante ,neue Stadt, wie Howard sie sich dachte und wie sie in Letchworth gebaut worden war. Hier war eine reine Wohnsiedlung in enger Beziehung zur Großstadt mit Grundstücken, Wohnhäusern, baumbepflanzten Straßen und einem begrünten Platz geplant. Muthesius, ein bekannter Architekt aus der Zeit, zeigt deutlich den zu Unrecht verwendeten Begriff auf. "Die Unkenntnis der Verhältnisse, vereinigt mit der Unklarheit, die in der Auffassung des Publikums mit dem Begriff der Gartenstadt verbunden ist, hat vielfach zu Entäuschungen geführt. Die Sachlage ist kompliziert, indem neuerdings eine große Anzahl rein spekulativer Terraingesellschaften sich den klangvollen Namen "Gartenstadt" zugeeignet haben und dadurch die Vorliebe des Publikums auf sich ziehen wollen." Das Zitat zeigt, daß der Begriff "Gartenstadt bewußt oder unbewußt fälschlich verwendet wurde.
Die repräsentative Gestaltung und Bebauung als letztes Merkmal der Villenkolonie spiegelt sich noch heute in den alten Häusern wieder. Im Frankenforst sollte eine Siedlung für Großstadtmenschen entstehen, daher mußte die Ausstattung auch städtischem Niveau entsprechen. So war die Lage, die Grundstücksgröße, das Einfamilienhaus schon Repräsentation genug. Der Kundenkreis bestand nicht aus Großindustriellen, sondern vorwiegend aus dem wohlhabenden Bürgertum, dem Mittelstand.
Möwisch,R. Waldsiedlung Alt-Frankenforst; Dipl.-Arbeit Uni.Hannover 1991
Sarfert,H.J. Hellerau, Die Gartenstadt und Künstlerkolonie; Dresden 1993
Stanic,M. Arch. A. Exter-Villen-Colonien Pasing, München 1993
o.V. Werbeschrift 1911
T. Klostermann