Die Idee der Gartenstadt (Teil 1)

Die Idee der Gartenstadt (Teil 1)

Liegt der Ursprung des Alt-Frankenforst in England?

Im Zusammenhang mit der Wald- und Villenkolonie Alt-Frankenforst taucht gelegentlich der Begriff der "Gartenstadt" auf. Über die historischen Ursachen und die Grundkonzeption der Gartenstadtidee wird nachfolgend berichtet. Im nächsten Heft folgt eine Untersuchung, wie weit die Ideen der Gartenstadt beim Bau von Alt-Frankenforst berücksichtigt wurden.

England ist als Ursprungsland der Gartenstadtidee anzusehen. Sir Ebenezer Howard veröffentlichte 1898 sein vielbeachtetes Buch "Garden Cities of To-morrow"(Gartenstädte von morgen). Als Antwort auf die durch Landflucht und Bodenspekulation eingeschränkten und ungesunden Wohnverhältnisse in den rasch wachsenden Industriestädten des späten 19 Jahrhunderts formulierte Howard seine Vorstellungen von einer idealen Siedlungsart. Er entwickelte das Modell einer Gartenstadt, das die Vorteile von Stadt und Land vereinigen sollte. Die Idee war verknüpft mit einer Boden- und Sozialreform. Der 1903 verwirklichte Bau der ersten Gartenstadt bei London, Letchworth, war Ausgangspunkt einer weitreichenden und sich schnell entwickelnden Bewegung im gesamten europäischen Raum und in den Vereinigten Staaten.

Strukturwandel und Wohnverhältnisse im 19. Jahrhundert

Die Idee der Gartenstadt ist Teil einer Entwicklung, die bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts mit einem starken Anwachsen der Befölkerung begonnen hatte. Ohne nennenswerte Industrie und ausreichenden Arbeitsplätzen entstanden erhebliche soziale Spannungen, die ein wichtiger Grund für die großen Übersee-Auswanderungen waren. Mit der zunehmenden Industrialisierung und der Schaffung von Arbeitsplätzen an bestimmten Standorten wurde eine Binnenwanderung ausgelöst. Die Städte als Zentren der neuen Wirtschaftsentwicklung zogen die Landbevölkerung an und aus Bauern wurden Arbeiter. Die Landflucht führte zur planlosen Ausweitung der Großstädte in die Außenbereiche. Die steigenden Bodenpreise zwangen zum Bau vielgeschossiger Häuser, den sogenannten "Mietskasernen". Dennoch konnten nicht genug Wohnungen in den immer schneller wachsenden Städten bereitgestellt werden. Die Masse der Arbeiter konnte die Mietkosten kaum tragen und mußte die ohnehin schon kleinen Wohnungen schichtweise als Schlafstätte an Fremde untervermieten. Alkoholismus, Kriminalität, Prostitution und Kindesmißhandlung waren an der Tagesordnung. Die ungesunden Wohnverhältnisse und unsauberes Wasser wurden als Grund für Seuchen erkannt, wie z.B. die Cholera, die in Europa im 19 Jahrhundert Millionen von Opfern gefordert hatte.

Reformkonzepte und Stadtbauplanung

Aus Angst vor sozialen Unruhen und weiteren Epidemien wurde ab 1870 die Wohnungsfrage in breiterem Maße diskutiert. Wie schon bei der Industrialisierung nahm England auch bei den Reformbestrebungen zur Behebung sozialer Mißstände eine Vorreiterrolle ein, ohne jedoch zunächst Verbesserungen zu erzielen. Auch in Deutschland breiteten sich Reformkonzepte gegen Ende des 19.Jahrhunderts aus. Sie gaben vor, die Verbindung zur Natur wiederherzustellen und hygienische Grundbedürfnisse zu erfüllen. Bodenreform- sowie Lebensreformbewegung setzten Gemeineigentum an Grund und Boden als geeignete Mittel gegen Bodenspekulation, Mietskasernen und soziale Mißstände in den Arbeiterquartieren voraus. Neben den Reformkonzepten zur Verbesserung der sozialen Lage, drang angesichts des fast unkontrollierten Wildwuchses der Städte zunehmend die Notwendigkeit einer Stadtbauplanung ins Bewußtsein. Prinzipien historischer Stadtgestaltung wurden zum Vorbild. In der Architektur führte dies zum Eklektizismus, in dem Elemente der verschiedenen Stile der Architekturgeschichte verwendet wurden. Der Rückgriff auf Schönheit und Charakteristik alter Städte sollte Heimatgefühl, Bindung und letzlichen nationalen Stolz bei den Bewohnern bewirken.(Staric/Hölz/Möller S.58ff)

Howards Modell einer Gartenstadt

Diesem Vorbild entgegengesetzt, erschien 1898 Ebenezer Howards Buch "Garden Cities of To-morrow". Howard besann sich auf die eigentlichen Aufgaben einer Stadt und gelangte so zu einer für sein Modell grundlegenden Definition: "Die Stadt ist das Symbol des Gesellschaftslebens, der gegenseitigen Hilfe, der ausgedehnten Beziehungen der Menschen untereinander..., sie ist Symbol der Wisssenschaft, der Kunst, der Religion und der Kultur. Und das Land! Das Land ist das Symbol der Liebe Gottes und seiner Fürsorge für den Menschen." Howard sah eine unnatürliche Trennung zwischen Gesellschaftsleben und Natur. "Stadt und Land müssen sich vermählen und aus dieser erfreulichen Vereinigung werden neue Hoffnung, neues Leben und eine neue Kultur entstehen."(Howard,1907,S.12)

Zur Verdeutlichung seines Modells schaffte Howard das Bild der drei Magneten. Der erste Magnet stellt die Stadt zur damaligen Zeit mit ihren überwiegend negativen Faktoren dar z.B. schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen. Demgegenüber erscheint der Landmagnet zunächtst vorteilhafter, bei genauer Betrachtung offenbaren sich jedoch auch hier zahlreiche Nachteile. Beispielhaft erwähnt seien Arbeits- und Kapitalmangel sowie fehlende Sozialleistungen und Mangel an Geselligkeiten. Als dritten Magnet findet sich der Stadt-Land Magnet, in dem sich alle Vorteile von Stadt und Land vereinen: Schöheit der Natur, Geselligkeit, leichtzugängliche Parkanlagen, niedrige Mieten, hohe Löhne etc. Die Gartenstadt sollte sich als ein stärkerer Magnet als der Stadtmagnet erweisen, um so eine Siedlungsbewegung der Bevölkerung aus den überfüllten Zentren in spärlich besiedelte Gebiete herbeiführen zu können.(Häck/Schäfer, S.18f)

Howards Modell einer Gartenstadt sah vor, unabhängige Siedlungen im Grünen für ca. 32000 Einwohner entstehen zu lassen, bestehend aus ländlichen Wohnsiedlungen, Gärten, Wäldern, landwirtschaftlichen Nutzflächen (die, als Grüngürtel angeordnet, Pendlerverkehr überflüssig machen sollten), Einkaufsmöglichkeiten, verschiedene kulturelle Einrichtungen und einen zentralen Park als Gemeinschafts- und Erholungsbereich. Mehrere solcher Gartenstädte (z.B. sechs) waren kreisförmig um eine Hauptstadt mit nicht mehr als 58000 Einwohnern vorgesehen. Eisenbahnen, Straßen und Kanäle verknüpten die Städte miteinander. (Lampugnani S.31f und Fishman S.115ff)

Doch Howard strebte weit mehr an. So lag ihm der Ausschluß der Bodenspekulation durch die Überführung des Bodens in Gemeinschaftseigentum am Herzen. Die Durchführung moralischer, ethischer und sozialer Werte wurde ideelle Grundlage seines Programms. So sollte z.B. der Ausschank von Alkohol verboten werden, um den hemmungslosen Ausschweifungen dieses Lasters entgegenzutreten. Es waren weiterhin besondere Einrichtungen für Versehrte und Behinderte vorgesehen.(Häck/Schäfer S.20) Private gemeinnützige Gesellschaften und Genossenschaften sollten bevorzugt Tätigkeiten aus dem öffentlichen Bereich zugewiesen bekommen. Das wichtigste Anliegen, das Howard mit seiner Gartenstadt verwirklichen wollte, war wohl freie und selbständige Handlungsmöglichkeiten der Individuen im Einklang mit der Gemeinschaft. "Durch die Gedankenarbeit einzelner werden neue Möglichkeiten entdeckt und die Erfahrungen, die im Zusammenwirken gesammelt werden, bedingen wieder der besten individuellen Leistungen. Darum wird sich auch die Gesellschaft als die gesündeste und kräftigste erweisen, in der sowohl den Bestrebungen einzelner, wie auch denen der Gesamtheit zur vollsten freiesten Entfaltung geboten wird."(Howard,1907,S.105)

Howard betrieb eine rege Öffentlichkeitsarbeit, scharte Mitarbeiter und Mitstreiter um sich und organisierte die Finanzierung des Projektes; 1899 wurde die Garden City Association gegründet, 1903 begann nach Entwürfen von Barry Parker und Raymond Unwin unter maßgeblicher Mitwirkung von Ebenezer Howard der Bau der ersten Gartenstadt, Letchworth bei London. (Lampugnani S.32)

Die Gartenstadtbewegung in Deutschland

Auch in Deutschland wurde die Idee der Gartenstadt um die Jahrhunderwende und danach diskutiert. Die Anhänger der Gartenstadtidee schlossen sich zur Gartenstadtbewegung zusammen. In Berlin wurde 1902 die Deutsche Gartenstadtgesellschaft gegründet. Diese verfolgte eine andere Zielrichtung. Anstelle neuer Städte sollten Garten-Vorstädte die Lebensqualität verbessern. Dabei handelte es sich um mehr oder weniger große Wohnsiedlungen im Grünen am Rande der Städte, nicht jedoch um selbständige und komplexe Stadtkörper. Der Ausschluß von Bodenspekulation durch öffentlichen oder genossenschaftlichen Grundbesitz, eine von Howards Hauptforderungen, blieb das zentrale Problem bei der Umsetzung der Reform in Deutschland. Nach Howards Vorbild wurde zwischen 1907 und 1913 die einzige deutsche Gartenstadt im ursprünglichen Sinne, Hellerau bei Dresden, verwirklicht. Im Allgemeinen war jedoch nicht ein Nachvollziehen der Howardschen Gartenstadtidee gemeint."In der Diskussion über die städtebauliche Utopie von Howard und über das konkrete Projekt Letchworth hatte sich der Begriff der Gartenstadt längst verselbständigt. In England, noch meht aber in Deutschland, wurden schließlich mit der Bezeichnung "Gartenstadt" eine Fülle von Ideen und Siedlungstypen verbunden". (Möwisch S.111). Einer dieser Siedlungstypen war die Villenkolonie, zu der auch Alt-Frankenforst gehört.

Quelle: T. Klostermann

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