KIPPEKAUSEN



KIPPEKAUSEN

von Dörte Gernert

Wohnen auf Burg-Mauern

Viele Sagen und Geschichten ranken sich um die heutige moderne Wohnsiedlung Kippekausen. Eine kurze, die Johann Bendel gesammelt hat, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: "Auf den Mauertrümmern von Kippekausen (dem gewaltigen Schloss!) soll oft um Mitternacht ein feuriger Mann von riesigem Wuchse umher-schreiten, gefolgt von einem großen, starken, einäugigen Hunde. Nach andern soll der Hund zwei glühende Augen besitzen, dafür aber soll der Feuermann einäugig sein."

Als der Heimatforscher diese furchterregende Sage 1925 im Heimatbuch des Landkreises Mülheim veröffentlichte, gab es Burgruine und Gehöft Kippekausen noch. Ob jemand dem "Gespenst von Kippekausen" –zu jeder echten Burg gehört natürlich auch ein Geist – je begegnet ist, bleibt im Bereich der Fantasie. Jedenfalls war die Burg Kippekausen fest im Bewusstsein der Bürger verankert. 1949 regte der rührige Heimatverein Refrath an, die Ruine Kippekausen unter Denkmalschutz zu stellen. Damals ragten noch etwa zwei Meter dicke Bruchstein-mauern nicht weit vom damals noch existierenden Bauergehöft Kippekausen mannshoch empor und bildeten ein Rechteck im Ausmaß von 12 mal 16 Metern. Ein teils mit Wasser gefüllter Graben umfloss die Mauerreste. Die Vereinsmitglieder begründeten ihren Antrag damit, dass es sich um ein wahrhaft mittelalterliches Anwesen handelte: "Die Burg war an strategisch günstiger Lage auf einer alten germanischen Walloder Fliehburg errichtet. Die Deutung der ersten Silbe des Namens Kippekausen ist nicht einheitlich, die zweite 'kausen' oder 'hausen' weist auf die Gründung hin, wonach die Burg im 12. Jahrhundert gebaut worden wäre." Im Stadtarchiv Köln ist eine Urkunde überliefert, die genauere Datierungen zumindest über die Besitzer zulässt. Den Text finden Interessierte in Ruhmreiche Berge vom 28. Februar 1930.

1961 fand das Gelände um die Burg Kippekausen im Zuge groß angelegter Umstrukturierungen, auf die ich später komme, das Interesse der Archäologen. Bei Querschnittgrabungen wurden nicht nur Teile der alten Ringmauer freigelegt, sondern auch der Burgbrunnen entdeckt. Landesmuseumsrat Herbrodt (Rheinisches Landesmuseum Bonn) berichtete im Kölner Stadt-Anzeiger über die "Motte" Kippekausen. "Motte ist ein burgengeschichtlicher Fachausdruck. Dabei handelt es sich um einen Burgentypus auf einer künstlichen Anschüttung im Flachland." Nach Ansicht des Forschers sei die Kippekausener Motte im Zusammenhang mit der Normannenwanderung errichtet worden. In den Burggraben leitete man Wasser vom Saaler Mühlbach und auf einem Hügel erhob sich dann wohl der Wohnturm des Burg-Besitzers. Es folgten im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Umbauten. Bendel schreibt in einer anderen Sage vom Kipphäuser: "Zwar wurde von entfernten Verwanden (des ursprünglichen Besitzers) das Schloss wieder aufgebaut, aber die Herrlichkeit und der ehemalige Glanz waren dahin und bald stand das Haus verlassen und in Trümmern." Von der Erweiterung um zwei Vorburgen ist auch nichts mehr zu sehen. Eine fiel dem Straßenbau zum Opfer und die andere wird künftig unter dem Hauptplatz der Siedlung Kippekausen liegen.

Die Ausgrabungsarbeiten standen in engem Zusammenhang mit einem Bauprojekt, das weit über die Grenzen Bensbergs hinaus von sich reden machte. "Demonstrativprogramm des Bundesministers für Wohnungsbau und des Wiederaufbauministers des Landes Nordrhein-Westfalen" war damals – 1959 - an der B 55 auf einem Schild in großen Lettern zu lesen und verwies auf eines der größten Bauvorhaben im Lande. Unmittelbar angrenzend an die Waldsiedlung Frankenforst sollte die Parksiedlung Kippekausen entstehen. 435 Eigenheime und 440 Mietwohnungen waren geplant und die neue Siedlung war ein Beispielbau, "an dem neuzeitliche Planung, moderne Wohnformen und rationelle Baumethoden wissenschaftlich erprobt und zugleich demonstriert werden" sollten.

Von Regierungsseite wurde der städtebaulichen und bautechnischen Seite viel Sorgfalt zugewandt. Der Bundeswohnungsbauminister, selbst Bensberger Bürger, setzte ein eigenes Ingenieurbüro auf der Großbaustelle ein. Qualität der Baustoffe und fachgerechte Ausführung jeder Einzelbaumaßnahme wurden akribisch überwacht.

Am 1. September 1961, der erste Bauabschnitt war bereits fertig und bevölkert, kam viel politische Prominenz nach Bensberg, um beim offiziellen Richtfest anwesend zu sein.

Bundeskanzler Konrad Adenauer und Ministerpräsident Meyers verfolgten das Hochziehen der Richtkrone. Bundeswohnungsminister Lücke konnte bei diesem Festakt gleichzeitig auch die sechsmillionste Wohnung, die nach dem Kriege gebaut worden war, feierlich übergeben.

In drei Bauabschnitten wurde das Mammutprojekt bis Anfang 1962 realisiert. Bezahlbarer Wohnraum für 880 Familien und junge Ehepaare entstand. Der Gesamtaufwand wurde mit rund 36 Millionen Mark veranschlagt. Die Gesamtausführung lag in der Verantwortung der "Westaufbau GmbH".

Eine neue Kirche wurde für die vielen Neubürger gebaut. Ein zentrales Heizwerk versorgte das Viertel mit Energie. Kindergarten, Altersheim und eine Ladenstraße gehörten ebenfalls zum Vorzeigeprojekt. Viele Strassennamen stellen bis heute den Bezug zur ehemaligen Burganlage (Hochmotte) Kippekausen her. Und für den Straßennamen Kippekausen – Verbindung zwischen Siebenmorgen und Burgplatz – hat der schon viel zitierte Schulte folgende Erklärung: "Der Straßennamen bezieht sich auf eine hochmittelalterliche Burganlage, die um das Jahr 1000 errichtet worden war. Die Burg wurde ab dem Beginn des 15. Jahrhunderts nicht mehr bewohnt, nachdem die ritterliche Eigentümerfamilie vermutlich ausgestorben war..." Spätere Eigentümer, die Familie von Merheim errichtete eine neue Hofstelle, die künftig Gut Kippekausen genannt wurde und 1965 abgerissen wurde. Bezug zur jüngsten Geschichte bei der Straßenbenennung gibt es im Neuaufschließungsgebiet am Alten Trassweg. Hier hat man bedeutende Widerstandkämpfer der NS-Zeit geehrt.

Mehr als 40 Jahre sind inzwischen vergangen und nach wie vor ist Kippekausen als grüne Siedlung, die sich über 1,3 Quadratkilometer erstreckt nahe der Großstadt Köln mit unmittelbarem Autobahnanschluss eine beliebte Adresse, die etwa 2.500 Menschen Heimat ist.

10 GLkompakt 05/05

Freigabe: 
Freigegeben mittels Schreiben des GL-Verlages (email) vom 31.7.2007