MOITZFELD - ein Dorf im Wandel




STADTTHEMA von Dörte Gernert

MOITZFELD - ein Dorf im Wandel

Sinnbild für erfolgreichen Strukturwandel - der TechnologiePark

■ In Moitzfeld lässt sich der industrielle Strukturwandel seit der Mitte des 19. Jahrhundert wie in keinem anderen Stadtteil so deutlich aufzeigen. Die geschichtlichen Spuren des Ortes lassen sich zwar bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen, doch wir wollen uns an dieser Stelle der wirtschaftlichen Entwicklung widmen.

Moitzfeld war seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Hauptsitz des Bergbaus im Kreis. Die Blütezeit lag zwischen 1873 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges und hatte vor allem in sozialer Hinsicht weit reichende Folgen durch den Zuzug vieler Bergarbeiter und ihrer Familien. Aber auch über diese Zeit möchten wir hier nicht weiter berichten. Sowohl die Wirtschaftsgeschichte des Bergbaus als auch die damit verbundene Sozialgeschichte können Interessierte in dem im letzten Jahr erschienenen Buch "Das Erbe des Erzes" nachlesen ( ISBN 3-00-01 1243-X ).

Wir überspringen Kriege und Nachkriegszeit und beginnen im Jahre 1957 mit der Gründung der Interatom, Internationale Atomreaktorbau GmbH. Mit diesem Unternehmen wehte ein Hauch Weltgeschichte nach Moitzfeld. Vielleicht ist es interessant, kurz die "Aufbruchstimmung" und die Einschätzung der Kernenergie in Deutschland zu schildern. Nachdem 1955 durch die Pariser Verträge das Verbot der Siegermächte aufgehoben wurde, sich mit Kerntechnik zu beschäftigen, wurde Anfang 1956 unter dem Vorsitz eines eigenen Atomministers (Franz Josef Strauß) eine 25köpfige Atomkommission gegründet, die die Aufgabe erhielt, ein Programm für Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der friedlichen Verwendung der Kernenergie zu erarbeiten.

Ein Gründungsmitglied war gleichzeitig auch Vorstandsvorsitzender der Demag AG in Duisburg, der nach intensiven Recherchen in den USA einen Partner fand, um ein Unternehmen zum Bau und zur Entwicklung von Anlagen zur friedlichen Nutzung der Kernenergie zu gründen. Der Name: Interatom, Firmensitz Duisburg. Schnell wurde nach einem neuen geeigneten Standort Ausschau gehalten. Er sollte folgende Voraussetzungen erfüllen: gute Verkehrsanbindung über die Straße, Schiene und Luft, Nähe zur Bundeshauptstadt Bonn, Nähe zu einem Kernforschungszentrum und viel Platz für Expansion und er sollte im Grünen liegen, um den Familie der Mitarbeiter angenehme Wohnsituationen zu bieten. Wunschgebiet: südliches Nordrhein-Westfalen.

Es versteht sich, dass sich um ein solches Unternehmen viele Städte und Gemeinde bewarben. Firmensprecher Heinz Bodden beschreibt in der Dokumentation "Vier Jahrzehnte Forschung und Technologie" die damalige Situation (1957) so: "Auch Alt-Bergisch-Gladbach bewarb sich. Zuletzt siegte derjenige, der zwar über keinen Quadratmeter eigenen Grund und Boden, aber über ein ungewöhnliches Maß an Energie und Phantasie verfügte: der unvergessene Stadtdirektor in Bensberg, Wilhelm Wagener. Er vermittelte Interatom ein Gelände, das geradezu ideal geeignet war, den Bockenberg. Wagener gelang es, das Land Nordrhein-Westfalen zum Verkauf des Bockenberges an Interatom zu bewegen. Zusammen mit einem benachbarten Zinkgrubengelände (Grube Weiß), das gleichzeitig erworben werden konnte, stand dem Unternehmen ein Gelände von 350.000 Quadratmeter zu Verfügung."

Nach einem kurzen provisorischen Übergang im alten Schloss in Bensberg, fand am 29. Juni 1959 die Grundsteinlegung am Bockenberg statt und bald konnte das Unternehmen in eigene Räumlichkeiten umziehen.

Dass die Ansiedlung von Interatom auch Skepsis hervorrief, ist klar. So titelte am 28. November 1958 die Kölnische Rundschau etwas provokativ "Wird Bensberg eine Atomstadt?" Natürlich verfolgte auch die Bevölkerung das Geschehen am Bockenberg. Vor allem Anfang der 70er Jahre, als es in der Öffentlichkeit hitzige Debatten über die Rolle der Kernenergie in der deutschen Energieversorgung gab.

Auf der anderen Seite standen hier hochqualifizierte Arbeits- und Ausbildungsplätze zur Verfügung und viele bauten in Moitzfeld oder dem Umland ihr Haus. Das verschaffte der Region einen deutlichen Schub an Wirtschaftskraft. Immerhin waren 1982, also nach 25 Jahren Wirkungszeit, fast 2100 Menschen bei Interatom beschäftigt. Weltweit bekannt waren die Forschung und Methodenentwicklung (auch von Photovoltaik, Solartechnik, Kernspiniomographen) von Interatom in Moitzfeld.

Und natürlich gab es in einem so hochbrisanten Tätigkeitsfeld wie der Kernenergie auch Skandälchen und Skandale. Erinnert sei nur an die Affäre Traube. Im März 1977 hatte der "Spiegel" behauptet, auf den Geschäftsführer der Interatom (Projektbereich), Dr. Klaus Traube, sei wegen vermuteter Kontakte zu einer terroristischen Vereinigung vom Verfassungsschutz ein Lauschangriff ausgeübt worden. Kollegen, Mitarbeiter und die Region standen Kopf. Von den erhobenen Vorwürfen blieb nicht viel. Allerdings stolperte der Innenminister über diese Affäre undmusste seinen Hut nehmen.

Besuche von wissenschaftlicher und politischer Prominenz in Moitzfeld waren an der Tagesordnung und nur für wenige wurde noch der "rote Teppich" ausgerollt.

Es ist hier nicht der Platz, um über die Firmengeschichte von Interatom zu berichten. Nur soviel: 1991 geriet Interatom in eine schwere Krise. Der Grund war der Abbruch des Kalkar-Projektes. Auch die Eingliederung in die Siemens AG als dritter Ingenieurstandtort des Bereichs Energieerzeugung konnte den Niedergang nicht aufhalten. Am 30. September 1994 wurde der Standort am Bockenberg geschlossen.

Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahrhunderts verloren – damals Bergleute, jetzt viele Wissenschaftler – ihren Job. Was tun mit den Menschen und mit dem Gelände? Das Terrain, ein Filetstück sowohl von der Bebauung als auch von der Lage mit seiner herausragenden Infrastruktur schrie förmlich nach Weiternutzung.

Öffentliche Institutionen und der Kölner Immobilienkaufmann Udo. J. Lammerting erkannten den Wert des Industriestandortes und die Chance für eine weitere Nutzung. Sie gingen ein "public private partnership" ein. Mit der Unterzeichnung des Gesellschaftervertrages und der Eintragung ins Handelsregister am 23. Dezember 1994 wurde die Gründung der Rheinisch-Bergischen TechnologieZentrum-GmbH besiegelt. Parallel zur Gründung des Technologie Zentrums entstand die TechnologieParkVerwaltungs-GmbH.

Seitdem sind fast zehn Jahre vergangen und der TechnologiePark gilt als Vorzeigeobjekt für erfolgreiche Firmenansiedlungen. Das Interesse in nationalen und internationalen Fachkreisen ist groß. Doch in Moitzfeld ist man gewohnt, Prominenz zu empfangen und ganz selbstverständlich erhalten Gäste aus aller Welt Einblick in Firmenentwicklungen und Wirtschaftsförderung.

Nicht mehr abgeschottet wie zu Zeiten von Interatom präsentiert sich der Technologiepark mit seinen idealen Räumlichkeiten in jeder Größenordnung, Catering, ausreichenden Parkmöglichkeiten als beliebter Veranstaltungsort verschiedenster Institutionen, Unternehmen und Verbände.
So hat sich am Bockenberg nicht nur eine "Brutstätte" und "Ideenschmiede" für Existenzgründungen und innovative Firmen etabliert, sondern mit dem Technologiepark bleibt in Motitzfeld - mit 7.9 Quadratkilometern übrigens der größte Wohnort Gladbachs - die Verbindung zur "Weltgeschichte" erhalten.

Abseits davon, im Zentrum des alten Bergwerkdörfchens geht's gemütlicher zu. Reges Vereinsleben, nette Geschäfte, Schulen und Kindergärten und viel Grün im direkten Umfeld machen Moitzfeld zu einem beliebten Wohnort, der bei vielen Festen seine Tradition fortschreibt. (dg) ■

GLKOMPAKT
04/2004

Freigabe: 
Freigegeben mittels Schreiben des GL-Verlages (email) vom 31.7.2007