Wanderung durch die Vergangenheit


Wanderung durch die Vergangenheit
GESCHICHTE Rainer Stahle hat eine Route entlang von zehn früheren Mühlenstandorten in Kürten entworfen

VON KARIN GRUNEWALD
Kürten. Das Hobby, in alten Landkarten zu stöbern, klingt zunächst äußerst trocken. Nicht so für Rainer Stahlke aus Kürten, denn beim Blick in alte Pergamente bleibt es bei ihm nicht. Er durchwandert das Bergische Land und forscht nach, was von den Einträgen vergangener Jahrhunderte heute noch zu sehen ist. Zudem sind seine aktuellen Objekte der Leidenschaft tatsächlich alles andere als trocken, denn der Heimatforscher hat einen Wanderweg erkundet, der entlang der alten Kürtener Wassermühlen verläuft.
„Allein auf Kürtener Gebiet gab es einmal 30 Mühlen", sagt Stahlke. Kornmühlen, Pulvermühlen, Knochenmühlen – es gab kaum etwas, das im Bergischen nicht gemahlen wurde. Wenn es hier etwas im Überfluss gab, dann Wasser. Doch was einst lebenswichtig war, nämlich die Energieerzeugung durch die Wasserkraft, wurde mit der Verbreitung der Elektrizität überflüssig. Von den meisten Mühlen ist daher heute nicht mehr viel übrig. „Noch eine Generation, dann weiß keiner mehr, dass hier mal Mühlen standen", sagt Stahlke, der diesem Vergessen der Heimatgeschichte mit seinem Wanderweg entgegenwirken will.
Insgesamt 12,5 Kilometer, mit einem zusätzlichen Schlenker sogar 18, führt der Rundweg vom Stockhausen-Platz aus an zehn Mühlenstandorten vorbei. Ausblicke, Rastmöglichkeiten, Schönheit der bergischen Natur und Kultur, auch neuere Errungenschaften Kürtens wie der Golfplatz oder das Splash-Bad hat er am Wegesrand berücksichtigt.
Allein auf's Gucken verließ sich Stahlke bei seinen Erkundungen nicht. Er klingelte an Türen, sprach mit Anwohnern und alteingesessenen Kürtenern, fand historische Dokumente. Was er dabei erfuhr, wird in eine ausführliche Broschüre einfließen, die dem Wanderer neben schönen Ausblicken und dem rechten Weg auch einen ansehnlichen Wissenszuwachs in Sachen Geschichte beschert.
Von der noch gut erhaltenen Junkermühle, in der Pulver gemahlen wurde, geht der Weg zunächst über Dörpe ins Olpetal zu Schultheismühle, Olper und Bücheler Mühle. Wegekreuze und die Reste eines alten Backes erzählen von früheren Bewohnern. Der heutige Bewohner der Olper Mühle gab Rainer Stahlke einen unerwarteten Einblick in sein Haus und die Vergangenheit der Mühle. Nicht nur das alte Mühlrad ist noch im
Inneren des Hauses erhalten, sondern auch Bilder und Dokumente wie das alte „Hausbuch", dessen erster Eintrag von 1831 stammt. „Das war schon doppelte Buchführung", sagt Stahlke, „mit Talern, Silbergroschen und Stübern."
Von der Bücheler Mühle hingegen ist so gut wie nichts bekannt. Schon auf einem Foto von 1937 ist nur eine Ruine zu sehen. Danach wurde ein Ferienhaus darüber gebaut. Wegen der Alleinlage vermutet Stahlke den Betrieb als Knochenmühle. Pulver- wie Knochenmühlen lagen meist außerhalb der Siedlungen – die eine wegen der Explosionsgefahr, die andere wegen des Gestanks. Knochenmühlen waren im Bergischen Land weit verbreitet. „Die Menschen kamen von weit her, manchmal drei Wochen mit dem Pferdewagen", erzählt Stahlke. „Knochen enthalten Kalzium und Phosphor–das war der beste Dünger, den es gab." Statt der Bücheler Mühle sieht der Wanderer immerhin mit dem Bücheler Hof das älteste Fachwerkhaus Kürtens.
Die Hermannsquelle ist zwar keine Mühle, hat aber dennoch eine interessante Geschichte neuerer. Zeit zu erzählen. Während eines Wassernotstands in den 70er Jahren fand hier ein Wünschelrutengänger Wasserreserven in fünf Metern Tiefe. Die Anwohner bauten ein Haus drumherum, feierten ein Fest und sorgten mit ihrer eigenen Pumpenanlage für die private Wasserversorgung.
Weiter geht's auf dem Mühlenweg, denn in Kürten wurde noch viel mehr gemahlen. In der Waldmühle zum Beispiel, die wohl eher eine Walkmühle war, in der Tuch verarbeitet wurde. Oder die Lohrmühle, die ihren Namen von der „Lohe", der Eichenrinde, erhielt, die für Gerbereien gestampft wurde. Auf einer Karte von 1824 hat Rainer Stahlke die Lohrmühle entdeckt, in der Natur gefunden hat er -sie nicht mehr. Was er jedoch mehrfach gefunden hat, sind Hinweise auf die Abstimmung zwischen zwei Mühlen, die am gleichen Siefen lagen. Nur wenn die obere mahlte, konnte auch die untere mahlen. Das Bild der ständig klappernden Mühle zerstört Stahlke. „Zum Antrieb musste das Was-ser gestaut werden. Der Bach rauschte nicht die ganze Zeit", erklärt er.
Rainer Stahlke hat das ein oder andere verborgene Mühlenschätzchen geborgen. Nur selten wurde sein Anliegen blockiert. Ein abge sägter Steg über den Bach oder ei. mit Weidedraht versperrter Weg ließ ihn nach Alternativen suchen Ein Spaziergang ist die Tour den noch nicht. „Mit Kinderwagen unc Stöckelschuhen geht das nicht" sagt er. „Wir sind hier im Bergischen, da gibt es Siefen und da gibt es auch Matsch." Zur Entschädigung bietet die letzte Mühle der Tour, die Ahlenbacher Mühle, ein Restaurant.
Frühestens im Herbst wird der Mühlen-Wanderweg der Öffentlichkeit vorgestellt werden. „Format und Vermarktung stehen noch nicht fest", sagt Stahlke, der das Projekt am liebsten mit dem Geschichtsverein realisieren will. Auch andere haben bereits Unterstützung angeboten. Ein Logo gibt es schon: Stahlkes älteste Tochter, die Kunststudentin Claudia Mertens, entwarf es mit fünf Wellen –Symbole für die, fünf Kürtener Flüsse Sülz, Scherf, Dhünn, Dürsch und Olpebach, an denen jahrhundertelang die Mühlräder liefen, die es nicht verdient haben, vergessen zu werden.

Das Straßenschild verrät auch den Namen des Gebäudes: Die Olper Mühle liegt am neuen Mühlen-Wanderweg.    BILDER. CHRISTOPHER ARLINCHLIS

Rainer Stahlke (r.) und Mühlenbewohner Werner Häck vor einem der Mühlsteine, die an der Olper Mühle in den Hang eingelassen sind.

Quelle: 
KStA-20120302