Ein Fachwerkhaus mit bewegter Vergangenheit


Zeitzeugeb aus Stein - Baudenkmäler in Bergisch Gladbach

Ein Fachwerkhaus mit bewegter Vergangenheit
SERIE Die alte Poststation stand nicht immer am Reiser

VON STEPHANIE PEINE
Bergisch Gladbach. Das alte Fachwerkhaus am Reiser hat eine bewegte Vergangenheit. Und das durchaus im buchstäblichen Sinn. Denn nicht immer befand sich das seit 2007 unter Denkmalschutz stehende Gebäude unweit der Kaule. Sein erstes Leben spielte sich im Schatten des Bensberger Schlosses ab. An der Ecke Haupt-und Schlossstraße diente es lange als Poststation. In dieser sogenannten „Alten Post" wurde auch eine Gastwirtschaft für die Reisenden betrieben, außerdem war hier einige Jahre lang auch das Bürgermeisteramt untergebracht. Das Postamt bezog noch vor 1775 ein größeres Gebäude an der Schlossstraße, der alte Dienstsitz blieb aber weiterhin im Besitz der Posthalterfamilie Vierkotten.
Durch Einheirat in den Besitz des Hauses gelangt, ließ Hugo Mund die Alte Post abfragen und auf das ebenfalls in Familienbesitz befindliche Grundstück des Hofgutes Broichen versetzen, dem heutigen Standort des Hauses. Dabei wurde das Haus, das vermutlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, geringfügig nach dem Geschmack der Zeit verändert. Der Eigentümer Hugo Mund war in Bensberg kein Unbekannter: Von 1866 bis 1882 Mitglied des Bensberger Gemeinderates, fungierte er ab 1868 für sechs Jahre als liberaler Kreistagsabgeordneter und war kurze Zeit als Verwaltungsrat im Provinzialausschuss tätig.
1882 starb Mund, sechs Wochen nachdem er zum Bensberger Bürgermeister bestimmt worden war. Die erste Nutzung des Hauses als Post und Gaststätte hat bis heute noch positive Auswirkungen für die derzeitigen Eigentümer. Als die aktuellen Besitzer im Jahr 2005 ein Haus suchten, kam für sie eigentlich nur ein Gebäude aus den zwanziger Jahren in Frage –wegen der hohen Zimmerdecken. Fachwerkhäuser, das waren für sie bis dahin kleine verwinkelte Bauten mit niedrigen Stuben, ungeeignet für hochgewachsene Menschen. Zudem wirkte das Haus an der Straße Reiser auf sie zunächst dunkel und verlassen „Als der Makler dann aber die Fensterläden öffnete, war die Entscheidung gefallen", erinnert sich der neue Eigentümer zurück.. Denn der alte Gastraum war hell und hoch. Dass das Gebäude kurz darauf unter Denkmalschutz gestellt wurde, hat das Ehepaar selbst betrieben. „Wir hängen hier wirklich an jedem Nagel", so der neue Nutzer über sein Verhältnis zum Haus.
Weil die Familie in den folgenden Jahren wuchs, wurde in diesem Jahr mit dem Segen der Unteren Denkmalbehörde ein Anbau errichtet an das denkmalgeschützte Haus. Einzige Auflage der Behörde: Der neue Hausteil sollte sich stilistisch deutlich vom alten Objekt absetzen. Und so fügt sich jetzt ein modernes Gebäude mit großen gläsernen Schiebewänden, die sich zum malerischen Bauerngarten hin öffnen, harmonisch in die historische Anlage ein.

Altbau mit Anbau: Die Denkmalbehörde segnete das Bauvorhaben ab.
BILD: CHRISTOPHER ARLINGHAUS

 

Die Serie
Sie sind Zeugen der Vergangenheit, haben je nach Baujahr Kriegs- und Friedenszeiten erlebt, Seuchen und Hungersnöte, Brände und Unwetter überstanden. An manchen hat der Zahn der Zeit unübersehbar seine Spuren hinterlassen, manche wurden mit neuem Leben erfüllt und in den vergangenen Jahren liebevoll restauriert, für manche ist die Zukunft ungewiss. Mehr als 180 Objekte zählt die Denkmalliste der Stadt. Einige dieser geschützten Denkmale will diese Serie vorstellen. (spe)

Quelle: 
KStA-20111215