Noch ein Ende der Nachkriegszeit


Noch ein Ende der Nachkriegszeit
Acht Häuser der Siedlung Reiser/Mondsröttchen werden jetzt abgebrochen

Von GISBERT FRANKEN
BENSBERG. Auf den ersten Blick wirken sie fast ein wenig idyllisch - gewiss, schwer heruntergekommen, aber doch putzig wie kleine Hexenhäuschen. Doch unter den roten Ziegeldächern und hinter den verwitterten Schlagläden sieht es sehr gammelig und bis in den Kern marode aus.
Einige der sieben alten Doppelhäuser der Siedlung Im Mondsröttchen und Reiser stehen seit Jahren .leer, eines schon seit 2000. Für diese Woche ist das Abrisskommando angekündigt. Acht der 14 Wohnungen sollen dem Bagger überantwortet werden, die Baugrundstücke werden auf der städtischen Internetseite bereits zum Verkauf angeboten.
Die Bewohner sind verstorben, andere sind weggezogen und die Stadt hat sich als Eigentümer jeder Neuvermietung widersetzt. Seit 1972, noch in Zeiten der Alt-Bensberger Verwaltung, will die Kommune die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der so genannten „schlächte Zick" errichteten Schlichtbauten loswerden. Damals hatten sich die 33 Bewohner hinter Willi Eckenroth (heute 80) zusammen geschart wie ein Mann und Politik und Verwaltung die Stirn geboten. Zeitungen und Fernsehen berichteten, Kirchen und Parteien nahmen Stellung, und das damals noch Unerhörte geschah: Das Rathaus wich vor den in der Nachbargemeinschaft Reiser/Mondsröttchen organisierten Bürgern zurück und räumte ihnen ein lebenslanges Wohnrecht ein. „Es gab dannim Laufe der Jahre noch dreimal Versuche uns umzustimmen", erinnert sich Willi Eckenroth, der heute mit seiner Frau im Dechant-BergerHaus lebt. „Sonst hat uns die Stadt dann weitgehend in Ruhe gelassen, aber auch keinen Pfifferling mehr in die Häuser investiert. Es war jedesmal ein Kampf, wenn eine Reparatur fällig war. Und Modernisierungen haben die Bewohner, soweit sie erfolgt sind, selbst getragen."
Die Stadt war nicht bereit für den Erhalt der äußerst dürftigen Bausubstanz Geld auszugeben: Die 14 Doppelhaushälften wurden 1946/47 „in einfacher Bauweise" auf von der Familie Offermann zur Verfügung gestelltem Land errichtet, um Menschen unterzubringen, deren Wohnhäuser durch die belgische Besatzungsmacht beschlagnahmt worden waren. „Die Keller waren solide gebaut, doch darauf stand ein Bauwerk in Leichtbauweise", so.Eckenroth: Innen Holzplatten, außen Gipsplatten, dazwischen Glaswatte. „Und die ist im Laufe der Jahre heruntergerutscht, so dass die Isolierung auch eine Katastrophe war." Was wie echte Häuser aussah, waren eigentlich optisch nett aufgemachte Baracken. „Im Paterre waren drei Zimmer, im Dachgeschoss eine Einliegerwohnung mit zwei Zimmern, das Klosett für beide Parteien befand sich im Erdgeschoss."
Was Eckenroth ärgert: Die Stadt hat jeden Versuch der Mieter abgeblockt, ihr die Häuser abzukaufen. „Wir haben auch mal überlegt, ob wir Denkmalschutz beantragensollen, aber es dann wegen der hohen Auflagen aufgegeben." Eckenroth hat insgesamt 42 Jahre im Haus Reiser 24 verbracht. Der große schöne Garten war ein Plus. 2007 folgte der Auszug. „Bei der Stadt konnten die kaum glauben, dass wir freiwillig gekündigt haben." Reiser 24 soll jetzt als erstes abgebrochen werden.
Sechs der „Behelfswohnungen für Besatzungsverdrängte" sind noch bewohnt. „Für die tut es mir leid", sagt Eckenroth. „Es war all die Jahrzehnte eine tolle Nachbarschaft da."

Die Stadt hat lange gewartet, doch die Zeit hat für sie gearbeitet Die Schlichthäuser für Besatzungsverdrängte sind abbruchreif. (Foto: Daub)

Quelle: 
BLZ-20111006-s41