Nur knapp vor dem Abbruch bewahrt


Nur knapp vor dem Abbruch bewahrt
DENKMÄLER Haus an der Hauptstraße sollte eigentlich einer großzügigeren Verkehrsplanung weichen

VON STEPHANIE PEINE
Bergisch Gladbach. Historisches Fachwerkgebäude contra Autoverkehr – man ahnt, wie das gewöhnlich ausgeht. Wo der Verkehr zügig fließen soll, steht ein altes Haus oft nur im Weg und macht schnell Bekanntschaft mit der Abrissbirne. Im Fall des Fachwerkhauses an der Hauptstraße 303, vis ä vis vom Stadtarchiv, endete der Konflikt anders. Hier gewann das Haus, beziehungsweise seine Eigentümerin Friederike Naroska die Auseinandersetzung. Gegen den jahrelangen Widerstand der Stadt wurde das Gebäude vor wenigen Wochen endlich in die Denkmalliste aufgenommen und gilt somit offiziell als schutzwürdig.
Auf einer alten Karte aus dem Jahr 1825 ist das Fachwerkhans, dessen Garten bis zur Strunde hinunter reicht, bereits verzeichnet –an der damals noch idyllischen Landstraße von Gladbach nach Herrenstrunden gelegen. Das ursprünglich wohl auch landwirtschaftlich genutzte Gebäude wurde um 1850 von der Familie Löhe käuflich erworben, Vorfahren von Friederike Naroska, die in diesem Haus geboren und aufgewachsen ist. „Es war immer ein Mehrgenerationenhaus mit bewegter Geschichte", erzählt die Besitzerin. Der dramatischste Vorfall ereignete sich 1950. Damals starb der Großonkel von Friederike Naroska, der im Ladenlokal im Erdgeschoss ein Textilgeschäft führte, an einer Gasvergiftung, seine Frau überlebte nur knapp. „Die beiden schliefen im Erdgeschoss und wurden eines Morgens nicht mehr wach", so Naroska.
Im Haus roch es nach Gas, und so fand man schnell den Auslöser der Tragödie: „Vor dem Krieg stand eine Gaslampe vor dem Haus", erzählt die Diplom-Biologin. Die Lampe war zwar zwischenzeitlich abgebaut, das Gasrohr aber im Boden zurückgelassen worden. Ein Leck im Rohr ließ das Gas durch das Fachwerk ins Haus strömen und in den Schlafraum eindringen. „Meine Tante überlebte nur, weil sie näher am zugigen Fenster lag", glaubt Friederike Naroska.
In den folgenden Jahren sah das Haus viele Mieter. Das Textilgeschäft wurde aufgegeben und ein Orthopädie- und Miederwarengeschäft zog ein, ebenso wie ein Drogist, und auch ein Zahnarzt hatte hier seine Praxis und sein Labor. Später eröffnete ein Dekorationsladen und auch eine Ballettschule ließ sich nieder. „Die zog später weg, weil die Hebefiguren in den niedrigen Räumen schwierig waren", sagt Friederike Naroska lächelnd. Das Haus ist weitgehend im Originalzustand erhalten. „Vielleicht ist es sentimental, aber ich wollte schon als Kind, dass hier alles so bleibt, wie es ist", sagt sie, die bereits mit zwölf Jahren zur Hausbesitzerin wurde, weil ihr Vater früh verstarb. Dieser Originalzustand veranlasste das Rheinische Amt für Denkmalpflege bereits 2009, bei der Stadt Bergisch Gladbach als der Unteren Denkmalbehörde die Eintragung des Gebäudes in die Denkmalliste zu beantragen.
Für die Erhaltung sprächen bau-und ortsgeschichtliche sowie volkskundliche Gründe, heißt es in der Begründung zum Denkmalwert. Die Fachwerkkonstruktion sei großteils unverändert erhalten, Konstruktion, Erscheinung und Zweckbestimmung für Wohnen, Landwirtschaft sowie Kleingewerbe typisch für die Entwicklung der Region. Schließlich: „Bauanlagen wie diese bestimmten das historische Ortsbild Gladbachs."
Das historische Ortsbild kümmerte die Stadt allerdings zunächst wenig. „Es war ein zwei Jahre langer Kampf mit der Stadt, bis das Haus endlich in die Denkmalliste aufgenommen wurde", so Friederike Naroska. „Das Haus sollte der Verkehrsführung weichen", bestätigt Martin Rölen, Pressesprecher der Stadt. Das Nadelöhr kurz vor der Innenstadt sollte durch Abriss des die Straße verengenden Hauses entschärft und ein zusätzlicher Radweg angelegt werden. „Die Stadt verzichtet nicht leichtfertig auf Denkmäler", wies Rölen Kritik zurück. Inzwischen habe die Stadtverwaltung ihren Frieden mit der Eigentümerin gemacht und hoffe darauf, den Radweg direkt an der Strunde anlegen zu können. Einziger Haken: Dafür müsste Friederike Naroska ein Stück ihres Gartens abtreten.

Auch ein Ladenlokal befand sich in früheren Zeiten in dem Haus (l.). Eigentümerin Friederike Naroska setzte den Denkmalschutz durch.

Schiefer bedeckt die Fassade des Hauses an der Hauptstraße. Die Besitzerin rettete es vor dem Abbruch.    BILDER: CHRISTOPHER ARLINCHAUS

Quelle: 
KStA-20120111