Wald-Meister: Mit dem Förster unterwegs - Kleiner Bach mit großem Artenreichtum


Kleiner Bach mit großem Artenreichtum
NATUR Das Eifgental mit seinen steilen Hängen hat kaum Ansiedelungen und wurde wirtschaftlich wenig genutzt

VON ELMAR MAI
Bergisches Land. Die tiefstehende Frühwintersonne spiegelt sich gleißend im Wasser des Eifgenbaches. „Es ist eines der saubersten und unverbautesten Gewässer in ganz NRW", sagt Klaus-Dieter Wegner, det zuständige Revierförster des Stadtwaldes von Wermelskirchen, voller Stolz. „Es besitzt Gewässergüte eins und es besteht berechtigte Hoffnung, dass hier bald wieder der ausgestorben geglaubte Rheinlachs laichen wird." Die Begeisterung des 58jährigen Forstmannes sprudelt angesichts der positiven Aussichten so lebendig aus ihm heraus wie das Wasser aus der Quelle des Eifgen.
Seit 21 Jahren ist Klaus-Dieter Wegner für den Stadtforst Wermelskirchen zuständig, der 2004 zusammen mit den Seitentälern zum Naturschutz- und FFH-Gebiet — ein europäisches Schutzgebiet nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie — erklärt wurde. Der etwa 20 Kilometer lange Eifgenbach beherbergt eine Fülle von seltenen und äußerst gefährdeten Fließwasserorganismen.
Neben einer Vielzahl von Kleinstlebewesen wie Bachfloh-krebsen und Maifliegen sind auch Bestrebungen im Gange, den Edelkrebs wieder anzusiedeln. Die Meerforelle steigt bereits wieder zum Laichen vom Rhein her auf und das Wiederansiedelungsprogramm des Atlantischen Lachses („Rheinlachs") scheint ebenfalls von Erfolg gekrönt zu sein. Die Briitlinge wurden hier vor Kurzem eingesetzt und die Jährlinge wanderten dann ab. Sie kommen erst nach mehreren Jahren wieder zum Laichen zurück, wenn sie erwachsen und fortpflanzungsfähig sind. „Das ist eine ganz dolle Sache" , freut sich Wegner „Alle diese Arten können nur in den saubersten Gewässern leben, und auch die seltene Wasseramsel und der Eisvogel kommen hier flächendeckend vor."
Die Gebirgs-Bachstelze lässt sich zumindest als Gast während des Zuges blicken und im Sommer fliegen Mengen von Wasserfledermäusen über den Eifgenbach, auf der nächtlichen Jagd nach Wasserinsekten oder auf ihrem Weg zu den Tagesverstecken in alten Bäumen oder in Felsspalten. „In der Morgendämmerung, wenn sie heimkehren, schwirrt das hier nur so", sagt Wegner. Fast alle Arten von Lurchen, Kröten oder Eidechsen, etwa Smaragdeidechsen und Blindschleichen, wurden im Eifgenbachtal nachgewiesen sowie seltene Insekten wie Hirsch- und Nashornkäfer und jede Menge Nachtfalter.
„Diese unglaubliche Fülle an seltenen Arten ist natürlich nicht zufällig", erklärt der erfahrene Forstmann, „das hat historische Hintergründe." Das Eifgental ist tief in die bergische Landschaft eingeschnitten, mit steilen Hängen und einer kaum besonnten und schmalen Bachaue, die in WestOst-Richtung verläuft. Das hat das Interesse an einer Nutzung stark geschmälert. Außer einigen Mühlen, die seit dem Mittelalter als Getreidemühlen betrieben wurden, gab es hier kaum Ansiedelungen. Vier Mühlen stehen heute noch, alle restauriert. „Hier gibt es insgesamt nur 13 bewohnte Gebäude bis zum Stadtrand Wermelskirchen" , merkt Wegner an und erklärt, dass diese Gegend wegen der Schwierigkeiten des Geländes schon immer nur extensiv genutzt worden sei. Keine Güllewirtschaft oder andere intensive Kulturen, kaum Weidewirtschaft in der engen Bachaue beeinträchtigen die Wasserqualität. Eine moderne Kläranlage in Wermelskirchen, die auch Straßenabwässer der Umgebung aufbereitet, verhindert zusätzlich und weiträumig schädliche Einflüsse auf das Wasser.
Angesichts der Steillagen wurde auch der Wald weitestgehend geschont. „Hier stehen Waldbilder,wie sie schon vor 3000 Jahren typisch waren", freut sich der Forstmann „Es sind typische Hainsimsen-Buchenwälder." Erst zur Preußenzeit begannen die damaligen Förster, an einigen Stellen, Fichten anzubauen. „Dunkelmänner: Fichten, Fichten und nochmals Fichten", sagt Wegner schmunzelnd. Das hatte aber die traurige Folge, dass Stürme wie Wiebke, Kyrill, Lothar und wie sie alle hießen, große Nadelholzparzellen als nicht standortgemäße Flachwurzler auf ganz natürliche Weise eliminiert haben. „Es macht doch wenig Sinn, Bäume anzupflanzen, die verloren gehen, bevor sie hiebreif sind", sagt Wegner nachdenklich und fügt hinzu: „Von den dicken Lagen unverrottetem Rohhumus ganz zu schweigen. Der versauert nur die Gewässer."
Das Eifgental ist etwa 700 Hektar groß und zu 90 Prozent bewaldet. Davon sind etwa 50 Prozent Privatwald, zehn Prozent in Staatsbesitz und 40 Prozent gehören der Stadt. Letztere werden von Klaus-Dieter Wegner betreut. Und während es vor 30 Jahren noch 50 Prozent Nadelwald und 50 Prozent Laubwald waren, ist der Laubholzanteil heute bereits auf 70 Prozent angestiegen. Es hat ein Umdenken eingesetzt: „Heute ist hier kein Wirtschaftswald mehr, sondern Natur."
So mag sich mancher Wanderer wundern, dass er auf große Windwurfparzellen stößt, die sich selbst überlassen sind und vor sich hin-rotten. Aber Totholz ist Lebensraum für viele bedrohte Tierarten. Selbst alte, abgestorbene Eichen und Buchen werden heute stehen oder liegen gelassen. Sie dienen Insekten als Nahrung, die wiederum von Spechten und anderen Insektenfressern geschätzt werden. Diese Nahrungskette begünstigt den seltenen Schwarzspecht, der mit seinem melancholischen und langgezogenen Gesang allenthalben zu hören ist. Die toten Bäume werden auch gleich als Wohnraum genutzt und die gezimmerten Höhlen dienen später Käuzen oder Fledermäusen als Behausung.
So greift eines ins andere. Selbst kräftige und kerngesunde Eichen und Buchen bleiben an den Steilhängen stehen: „Die ernten wir nicht, die Kosten wären viele höher als der Ertrag. Da schützt die Topographie den Wald." Die Tierwelt freut sich. Große Maschinen sind heute passe, die Schäden im Naturschutzgebiet wären viel zu groß. Daher findet im gesamten Naturschutzgebiet nur noch Einzelstammnutzung statt. „Und selbst Rückepferde", merkt Weg-ner an, „erzeugen ja Schäden. Da muss der Pferdeführer schon viel Fingerspitzengefühl mitbringen."
Jeder Satz beinhaltet auch nach 33 Dienstjahren noch Herzblut. Man merkt Wegner an, dass er als gebürtiger Odenthaler eine innige Beziehung zur Natur des Bergischen Landes aufgebaut hat. Daher wird er wehmütig, wenn er an die Bachaue denkt. Leider wachsen hier mittlerweile so genannte Neophyten, also Pflanzen, die aus fernen Ländern eingeschleppt wurden. Das Indische Springkraut etwa, auch Drüsiges Springkraut genannt, ist fast bestandsbildend. „Es sieht zwar schön aus, wenn die Ufer im Spätsommer rosa blühen, aber diese Pflanze verdrängt die gesamte heimische Flora und unterdrückt sogar die Naturverjüngung." Auch Riesenbärenklau oder Staudenknöterich machen ihm zu schaffen.
Weniger Probleme hat er mit den Besuchern. Die Wege sind so geführt, dass sie immer auf der Grenze des Naturschutzgebietes liegen. „Die Besucher sind in aller Regel so vernünftig, dass sie diese Wege nicht verlassen und selbst ihren Müll mitnehmen", so Wegner. „Es ist sogar so, dass sich Patenschaften gebildet haben, bei denen Bürger ehrenamtlich bei der Beseitigung von Neophyten mithelfen. Davon könnte ich Hunderte gebrauchen, so groß ist das Problem."
www.ksta.de/rbo-waldmeister

Viele Wanderwege
Das Eifgental ist von der Quelle bis zur Mündung mit Wanderwegen durchzogen, die eine gewisse Geländegängigkeit erfordern. Alle Wege laufen am Rand des Naturschutzgebietes und des angrenzenden Landschaftsschutzgebietes entlang. Wie in allen Naturschutzgebieten herrscht für Hunde Leinenzwang. Der Sauerländische Gebirgsverein sowie drei Verkehrs- und Verschönerungsvereine beteiligen sich aktiv an der Gestaltung des Wegenetzes. Das Eifgental ist sogar Teil eines jakobsweges, der von Westfalen Lippe bis nach Santiago de Compostela in Spanien führt. (Mai)

Der etwa 20 Kilometer lange Eifgenbach beherbergt eine Fülle von seltenen und äußerst gefährdeten Fließwasserorganismen.

Im Eifgental wird Totholz auf vielen Parzellen sich selbst überlassen und bietet Lebensraum für viele bedrohte Tierarten.   

Förster Klaus-Dieter Wegner hat in 33 Dienstjahren eine innige Beziehung zur Natur des Bergischen Landes aufgebaut.    BILDER:ROLAND U. NEUMANN

Quelle: 
KStA-20111122-s40