Zeitzeugen aus Stein - Baudenkmäler in Bergisch Gladbach: „Jede Ecke ist eine Wundertüte”


Zeitzeugen aus Stein - Baudenkmäler in Bergisch Gladbach
„Jede Ecke ist eine Wundertüte”
MALERWINKEL Unterhalb der Bensberger Burg steht ein ganzes Ensemble aus denkmalgeschützten Fachwerkhäusern

VON STEPHANIE PEINE
Bergisch Gladbach. Wer heute das romantische Hotel Malerwinkel unterhalb des Bensberger Rathauses betritt, der käme kaum darauf, dass hier noch vor etwas mehr als 20 Jahren zwei Fachwerkruinen standen, die die Stadt dringend loswerden wollte. Als Käufer des maroden, aber unter Denkmalschutz stehenden Gemäuers trat Hans Krämer auf den Plan, der nicht nur Maurermeister und Bauunternehmer ist, sondern auch ein Faible für historische Bauten hat. Er entkernte die baufälligen Häuser vollständig, legte das Ständer-werk frei und ersetzte die teilweise verfaulten Balken. „Das ganze Hausgerüst stand nur noch auf kleinen Stippen, so dass meine Frau Angst hatte, es könnte umfallen", erinnert sich Hans Krämer lächelnd.
Doch das Haus erwies sich als standhaft und nach kaum einjähriger Bauzeit als architektonisches Schmuckstück, in dem Renate Krämer-Thurau und Hans Krämer zunächst ein Hotel garni mit elf Zimmern eröffneten. Doch die beiden Häuser an der Fischbachstraße sollten nur die Keimzelle für ein ganzes Häuserensemble werden, das heute das Hotel Malerwinkel mit 35 Gästezimmern bildet. So kamen bald drei kleine Fachwerkhäuser am Burggraben hinzu.
Die Häuser des Hotels waren Teil der Bensberger Freiheit rund um die alte Burg. Um das Jahr 1450, so ist in einer kleinen Publikation des Bergischen Geschichtsvereins nachzulesen, umfasste die Freiheit 40 Wohnhäuser mit rund 200 Einwohnern. Diese waren zum Burgdienst verpflichtet, waren im Gegenzug aber vom Schutzgeld (einer Art Grundsteuer), ebenso von Fruchtrenten und Pachtgeldern befreit. Die Häuser Fischbachstraße 3-5 erhielten ihren Namen von einem Wasserlauf, der auch den Graben des Alten Schlosses speiste. 1780 wird hier ein zweigeschossiges Fachwerkhaus urkundlich erwähnt.
Das Haus nebenan bewohnte der Pottaschsieder und Blaufärber Theodor Heidkamp. 1927 wird der Tuchhändler Wilhelm Offermann, Vater des Firmengründers der Gerberei Offermann, als Eigentümer genannt.
Die Renovierung der alten Häuser brachte manche Überraschung an den Tag. „Jede Ecke ist eine Wundertüte", freut sich Krämer. So stießen die Arbeiter bei Umbauten auf einen alten Gewölbekeller, der bis unter das Nachbarhaus reichte und mit Schutt angefüllt war. „Den haben die Pfadfinder mit einer langen Menschenkette Eimer für Eimer da rausgeholt", erzählt Krämer. Der geteilte Keller war dann ein wichtiges Argument, auch noch das Nachbarhaus hinzuzukaufen. Bei anderen Arbeiten stießen die Handwerker auf einen alten Brunnen, der in neun Meter Tiefe Wasser führte. „Wie tief er wirklich ist, wissen wir nicht", so der Eigentümer.
Haus am Kran
1996 kaufte das Ehepaar die alte Bensberger Musikschule hinzu. Da man das Gebäude unterkellern wollte, hängte man das entkernte elf Tonnen schwere Fachwerkgerippe kurzerhand an einen gewaltigen Kran und „parkte" es für die Zeit der Kellerausschachtungen in der Nachbarschaft. „Dafür wollte die Stadt zunächst 500 Mark Parkgebühr", erzählt Krämer lachend. Am Ende verzichtete die Stadt wegen der spektakulären Aktion, die überregional Schlagzeilen gemacht hatte, auf das Geld.
2005 kam noch ein in Bruchstein errichteter Neubau hinzu, der im Keller modernste Technik aufnahm. Hier steht ein kleines Blockheizkraftwerk, das die Energieversorgung des gesamten Objektes übernimmt. „Alte Gebäude und moderne Technik schließen sich nicht aus", sagt Renate Krämer-Thurau. So wie auch in Abstimmung mit der Denkmalbehörde ein moderner Wintergarten errichtet werden konnte, der die alten Fachwerkhäuser harmonisch miteinander verbindet. „Hier sollte bewusst ein Bruch zwischen alt und neu entstehen", erinnert sich Hans Krämer an die Wünsche der Denkmalpfleger.
Höhere Kosten
Das charmante Fachwerkensemble bringe aber auch Nachteile mit sich, so Mitarbeiterin Stefanie Winkel. So seien etwa die Brandschutzauflagen schwieriger umzusetzen als bei einem Neubau. Generell seien die Bewirtschaftungskosten höher als in einem Standardbau mit rechten Winkeln. „Meine Frau hat am Anfang gesagt: ,Da werden wir nie im Leben eine Mark rausholen'', so Hans Krämer. Doch das Abenteuer Altbaurenovierung würden sie immer wieder anpacken. Krämer: „Man muss schon viel Herzblut mitbringen und auch ein bisschen verrückt sein."
Am Sonntag, 29. Januar, lädt das Hotel Malerwinkel, von 14 bis 18 Uhr zu einem Tag der offenen Tür. Gefeiert wird das 20jährige Bestehen des Hotels – und damit auch die Rettung der alten Fachwerkhäuser.

Bewusster Bruch: Ein moderner Wintergarten verbindet zwei historische Fachwerkgebäude.  BILDER: ROLAND U. NEUMANN

Wie tief der Brunnen wirklich ist, wissen auch die Besitzer nicht.

Zeugen der Vergangenheit
Sie sind Zeugen der Vergangenheit, haben je nach Baujahr Kriegs- und Friedenszeiten erlebt, Seuchen und Hungersnöte, Brände und Unwetter überstanden. An manchen hat der Zahn der Zeit unübersehbar seine Spuren hinterlassen, manche wurden mit neuem Leben erfüllt und liebevoll restauriert, für manche ist die Zukunft ungewiss.
Mehr als 180 Objekte zählt die Denkmalliste der Stadt. Kirchen und Wegekreuze ebenso wie Industriebauten und Wohnhäuser. Einige dieser Denkmale will diese Serie vorstellen. (spe)

 

Quelle: 
KStA-20111209-s33
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 30.8.2011