Das Besatzungsregiment in Bensberg


Das Besatzungsregiment in Bensberg
Von unserem I. Kr. - Volkskorrespondenten

Wohl kein Ort im Kölner Raum ist durch die Besatzung derart in Anspruch genommen worden als Bensberg. Abgesehen davon, daß große Teile der Gemeinde, die Ortschaften U.-Eschbach und Immekeppel im Sülztal, ferner Herkenrath und Dürscheid von der Besatzung frei sind, müssen die Verhältnisse Bensberg und Refrath als eine schwere Besatzung für die Bevölkerung bezeichnet werden.
Da ist zuerst das Bensberger Schloß mit seinen 300 großen Zimmern und Sälen. In demselben haben früher viele hundert Personen ihre Wohnung gehabt. Heute ist dieses Schloß eine Kaserne der belgischen Besatzung. Darüber hinaus sind in Bensberg und Refrath 262 Wohnungen mit 1200 Wohnräumen für die Besatzung beschlagnahmt worden, deren Bewohner anderweitig untergebracht werden mußten.
Wenn da von einer behelfsmäßigen Unterbringung gesprochen wird, kann an Stelle von behelfsmäßig ebensogut menschenunwürdig gesagt werden. Ferner wurde in Bensberg eine Volksschule von 10 Klassen beschlagnahmt. Dort wurde eine Kantine eingerichtet. Von einem geordneten Schulbetrieb kann keine Rede sein. Von Zeit zu Zeit werden von den Besatzungstruppen ganze Wagenladungen zerbrochener Stühle, Tische und Schränke bei der Stadtverwaltung abgeliefert, die nicht mehr repariert werden können und nur noch Heizwert haben.

Unermeßlicher Schaden
In drei Großwohnungen wird der so entstandene Schaden mit 153000 DM, der Gesamtschaden an Wohnungseinrichtungen, Antiquitäten, Seltenheit stücken und Kunstwerken auf 10 Millionen DM geschätzt. In einem Falle wurde kleinen Leuten ihr Wohnhaus beschlagnahmt. Die Frau war schwer herzkrank. Durch die vielen Umquartierungen, die schnell nacheinander erfolgten, hatte sich ihr Zustand bedeutend verschlimmert und ist sie schon vor einiger Zeit ihrem Leiden erlegen.
Das Filmtheater ist teilbeschlagnahmt. Für Abendveranstaltungen fällt es für die Bevölkerung aus. Für größere Veranstaltungen steht kein einziger Saal zur Verfügung. Früher konnten die Sportvereine die Turnhalle und die Bevölkerung die Schloßbadeanstalt benutzen. Beides ist heute unmöglich. Das schön gelegene Waldstadion im Milchborntal ist ebenfalls von der Besatzung beschlagnahmt.
19 gewerbliche Betriebe wurden entweder beschlagnahmt oder verlagerten sich aus Angst vor Beschlagnahme in andere Gemeinden. Unter den beschlagnahmten Betrieben befinden sich eine Möbelwerkstätte, ein großes Lebensmittelgeschäft, ein Schreibwarengeschäft, eine Gaststätte, ein großes Hotel mit zwei Sälen, eine Tankstelle, sieben Großhandlungen, zwei Textilfirmen, zwei Architekturbüros, ein Dachdeckergeschäft und ein wissenschaftliches Institut. Der Ausfall an Gewerbe- und Lohnsummensteuer beträgt jährlich 24500 DM.
Zusammenfassend kann der Ausfall an Steuern, Schulgeld, zusätzlichen Personalkosten, der Aufrichtung von Notwohnungen, Ausweichbauten, Straßen- und Kanalbauten und bauliche Instandsetzungskosten insgesamt mit 299724 DM beziffert werden. Wahrlich eine Summe, die den Haushalt einer kleinen Stadt aus den Fugen bringen kann.
Eine Reihe anderer Schäden, heißt es da, die durch das Militär entstanden sind (z. B. die Zertrümmerung von 70 Straßenlaternen, unbezahltes Entnehmen von Wasser usw., mutwilliges Ausreißen von 60 jungen Lindenbäumen) werden beziffert auf 12357 DM. Vorstehendes Zahlenmaterial ist der Denkschrift des Bensberger Stadtdirektors entnommen.
Bensberg als Besatzungsstadt
Noch eine Bemerkung zu dieser Denkschrift zum Abschluß. Es heißt an einer Stelle: „Auf die Dauer wird eine politische Radikalisierung nicht zu verhindern sein." Das heißt den Teufel an die Wand malen. Die Rechtsradikalen haben wohl ihren Platz in der CDU. Die Gefahr, daß die drei Vorgenannten, die Schäden an ihrer Wohnungseinrichtung in Höhe von 153 000 DM angeben, nach links abwandern, scheint wirklich nicht sehr groß zu sein. Größer aber ist die Gefahr aus der Spitze der CDU, derselben Partei, die ja auch Bensberg beherrscht, die in ihrer Spitze der Auffassung ist, das deutsche Volk könne sich selber nicht regieren und deshalb müsse die Besatzung bis 1990 oder 1995 in Deutschland bleiben. Wir denken da an Konrad, den großen Adenauer.
Deshalb wirkt auch die Bemerkung von der Gefahr der politischen Radikalisierung als ein dummdreistes Schlagwort. Das, was wir fordern, liegt im Interesse der ganzen Bevölkerung. Das ist die Wiedervereinigung Deutschlands, der Abschluß eines gerechten Friedensvertrages und des Abzugs aller Besatzungstruppen.
Zusammenbrechende Gemeinde
Es ist wahr, daß Bensberg in einer wenig beneidenswerten Lage ist und das Land Nordrhein-Westfalen dieser Lage nicht entsprechend Rechnung trägt. Die CDU ist aber in diesem Lande ebenfalls die stärkste Partei und hat im gegenwärtigen Moment andere, größere Sorgen, als zusammenbrechenden Gemeinden finanzielle Unterstützung zu geben.
Den Naziaktivisten und Kriegsverbrechern wie Thyssen ihr beschlagnahmtes Vermögen zurückzugeben, das hat bei dieser Partei Vorrang. Deshalb sollten so billige Schlagworte besser unterbleiben und in den unteren Einheiten der CDU bis nach oben einmal ganz deutlich darüber gesprochen werden, wem zuerst geholfen werden soll, den Monopolkapitalisten vom Schlage Thyssen, der viele hundert Millionen verlangt, oder den Gemeinden, die unter der Last der Besatzung zusammenbrechen.
Daß die monopolistischen Kriegsverbrecher wieder ihre Ausgangsstellungen beziehen können oder bezogen haben, zwingt die Bevölkerung auch ihrerseits zu einer klaren Stellungnahme. Darum empfehlen wir der Bevölkerung, sich einzutragen in die Listen des Komitees der Kämpfer für den Frieden. Auf der ersten Seite heißt es: Wir erklären vor der ganzen Welt: Wir wollen den Frieden, wir wollen nie wieder Krieg, nicht den Massentod unserer Männer, Frauen und Kinder, nicht neue Bombennächte und Zerstörung unserer Heimat. Wir wollen keine Kriegshetze gegen die Sowjetunion. Wir wollen Frieden und Freundschaft mit allen Völkern in Ost und West.
Wir wollen für unsere Kinder weder Söldnerarmee, noch Fremdenlegion, noch Arbeitsdienst, sondern friedliche Arbeit, Ausbildung und Studium für eine glückliche Zukunft.
Wir wollen frei und unabhängig, friedlich und gleichberechtigt in einer einheitlichen deutschen demokratischen Republik leben.
Von uns aus können wir der ganzen Bevölkerung, Männern. Frauen und der Jugend, empfehlen, sich in diese Listen einzutragen.

Quelle: 
VSt-19500417