Bensberg als Besatzungsstadt


Bensberg als Besatzungsstadt
Protest gegen neue Maßnahmen — Zehn Millionen Mark private Schäden

Bensberg. Nachdem bekannt geworden ist, daß von den demnächst bezugsfertig werdenden Besatzungswohnungen im Frankenforst zunächst 20 Wohnungen für die belgischen Lehrerfamilien aus Rösrath zur Verfügung gestellt werden sollen, haben Stadtvertretung und Stadtverwaltung gegen diese Maßnahme energisch Protest erhoben und die zuständigen Stellen an ihr seinerzeit gegebenes Versprechen erinnert, wonach im Stadtgebiet Bensberg kein neuer Wohnraum mehr beschlagnahmt werden soll. Diesem Protestschreiben hat die Stadtverwaltung eine Denkschrift über die Schäden und Nachteile beigefügt, die der Stadt Bensberg unmittelbar und mittelbar durch die Besatzung entstanden sind. Diese Denkschrift vermittelt einen bemerkenswerten Einblick über die Auswirkungen der Einquartierung seit 1945.

Die Denkschrift geht von der Tatsache aus, daß das Bensberger Schloß von jeher das Schicksal seiner Bewohner bestimmt hat. Wäre das Schloß nicht vorhanden, würde Bensberg wohl kaum, abgesehen von kleineren Truppeneinheiten, von der Besatzung in Anspruch genommen worden sein. Daß Bensberg keine Vorteile durch die Besatzung genießt, würde noch wenig verfangen. Dagegen sind die wirtschaftlichen Schäden wohl die schwerste Belastung, die Bensberg je zu ertragen hatte. Hierzu gehört in erster Linie die Beschlagnahme von Wohnungen.
Erst bei der Beschlagnahme im Herbst vergangenen Jahres konnten die Wohnungsbesitzer ihr Mobiliar größtenteils mitnehmen. 200 Haushalte aber haben im Laufe der Jahre nicht nur ihre Wohnungen, sondern auch die Einrichtungsgegenstände eingebüßt. Unter Einbeziehung der mitbeschlagnahmten Kunstwerte wird der gesamte Mobiliarschaden auf etwa zehn Millionen Mark geschätzt.
Insgesamt sind in Bensberg, Frankenforst und Refrath 262 Wohnungen mit insgesamt 1200 Wohnräumen beschlagnahmt worden, wodurch rund 1300 Personen anderweitig und zum Teil sehr behelfsmäßig untergebracht werden mußten.
Daß bei diesen Belastungen der Stadt das kulturelle Leben ebenfalls hart angeschlagen wurde, war zu erwarten. Was sich jedoch in den letzten Jahren auf diesem Sektor tatsächlich ereignete, überstieg schlimmste Befürchtungen. 1945 wurde die zehnklassige katholische Volksschule in eine Mannschaftskantine umgewandelt. Alle erdenklichen Bemühungen, das Haus frei zu bekommen, schlugen fehl. Deshalb mußten zur Unterrichtung für die 600 Schulkinder drei Räume in einer vom Gesundheitsamt als unzulänglich und abbruchreif bezeichneten Holzbaracke sowie ein dunkler, feuchter Kellerraum in Anspruch genommen werden. In der Baracke sowohl als auch in der Kellerklasse ist ein stundenlanger Aufenthalt schwer gesundheitsschädlich. Die zeitweise Inanspruchnahme der wenigen Schulräume des Progymnasiums durch die Volksschule bedeutet ebenfalls keine Entlastung, da unter den gegebenen Verhältnissen ein vernünftiger Lehrplan nicht einzuhalten ist. Seit vier Jahren stehen für etwa eintausend Kinder der katholischen Volksschule und des Progymnasiums nur sechs normale Klassenräume zur Verfügung. Es versteht sich von selbst, daß bei solchen Zuständen große erzieherische und unterrichtliche Nachteile unvermeidbar sind.
Aber nicht nur schulisches, sondern das gesamte Kulturleben der Stadt ist aus den gleichen Gründen äußerst behindert. Jede planvolle Kulturarbeit wird durch den Mangel an geeigneten Räumen vereitelt. Für größere Veranstaltungen steht kein einziger Saal zur Verfügung. Das Filmtheater ist teilbeschlagnahmt.
Sehr stark wirkt sich das Dasein der Besatzung auf das Hotelgewerbe aus. Die an und für sich knappe Kapazität der Hotelbetten ist durch die Beschlagnahme beträchtlich heruntergegangen.
Schwer benachteiligt ist auch die arbeitende Bevölkerung. Wie erheblich diese Benachteiligung ist, geht aus der Tatsache hervor, daß 19 gewerbliche Betriebe entweder beschlagnahmt wurden, sich einschränkten oder aber sich aus Angst vor einer Beschlagnahme aus dem Stadtgebiet verlagerten. Der Ausfall an Gewerbe- und Lohnsummensteuer aus diesen Unternehmen beträgt jährlich 24500 Mark. Mit der gleichen Begründung hat auch der private Wohnungsbau eine stärke Lähmung erfahren. Ganz abgesehen von den wirtschaftlichen Schäden im Baugewerbe, die sich durch diese Behinderung ergeben, entsteht der Stadt aus dieser Hemmung ein Grundsteuerausfall von jährlich 23000 Mark.
Insgesamt haben die städtischen Finanzen allein im Rechnungsjahr 1949 eine Mehrbelastung von 299724 Mark erfahren. Eine Erstattung dieser Mehrausgabe ist nicht erfolgt. Auch heute trägt keine Stelle den Fehlbetrag der schwer um ihre Existenz ringenden Stadt. Unter diesen Voraussetzungen ist ein geordnetes, auf das öffentliche Wohl ausgerichtetes kommunales Wirtschaftsleben in Bensberg nicht möglich.
„Um aber wenigstens zu einer finanziellen Gesundung und damit wieder zu einem wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu gelangen, müssen", so heißt es am Schluß der Denkschrift, „alle bisher der Stadt Bensberg durch die Besatzung entstandenen und ferner noch entstehenden Kosten erstattet werden. Ferner ist der Bau von Wohnungen dadurch zu fördern, daß bei der Festlegung des Verteilungsschlüssels der Wohnungsbaumittel für die kommenden Jahre der Wohnraumfehlbedarf, der durch die Besatzung entstanden ist, berücksichtigt wird. Gleichzeitig ist eine Garantie der Besatzungsbehörde einzuholen, daß in Zukunft keine weiteren Räume mehr requiriert werden.
Nur dadurch könnte vor allem die Bevölkerung, die bis heute alle die schweren Belastungen ertrug, wieder in etwa für die vier Jahre entschädigt werden, während deren sie einen ungleich hohen Anteil an Kriegsfolgelasten getragen hat. Es wäre dann immerhin noch genug, was an nicht wiedergutzumachenden Schäden von vielen Bürgern, von Unternehmern und der ganzen Stadt weiter zu tragen ist."

Quelle: 
KStA-19500408