Der Altenberger Dom wird 600 Jahre alt




Der Altenberger Dom wird 600 Jahre alt

600 Jahre sind es bald her, daß Bischof Wikbold von Kulm am 3. Juli 1379 die Zisterzienser-Klosterkirche Altenberg im Bergischen Land weihte.
Seitdem hat das idyllisch gelegene Gotteshaus, das den Besucher in. seinem Innern mit einer Mischung aus Askese und Anmut, Nüchternheit und Zartheit empfängt, eine wechselvolle Geschichte erlebt.

Seit 1847 ist der nach Zerstörung wiederaufgebaute Altenberger Dom Simultankirche — offen für katholische wie evangelische Christen.
Bilder: Damm

Ein stiller Ort mit Rummel
Der Altenberger Dom wird 600 Jahre alt

Alle Wege, sagt man, führen nach Rom. Unwegsam und schwer zugänglich waren jene Orte, die sich einst die Zisterzienser für ihr weltfernes, nur dem „Beten und Arbeiten" verschworenes Leben suchten. Seit der reformeifrige Benediktinerabt Robert de Champagne — der heilige Robert — im Jahr 1098 das Kloster Citeaux (Cistericum) in den Wäldern Burgunds gegründet und damit den neuen Orden der Zisterzienser gestiftet hatte, stieg die Zahl derer stetig an, die — in schwarzes Tuch und ungebleichte Schafwolle gekleidet — dem irdischen „Jammertal" den Rücken kehren und der „nichtigen" Welt für immer „absterben" wollten.
Ein wahrer Läuterungs-Boom — zumal in blaublütigen Kreisen — setzte indes erst ein, nachdem der berühmte Mystiker und Kreuzzugprediger Bernhard von Fontaines das in „wilder Natur" gelegene burgundische Clairvaux Anno 1115 zum neuen Zentrum seiner — strengen Regeln unterworfenen —spekulativen Glaubenshaltung gemacht hatte, Noch zu Lebzeiten dieses „honigfließenden Doktors", wie Bernhard wegen seiner Redekunst später oft genannt wurde, erfolgten über 300 zisterziensische Gründungen in allen Himmelsrichtungen: Das Bernhardinische Zeitalter war eingeläutet.
Wer damals nicht mit dem Schwert in der Hand und der abgesegneten Wut im Bauch gen Heidenland zog, dem bot sich die Gelegenheit, dem „Reich Gottes" statt dessen durch stille Sammlung und fleißige Landarbeit zu dienen. Ziel der bernhardinischen Mystik und ihrer mönchisch-asketischen Gnadenlehre war das Aufgehen in der Gottheit ohne Selbstaufgabe, ein gleichsam „bräutliches Verhältnis der Seele zu Christus" auf dem Weg über die drei Phasen der „Reinigung, Beschauung und Anschauung".
Wem der Blick auf die Schätze des irdischen Jerusalem nicht vergönnt war, der konnte daheim — durchschauert von apokalyptischen Schreckens- und Heilsvisionen — am steilen Bau des „Himmlischen Jerusalem" teilnehmen, so, wie es in Domen und Kathedralen des hohen Mittelalters dann symbolhafte Gestalt gewann und wie es die Offenbarung des Johannes geschildert hatte: „Und das heilige Jerusalem ... war von der Herrlichkeit Gottes, und ihr Licht glich dem alleredelsten Stein, einem hellen Jaspis."
Gegen Mitte des 13. Jahrhunderts gab es nicht weniger als 2000 ländliche Niederlassungen der Zisterzienser, darunter auch die rechtsrheinische Abtei Altenberg im Bergischen Land. Am 3. Juli sind es auf den Tag 600 Jahre, daß der Bischof Wikbold von Kulm mit Erlaubnis des Kölner Erzbischofs Friedrich von Saarwerden die Schlußweihe der noch heute vorhandenen Klosterkirche vollzogen hat: „Zur Ehre Gottes und der Gottesmutter, der heiligsten Jungfrau Maria, und der heiligen Bekenner, der Äbte Benedikt und Bernhard und der heiligen 11000 Jungfrauen (aus der Schar der Ursula) mit Hilfe unseres Herren Jesus Christus." (Am 23. Juni wird im Altenberger Dom aus Anlaß dieses Weihe-Jubiläums ein Pontifikalamt durch den Zisterzienserabt Ambrosius Schnieder vom Eifel-Kloster Himmerod gehalten.)
600 Jahre sind eine lange Zeit, und auch Altenberg hat sich im Verlauf seiner Geschichte verändert: Seit das Kloster 1803 aufgelöst wurde, vollzog sich Schritt für Schritt die Öffnung des früher mönchischen Refugiums zur „Welt", einer freilich radikal gewandelten.
Einst in einer der vielen grünen Manteltaschen des Bergischen Landes versteckt, ist Altenberg heute auf großzügige Weise dem allgemeinen Verkehr angebunden. Allwöchentlich rollen Scharen von Ausflüglern vierrädrig gegen die ehemalige Abtei an, geht's auf zu bergischer Waffel und flüchtigem Klosterblick. Die flotte Kanzler-Mütze ersetzt dabei den Pilgerhut, die neueste Aral-Karte das fromme Stundenbuch.
Ende eines Waffengangs
Altenbergs Geschichte beginnt mit den Grafen von Berg. Adolf I., Graf von der Berge, landesherrlicher Beschützer der kölnischen Kirchengüter Deutz, Werden und Siegburg, hatte sich kaum zu stattlichem Besitz und kaiserlichem Wohlwollen emporgerackert, als er seine Stammburg Berge im Dhünntal auch schon mit der reputierlicheren Bleibe „Neuenberge"oberhalb der Wupper im Bergischen Land vertauschte — dem heutigen Schloß Burg, Sein ehemaliger Wohnsitz wurde zur „Altenberg(e)".
Nun hatte Adolf einen Bruder namens Eberhard. Beide eilten 1126 dem Limburgischen Herzog Walram zu Hilfe, als dieser Arger mit Lothringen bekam. Der solidarische Waffengang endete für die Berg-Sippe betrüblich: Eberhard blieb verwundet auf dem Schlachtfeld zurück und galt als verschollen.
Doch o Wunder: Der lange Totgeglaubte lebte doch noch, unerkannt und des blutigen Weltgetriebes überdrüssig, und zwar im Kreise zisterziensischer Brüder im lotharingischen Morim undus („Sterbe der Welt ab"). Der Sage und einem romantisch inspirierten Volkslied zufolge entdeckten ihn dort per Zufall zwei bergische Durchreisende. Sie trafen Eberhard, in schäbiger Kluft, wie er gerade die unedlen Geschäfte eines Schweinehirten verrichtete.
Der nachgeborene Poet mit Sinn für feine Pointen machte sich darauf seinen Reim: „Es zog ein Graf wohl über den Rhein,/ Graf Adolf, der wird fröhlichsein ...", und der fromme Eberhard fällt ein: „Nach oben zieht mein Blick,/Dort nach dem Himmelsglück!/Ich zieh' zum Altenberge!"
Blutsbruder Adolf machte prompt, und um sich siebenmal täglich ein Fürbittgebet „auf ewige Zeiten" zu sichern, den Morimunder Mönchen seine Burg Altenberge zum Geschenk. Der neue Abt Berno erreichte mit zwölf Mitbrüdern am 25. August 1133 in grauem Ordensgewande das rheinische Dhünntal, nicht weit von Köln. Gemäß der zisterziensischen Regel, Klöster weder in Städten noch auf Bergen zu errichten, bauten die Mönche die erste Altenberger Klosteranlage im lieblichen Tal: eine dreischiffige romanische Basilika mit Schlaf-und Kapitelsaal, Refektorium und Kreuzgang.
1145 wurde „Altenberg I" geweiht und zu Hauskloster und Grablege für das Bergische Grafengeschlecht bestimmt. Beide, Adolf und Eberhard, beschlossen „daselbst" 1152 als Mönche ihr Dasein und wurden nebst vielen anderen von und zu Bergs im Kircheninneren bestattet.
Wie sah das Leben der Zisterzienser damals aus? Die Ordensvorschrift verlangte Verzicht auf alle irdischen Güter. Die Arbeit sollte lediglich den Konvent erhalten. Alle Mönche mußten das Gelübde der freiwilligen Armut, des Gehorsams und der Keuschheit ablegen. Das zielte direkt auf jene zumal im 12. Jahrhundert allgemein kritisierten „drei Hauptlaster" vieler Geistlicher: Habsucht, Simonie und üppiger Lebenswandel.
Bei den Zisterziensern fand sich nun ein Kontrastprogramm: Um zwei Uhr in der Frühe rief eine kleine Glocke die Asketen zum Gebet. Das dauerte bis gegen sieben. Darauf ging man an die Arbeit, die in der Hauptsache in Landarbeit und Handwerk bestand. Die Zisterzienser galten bald schon als Musterbauern des Abendlandes.
Der Küchenzettel war spartanisch: Mahlzeiten wurden zweimal am Tag gereicht, nicht mehr als zwei verschiedene Speisen. Gewürze oder gar Fleisch kamen nicht auf den Tisch, auch wurde Wein — wenigstens in der ersten, strengen Ordenszeit — nur in kleinen Mengen und mit Wasser verdünnt, getrunken: sozusagen die Keuschheit flankierende Maßnahmen.
Die Klöster der ersten Stunde waren außer in Hospital und Küche ungeheizt. Man schlief auf hartem Lager im zellenlosen Dormitorium. Des Nachts las ein Lector laut aus erbaulichen Schriften vor, um auf diese Weise etwaige allzu irdische Gedanken aus abirrenden Hirnen zu verbannen.
Jedes Kloster hatte dieselben strengen Gesetze. Von Altenberg aus wurden sie (im Zuge der Ostkolonisation) zu deren Tochtergründungen Mariental bei Helmstedt, Lenco in Posen, Lond/Warthe, Zinna bei Jüterbog und schließlich Haina in Hessen exportiert.
Der Altenberger Konvent wuchs: Um 1200 umfaßte er 107 Mönche und 138 Laienbrüder. Die Abtei besaß bereits 14 Güter vom Jülicher Land bis hin nach Bacharach am Rhein und religiöse Begeisterung in Volk und Adel häufte zur Freude der Brüder eine Schenkung auf die andere. Ende des 15. Jahrhunderts zählten die Altenberger Zisterzienser 207 Besitzungen, während der Konvent auf ganze 30 Mönche zurückgegangen war.
1222 beschädigte ein Erdbeben die Kirche, und die Mönche rissen sie kurzerhand ab. Zu jener Zeit entstand in Köln unter Erzbischof Engelbert, Graf von Berg und Reichsverweser, der Neubauplan zur Kölner Kathedrale, Es wurde auch an den Wiederaufbau Altenbergs gedacht. Aber erst 30 Jahre nach dem schnöden Familienmord an Engelbert in der Gevelsberger Schlucht bei Hagen, legte sein Nachfolger Conrad von Hochstaden 1255 den Grundstein zur Altenberger Klosterkirche, die nun im modernsten gotischen Stil errichtet werden sollte. Sieben Jahre zuvor war der Kölner Dom begonnen worden, der freilich als repräsentative Bischofskirche eine andere Gestalt erhielt als etwa die betont schmuck- und turmlose Mönchskirche.
Hungersnot stoppte den Bau
Weder das Äußere noch das Innere der frühen Zisterzienserkirchen sollten verziert sein —keine Farben, kein plastischer Schmuck —, eine Bestimmung, die die Architektur jedoch nur um so reiner und klassischer in Erscheinung treten ließ. Auch verzichtete man auf hohe Glockentürme, da das mönchische Leben nicht volltönend auf sich aufmerksam machen wollte.
Der Altenberger Klosterbaumeister des ersten Bauabschnitts, Walter (gest. 1270), entwarf unter burgundischem Einfluß eine dreischiffige Basilika mit fünfschiffigem Chor, Chorumgang und sieben Chorkapellen, die vieleckig zum Altar geordnet sind. Das Material dazu stammte aus den Steinbrüchen des Siebengebirges und der Eifel.
1287 weiht der Kölner Generalvikar, Bischof Hermann von Samland, den Chor. Am Ende des 13. Jahrhunderts wird das Querhaus fertig. Dann stockt der Bau. Das Geld ist knapp, Wohltäter finden sich nicht, die Grafschaft Berg hat durch allerlei Fehden, Mißernten und Hungersnöte anderes zu tun, als an kirchliche Zierden zu denken.
Da plötzlich taucht jener Bischof von Kulm an der Weichsel, Wikbold Dobbelstein, auf, der kraft seiner Bischofswürdeund als großzügiger Mäzen doch noch die Weihe der Kirche am 3. Juli 1379, 124 Jahre nach der Grundsteinlegung, vollziehen kann.
Wikbold, von Hause aus vermutlich Niederrheiner und selbst kein Zisterzienser, Ost-Flüchtling, aber offensichtlich vermögend, stiftete insgesamt die fürstliche Summe von 4410 Gulden in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren für den gänzlichen Ausbau des Doms. Das waren damals immerhin 30 Pfund Gold. Obwohl Wikbold von sinnlicher Natur, nun auch regelwidrig Altarvergoldungen, Lettner, Reliquienschreine und reiches Maßwerk in Altenberg zum Zuge kommen ließ, blieb der Klosterkirche im ganzen doch ihr charakteristisch-karges, vornehm-schlichtes Aussehen erhalten.
So wie die Zisterzienser die Klarheit der Quelle, die Reinheit des derben Brotes und die Helle des Weins bevorzugten, so bildete sich auch ihr Baustil in einer Mischung aus Askese und Anmut, Nüchternheit und Zartheit, Verzicht und Verinnerung: ganz im Gegensatz zu den damals üppig und reich aufblühenden Städten und ihren verzierten Bürgerhäusern.
Der Kapellenkranz des Ostchores ist der früheste und in seinen Proportionen sicher nobelste Teil: Schlanke lanzettförmige Fenster, klare Pfeilerordnungen, nichts Verstelltes, nichts Verkleistertes. Kein Glied dieser vielteilig und zugleich äußerst knappen Architektur ist überflüssig, das Äußere korrespondiert dem Inneren.
Zwischen dem Bau des Ostchors und der Vollendung der Westfassade wurde zunächst das Querhaus geschaffen mit seinem herrlichen Nordfenster (19 mal 6 Meter), dessen aristokratische Schlankheit und filigrane Eleganz das (berühmtere, weil noch größere und sinnlichere) Westfenster — mit 18 mal 8 Metern das größte Kirchenfenster Deutschlands — an Schönheit noch übertrifft.
Betritt man durch das kleine Westportal, unter dem eingemeißelten Marienhymnus hindurch, die Kirche, so offenbart sich die zurückhaltende Kühle und die auf das Notwendigste reduzierte Gesetzmäßigkeit dieses Baues, Grau und weiß ist der Grundton. Zumal die Fenster des Chores enthalten sich jeder bunten Sprache und stimmen dieses Zelt Gottes, das „Himmlische Jerusalem" auf jenen Ton heller Geistigkeit, der kaum etwas mit der beinahe volkstümlichen Prachtentfaltung des goldschimmernden und figurenreichen Westfensters gemein hat, dessen Felder in perspektivischen Architekturen schwelgen,
Mit seinen pflanzengeschmückten Fenstern, Kapitellen und Schlußsteinen gleicht der Chor einem blühenden Herbarium aus Stein und Glas. Das Aufwärtsstreben seiner schlanken Säulen, die sich vom Kapitell aus palmenhaft in die Bogenrippen der Arkaden und die Gewölberippen des Chorumgangs teilen, vollzieht sich mit einer souveränen Leichtigkeit, deren Virtuosität bereits im Langhaus so nicht mehr erreicht wurde.
Der Herzog stiftete Glas
Und dennoch entsteht insgesamt der zwingend-bezwingende Eindruck einer glücklichen architektonischen Geschlossenheit, die noch durch das fein abgewogene Maßverhältnis von Innenhöhe (28 Meter), Breite (20 Meter) und Länge (78 Meter) verstärkt wird. Zeltartig reiht sich ein Gewölbe an das andere, und es ist, als schwebten diese kreuzrippengewölbten Zelte schwerelos über den kräftigen Säulen in Mittel- und Querschiff.
Die beiden großen Fenster, zumal das Nordfenster, machen fast jedes Mauerwerk überflüssig, steigern die Transparenz: Das Nordfenster in seinem hellen Jadeton überzogen von einem leicht silbergrauen Schleier, das Westfenster mitseiner goldenen Pracht, die zu- mal bei untergehender Sonne das Antlitz der Rosenkranz-Madonna (1530), die aus der Höhe der Vierung herabschwebt, zu einem holdseligen Lächeln verwandelt.
Wikbold hatte das Maßwerk zum Westfenster gestiftet, Herzog Wilhelm von Jülich-Berg die Verglasung übernommen, den Bilder-Reigen jener Heiligen, deren Reliquien im Hauptaltar zur Verehrung ausgestellt waren. Die alte Verglasung ist im Westfenster bis zu zwei Dritteln aus der Zeit von 1380-1420 erhalten. Das Nordfenster konnte seinen Bestand (von vor 1300) sogar zu vier Fünfteln bewahren.
Durch den zunehmenden Wohlstand des Klosters während des 14. und 15. Jahrhunderts litt freilich die strenge Zucht der Abtei, und das bereits im äußeren Erscheinungsbild: Wo einst farblose Fenster vorgesehen waren, leuchteten nun Farben auf, edelsteinbesetzte Reliquienschreine zogen das Volk an, man wallfahrtete nach Altenberg, in dessen Herzogenchor kostbare Ampeln ihr rubinrotes Licht versprühten.
Die Abtei präsentierte sich: Springbrunnen wurden angelegt, ein kunstvolles Sakramentshäuschen entstand, Kaiser -Maximilian stieg hier mehrmals mit Gefolge ab, und am Ende des 15. Jahrhunderts .zählte man bereits 24 Altäre. Wenn das der heilige Bernhard gewußt hätte, er hätte seine Brüder zum Teufel gejagt.
Die Zeit der Reformation ließ das Kloster nic:ht unberührt. Während des 30jährigen Krieges wurde der Konvent mehrfach überfallen, die Kirche geplündert. Es ging Berg-ab.
Unter Abt Melchior Mondorf (1627-1643) brannten nahezu alle Höfe der Klosteranlage nieder. Seine Nachfolger machten sich's indes wieder gemütlich, reparierten und schmückten aufs neue.
Doch das Ende der klösterlichen Zeit Altenbergs nahte unaufhaltsam: Der weltferne Klostergedanke der früheren Ordensgründer ha tte sich offensichtlich überlebt. Der letzte Abt vor der Säkularisation, Franz Cramer, besaß schon gar nichts mehr vom ursprünglichen strengen Ethos. Er hielt sich 17 Pferde, sieben Kutschen, acht Lakaien und strunzte gar mit einer kostbaren Tabatierensammlung. Der Papst setzte ihn zwar ab, aber das Schicksal Altenbergs war dennoch besiegelt.
Am 30. November 1803 erschien der landesherrliche Kommissar im Dhünntal, um die Auflösung des Konvents gemäß des Reichsdeputationshauptschlusses zu verkünden: Altenberg wurde verweltlicht und kam unter den Hammer. Meistbietender war der Weinhändler Pleunissen aus Köln, der das Anwesen zum Preise von 24415 Reichstalern und 54 Stübern erwarb.
In der Kirche freilich sollte auch weiterhin Gottesdienst gehalten werden. Der Kaufvertrag hatte jedoch eine Klausel, nach der auch der Dom, sobald er in Verfall geriet, in den Privatbesitz des Käufers übergehen sollte. Kostbare Gegenstände waren von der Düsseldorfer Regierung rechtzeitig herausgeschafft worden.
Nach Pleunissens Tod 1810 verpachtete dessen Alleinerbin die Abteigebäude an einen Chemiefabrikanten. Und es kam, was kommen mußte: In der Nacht vom 6. zum 7. November 1815 explodierte das Chemikergemisch und zerstörte Abtei und Teile der Kirche. Morgens um 5.30 Uhr stürzten Dachreiter und Türmchen ein. Um 6 Uhr läuteten die Glocken von Odenthal Sturm. Von den Abteigebäuden konnten lediglich Wirtschaftsbauten gerettet werden.
Mit dem Abbruch des ausgebrannten Dormitoriums aber, das unmittelbar an die Giebelwand des südlichen Querhauses stieß, fehlte dem hohen Südflügel der Kirche die Stütze. Am 1. 10. 1821 stürzte die . Wand „von dem höchsten Gipfel bis auf die Fundamente" in Trümmer. Knapp zehn Jahre später brach ein großer Teil des Chorgewölbes ein, und die ehemals stolze Klosterkirche wurde vollends zur Ruine. Man trug sich gar mit dem Gedanken, sie — wie die Zisterzienserkirche zu Heister- bach — als Steinbruch zum Ausbau des Rhein-Maas-Kanals zu verwenden.
Doch nun warben einige beherzte Romantiker, darunter Görres und Boisserée, für den Wiederaufbau. Sie fanden dabei ein offenes und noch dazu königliches Ohr bei Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der damals als Kronprinz gerade Gouverneur der Rheinprovinz war. Friedrich Wilhelm machte die Denkmalsache zu seiner eigenen und beschloß den Wiederaufbau der Abteikirche.
„Bergisches Weltwunder"
Am 22. September 1847 bejubelte das Bergische Land die Einweihung seines nun wiedererstandenen gotischen Kleinods, das auf königlichen Wunsch hin fortan beiden Konfessionen zum Gottesdienst offenstehen sollte: „Es wölbet sich im Wiesengrunde / Der Dom empor in alter Pracht, / Und durch das Land erschallt die Kunde: 1 Das Volk der Berge ist erwacht 1 Und hat den schönen Bau vollendet, / Der lange still, verödet lag, / Hat die Verwüstung abgewendet / Und abgewälzt die alte Schmach."
Doch war Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht alles getan, um dauerhaftes Leben aus den Ruinen blühen zu lassen: Und so gründete Maria Zanders, Frau des Bergisch Gladbacher Papierfabrikanten, 1894 schließlich den noch heute bestehenden Altenberger Dom-Verein, durch dessen Initiativen das große Westfenster wiederhergestellt und Dach sowie Strebensystem des Langhauses erneuert werden konnten.
Wer jetzt, nachdem in den sechziger Jahren eine abermalige Renovierungsphase die Abteikirche zum Weihe-Jubiläum buchstäblich gereinigt hat, ins Innere dieses „bergischen Weltwunders im Herzogtum Berg" — wie Abt Johann Jakob Lohe 1683 seine Kirche gepriesen hatte — tritt, der mag, wenn er romantisch ist und den Rummel um sich für Augenblicke vergißt, an die Verse der Karoline von Günderode denken: „Was unrein ist, das wird verzehret, 1 Das Reine nur, der Lichtstoff, währet / Und fließt dem ew'gen Urlicht zu,"

„Geht's auf zu Bergischer Waffel und flüchtigem Klosterblick”: Ausflügler am Altenberger Dom.   Bilder: Damm

„Die aus der Höhe der Vierung herabschwebt": Die Rosenkranz-Madonna.
Werner Strodthoff

„Eine Mischung aus Askese und Anmut”: Die Westfassade des Dorns.

„Berühmt und sinnlich": Das Westfenster, das größte in einer deutschen Kirche.

Der erste Privateigentümer von Altenberg: Weinhändler Pleunissen.

Quelle: 
KStA-1979-pfingsten
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011