Kirchenbank ist dem Prinzen teuer


Odenthaler Katholiken protestieren gegen mittelalterliche Patronatsrechte in der Pfarre
Kirchenbank ist dem Prinzen teuer
Altes Privileg verpflichtet das Haus Strauweiler auch zu hohen Renovierungskosten

Von unserem Redakteur Hans Kloep
Odenthal — Obwohl Deutschland seit 1918 eine Republik ist, hat der Adel noch manches Privileg, das allerdings von den Privilegierten als Last empfunden werden kann — wie zum Beispiel von Prinz Hubertus zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg in Odenthal. In der Kirche hat er zwar Anspruch auf eine eigene Patronatsbank, die sich aber das Erzbistum Köln teuer bezahlen läßt: Der Prinz mußte 100000 Mark für die Renovierung der Kirche bezahlen.
Seit Anfang August grenzte eine blau-goldene Bastkordel diese „Patronatsbank" der Adelsfamilie von den Bänken der anderen Gläubigen ab. Die Schnur wurde inzwischen entfernt, aber die Bank mit dem Wappen des Prinzen steht noch. In der Pfarrgemeinde ist unter den Gläubigen ein heftiger Streit entbrannt, ob so eine „Patronatsbank" noch zeitgemäß und mit der reinen Glaubenslehre der katholischen Kirche vereinbar sei.
Eine Gruppe junger Katholiken hat sich an die Öffentlichkeit gewandt und weist unter anderem auf die Liturgiekonstitution Sacrasanctum Concilium (Art. 32) hin, die „konsequent eine Hervorhebung einzelner Personen in der Liturgie verbietet". Kardinal Höffner habe den Besuchern des Kirchentages zugerufen: „Drückt die Armen nicht an den Rand, reißt das Steuer herum!" Dabei belohne er „in seiner eigenen Diözese Reichtum mit Privilegien mittelalterlicher Prägung", heißt es in einem Schreiben an den „Kölner Stadt-Anzeiger".
„Augenscheinlich hilflos"
Erbittert sind die Protestler darüber, daß sie „augenscheinlich hilflos den geheimen Ratschlüssen der Diözese ausgeliefert" sind. Eine ausreichende Information der Gemeinde habe nicht stattgefunden. Eine durch das Generalvikariat der Diözese Köln verbreitete Erklärung, die erst zwei Monate nach Montage der trennenden Bastkordel erscheinen sollte, „wurde auf den Druck der Adelsfamilie hin wieder eingestampft." Dabei handelte es sich um den Sonntagsbrief der Pfarrgemeinde vom 20./21 September 1986, der dem „Kölner Stadt-Anzeiger" vorliegt.
Der Gemeindevorstand erklärte darin, Prinz Hubertus zu Sayn-Wittgenstein und das Erzbistum Köln sowie die Kirchengemeinde St. Pankratius hätten jahrelang Verhandlungen über den Zusammenhang zwischen der Bauunterhaltungspflicht des Prinzen bezüglich der Odenthaler Pfarrkirche und „den von ihm beanspruchten Rechten, insbesondere die Reservierung einer Kirchenbank" geführt.
Eine Einigung sei nicht erzielt worden. Um aber einen gerichtlichen Prozeß zu vermeiden, der alle Beteiligten auf Jahre belastet hätte, sei zwischen Prinz und Erzbistum vereinbart worden, daß der Adelige jetzt und in Zukunft seiner Bauunterhaltungspflicht nachkomme und ihm dafür in der Odenthaler Kirche eine Bank reserviert werde. Der Kirchenvorstand wurde angewiesen, dieser Vereinbarung zuzustimmen.
Weiter heißt es in. dem nicht veröffentlichten Sonntagsbrief, die besondere Beziehung zwischen dem Haus Strauweiler zur Pfarrkirche sollte in anderer, zeitgemäßer Form dokumentiert werden. Der Kirchenvorstand und der Pfarrer hätten eine Tafel oder das Familienwappen in der Kirche anbringen lassen wollen, was jedoch auf den „hartnäckigen Widerstand des Prinzen" gestoßen sei.
Erzbistum bat um Verständnis
Das Erzbistum erklärte weiter, die Erfüllung alter Privilegien sei nicht gleichbedeutend mit „einer besonderen Ehrerbietung oder Hervorhebung des Prinzen zu Sayn-Wittgenstein. Die Beziehungen zwischen Kirche Odenthal und Haus Strauweiler beschränkten sich lediglich auf „die Rechte und Pflichten, die im Rahmen des herkömmlichen Rechtsverhältnisses sich für die andere Seite ergeben." Das Erzbistum bat die Gemeinde um Verständnis dafür, daß in Wahrung der „vermögensrechtlichen Interessen der Kirchengemeinde eine Regelung" des geschilderten Inhaltes erfolgen mußte.pflicht nachkomme und ihm dafür in der Odenthaler Kirche eine Bank reserviert werde. Der Kirchenvorstand wurde angewiesen, dieser Vereinbarung zuzustimmen.
Die hier angeführten Rechtsverhältnisse sind uralt. Wie der Kirchenvorstand im letzten, nicht eingestampften „Sonntagsbrief" vom 18./19. Oktober den Gläubigen mitteilt, besteht wahrscheinlich seit Erbauung der Odenthaler Pfarrkirche im Mittelalter, zumindest urkundlich belegt seit 1473, ein Patronat, das an den Besitz des Hauses Strauweiler geknüpft sei. Gleichzeitig sei der Besitzer von Strauweiler seit mindestens 1390 Inhaber des großen Zehnten in Odenthal (eine Art mittelalterlicher Steuer). Aus Patronat und Großzehntrecht ergäben sich für den jeweiligen Eigentümer des Hauses Strauweiler — derzeit Hubertus Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg — bis auf den heutigen Tag Rechte und Pflichten. Daraus resultiere das Recht auf eine reservierte Kirchenbank und das Recht auf Sitz und Stimme im Kirchenvorstand. Im Gegenzug sei der Patron zum baulichen Unterhalt des Mittelschiffes der Kirche verpflichtet.
Das Mittelschiff wurde in den Jahren 1972 bis 1976 grundlegend renoviert. Daran sollte sich der Prinz nach dem Patronatsrecht mit 250000 Mark beteiligen, wie die Sayn-Wittgenstein'sche Hauptverwaltung auf Anfrage erklärt. Nach zähen Verhandlungen habe man sich auf eine Beteiligungssumme des Prinzen in Höhe von 100000 Mark geeinigt.
Der Prinz habe bei dieser Gelegenheit der Erzdiözese erklärt, er verzichte gerne auf die Patronatsrechte, wenn die Kirche als Gegenleistung dafür auf seine mittelalterlichen Pflichten verzichte. Man habe auch über eine Ablösung der Rechte und Pflichten verhandelt. „Aber die von der Kirche geforderte Ablösesumme war absurd hoch, so daß der Prinz einen Teil seines Besitzes hätte verkaufen müssen, um den Betrag aufzubringen," teilt die Hauptverwaltung weiter mit. So sei es zu diesem Vergleich gekommen.
„Letztes Faustpfand"
Das Haus Strauweiler lege überhaupt keinen Wert auf eine reservierte Bank in der Kirche oder auf andere Privilegien im kirchlichen Raum. „Aber da die Kirche auf unseren kostspieligen Pflichten besteht, wollten wir auf die reservierte Bank in der Kirche als letztes Faustpfand nicht verzichten. Eine teure Bank für den Prinzen", hieß es in der Hauptverwaltung.
Der Kirchenvorstand bestätigt diese Auskunft teilweise im letzten Sonntagsbrief. Er sei vom Generalvikariat angewiesen worden, dem Vergleich zuzustimmen, als dessen Folge die Patronatsbank, die im Zuge der Renovierung entfernt worden sei, Mitte 1986 hätte wieder aufgestellt werden müssen.
Die Protestler aus der Pfarrgemeinde werfen dem Erzbistum jetzt vor, es habe wesentliche Grundsätze um den Preis wirtschaftlicher Gewinne über Bord geworfen. „Damit dies nicht auch noch heimlich, still und leise geschehen kann," habe man die Angelegenheit publik gemacht.

FÜR ÄRGER SORGT DIE PATRONATSBANK (direkt vor dem Pfeiler mit dem Engel) der Familie von Prinz Sayn-Wittgenstein in der Pfarrkirche St. Pankratius in Odenthal.    . Bild: Günter Möllinghoff

IM MITTELPUNKT von Odenthal steht die alte Kirche St. Pankratius, die für 3,5 Millionen Mark renoviert wurde. An den Kosten mußte sich das Haus Strauweiler nach altem Recht beteiligen.

Quelle: 
KStA-19861022-rn11
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011