Kleinbahn Cöln-Bensberg vor 75 Jahren eröffnet


Kleinbahn Cöln-Bensberg vor 75 Jahren eröffnet — Bericht im „Rheinland"
Gegen Staub und Benzin
Festlich geschmückte Wagen fuhren in die idyllisch gelegene Bergstadt ein

Von unserem Redakteur Wilhelm Becker
Bensberg — Während die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) Ende Mai ein „echt kölsches Jubiläum", nämlich das 111jährige Bestehen Kölner Straßenbahnen, feierten, verlor man in der KVB-Chefetage kein Wort über ein „echtes" Jubiläum: Am 16. Juli 1913, also vor 75 Jahren, wurde die Kleinbahn Cöln —Bensberg eröffnet.
Erinnert hat sich an das Jubiläum der in Bensberg wohnende Gladbacher Geschäftsmann Herbert Honrath. Und den Rahmen für das — nicht gefeierte —75jährige Bestehen der Straßenbahnstrecke Köln — Bensberg
liefern auf Anfrage mit ein paar
Zusatzinformationen Sabine Boisserée, Mitarbeiterin der KVB-Pressestelle.
Demnach wurde genau genommen im Jahre 1913 die Verlängerung der Kleinbahnstrecke Köln-Kalk — Brück bis nach Bensberg in Betrieb genommen. Sie trug den Namen „Linie B" nicht etwa, weil sie nach Bensberg führte, sondern weil sie als zweite Vorortstrecke im Jahr 1906 eingerichtet worden war.
Zuerst die Linie„A"
Erste Vorortstrecke über die damaligen Kölner Stadtgrenzen hinaus war die Linie „A" von Deutz über Kalk nach Königsforst. Und bereits im Jahre 1906 wurden rechtsrheinisch auch die Linien C (ab Deutz) und D (ab Mülheim) über Holweide nach Thielenbruch und später nach Bergisch Gladbach eingerichtet. Kurz und bündig könnte an dieser Stelle der Jubiläumsbericht enden. Doch interessanter als die Fakten aus der Chronik, sind Motive und Umstände, die die Inbetriebnahme der Kleinbahnstrecke nach Bensberg mit beeinflußten.
Sie sind nachzulesen in der Nummer 26, 5. Jahrgang, des „Unterhaltungsblatt und Verkehrszeitung" (Untertitel) „Rheinland". Ein Exemplar jener Ausgabe der jeweils samstags erscheinenden Kölner Wochenzeitung ( „Cöln, den 22. Juli bis 28. Juli 1913") besitzt Herbert Honrath; er stellte es dem „Kölner Stadt-Anzeiger" zur Verfügung.
Das „Rheinland" widmete der „Eröffnungsfeier der Kleinbahn Cöln-Bensberg" seine Titelgeschichtnen

Brücke; der Weg führte dann auf Umwegen über Mülheim und B. Gladbach als Kopfstation erst in einer Stunde nach Bensberg; aber auch hier nur bis zum Tal, während das Bergstädtchen selbst wieder in mühsamer viertelstündiger Wanderung „erklommen" werden mußte."
Und weiter schreibt der Chronist: „Wenn nun die Eisenbahn-Verwaltung auch die frühere Sekundärbahn zur Vollbahn machte und die Kopfstation in B. Gladbach in Wegfall kam, so bleiben doch noch mancherlei Uebelstände bestehen, die dem Besuch Bensbergs durch die Cölner hindernd im Wege standen. Erst unserem modernen Verkehrsmittel, der elektrischen Bahn, war es vorbehalten, die beiden Städte einander zu nähern; es kostete zwar auch hier etwas Zeit und viel Geld, bis der Plan reifte, aber der Opfermut der Stadt- und Gemeinde-Vorstände von Cöln und Bensberg, unterstützt von der in mächtigem Aufblühen begriffenen Waldhaus-Villen-Kolonie Frankenforst brachten das Werk zum glücklichen Abschluß und am 16. Juli fuhren unter dem Jubel der an der neuen Bahnlinie spalierbildenden Ortsbevölkerung die ersten festlich geschmückten Wagen in die idyllisch gelegene Bergstadt ein. Böllerschüsse, Triumphbogen und reicher Flaggenschmuck begrüßten die Teilnehmer der ersten Festfahrt, die in stattlicher Zahl der liebenswürdigen Einladung des Bürgermeisters von Bensberg, Herrn Klee, gefolgt waren. Unter Vorantrieb des Musikkorps der 7. Pioniere zogen die geladenen Ehrengäste alsdann zum „Kölnischen Hof", in dessen geräumigem Festsaal sie eine reich geschmückte Tafel fanden, die große kulinarische Genüsse in Aussicht stellte. Bei einem bescheidener Weise „Frühstück" genannten Festmahl, dessen sich Vater Gürzenich nicht hätte zu schämen brauchen, wurde der Tag in gebührender Weise gefeiert. Bürgermeister Klee feierte die Ehrengäste, Oberbürgermeister Wallraf trank auf das Wohl der Gemeinde Bensberg, Landrat von Schlechtendahl auf die Stadt-Oberhäupter und Reichstagsabgeordneter Euler gab aus dem reichen Schatz seiner Erinnerungen manche köstlichen Erlebnisse zum Besten."
Ohne abzusetzen wird der Bericht fortgesetzt: „Nachdem die Tafel aufgehoben, zog man, begünstigt von der Witterung, durch die festlich geschmückte Stadt, um deren Denkmäler und Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Am Grabe des Ehrenbürgers von Bensberg, des Eisenbahnministers Budde, wurde ein Kranz niedergelegt und dann mahnte die Glocke der Elektrischen zum Sammeln. In wenigen Minuten war die Villenkolonie Frankenforst erreicht, wo der zweite Teil des Fest-Programms seine Abwicklung finden sollte.
Eine Welt für sich
Die überaus reizvolle und großzügige Anlage, ein Werk des bewährten Cölner Architekten Jean Klein, bildet eine Welt für sich, in der wir alles vereinigt sehen, was sich der von den Sorgen und Aufregungen des Alltagslebens gequälte Stadtbewohner für den Rest seines arbeitsreichen Tages ersehnt: Licht, Luft und Wald und inmitten dieser herrlichen Umgebung ein trautes allen Anforderungen an Komfort und Hygiene entsprechendes Heim. Architekt Klein übernahm bei dem Rundgang durch die Kolonie die Führung und bewies den Gästen, daß er ganze Arbeit zu machen versteht. Nach der Besichtigung der Kolonie machte der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Consul Stresser die Honneurs und in einem improvisierten stattlichen Zeltbau fand bei einer duftenden Bowle der, für Bensberg und die Frankenforster Kolonie wie auch für die rheinische Metropole gleich ereignisreiche Tag seinen harmonischen Abschluß."
Schlußsatz der blumigen Geschichte über die Straßenbahnstreckeneröffnung zwischen Köln und Bensberg: „Erwähnen wir noch des seltenen Naturereignisses, namentlich daß der Himmel das heutige Fest mit seinen nassen Gaben verschonte und heller Sonnenschein die Feier verschönte, so wird man diese Gunst der Witterung wohl als eine gute Vorbedeutung betrachten und der Hoffnung Ausdruck geben können, daß die wechselseitigen Beziehungen zwischen Bensberg und Cöln, die nach der Eingemeindung von Merheim ja auch direkte Nachbarn sind, sich zum Vorteile beider Gemeinden angenehm und fruchtbringend gestalten mögen."

DIE TITELSEITE der Wochenzeitung „Rheinland" vom 22. Juli 1913. Ehrengäste stellten sich vor Bensbergs Panorama und festlich geschmückten Wagen der „Elektrischen" zum Gruppenfoto.

Quelle: 
KStA-19880720
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011