Bagger legten die Zeugen aus der Vorzeit frei


Hobby-Archäologe Herbert Brühl: „Im Dhünntal kann man lesen wie in einem Geschichtsbuch"
Bagger legten die Zeugen aus der Vorzeit frei
Bau der Talsperre half bei der Suche

Von Jürgen Koch
Odenthal — Der Bau der Großen Dhünntalsperre war für Herbert Brühl ein ausgesprochener Glücksfall. Denn die schweren Planierraupen und Bagger brachten so manches ans Tageslicht, was den Odenthaler brennend interessiert. Pfeilspitzen aus der Steinzeit, Schmelzöfen aus dem Mittelalter und die Scherben von Töpfen und Pfeifenköpfen aus den vorigen Jahrhunderten.
„Im Tal der Dhünn kann man lesen wie in einem Geschichtsbuch. Nur erlebt man die Vergangenheit viel näher", sagt der Finanzbeamte, der die Archäologie zu seinem Hobby erkoren hat. Bald ist die Talsperre vollgelaufen, dann ist's vorbei mit den Streifzügen in die Vergangenheit. Brühl hat seine Funde zu einer kleinen Sammlung zusammengestellt, und läßt auch jeden einen Blick auf die stummen Zeugen der Geschichte werfen.
Vor zehn Jahren packte Herbert Brühl das archäologische Fieber. Erst machte er sich allein auf die Suche nach Funden der Vorzeit, dann ließ sich seine Frau Gisela ihm anstecken. Zusammen mit Hund Karo machte sich die Familie Brühl abend für abend und an vielen Wochenenden auf ins Dhünntal. Bei den Bauarbeiten zur Talsperre war viel Mutterboden abgetragen worden, wurde das Unterste zuoberst gekehrt. Das Dhünntal wurde zur bevorzugten Sammelstelle für Herbert Brühl, der als freiwilliger Mitarbeiter des Landesmuseums Bonn, Außenstelle Immekeppel, zahlreiche Hinweise auf historische Fundorte gab.
Die Sammlung beginnt mit Funden aus der mittleren Steinzeit. Ungefähr fünf bis 10000 Jahre vor Christ gingen die Steinzeitler im Dhünntal mit ihren Pfeilen auf die Jagd. Die Spitzen aus Stein, messerscharf geschliffen, zeugen davon. Meist wurde der Feuerstein, so erklärt der Hobbyarchäologe, verwendet, der mit einem anderen Stein bearbeitet wurde, bis er spitz und scharf war.
Wenig Scherben aus der Römerzeit
Auch eine Spinnwirtel aus der Jungsteinzeit (5000 bis 2000 vor Christus) entdeckte Brühl im Dhünntal. Dann klafft eine Lücke im Gang durch die Geschichte. Aus der Römerzeit fand Brühl so gut wie keine stummen Zeugen, „nur einige Scherben, doch zu wenige, um daraus verläßliche Schlüsse ziehen zu können." Ganz anders für das Mittelalter, da offenbarte das Dhünntal reichhaltige Einblicke. Eisenerzfunde ließen Brühl ein wenig in die Tiefe graben, und er entdeckte einige Verhüttungsstellen. Dort haben die Mannen des Mittelalters das Erz mittels Holzkohle verhüttet. Schicht für Schicht wurden Holzkohle und Erz aufeinander geschichtet. Das Eisen floß —wie in einem Hochofen — unten heraus.
An Bachläufen und Quellen
„Man muß sich in das Leben der Menschen damals hineindenken", sagt der Archeolge aus Passion. „An Bachläufen und Quellen haben die Menschen früher oft ihr Lager aufgeschlagen, dort hat man auch die größten Chancen, fündig zu werden". Brühl geht davon aus, daß einige seiner Scherben aus dem 9. Jahrhundert nach Christus stammen. Solche Funde waren bisher selten, die meisten ließen sich auf das 10. Jahrhundert zurückdatieren.
Münzen aus der Franzosenzeit, Tonscherben aus dem 17., Arzneiflaschen aus dem 18. Jahrhundert — so geht es weiter in der Sammlung der stummen Zeugen aus dem Dhünntal. Viele Tonkrüge hat Brühl aus den Scherben wieder zusammengesetzt. Manche mundgeblasene Flasche hat die Jahrhunderte und auch die Baumaschinen überstanden, ohne Schaden zu nehmen.
Viele der Funde sehen für den Laien aus wie ein Erdklumpen oder wie ein gewöhnlicher Stein. „Mit der Zeit bekommt man einen Blick für die historischen Funde", sagt Brühl. Er hat sich auch durch Berge von Literatur gewühlt, um seine Schätze einordnen und datieren zu können.
Sammeln kann die Funde grauer Vorzeit jeder und wer eine Speerspitze zu Hause in die Vitrine legt, begeht auch kein Kapitalverbrechen. Aber eigentlich muß man Bodendenkmaler, vor allem solche größeren Aus-maßes, bei den zuständigen Stellen melden.
Bei Wind und Wetter, bei Sturm und Regen zogen die Brühls hinaus durch die Täler und über die Höhen des Dhünntals. „Nach einem ordentlichen Regenguß ist die Suche am einfachsten", erklärt Brühl. Dann funkeln die nassen Scherben ein wenig, der Regen hat sie freigelegt Oft schaut von einer Tonscherbe aber nur ein winziges Stückchen hervor, allein der geschulte Blick erkennt, um was es sich handelt. „Die Faszination des Sammeln läßt einen nicht mehr los", beschreibt Brühl sein Interesse an den Altertümern". „Da erlebt man ein Stück Historie nach, das ist viel lebendiger, als in Geschichtsbüchern zu blättern".
Die Faszination, die die Funde aus dem Dhünntal auf ihn ausüben, will er nicht für sich allein behalten. Sein kleines Museum im Haus in der Conrad-ValdorStraße in Odenthal-Osenau steht jedem Interessierten offen.
Brühl hat seine Erlebnisse in einem kleinen Aufsatz festgehalten. Zum Schluß schreibt er: „Vieles haben wir gefunden und entdeckt, doch ist anzunehmen, daß noch viele Rätsel verborgen blieben. Das steigende Wasser der Talsperre bezwingt unsere Neugier.'

STUMME ZEUGEN GRAUER VORZEIT fanden Gisela und Herbert Brühl aus Odenthal im Tal der Dhünn. Die Arbeiten an der Großen Dhünntalsperre brachten Tonscherben und Reste mittelalterlicher Verhüttungsöfen ans Tageslicht.    Bilder: Günter Möllinghoff

GESPONNEN WURDE IM BERGISCHEN schon vor vielen tausend Jahren. Die älteste Spinnwirtel (links unten), die Herbert Brühl an der Dhünntalssperre gefunden hat, soll aus der Jungsteinzeit stammen. Dann könnte sie zwischen 7000 und 4000 Jahre alt sein.

Quelle: 
KStA-19850727-rn13
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011