Branntwein vor dem Gottesdienst


Branntwein vor dem Gottesdienst
Für die Pfarrer früherer Jahrhunderte war Odenthal  keine einfache Gemeinde

40 Stunden Ostergebet und Hochprozentiges vom Küster: Pastor erforschte den Glaubensweg einer tausendjährigen bergischen Gemeinde.

VON KARIN M. ERDTMANN
Odenthal - Bürgermeister und Kämmerer wird es nicht beruhigen, aber Odenthal hat durchaus schon schlechtere Zeiten gesehen. Um 1890 verfasste Pastor Clemens Gimken ein Flugblatt, in dem er „um freundliche Zuwendung eines Fastenalmosens" bat. Das Gotteshaus war viel zu klein für die vielen Menschen, die nach teilweise beschwerlichen Fußmärschen die Messe vor dem Portal hören mussten, weil drinnen kein Platz mehr war. Wer einen Sitzplatz haben wollte, kam eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes. Geld für eine Erweiterung gab es jedoch nicht: „Leider kann die katholische Einwohnerschaft, welche sich aus Kleinbauern, Tagelöhnern, Webern und Fabrikarbeitern zusammensetzt, wenig oder gar nichts leisten, da sie ohnehin schon 205 % Comunalabgaben von sämtlichen Staatssteuern aufzubringen und durch Wege- und Schulbauten eine Schuld von 30 000 Mark zu tilgen hat."
Auch ein Pastor hatte es da nicht leicht. So klagte Christian Peter Braun 1817 über die weiten Wege in der „monströsen Pfarre". Wenigstens drei weitere Geistliche wären nötig, um die 3420 Seelen angemessen zu versorgen. Oft müsse er den Gottesdienst „bis zur Herabwürdigung verstümmeln" oder „bei bestem Appetit die Suppe auf dem Tisch stehen lassen, um stundenweit zu Kranken hinzueilen". Wobei der Pastor nicht nur Priester war, sondern auch Garten, Acker und Tiere versorgen musste.
Klaus Anders ahnte nicht viel von der Geschichte der Kirchengemeinde, als er vor gut 30 Jahren nach Odenthal kam. Dass die Pfarre bereits seit rund 1000 Jahren existiert, bedeutet für ihn heute Faszination und Herausforderung zugleich.
Immer wieder hat er im Pfarrarchiv geforscht, um den „Glaubensweg einer tausendjährigen bergischen Gemeinde" nachzuzeichnen. Jetzt liegen die Ergebnisse erstmals als Publikation vor.
Wilde, rohe Gesellen seien es gewesen, die seinerzeit die Urwälder rodeten, Häuser, Mühlen und die erste Kirche bauten. „Das scheint sich in den folgenden Jahrhunderten nicht wesentlich geändert zu haben", verweist Anders auf die Bemerkung des Odenthaler Pastors Gottfried Müseler. Der Altenberger Dom, sagte dieser zur Wiedereröffnung 1857, sei „nur dahingestellt, damit die Menschen der Verwilderung entrissen und zur Religiosität umgebildet werden".
Manchmal bildete sich allerdings auch ein Pfarrer um wie Matteus Richenhoffen, der 1611 „wegen ärgerlichem Wandels" Odenthal verlassen musste und bald zum Protestantismus übertrat. „Die Gemeinde aber blieb katholisch. Sie hat nicht drum gekämpft, es hat sich so ergeben", zieht Kreisdechant Anders nüchtern Bilanz. „Es kam kein Landesherr, der eine andere Konfession aufgezwungen hätte."
Besonders eindrucksvoll spiegelt sich die Zeitgeschichte in dem ältesten Buch, das das Pfarrarchiv zu bieten hat, dem 1613 angelegten Einkunftsverzeichnis der Pastöre. Mitten im Satz brechen die Eintragungen am 24. August 1627 ab – der Dreißigjährige Krieg hatte Odenthal erreicht. Erst 1649 wird es weitergeführt. Die Folgen waren dennoch verheerend: Fast alle Unterlagen und Urkunden waren vernichtet, aus dem Pfarrhaus war eine Ruine geworden, die Kirche stand voll mit Kisten.
Auch das Gemeindeleben war aus dem Ruder gelaufen. „Viele Pfarrangehörige können das Vaterunser nicht mehr beten und kennen keinen einzigen Glaubensartikel", klagte Pastor Schreiber. „Schon vor dem Gottesdienst wird Branntwein getrunken, wahrscheinlich vom Küster gebrannt. Die Kinder kommen am Sonntagnachmittag nicht zu den Lehrstunden, sondern vertreiben sich die Zeit mit Spielen, Tanzen und anderer Leichtfertigkeit."
Ganz anders dann im 19. Jahrhundert: „Am Ostermorgen ist um halb Fünf Auferstehungsfeier mit dreimaligem Umzuge um die Kirche. Um 5 Uhr beginnt das 40stündige Gebet." Wallfahrten führten die Odenthaler vor allem nach Kevelaer. „Es gab Gläubige", fand Anders heraus, „denen silberne und goldene Kränzchen verliehen wurden für die 25-, 40- und 50-malige Teilnahme." Kirchenfeste bestimmten den Lebensrhythmus.
Dieses feste Gefüge, das erst in den vergangenen 35 Jahren wieder aufgebrochen sei, habe jedoch auch zu einer Enge des Denkens geführt, merkt Anders kritisch an. Alles, was außerhalb des katholisch Normalen war, sei verurteilt worden. Achtung und Ehrfurcht vor den Menschen seien indes auch in unserer Zeit nur schwer zu vermitteln und zu lernen.
Odenthal sei auf jeden Fall in den vergangenen 1000 Jahren „eine ganz normale Gemeinde mit Licht-und Schattenseiten" gewesen, „erzkatholisch, wie sich das im Bergischen gehört", fügt er schmunzelnd an. „Aber wir müssen darauf achten, dass wir nicht in einer Art »katholischem Mief« ersticken. Was wir zu verkünden haben, ist keine Drohbotschaft, sondern eine frohe Botschaft." Gemeinde sei kein Selbstzweck, sondern habe dienende Funktion. Sie müsse den Menschen den Weg zu Gott bahnen und dürfe ihn nicht mit Kleinkariertheiten und Borniertheiten verbauen.
Klaus Anders – Der Glaubensweg einer tausendjährigen Gemeinde, ist für drei Euro im Pfarrbüro, Altenberger Dom-Str. 51,    02202/79805, erhältlich.

Bei seinen Recherchen zur Odenthaler Ge-meindegeschich-te hat Pastor Klaus Anders auch das älteste Buch im Pfarrarchiv weitergeholfen: das 1613 angelegte Einkunftsverzeichnis der Pastöre (o.). Die Illustration (l.) aus einem handgeschriebenen Gebetbuch von Vikar Christian Peter Braun (1798) zeigt möglicherweise den damaligen Barockaltar von St. Pankratius.
BILDER: NEUMANN

Quelle: 
KStA-20070306-s40
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011