Mönche malten nur Blätter statt Figuren


Aus einem jahrhundertealten Scherbenhaufen einen Schatz gemacht
Mönche malten nur Blätter statt Figuren
Fragmente zu Bildern zusammengesetzt

Von unserem Redakteur Arthur Lamka
Altenberg — Eine Kiste bemalter Glasscherben, das war alles. Aber es war ein Schatz. Denn die Scherbenfragmente, bemalt mit Blättern und Blattpflanzen aus der Umgebung des Dhünntals, waren zwischen 750 und 600 Jahre alt. Es waren originale Zeugnisse der einzigartigen zisterziensischen Glasmalerei des 13. und 14. Jahrhunderts aus Chorumgang, Chorobergaden und nördlichem Seitenschiff der Abteikirche der Zisterzienser.
Nach ihrer Ruinierung durch Brand und Plünderung und ihrer Wiederrichtung als „bergischer Dom" um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, gehörte die Restaurierung der einzigartigen Domfenster 1896 zu den ersten Aufgaben des 1894 gegründeten Altenberger Dom-Vereins. Danach, so weiß man sicher, ist eine Kiste mit Scheibenfragmenten aus dem Chorumgang spurlos verschwunden. Ihre zufällige Wiederentdeckung 1909 im Düsseldorfer Kunstmuseum, nach der sich die Spur erneut verliert, bis zur Wiederauffindung im Kunstgewerbemuseum 1972 durch den ADV-Archivar unter Mithilfe von Prof. Dr. Irene Markowitz (Stadtmuseum Düsseldorf) und die Rückführung in die Sammlung des Altenberger Dom-Vereins, das ist ein Roman für sich.
„Ein ungeheuer spannendes Puzzle"
Was sollte aber damit geschehen? Vorsitzende Renate Zanders: „Das Ganze schien ein hoffnungsloser Fall." Aber da erwies sich Dr. Brigitte Lymant als Glücksfall für den ADV. Sie hatte über die Glasmalereien in Altenberg promoviert und konnte gewonnen werden, die Fragmente einander zuzuordnen. „Das war sin ungeheuer spannendes, aber auch aufreibendes Puzzle", gestand sie jetzt. Die originalen Fragmente wurden in der Glasmalerei-Werkstätte Oidtmann in Linnich zusammengesetzt und mit Antikglas und Bleistegen zu insgesamt 13 Glasbildern zusammengefügt. Zum erstenmal wurden sie den Mitgliedern des ADV jetzt bei der Versammlung präsentiert.
Brigitte Lymant gab über ihre wissenschaftliche Arbeit einen fesselnden Bericht, wie sie buchstäblich auch mit den Fingerspitzen die unterschiedliche Stärke der Scheiben erfühlte und so ihre zeitliche Einordnung zwischen 1260 und 1380 vornehmen konnte. Darüber hinaus ist bemerkenswert, daß der Farbstrich der Malereien im Laufe der Jahrzehnte dünner wurde und daß durch Abweichungen der Glasmaler vom genormten Muster der Frühzeit im späten14. Jahrhundert „eine lebendige Vegetabilität" feststellbar ist. Da Zisterziensern auf bunte Fenster, auf figürlichen Schmuck zu verzichten hatten, ersannen sie die für sie typische Grisaille-Malerei aus farblosem Glas mit vielfältigen Blatt-und Pflanzenornamenten. „Das ist die eigene schöpferische Leistung aus der Mitte des Zisterzienserordens", sagte die Forscherin.
Daß Altenberg in seiner stilreinen Zisterziensergotik vor allem auch mit seinen alten Fenstern ein kunsthistorisches Juwel ist, dies machte insbesondere Archivdirektor Dr. Edgar Krausen (München) im ADV deutlich. Anhand zahlreicher Dias von vergangenen und noch bestehenden Zisterzienserabteien in Bayern wurde ersichtlich, daß sie baulich und stilistisch im Laufe der Jahrhunderte starken Veränderungen unterworfen waren über den Barock, das Rokoko bis hin zum Klassizismus. Ebrach, Schönefeld, Fürstenfeld, Raitenhaslach und Seligental wurden u.a. gezeigt. Sie sind zum Teil noch als Kloster genutzt, zum Teil dienen sie seit ihrer Auflösung staatlichen Zwecken wie Strafanstalten, Polizeischulen oder privaten Zwecken als Brauerei.

MIT BLÄTTERN StATT FIGUREN schmückten die Mönche in Altenberg die Glasfenster, weil sie keinen figürlichen Schmuck haben durften. Diese Scheibe mit Akanthusblättern wurde aus 28 Einzelteilen gefügt.

Quelle: 
KStA-19870617-rn14
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011