Puff-Paff und Glockengeläut


Puff-Paff und Glockengeläut
Landschaftsverband beleuchtet die Säkularisierung im Rechtsrheinischen
Mönche ohne Skrupel, katholische Christen in Lethargie, Weihrauch und Pulverdampf in der Luft: Ein Buch beleuchtet den Untergang der Klöster im Rheinland.

VON KARIN M. ERDTMANN
Altenberg - Für Frankreich hat es sich gelohnt: Rund 66 Millionen Francs zur Sanierung der Staatskasse erbrachte vor 200 Jahren der Verkauf der rheinischen Klöster und Stifte, deren Aufhebung zuvor erlassen worden war. Dabei ging nicht nur im Linksrheinischen, das völkerrechtlich zu Frankreich gehörte, eine Ära zu Ende. Nach dem „Reichsdeputationshauptschluss" im Jahre 1803 begann die Säkularisation auch rechts des Rheins wie beispielsweise in Altenberg.
Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) hat sich in einem umfangreichen Projekt des Themas angenommen. Entstanden ist eine 440seitige Publikation, die in 25 Beiträgen die religiösen, sozialen, wissenschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kunsthistorischen Aspekte der Umwandlungen beleuchtet.
Dargelegt wird, dass nicht nur eine „außergewöhnlich reichhaltige Kloster- und Stiftslandschaft unterging, die sich im Laufe vieler Jahrhunderte konstituiert hatte", sondern auch in kurzer Zeit riesige Besitzumschichtungen vonstatten gingen und entsprechende Kapitalmengen entstanden. Die Autoren (allesamt Wissenschaftler aus Universitäten, Archiven und anderen Forschungseinrichtungen) beleuchten, wie beim Verkaufen und Wiederverkaufen Gewinne von bis zu 1000 Prozent im Jahr möglich waren. Die katholische Bevölkerung habe mit Trauer oder Lethargie reagiert; nennenswerten Widerstand habe es nicht gegeben. Auch keine Skrupel: „Ehemalige Mönche oder Kanoniker traten sogar als professioelle Vermittler von Nationalgütern auf", heißt es.
Man arrangierte sich sogar bis zur Vermischung kirchlicher und weltlicher Feiertage. So wurde Mariä Himmelfahrt parallel zu Napoleons Geburtstag begangen: halb Parade, halb Prozession, wie es Zeitgenossen beschrieben, mit Weihrauch, Pulverdampf, Pferdegetrappel und Infanteriemarsch, „die Geistlichkeit von Grenadieren und Dragonern eingefasst". Heilige Gesänge wurden von Pfeifen und Trommeln übertönt, „dazwischen Puff, Paff – die Kanonen und das Geläut, als wolle Köln untergehen".
Wie sich die Säkularisation in Altenberg auswirkte, beschreibt Annette Zurstraßen vom Altenberger Dom-Verein in einem eigenen Kapitel: „Von der Säkularisation zur simultanen Nutzung – das Schicksal des Altenberger Doms nach 1803."
Klosterkultur und Säkularisation im Rheinland", herausgegeben von Georg Mölich, Joachim Oepen und Wolfgang Rosen für den LVR, 440 Seiten mit CD-Rom, 38 Euro, ISBN 3-89861-099-3.

Eine Anlage von beachtlicher Größe war einst das Kloster Altenberg (hier nach einem Stich von Johann Jakob Sartor aus dem Jahre 1707). Unter anderem verfügten die Mönche im Tal der Dhünn über Wasch-, Back-, Gäste- und Krankenhaus. Umgeben wurde die Anlage von einer Ringmauer.

Quelle: 
KStA-20020927-s16
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011