Orkan hat Königsforst zu zehn Prozent plattgewalzt


Schäden gehen in die Millionen 250 000 Bäume entwurzelt
Orkan hat Königsforst zu zehn Prozent plattgewalzt
Fichtenbestände vernichtet — Förster befürchtet Schädlingsbefall

Von Andreas Halbach
Rheinisch-Bergischer Kreis —Der Orkan „Wiebke" hat im Königsforst in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag Waldschäden angerichtet, wie sie sich „seit Menschengedenken nicht ereignet haben." Der Leiter des Staatlichen Forstamtes Königsforst, Gunter Borggreve, gab gestern in Forstamt Bensberg eine erste Schadensbilanz bekannt.
Danach schätzt die Forstbehörde, daß der Orkan rund zehn Prozent des gesamten rund 2 500 Hektar großen Staatswaldes vernichtet hat. Neben dem erheblichen ökologischen Schaden wird der materielle auf „mehrere Millionen Mark" geschätzt.
Während nach den vorangegangenen vier Stürmen insgesamt „lediglich" 6000 Kubikmeter Holzmasse verloren gingen, entwurzelte „Wiebke" rund 250000 Bäume mit etwa 75000 Kubikmetern Holz. Das Forstamt Wipperfürth meldet einen Verlust von rund 10000 Kubikmeter.
Die flachwurzelnden Fichtenbestände sind in den bergischen Wäldern am stärksten betroffen, sie machen rund 80 Prozent des angefallenen Schadholzes aus.
Die Forstamtsleitungen raten eindringlich davon ab, den Wald bei starken Winden in den nächsten Wochen zu betreten, da durch entwurzelte Bäume, die teilweise katapultartig auf Spannung stehen, akute Gefahren ausgehen können.
Die verheerendsten Schäden entstanden in der Mittelterrasse des Königsforstes, dort, wo sichdas von den Grauwacke- und Tonschieferschichten abgelaufene Regenwasser wie in einer Art Wanne im lockeren Erdreich aus Sand und Kies gesammelt hat. So sind im Bereich von Broichen und Steinhaus ( östlich der L288 zwischen Bensberg und Forsbach) ganze Waldstücke niedergewalzt worden.
Nach den schweren Stürmen der vergangenen Wochen, die mit teilweise heftigen Regenfällen verbunden waren, hatten sich die Baumwurzeln im Erdreich bereits stark gelockert. „Die so geschwächten Bäume konnten schließlich den schlagartigen Böen des jüngsten Orkans nicht mehr standhalten."
Ausmaß nicht absehbar
Forstamtsleiter Borggreve betont, daß sich das ganze Ausmaß des katastrophalen Walschadens zur Zeit noch nicht absehen läßt, da in den nächsten Jahren schon bei jeder stärkeren Windbewegung Folgeschäden vor allem auch in jüngeren und bisher in vollem Wachstum stehenden Baumbeständen zu erwarten sind. Borggreve: „Es wird Jahre dauern, bis die entstandenen Schäden" vernarben und auswachsen."
Die alten Nadelholzbestände, die das Bild des Königsforst geprägt haben und wegen ihrer bereits stark fortgeschrittenen Wurzel- und Stammfäule den Stürmen nicht trotzen konnten, wurden fast völlig vernichtet.
Als „unschätzbaren Wert" bezeichnete Borggreve die im zurückliegenden Jahrzehnt großflächig angelegten Pflanzungen von Eiche und Buche. Sie sollen auch die vernichteten Nadelhölzer ersetzen, so daß in einigen Jahren das Ziel von zweidrittel Laubwald im Königsforst erreicht werden kann.
Mit Bezug auf den jüngsten Bürgerprotest gegen Baumfällaktionen der Forstbehörde im Rahmen von Verkehrssicherungsmaßnahmen ( wir berichteten mehrfach) stellt Borggreve fest: „Dem Bürger muß nun klargemacht werden, daß der Wald kein Baudenkmal ist, das sich in kurzer Zeit restaurieren läßt."
Monatelang werden die 18 Waldarbeiter des Forstamtes Königsforst mit Unterstützungvon Privatunternehmen damit beschäftigt sein, den Wald zu durchforsten.
Falls es ein feucht-warmes Frühjahr geben wird, droht dem Wald eine weitere Gefahr: Die explosionsartige Schädlingsvermehrung. So gedeiht der Borkenkäfer besonders gut in geschwächten Hölzern.
Folge des nun befürchteten Populationsanstieg der Schädlinge bis zu drei Generationen nebeneinander könnte schließlich auch deren Befall von gesunden Bäumen sein. Die Sorge um junge Baumbestände steigt auch mit der möglichen Vermehrung von Mäusen, die ebenfalls im Schadholz — neben dem Gras — gute Lebensbedingungen vorfinden.
Und auch die Holzwirtschaft leidet erheblich unter den Auswirkungen der Orkane. „Die Preise brechen zusammen. Wir hoffen aber auf die Loyalität unserer bisherigen Vertragspartner", erläutert der stellvertretende Forstamtsleiter, Konrad Hecker, dem indessen klar ist, daß der bundesdeutsche Markt diese Holzmengen nicht bewältigen kann.

NIEDERGEWALZT hat der Orkan Laubgehölz und vor allem allem alte Fichtenbestände.    Bild: Herbert Diethold

Forst ist ein Geschenk des Frankenkönigs
Der Königsforst ist stets als zusammenhängendes Waldgebiet erhalten geblieben. Im Jahr 958 wurde er erstmals urkundlich erwähnt. Der Frankenkönig Otto I., der Große, (936 bis 973) schenkte den Wald seinem Bruder Bruno, dem damaligen Erzbischof von Köln. Später wurden die Abteien Deutz und St. Pantaleon an dem Forst beteiligt. Über die Jahrhunderte erhalten blieb der Wald nicht zuletzt, weil ihn Landes- und Kirchenfürsten als Jagdrevier bevorzugten. Bis zur Säkularisation war der Königsforst in Kirchenbesitz. Nachdem er an den Preußenstaat gefallen war ist er Landeswald.    ah
Quelle: 
KStA-1990033
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011