Geheimnisse rund um das Ei werden gelüftet


Eine Ausstellung im Bauernhausmuseum Clemens dokumentiert alte Osterbräuche aus dem Bergischen Land
Geheimnisse rund um das Ei werden gelüftet
Ein Fruchtbarkeitssymbol für Menschen, Tiere und Pflanzen

Von Karin M. Erdtmann
Bergisch Gladbach — Wer über Ostern das Bauernhausmuseum der Familie Clemens in Oberkülheim besucht, muß aufpassen, wo er hintritt. Unachtsamen kann es passieren, daß sie plötzlich auf ein Ei treten. Das Fruchtbarkeitssymbol, das in früheren Zeiten auf den Höfen im Bergischen Land für die Tiere ausgelegt wurde, ist in diesem Fall jedoch nur Anschauungsobjekt und aus Plastik.
In dem seit zwölf Jahren bestehenden Museum gibt es an den Feiertagen einiges zu entdecken. „Geheimnisse rund um das Ei" lautet der Titel einer Ausstellung, die Osterbräuche im Bergischen dokumentiert. In der kleinen Hauskapelle erfährt der Besucher beispielsweise, daß die Glocken bis Ostersonntag schwiegen. Der Überlieferung zufolge reisten sie zum Reisbreiessen nach Rom. Damit die Leute aber trotzdem auf die Gottesdienste aufmerksam wurden, gingen die Glockenjungen mit sogenannten Karklappern durch die Straßen.
Für den Küster gab es zu Ostern „Glockeneier", für den Pfarrer, sofern die Gemeinde mit ihm zufrieden war, „Beichteier". Auf das Legedatum legte man schon in früheren Zeiten Wert. Am Gründonnerstag gelegten Eiern, die Ostersonntag in der Kirche gesegnet wurden, werden besondere Heilkräfte zugeschrieben; wer Eier aß, die am Karfreitag im Nest lagen, bekam neben Gesundheit auch einen „besonderen Blick". Auch Buchsbaumzweige nahm man zu Ostern mit in die Kirche. Sie sollten vor Unbill schützen,wurden dem Viehfutter beigelegt, im Backes verbrannt oder bei Gewitter in den Ofen gesteckt.
Im Oberkülheimer Backes duftet es nach frischem Brot. Dem alten Gemäuer wurde in den vergangenen Tagen kräftig eingeheizt, denn schließlich will man den Museumsbesuchern an den Feiertagen frische Backwaren anbieten — mit warmer Milch von der Kuh oder Kornkaffee aus Spitzböhnchen, im Volksmund auch „Muckefuck" genannt.
Vor dem Ofen demonstrieren diverse Backformen (als Osterhasen und Osterlämmer) die Entwicklung dieser' Hilfsmittel von der schweren gußeisernen Form anno 1870 bis zum modernen Plastikförmchen. Auch die Bemalung der Eier sowie die dazugehörigen Verzierungen der gebackenen Taler hatten ihre Bedeutung. Gräser und Ähren standen für Gesundheit und reiche Ernte, die Sonne galt als Lebensspender, Punkte symbolisierten die Tränen der Jungfrau Maria, Sterne Wachstum und Glück, Kreuze den Sieg Christi über den Tod und Pflanzen und Blumen standen für Liebe, Güte und Fruchtbarkeit. Als Fruchtbarkeitssymbole wurden Eier auch an die Stalleingänge gehängt — sowie ans bürgerliche Ehebett.
Hexen und böse Geister
Ungefärbte Eier (die natürlich am Gründonnerstag gelegt sein mußten) hielten Hexen und böse Geister fern, und am Ostersonntag war es Aufgabe des Hausherrn, vor der Eingangstür einige der ungefärbten Hühnerprodukte wie ein geleertes Wodka-Glas über den Rücken zu werfen, was dem Haus einen einjährigen Schutz vor Feuer garantieren sollte. Neben den Eiern lag ein Holzlöffel, der auf dem Osterspaziergang als Hilfsmittel für Eierspiele galt. Beliebt waren beispielsweise das Eierlaufen oder das Eierdeppen, bei dem derjenige siegte, dessen Ei bei dem Aufprall heil blieb. Im Acker vergraben sorgten bunte Eier für eine gute Saat sowie für die Besänftigung der bösen Geister.
Während die Jungfrauen am Ostermorgen schweigend heilbringendes Quellwasser schöpfen mußten (schlug der Versuch fehl, nannte man das Produkt „Plapperwasser"), hatten diejungen Herren ganz andere Sorgen. Eier, die roh und mit Schale vertilgt wurden, sollten mehr Erfolg in der Liebe garantieren. Wem die Schale nicht behagte, konnte das Ei auch ausschlürfen und glaubte danach, ein Jahr lang vor Unheil sicher zu sein. Wer ganz auf Nummer Sicher gehen wollte, trank zusätzlich noch Palmtee. Als Symbol für die wiedererstandene Natur wurden Küken ins Haus geholt.
Gezeigt wird im Museum auch, mit welchen Mitteln Eier gefärbt wurden: Neben Zwiebeln und roter Beete standen Spinat und Brennesseln, MateTee, Rotholz, Sandelholz, Gelb-und Blauholz zur Verfügung. Der junge Mann wünschte sich zu Ostern von seiner Angebeteten ein Eierkörbchen. Ein Brauch, der nach dem Zweiten Weltkrieg im Bergischen in Vergessenheit geriet.
Aus der Zahl der Eier sowie aus den aufgemalten Sprüchen konnte er dann entnehmen, ob er der Dame seines Herzens genehm war oder nicht. „Ich wünsche Liebste, froh und frei, Dich mich, mich Dir als Osterei" war unter anderem zu lesen oder „Solange das Ei hält, hält unsere Liebe". „Einen Josef muß ich haben — und sollt ich ihn aus der Erde graben", schrieb eine andere. Das Schlimmste, was einem Mädchen passieren konnte, war es jedoch, wenn ein Körbchen bestellt und nicht abgeholt wurde. „Das Mädchen brütet", hieß es dann im Dorf.
Abgerundet wird die Ausstellung im Bauernhausmuseum Clemens mit österlichen Postkarten aus der Zeit von 1900 bis 1920. Zu sehen ist die Sonderschau bis einschließlich Ostermontag täglich von 10 bis 17 Uhr ( bei Bedarf auch noch in der kommenden Woche). Nach Ostern wird man sich wieder verstärkt den Ausbaumaßnahmen widmen.
So will die Familie Clemens, die immer wieder auch Besuchergruppen aus Frankreich und Holland durch die Anlage führen kann, wieder einen Hühnerhof anlegen sowie zwei Häuser aufbauen, für die die Grundmauern bereits vorhanden sind: Das alte Haus der Katharina Güschen ( „Scheuer Tring" ) aus Schildgen sowie ein altes Wirtschaftsgebäude mit Stall, Scheune, Milch- und Waschküche, Gesindestuben und Hausschlachtung. Ferner befindet sich im Archiv noch eine Fülle von Material, das noch ausgewertet werden muß.

120 JAHRE ALT sind diese gußeisernen Backformen, die im Bauernhausmuseum der Familie Clemens gezeigt werden.

EIN EIERKÖRBCHEN VON DER ANGEBETETEN wünschten sich früher die jungen Männer im Bergischen Land.    Bilder: Albert Günther

Quelle: 
KStA-19880402
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011