Geschichte aus dem Müll gelesen


Ausstellungseröffnung im Kreishaus: Die Ergebnisse der Grabungen bei Altenberg
Geschichte aus dem Müll gelesen
Funde drei Jahre lang analysiert — Grafen von Berg war anderen Edlen weit voraus

Von unserem Redakteur Hans Kloep
Altenberg – Normalerweise ist es kein Vergnügen, in den Abfällen Verblichener zu wühlen. Aber für Matthias Untermann von der Abteilung Architektur des Kunsthistorischen Instituts der Universität zu Köln und seinen Helfern war offensichtlich eine „Lustgrabung", in den Küchenabfällen derer von
Berg zu wühlen, wie es sein Kollege Dr. J. Giesler bei der Ausstellungseröffnung „Grabungen auf der Burg Berge" im Kreishaus artikulierte.
Und das aus gutem Grund. Denn die Forscher sind bei den Ausgrabungen lediglich auf Kleinkram gestoßen, haben daraus aber viel Unbekanntes aus der Zeit vor 700 Jahren wiederentdeckt.
Zahlreiche Gäste
Auf das, was Untermann dem Erdreich in Altenberg entrissen hat, waren anscheinend viel mehr Menschen gespannt, als man allgemein hin annehmen konnte. Denn als Landratstellvertreter Walter Schüller offiziell eröffnete, faßte der große Saal im Kreishaus kaum die Gäste. Über 200 waren gekommen, um Einblick in das Leben der Grafen von Berg zu bekommen, die einmal in rheinischen Oden das Sagen hatten.
Schüller erinnerte daran, daß im Sommer 1981 auf der alten Burg Berge die bisher frühesten Spuren bergischer Geschichte erforscht wurden. „Nach drei Jahren werden die Ergebnisse heute erstmals im Kreishaus gezeigt."
Es sei Landrat Dr. Konrad Kraemer gelungen, die für die Grabung erforderlichen 100 000 Mark vom Landschaftsverband Rheinland bereitstellen zu lassen. Und der Rheinisch-Bergische Kreis habe auch sein Scherflein beigesteuert. Die Aus-grabungen bewiesen erneut die Geschichte einer Landschaft, die über die Grenzen der Region hinaus gewirkt habe und die man nicht verschämt zu verbergen brauche.
Untermann wies in seinen kurzen Ausführungen darauf hin, daß die Ausgrabungen in Altenberg eindeutig ergeben hätten, daß die Grafen von Berg die Burg bereits 1 133 verlassen haben und das Burggebäude im Mittelalter vollständig abgetragen worden sei, und der dabei angefallene Schutt einer zuerst nutzlos erscheinenden großflächigen Planierung zur Geländeerweiterung gedient habe. Den Grund für die Zerstörung der Burg könne inzwischen als unvollendet aufgegebene Umgestaltung des Geländes für den Bau eines Klosters, nach 1133, gedeutet werden. Die Steine der Burg seien von den sparsamen Zisterziensern dann für den Baudes Klosters in Altenberg verwendet worden.
Die vorgefundenen Materialfunde zeigten, wie Untermann sagte, daß die Grafen von Berge überaus reich gewesen sein müßten, denn der feudale Wohnstil habe weit über dem damals üblichen gelegen. In anderen Burgen habe man erst Jahrhunderte später ähnlichen Aufwand feststellen können.
Es sei möglich gewesen, durch die Ausgrabungen die ursprüngliche Größe des Burggeländes festzustellen. Als Grabungsergebnisse seien unter anderem Befunde zu Bauten der Burg, zu ihrer Nutzungszeit und zu den Geländearbeiten der Klostergründung zu nennen.
Die Detektivarbeit der Forscher habe auch darin bestanden, aus Keramikresten, Tierknochen, Holzkohle und Ofenstruieren. So gering die eigentlichen Funde auch seien, so gäben sie aber doch genügend Aufsschluß über die Vergangenheit der Burg und ließen auch Schlüsse auf andere geschichtliche Ereignisse aus der damaligen Zeit zu. So ließen sich jetzt oft noch bisher unbekannte Zusammenhänge herstellen. Allein 22 175 Knochenreste aus dem Abfallhaufen der Grafen wurden gefunden und ausgewertet.
Sie gaben auch interessante Auskünfte über die Speisekarte der urbergischen Adelsfamilie. Das beste Stück aus den Ausgrabungen ist ein vergoldeter Anhänger eines mittelalterlichen Pferdegeschirrs, der auch den Titel eines Buches von Matthias Untermann schmückt, das die neuesten Forschungsergebnisse über den Ursprungssitz der Grafen von Berg vorstellt. Es wurde bei der Ausstellungseröffnung

ARCHÄOLOGIE FINDET VIEL INTERESSE, zur Ausstellungseröffnung „Grabungen auf der Burg Berge" waren über 200 Gäste erschienen. Dritter von links: Matthias Untermann, der Ausgrabungsleiter.    Bilder: Günther Möllinghoff

EIN VERGOLDETER ANHÄNGER von einem Pferdegeschirr aus Bronze ist das beste Stück in der Ausstellung „Grabungen auf der Burg Berge" im Kreishaus.

ES WAR EIN GROSSES PUZZLE-SPIEL, die Reste der Burg Berge auszugraben. Unser Bild zeigt einen Mitarbeiter beim Registrieren der Fundstücke während der Ausgrabung.

Quelle: 
KStA-19840721-rn23
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011