Uber 600 Unterschriften gegen ein Gewerbegebiet


Uber 600 Unterschriften gegen ein Gewerbegebiet
Ganz privat übergeben — Bockenberg-Motive der Stadt reflektiert

Von unserem Redakteur Wilhelm Becker
Bensberg — In ihrem Privathaus an der Vinzenz-Pallotti-Straße 3 ließ Carola Bernstein Unterschriftenlisten gegen die Ausweisung eines neuen Gewerbegebiets in ihrer Nachbarschaft am Bockenberg an alle vier Bergisch Gladbacher Ratsfraktionen überreichen. Ausgehändigt wurden 629 Unterschriften von Wolfgang Lehmenkühler, Verwaltungsdirektor des VinzenzPallotti-Hospitals. Empfänger waren Rolf Buchholz (Planungsexperte der CDU-Fraktion), Peter Schmitz (SPD-Stadtverordneter und Vorsitzender des Planungsausschusses), Renate Schmidt-Bolzmann (FDP-Fraktionsvorsitzende) und Hartmut Schneider (sachkundiger Bürger der Grünen im Planungsausschuß).
Mehr als eine Stunde hielten sich die Fraktionsvertreter in der Wohnung der Anliegerin Carola Bernstein auf. Zum erstenmal seit Jahrzehnten holten sich Vertreter des Rates, der schon heute zum Teil mit einer Ausweisung von neuem Gewerbegebiet am Bockenberg einverstanden ist, den gebündelten Bürgerprotest persönlich bei einem Betroffenen zuhause ab.
Rolf Buchholz betonte unter beifälligem Nicken anderer Parteienvertreter, wegen der Bürgernähe, die seine Partei praktiziere, sei es für ihn selbstverständlich, auch zu einem solchen Anlaß eine Einladung in eine Privatwohnung anzunehmen.
Die Übergabe der Unterschriften wurde vom Verwaltungsleiter des Vinzenz-Pallotti-Hospitals vorgenommen, weil, so Carola Bernstein, dort — unter Patienten und Mitarbeitern — die meisten Unterschriften zusammengekommen seien. Lehmen-kühler betonte, schon seit Bekanntwerden der Pläne zur Ausweisung eines Gewerbegebiets unterhalb des Bensberger Krankenhauses habe der Krankenhausträger dagegen protestiert.
Kein Blatt vor den Mund
Schon jetzt seien Verkehrsgeräusche von der Friedrich-EbertStraße nach Durchforstung des dazwischen liegenden Waldstücks im Krankenhaus zu hören. Wenn schon die beiden Krankenhäuser in Gladbach wegen ihrer zentralen Lage Lärm ausgesetzt seien, müsse nicht auch noch das dritte Krankenhaus im Stadtgebiet Immissionen hinnehmen.
Carola Bernstein und ein paar weitere Anlieger nahmen kein Blatt vor den Mund. Namen von Bürgern wurden genannt, die erfolgreich im Stadtgebiet als Grundstücksspekulanten agierten und auch hier mitmischen. Vermutet wurde, daß die Gewerbegebietsausweisung in erster Linie von der Stadtverwaltung betrieben werde, um gravierende Planungs- und Baugenehmigungsfehler in Zusammenhang mit „Haus Bockenberg" und der dortigen Hinterlandbebauung zu kaschieren.
Erwähnt wurde, daß durch die Gewerbeausweisung am Bockenberg und das Umsiedlungsangebot der Stadtverwaltung, an die zur Zeit in Neufrankenforst ansässige Bürobedarfs-Einkaufszentrale mit annähernd einer Milliarde Mark Jahresumsatz ein weiterer gravierender Planungsfehler der Stadtverwaltung ausgebügelt werden solle. Wie berichtet, lehnt allerdings das Unternehmen eine Umsiedlung dorthin ab.
Der Firma wurde schon vor Jahren bei ihrer Ansiedlung in Neufrankenforst — so informierte vor einiger Zeit die Geschäftsführung — übel mitgespielt, indem Nachbargelände nicht mehr als Gewerbegebiet, sondern plötzlich als Wohngebiet ausgewiesen wurde.Auch dort war ein damals bei der Stadtverwaltung einflußreicher Bensberger Geschäftsmann Grundstückseigentümer in dem Bereich, der heute mit verdichteter Wohnbebauung besetzt ist.
Schließlich fragen sich Betroffene am Bockenberg, warum der Firma Interatom von der Stadtverwaltung eine Ausweitung ihres Gewerbegebiets auf die andere Seite der Friedrich-EbertStraße zugestanden werden sollte, wo doch die Firma seit ein paar Jahren dabei sei, die Zahl ihrer Mitarbeiter zu verringern.

DER VERWALTUNGSDIREKTOR DES Vinzenz-Pallotti-Hospitals, Wolfgang Lehmenkühler (links), übergibt Rolf Buchholz (CDU) eine Kopie der Listen mit Unterschriften gegen die Ausweisung eines neuen Gewerbegebiets am Bockenberg (von links): Carola Bernstein, Peter Schmitz (SPD), Hartmut Schneider (Grüne) und Renate Schmidt-Bolzmann (FDP; ganz rechts).    Bild: Albert Günther

Quelle: 
KStA-19870116
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011