Für die Volksbank war es einer der heißesten Tage


200 Teilnehmer erlebten eine turbulente Generalversammlung
Für die Volksbank war es einer der heißesten Tage
Leitung entglitten — Vorstand und Aufsichtsrat nicht entlastet

Von unserem Redakteur Wilhelm Becker
Bensberg — Keine Dividende für rund 2000 Anteilseigner und keine Entlastung für Vorstand und Aufsichtsrat, bezogen auf das Geschäftsjahr 1985; keine Entlastung für den Aufsichtsrat, eingeschränkte Entlastung für den Vorstand nach Einzelabstimmung und nur fünf Prozent brutto an Dividende auf die Geschäftsanteile (3,2 Prozent netto), bezogen auf das Geschäftsjahr 1986: Das beschloß die Generalversammlung 1987 der Bensberger Volksbank im Sitzungssaal des Bensberger Rathauses.
Der erste heiße Tag und überaus schwüle Abend des Sommers 1987 wurde für die Bensberger Volksbank zu einem der heißesten Tage ihrer Geschichte. Das berichtete einer der Bankgenossen dem „Kölner Stadt-Anzeiger", und das bestätigte geschäftsführendes Vorstandsmitglied Gerd Bongers in einem Gespräch über den Verlauf der Versammlung. Die Generalversammlung begann um 19.30 Uhr und endete gegen 0.45 Uhr. Gegen 22.30 Uhr wurde für die rund 200 Teilnehmer, darunter etwa 20 Bankmitarbeiter, das Abendessen serviert. Pressevertreter waren nicht eingeladen, weil der Vorstand angenommen hatte, sie würden sich auch ohne Einladung einfinden.
Aufgrund umfassender Prüfungen und Revisionen fiel im vergangenen Jahr die Generalversammlung aus. Wie Anfang Mai berichtet, waren gemäß neuer Richtlinien Wertberichtigungen in Millionenhöhe erforderlich. Es hatte sich herausgestellt, daß vor allem Immobilien, die als Sicherheiten für Kredite verbucht waren, entweder von Anfang an zu hoch bewertet worden waren oder nach der Erstbewertung im Lauf der Zeit drastisch an Wert verloren hatten, ohne daß der tatsächliche Wert von Zeit zu Zeit überprüft und dem Markt angepaßt worden wäre.
Die Leitung entglitten
Für die Leitung der Generalversammlung verantwortlich war Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Dieter Rammoser. Gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger" bestätigte Vorstandsmitglied Bongers, daß dem Aufsichtsratsvorsitzenden im Verlauf des Abends die Versammlungsleitung entglitten sei. Der Aufsichtsratsvorsitzende habe beispielsweise für das Geschäftsjahr 1985 von sich aus beantragt, Vorstand und Aufsichtsrat keine Entlastung zu erteilen. Es sei dann jedoch so turbulent zugegangen, daß daraus ein Antrag aus der Versammlungsmitte wurde, wonach Aufsichtsrat und Vorstand für beide zu verabschiedenden Geschäftsjahre, als für 1985 und 1986, nicht entlastet wurden. Er, Bongers, habe sich daraufhin einschalten müssen und erreicht, daß durch Einzelabstimmung für 1986 den Vorstandsmitgliedern Bongers — er arbeitet erst seit Juni 1986 als verantwortliches Vorstandsmitglied bei der Bensberger Volksbank — und Christian Ginster (nur vorübergehend Vorstandsmitglied; ausgeschieden zum Jahrsende 1986) Entlastung erteilt wurde, während dem Vorstandsmitglied Paul 0lle (Ende Februar diesen Jahres auf eigenen Wunsch ausgeschieden) keine Entlastung erteilt wurde.
Die Haftung der nicht entlasteten Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder erlösche nach dem Genossenschaftsgesetz fünf Jahre nach der General- oder Vertreterversammlung, die die Entlastung versagt habe, erläutert Gerd Bongers.
Der frühere Aufsichtsratsvorsitzende Rammoser, Diplom-Kaufmann und Diplom-Handelslehrer, der neben den Aufsichtsratsmitgliedern Jakob Schwamborn, Hans Huck und Günter Boderke turnusmäßig aus dem Aufsichtsrat ausschied, stellte sich trotz des aus der Versammlung bekundeten Mißtrauens zur Wiederwahl; er wurde jedoch ebenso nicht wiedergewählt wie der erneut kandidierende Hans Huck. Lediglich Jakob Schwamborn gelangte erneut in den Aufsichtsrat (Boderke hatte zuvor bereits erklärt, er werde nicht mehr kandidieren). Zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden wurde Alexander Ivo Franz, im Hauptberuf Revisor bei der Firma Interatom, gewählt. Aus dem Plenum heraus wählten die Bankeigentümer anstelle von Hans Huck Harald Holm in den Aufsichtsrat.
Zu Turbulenzen kam es auch, als die Versammlungsteilnehmer bemerkten, daß der Jahresabschluß 1985 lediglich einen „Bestätigungsvermerk der Deutschen Genossenschaftsrevision Wirtschaftsprüfungsgesellschaft GmbH" trug, jedoch nicht den normalerweise üblichen „uneingeschränkten Bestätigungsvermerk", womit beispielsweise der Jahresabschluß 1986 von den Prüfern versehen wurde.
Dazu erläuterte Vorstandsmitglied Bongers dem „Kölner Stadt-Anzeiger": Wegen der hohen Einzelwertberichtigungen habe die Bensberger Volksbank die Übernahme einer Bürgerschaft in Höhe von 2,8 Millionen Mark durch den Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken beantragt, „um die Eigenkapitaldecke nicht über Gebühr zu strapazieren". Schriftlich sei die Übernahme der Bürgschaft erst am Tag der Generalversammlung, also am 30. Juni, bei der Volksbank eingegangen, weshalb die Prüfer keinen „uneingeschränkten" Bestätigungsvermerk erteilten. Darüber sei auch in der Generalversammlung gesprochen worden. Er habe den Eindruck gehabt, daß zu später Stunde kaum jemand noch konzentriert teilgenommen habe.
Bongers rechnet damit, daß die Bensberger Volksbank schon zum Jahresende 1987 auf die Bürgschaft verzichten kann. Schon bis zum Jahresende 1986 sei die Ausfallbürgschaft auf 1,35 Millionen Mark vermindert worden. Zur Generalversammlung hätten ihm erst die Daten für das erste Quartal 1987 vorgelegen. Inzwischen verfüge er über das vorläufige Ergebnis des ersten Halbjahrs 1987, das die Annahme der Bürgerschaftsrückführung bis zum Jahresende in vollem Umfang rechtfertige. Zum 30. Juni seien gegenüber dem Jahresende 1986 die Einlagen um 1,5 Prozent, Kredite um 3,4 Prozent und z.B. die Zahl der Gesamtkonten um 1,4 Prozent gestiegen. Bongers hofft weiter, daß zum 1. Oktober wieder ein zweiter hauptberuflicher Geschäftsführer eingestellt werden kann. Zur Zeit noch wird, wie berichtet, dieses Vorstandsamt kommissarisch vom ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Josef Krauß bekleidet, der nach wie vor das Vertrauen der Generalversammlung genießt. Der im Ruhestand lebende Krauß beschäftigt sich seit der Generalversammlung mit seinem Hobby: Er macht zur Zeit einen mehrwöchigen Segeltörn auf der Ostsee.

Quelle: 
KStA-1987-nr163-rn10
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011