Heimatvertriebene zogen unter großen Mühen Wohnanlage in Refrath hoch


Fünfzig Jahre Siedlergemeinschaft
„Schweißtropfen mit eingemauert"
Heimatvertriebene zogen unter großen Mühen Wohnanlage in Refrath hoch

Von Katrin Voss
Refrath — Es war die Zeit der großen Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg: Heimatvertriebene und Ausgebombte suchten nach einem neuen Zuhause für ihre Familien. Hoffnung gab eine Sanddüne in Refrath — der Schmillenberg. Die alte Stadt Bensberg kaufte dort 45 000 Quadratmeter Land und gab sie an 51 Siedler weiter: Zum Preis von einer Mark pro Quadratmeter. Kriegsgeschädigte, Totalausgebombte, Kinderreiche und Menschen, deren Wohnung die Alliierten beschlagnahmt hatten, waren unter ihnen.
Am 14. April 1949 begann die Siedlergemeinschaft mit den Rodungsarbeiten. Viereinhalb Jahre später war der fünfte Bauabschnitt abgeschlossen und das letzte Haus bezogen: 37 nagelneue Einzel- und sieben Doppelhäuser vom Typ „Oberbruch" nach Plänen der „Rheinischen Heimstätte".
Und „eine soziale Tat, die mehr wiegt als viele Reden", meinte Bensbergs Stadtdirektor Wilhelm Wagener damals bei der Einweihung, wo von „menschlicher Gesellschaft" und dem „Fortschrittsrausch des Jahrhunderts" die Rede war. Die Siedlergemeinschaft existiert immer noch. Heute findet zum 50jährigen Jubiläum ein Festakt im Bürgerzentrum Haus Steinbreche statt. „Die Kosten für so ein Haus haben mit den heutigen Baupreisen nichts mehr zu tun", lacht Hans Peter Müller, der heute Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Schmillenberg ist.
Monatsmiete: 69,90 DM
Unterm Strich knapp 20000 Mark mußten die Siedler für Haus, Grundstück und Erschließungskosten berappen. Mit einer Monatsmiete von 69,90 Mark zahlten sie später ihre Darlehen zurück. Für 40 000 Mark hatten Bensberger bei drei Sammlungen für das Vorhaben „Heim und Boden" gespendet. Und das noch vor der Währungsreform. Außerdem flossen Landesmittel: Allerdings nur, wenn im Obergeschoß der 78 Quadratmeter-Häuschen eine 33 Quadratmeter-Wohnung an Einlieger vermietet wurde. Durch die Miete verringerte sich die eigene Belastung um fast die Hälfte.
Preisbildend war aber vor allem eines: Die „Muskelhypothek" der Siedler. Alle mußten mit anpacken. 1950 Arbeitsstunden pro Nase hielt der Schriftführer im sogenannten Stundenbuch fest — die Kladde existiert heute noch.
Unterdessen blieb keine Hand ohne Schwielen, bis der letzte Stein gesetzt war. „Viele Schweißtropfen von uns sind hier mit eingemauert", formulierte pathetisch der erste Siedlervorsitzende Josef Bürgers: Baumstümpfe alter Eichen mußten gesprengt werden. Am Feierabend wurde gespachtelt und gemauert.. Trotzdem: Vom Spatenstich bis zum ersten Richtfest vergingen gerade mal vier Monate. Abschnittweise wurde gebaut. Und mancher, der sich so viel vorgenommen hatte, mußte aufgeben. Auf 19 Siedlerparzellen kam es zu 24 Neubesetzungen. 32 Siedler haben von Anfang an durchgehalten. Weil zwischenzeitlich Landesdarlehen gekürzt wurden, versuchte die Gemeinschaft, vornehmlich Handwerker und Fachleute neu in ihre Reihen aufzunehmen.
Sogar der Koreakrieg warf seine Schatten auf den Schmillenberg: Die Angst vor einem neuen Weltkrieg erschwerte die Kreditaufnahme und der Stadtdirektor machte sich stark, damit der vierte Bauabschnitt überhaupt in Angriff genommen werden konnte. Im September 1953 feierten Ehrengäste, Ortsvereine und Siedlerfamilien Einweihung. „Die Vorgärten", so schrieb der Schriftführer vorher allen Familien, „sind zum Fest in einen tadellosen Zustand zu versetzen, damit unsere Siedlung ein gutes Gesamtbild abgibt."
Die Häuser an Schmillenberg und Siedlerstraße haben längst ein neues Gesicht bekommen. Fast alle haben angebaut. Kein Wunder, angesichts der ursprünglichen Wohnungsgröße. Zur sogenannten „Erstausstattung" im Garten gehörten übrigens Obstbäume, Beerensträucher und Hühner.
Zu wenig Kinder
Wer seinen Garten intensiv beakkerte, der konnte immerhin einen Jahresertrag von 400 Mark erwirtschaften. Heute ist der Garten Freizeitraum, wo Rasen und und Zierpflanzen sprießen. Von den 300 Einwohnern aus der Startphase sind 175 übrig geblieben. „Kinder sind heute leider Mangelware", sagt Siedler-Chef Müller. Sechs Siedlerhäuser sind immer noch Eigentum der Erbauer. Alle anderen sind an Kinder und Kindeskinder weitergegeben worden. Auch von den ersten Siedlern feiern heute noch einige mit. Zwei von ihnen, Maria Menden und Christine Käsbach, sind schon 90 Jahre alt.
Übrigens: Heute wie damals ist der Anger das Herzstück der Siedlung. Der Rasenplatz im Zentrum war von Anfang an Treffpunkt für die Bewohner. Einmal im Jahr ist „Frühjahrsputz" auf der Grünfläche zwischen den Bänden. Im Sommer steigt dort das Siedlerfest. Diesmal vom 11. bis 13. Juni mit Livemusik, Leckereien und einer historischen Bilderschau im Zelt. Zum 50jährigen wird ein Gedenkstein eingeweiht.

DER ANGER inmitten der Siedlung Schmillenberg war schon immer ein Platz für Feste. Nach viereinhalb Jahren Gesamtbauzeit feierten die Siedler 1953 Einweihung.    (Archivbild: privat)

DAS GESICHT der Siedlung hat sich gewandelt: Kaum einer, der sein Haus nicht renoviert und vergrößert hätte. Aber die Siedlergemeinschaft besteht immer noch.    (Bild: Katrin Voss)

Quelle: 
KStA-19990416
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011