Bensberg wird dritter Ingenieur-Standort — Aufgaben bei KWU


Die 1957 gegründete Interatom GmbH wird am 1. Oktober 1991 völlig in den Siemens-Konzern eingegliedert
Eine große Überraschung für die ganze Belegschaft
Bensberg wird dritter Ingenieur-Standort — Aufgaben bei KWU

Von unserem Redakteur Arthur Lamka
Bergisch Gladbach — 34 Jahre nach der Gründung der Firma Interatom GmbH wird der Name, der über dem Eingang des Werkes an der Friedrich Ebert-Straße in Moitzfeld prangt, Wirtschaftsgeschichte. Das Unternehmen wird am 1. Oktober in den Siemens-Konzern eingegliedert. Bensberg wird dritter Ingenieurstandort des Siemens-Bereichs Energieerzeugung (KWU) neben Erlangen und Offenbach. Dies teilte Unternehmenssprecher Dr. Hartmut Mayer gestern mit.
Am vergangenen Freitag sei dieser Beschluß bei Siemens gefaßt worden. Der Betriebsrat sei am Montag informiert worden, die Belegschaft am Dienstag. „Das ist ein schmerzlicher Einschnitt", meinte Mayer und man werde wohl bestimmte Eigenständigkeiten verlieren. Aber es sei eine gute Entscheidung, daß Bensberg als dritter Ingenieurstandort bestehen bleibt.
Inwieweit die Belegschaft und die Geschäftsführung strukturellvon der Neuorganisation betroffen werden, blieb unklar. Man müsse die weitere Entwicklung abwarten.
Die Belegschaft zählte zum Ende des Geschäftsjahres 89/90 1200 Mitarbeiter, sie werde sich voraussichtlich zwischen tausend und 1100 einpendeln, glaubt man bei Interatom. 300 Mitarbeiter, so hieß es, seien infolge der wirtschaftlichen Situation bereits einvernehmlich ausgeschieden.
Nicht ans Netz
Die Gründe für die Neuorganisation bei Siemens/Interatom sind in der Tatsache zu suchen, daß der Schnelle Brüter „mit Sicherheit", so die Meinung bei der Firma, aus politischen Gründen nicht ans Netz geht und das Beschäftigungsvolumen der ursprünglichen Hauptarbeitsgebiete von Interatom, vor allem fortschrittliche Reaktortypen, schon in den letzten Jahren rückläufig war.
Hingegen verzeichnet der konventionelle Kraftwerksbau in den letzten Jahren bei KWU eine starke Expansion und im Kern-kraftwerksbau werde noch mit ersten Aufträgen für neue Anlagen gerechnet. Man spricht u.a. von Finnland.Neben der Weiterführung der traditionellen Aufgabengebiete von Interatom, so hieß es in einer Erklärung, soll „die erfahrene Ingenieurmannschaft in Bensberg verstärkt Aufgaben auf den Stammgebieten des Bereichs KWU, dem nuklearen und konventionellen Kraftwerksbau übernehmen".
Die bisherigen Gebiete von Interatom, Leichtwasserreaktor, supraleitende Magnete, Forschungsreaktior und Beschichtungstechnik, werden weiter bearbeitet werden. Durch die Übernahme von Aufgaben im konventionellen Kraftwerksbau würde es zwischen Bensberg und den drei anderen Ingenieurstandorten zweifellos in Zukunft zu einer Wechselwirkung kommen.
Interatom konnte 1987 30jähriges Bestehen feiern. Das Unternehmen wurde 1957 durch die DEMAG in Duisburg und die North America Aviation ins Leben gerufen, um einen weiteren Schritt auf dem Gebiet der Kernenergienutzung voranzukommen.
Interatom entwickelte und baute zahlreiche bedeutende Anlagen, wie den schnellen Brüter. 1969 wurde Interatom schrittweise von Siemens übernommen, 1972 hunterprozentige Siemenstochter.Der neueste Geschäftsbericht verzeichnet für das Bensberger Unternehmen einen Umsatz von 211 Millionen Mark. Der Auftragseingang mit 187 Millionen liegt erheblich unter dem des Vorjahres.
Lob für Belegschaft
Für Forschung und Entwicklung hat Interatom fast 90 Millionen aufgewendet: Investitionen von 5,8 Millionen DM dienten der Verbesserung der Infrastruktur und der Moderniserung von Fertigungseinrichtungen. Das Berichtsjahr schloß mit einem negativen Ergebnis von 11,3 Millionen.
Im Geschäftsbericht wird der Mitarbeiterschaft hohe Anerkennung ausgesprochen. Der Betriebsrat habe bei der Bewältigung der schwierigen Aufgaben mit der Geschäftsführung gemeinsame Lösungen erarbeitet. Mit Bensberg und der der Stadt Bergisch Gladbach nach der Gebietsreform fühlte sich Interatom stets eng verbunden. Daran soll sich auch in Zukunft nichts ändern. (Siehe auch Wirtschaftsteil)

Nach dem Prüfbericht:
„Völlig weiße Weste"

Interatom und das Geschäft mit dem Irak

Bensberg (al) — „Interatom hat eine völlig weiße Weste." Das Unternehmen teilte gestern mit, daß das Ergebnis des Prüfberichts der Oberfinanzdirektion Köln die Aussagen des Unternehmens voll bestätigt habe. Es seien, so Unternehmenssprecher Dr. Hartmut Mayer keinerlei Verstöße gegen das Außenwirtschaftsgesetz und gegen irgendwelche Verordnungen festgestellt worden.
Das Untermemehmen war im Zusammenmhang mit dem Golfkrieg in den Verdacht geraten, es habe bei der Entwicklung irakischer Atomtechnik geholfen und irakisches Personal geschult. Noch in der vergangenen Woche hatte in der Etatdebatte im Stadtrat von Bergisch Gladbach die Sprecherin der Grünen, Madga Ryborsch, erklärt, daß auch Gladbacher Firmen ihr Geschäft mit dem irakischen Diktator gemacht haben
können, „wie zum Beispiel Interatom, die mich immer noch nicht von ihrer weißen Weste überzeugen konnten."
Die Verdächtigungen gegen Interatom wies Mayer erneut als haltlos zurück. Interatom hatte ein Rohrleitungsprojekt vereinbart und dafür die Ausbildung von Personal. Der Umfang des Auftrags betrug 30 Millionen DM.
Ende April 1990 sei der erste Hinweis gekommen, daß der Irak möglicherweise „andere Dinge wollte, die sie uns nicht gesagt haben." Was die Frage der Spionage von technischem Kow How durch Irakis betreffe, so hätte es dazu niemals eine Möglichkeit gegeben, sagte Mayer. Interatom hat das Projekt zurückgezogen. Die Gebäude seien zu einem Drittel fertiggestellt gewesen. Interatom, so wurde festgestellt, habe einen Verlust „in sechsstelliger Höhe" erlitten.

DER NAME INTERATOM IST BALD GESCHICHTE: Das Unternehmen in Bensberg wird in den Siemens-Konzern eingegliedert und wird dritter Ingenieurstandort neben Erlangen und Offenbach.

DIE REPRÄSENTANTEN VON STADT UND KREIS waren oft Gäste bei Interatom. Die Stadt war stolz, Sitz eines solchen Unternehmens zu sein. Ganz links im Bild: Geschäftsführer Dr. Claus Berke.
Bild: Möllinghoff

Quelle: 
KStA-19910306
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011