Eine Stadt vor dem Verkehrs-Kollaps? 5 : Riesenverkehr soll vor Wohnriesen rollen


Eine Stadt vor dem Verkehrs-Kollaps? 5
Riesenverkehr soll vor Wohnriesen rollen
Gesamtverkehrsplaner schlägt flankierende Maßnahmen vor: „Kleinen Grenzverkehr" mit Köln kappen
Refrath fühlt sich von Automassen überrollt: Eine Bürgerinitiative fordert vehement zur Entlastung die L 286 n

Von unserem Redakteur Mark vom Hofe
Refrath – Refrath fühlt sich restlos marode, vom Verkehr überrollt, von den sich täglich über die Dolmanstraße und die Vürfelser Kaule wälzenden und quälenden Autoschlangen regelrecht eingeschnürt. Der über 20000 Einwohner zählende Stadtteil steht, um im Bild zu bleiben, vor dem „Kollaps", weil er sich gegen die Fahrzeugwellen morgens hin zur Autobahn und nachmittags/abends zurück nicht mehr zu wehren weiß. Das ist jedenfalls die Lesart der äußerst agilen, weil auch wortgewaltigen Bürgerinitiative „Rettet Refrath vor Verkehr."
In ihrem Aufschrei, der anfangs einem schnaubenden brüllenden Wutausbruch nach der L 286 n, der alle Wunden heilenden Entlastungsstraße zwischen dem Merheimer Kreuz und Bergisch Gladbach glich, wissen sich die Refrather nicht nur einig mit der Mehrheit des Stadtrats: Sie haben jetzt auch wissenschaftliche Schützenhilfe erhalten durch Verkehrsplaner Dirk Fock. Er rückt in seiner Prioritätenliste die L 286 n an die erste Stelle. Ihr Bau ist im Gerüst des Planers gewissermaßen der Grundstock für die Entlastung der geplagten Straßen.
Eine Blick auf Focks Prognose genügt, um seine auf der L286n beruhende Überzeugung zu erkennen: Ohne die Entlastungsstraße durch den Gierather Wald liegt die K27 (Dolmanstraße/Vürfelser Karle) zwischen der Einmündung der Golfplatzstraße und der Kreuzung mit der B 55 knapp unter 100 Prozent Auslastung; mit dem Bau der L 286 n, flankiert um die L 288 n und die Bahndammlinie an Bensberg vorbei, würde sich in des Planers Hochrechnungen die Belastung auf gut 50 Prozent reduzieren.
Allerdings hängt für Fock die Refrather Seligkeit nicht nur von der L 286 n ab. Ihn stört neben dem hausgemachten Durchgangsverkehr, sprich: dem aus dem Stadtgebiet von Bergisch Gladbach auch das, was aus Kölner Vororten über die Stadtgrenze sdrängt und Refrath als Korridor beim Zugang zur Autobahn benutzt. Diesem „kleinen" Grenzverkehr schiebt der Planer – als Vorschlag – einen Riegel vor: „Zur weiteren Entlastung der Stadtteileinheit Refrath werden die Überschreitungsmöglichkeiten nach Köln im Zuge des Marktweges und Benningsfeld unterbrochen, indem die Verkehrs eziehungen durch verkehrstechnische Maßnahmen weitestgehend blockiert werden." Als einzige Querverbindung zwischen West und Ost sieht der Planer im Wohngebiet von Refrath die Straße „In der Taufe": Sie soll in Höhe der drei Riesen, wo sie gegenwärtig noch buchstäblich in der Wiese endet, weitergeführt werden zur Straße „In der Auen". Die Bernard-Eyberg-Straße würde danach zu den „Entlasteten" gehören.
Kernstück der Beruhigung Refraths aber bleibt für Fock die L286n: Freilich wird sie seines Erachtens zweistreifig nicht mehr ausreichen, da auch mehr Kölner die Entlastungsstraße nach der Schließung der Überwege Marktweg und Benningsfeld ansteuern würden: Folglich „(wird) die Anordnung einer Mehrzweckspur empfohlen." Zu beiden Seiten? Also doch vierspurig? Diese Frage beantwortet der Plan in seinem jetzigen Stadium nicht.
Wie er noch auf einen weiteren Punkt nicht eingeht, der aber seit geraumer Zeit diskutiert wird: Wie verändert sich das Verkehrsaufkommen auf den tragenden Säulen des Refrather Straßennetzes, wenn die von der SPD CDU eingebrachten Vorschläge zu einer Rückentwicklung der Straßen in Refrath verwirklicht werden? Die mit dem Bau der L 286 n erreichten Auslastungsgrade von etwas über 50 Prozent beziehen sich auf den Querschnitt der Dolmanstraße, wie er sich gegenwärtig darstellt.
Konzept mit zwei Fahrspuren
Wenn aber, wie zum Beispiel von der SPD in ihrem Verkehrskonzept „Für eine menschengerechte Stadt" angeregt, ein Rückbau der K 27 zum Tragen käme mit lediglich zwei Fahrspuren (also ohne Linksabbiegerspuren), mit Aufpflasterungen der Kreuzungen und Einmündungen, mit der Installation zusätzlicher Fußgängerbedarfsampeln, mit der Nutzung des gewonnenen Straßenraums für Parkstreifen, Radwege und Grün – wenn diese Maßnahme eine Mehrheit fänden, würde dann immer noch von einer Auslastung von nur 52 Prozent die Rede sein? Keinesfalls: Denn eingeengte Straßen bedeuten eine Verlangsamung des Verkehrs, ein schlechteres Abfließen, häufigere Staus, kurz: die Vorstufe eines neuen Kollapses?
Natürlich würde Refrath freundlicher durch die in der Diskussion stehenden Überlegungen: Mehr Grün, mehr Farbe, weniger Asphalt für den fließenden Verkehr. Aber unter Umständen könnte bei allem Bemühen, den Stadtteil für die klagenden Menschen wieder annehmbarer zu machen, der Autoteufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden. Denn schließlich steht immer noch ein Wort unwidersprochen im Raum: Holgers Pflegers, SPD-Fraktionsvorsitzender, aus dem Gesamtverkehrs-plan abgeleitete Überzeugung, daß der weitaus größte Teil des auf die Dolmanstraße drängenden Verkehrs „Ziel- und Quellverkehr" aus und nach Refrath, also „hausgemacht" ist und sich deshalb eine Diskussion zur L 286 n mangels Notwendigkeit der Straße erübrige.
Die Bürgerinitiative „Rettet Refrath vor Verkehr" ist im gesamten Stadtgebiet die einzige, sich ständig an den Diskussionen beteiligende Gruppe, die uneingeschränkt für die L 286 n eintritt und genauso uneingeschränkt alle weiteren Straßenbaumaßnahmen im Stadtgebiet ablehnt. Es sind im Gegensatz dazu aber eine ganze Reihe von Gruppen vorgeprescht, die ihre Kräfte auf eine Verhinderung der Straße richten. Allen voran stehen die Bürgervereine aus Gierath und Gronau, die seit Jahren gegen die geplante Trasse opponieren und damit neben dem Vorwurf, der Bedarf der Straße sei nicht nachgewiesen, zudem greife sie erheblich in die Naherholungsgebiete der Kölner und Gladbacher Bevölkerung ein, vor allem auf die nach wie vor konstante Weigerung der Stadt Köln verweisen. Bei dem Treffen Stadtdirektor Fells mit den Bürgergruppen brachten Sprecher aus dem westlichen Stadtbereich als Lösung für Refrath eine Westumgehung in die Debatte. Diese Variante hat Planer Fock bei seinen Untersuchungen berücksichtigt, aber nicht für gut befunden: Sie würde von der K 27 aus Richtung Bergisch Gladbach nach Westen, parallel zur Kaule, abschwenken und sich durch den grünen Gürtel um Refrath herum über Marktweg, Benningsfeld und Rinderweg hinweg bis zur schon auf Kölner Terrain liegenden Überquerung der A 4 durch die Straßenbahn ziehen, um dort in einem neuen Anschluß in die A 4 zu münden bzw. noch ein Stück weiter durch Grün bis zur Olpener Straße/B55 geführt zu werden.
Eine vertretbare Variante
Fock gibt zwar zu, daß eine Westumgehung den Stadtteil Refrath erheblich entlasten würde, daß gleichzeitig die durch die L 286 n erreichte Entlastung der B506 und der Mülheimer Straße/Hauptstraße sich nicht einstellen würde. Vielmehr sieht Fock zusätzlichen Verkehr für die Saaler Straße und die Golfplatzstraße, da insbesondere Bensberger versuchen würden, über die Westumgehung schneller nach Köln zu kommen, während sie gegenwärtig über die B 55 der A4 zustreben.
Von der Verkehrswirksamkeit her sieht der Planer die Westumgehung als „vertretbare Variante" an – wenn er sie auch wegen anderer Kriterien wieder verwirft. So befürchtet er wegen der vorherrschenden Westwindlage bei dem Autoring um Refrath verstärkte Belästigungen der Bewohner des Stadtteils. Außerdem sieht Fock Schwierigkeiten in dem neuen Auffahrtsbauwerk zur A 4 und in der Tatsache, daß die Straße durch die Wasserschutzzone II des Wasserwerks westlich von Refrath führt.
Ende

DIE BAHNUNTERFÜHRUNG an der Golfplatzstraße: Sie müßte wegfallen, wenn südlich der Eissporthalle der gesamte Verkehr aus Norden auf die Bahnlinie gelegt werden sollte.
Bild: Günter Möllinghoff

DER STADTTEIL REFRATH allein könnte mit einer Westumgehung – gestrichelt – aller Verkehrssorgen enthoben werden. Planer Fock hält davon aber nichts, da die übrige Stadt nichts davon hätte.    Zeichnung: Butschan

AN DIE DREI WOHNRIESEN in Refrath legt Gesamtverkehrsplaner Fock eine zusätzliche Straße, die den Stadtteil vom Verkehr auch innerörtlich entlasten soll. Bisher bricht der Zug „In der Taufe" auf der grünen Wiese ab, im Plan wird er weitergeführt auf die Straße „In der Auen".    Bild: Günter Möllinghoff

Quelle: 
KStA-19831105-rn25
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011