Die Stadt stoppt Millionenbau


Bauordnungsamt drückte Lageplan für Geschäftshaus Prüfstempel auf, ohne Fehler zu entdecken
Die Stadt stoppt Millionenbau
Geschoßflächenzahl überschritten — Ingenieur vertraut Ausmaß sorgt für Unruhe in Refrath

Von unserem Redakteur Wilhelm Becker
Refrath — Der Rohbau an der Straße Siebenmorgen 45 war kaum fertig, da nahm die Stadtverwaltung Bergisch Gladbach ihre Baugenehmigung zurück und untersagte jegliche Weiterarbeit am Geschäftshausneubau. Vergeblich versuchte der Bauherr, die Refrather „WFB Finanzierungsvermittlungs- + Baubetreuungsgesellschaft mbH", repräsentiert durch Harald Holm, die Fortsetzung der Bauarbeiten durch einen Beschluß des Kölner Verwaltungsgerichts zu erzwingen. Das Verwaltungsgericht lehnte es ab, im Eilverfahren die aufschiebende Wirkung des Widerspruchs gegen die Rücknahme der Baugenehmigung wiederherzustellen. Der Bauherr hat unverzüglich über das von ihm beauftragte Rechtsanwaltsbüro Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht Münster eingelegt.
„Knüppelharte Verträge"
Nachdem der Bauträger im Januar die Baugenehmigung erhalten hatte, schoß der Rohbau förmlich in die Höhe. „Knüpppelharte Verträge" mit rund 25 Firmen des Bau- und Bauausbaugewerbes und eine tagesgenaue Terminplanung zwangen alle Beteiligten zu hohem Arbeitstempo. Ende September sollte der Bau bezugsfertig sein. Ab Oktober sollten bereits Mieten fließen. Von 37000 Mark kalkulierten monatlichen Einnahmen seien bereits heute 30000 Mark vertraglich unter Dach und Fach.
Bereits im Juni, als der Rohbau der Fertigstellung entgegen-wuchs, begannen Refrather Bürger gegen den massigen Baukomplex Sturm zu laufen. Die Refrather sahen plötzlich vier Vollgeschosse, ein Dach- und ein Giebelgeschoß vor sich. Die Baumasse wirkte um so erdrükkender, als sie Wand an Wand neben einem zwar wenig gepflegten, jedoch von Baustil her geradezu romantisch anmutenden zweigeschossigen Altbau mit Satteldach emporgewachsen war.
Die Refrather CDU-Stadtverordnete Maria Mömkes, die selbst mit dem Bergisch Gladbacher Stadtrat im Jahre 1979 den Bebauungsplan „Geschäftszentrum Siebenmorgen" mit viergeschossiger verdichteter Bebauung ohne eindeutige Festlegung der Dachform mitbeschlossen hatte, packte Unruhe. Beim Anblick der Baumasse mutmaßte sie, das könne doch wohl nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Sie forderte Auskunft vom Stadtdirektor, intervenierte über Planungsausschuß und Stadtrat gegen das Projekt des Refrather Geschäftsmanns Holm, der selbst seit kurzem als stellvertretender sachkundiger Bürger für den Tiefbau- und Verkehrsausschuß der FDP-Fraktion angehört.
Inzwischen waren bei der Stadtverwaltung die Bauunterlagen unter Federführung von Rechtsdezernent Werner Leonhardt eingehend geprüft worden. Der Stadtdirektor kam zu der Überzeugung, daß die im Bebauungsplan vorgeschriebene Geschoßflächenzahl (GFZ) von 2,0 beim Bauprojekt Siebenmorgen Nr. 45 um rund 32 Prozent überschritten sei. Geprüft wurde weiter, ob eine Teilstillegung der Bauarbeiten möglich sei, um den Schaden für alle Betroffenen möglichst gering zu halten. Leonhardt und die verantwortlichen Mitarbeiter im Bauordnungsamt und im Rechtsamt sahen jedoch keine andere Möglichkeit, als die Baugenehmigung zurückzunehmen und den Bau stillzulegen.
Gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger bedauerte der Dezernent, daß der Arbeit des öffentlich bestellten Vermessungsingenieurs, der für den Bauherrn den Lageplan zeichnete und den Flächennachweis führte, bei der Prüfung des Bauantrags von der Baugenemhigungsbehörde zuviel Vertrauen entgegengebracht worden sei. Man habe sich leider zu sehr auf die öffentliche Bestellung des Ingenieurs verlassen.
Im Klartext: Dem Lageplan wurde vom Bauordnungsamt der Prüfstempel aufgedrückt, ohne daß die Behörde den Flächennachweis genau nachgeprüft hatte.
Strittige Fragen erörtert
Mitverantwortlicher Vermessungsingenieur für den Bauantrag war der Kölner Diplom-Ingenieur Peter Dübbert vom Vermessungsingenieurbüro Kühn-hausen und Dübbert in KölnDeutz. Dübbert ist sich keines Fehlers bei der Bearbeitung des Lageplans und bei der Geschoßflächenzahl-Berechnung bewußt. In einem Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger" betonten er und Holm am Mittwochnachmittag, das Baugenehmigungsverfahren habe etwa achteinhalb Monate gedauert. Mehrmals seien strittige Fragen mit dem Leiter des Bauordnungsamtes eingehend mündlich erörtert worden (Bauherr und Ingenieur bedauern, daß der Leiter des Bauordnungsamtes zur Zeit schwer erkrankt ist, so daß er nicht zur Klärung der Situattion beitragen könne). Holmund Dübbert betonen weiter, daß der Baugenehmigungsbehörde nichts verheimlicht wurde. Sie verweisen auf den Flächennachweis mit der Auflistung der Gesamtquadratmeterfläche aus einzeln aufgeführten Teilflächen, darunter auch elf Auto-Einstellplätze.
Strittig zwischen Bauherr und Baugehmigungsbehörde ist zur Zeit die Basis für die Berechnung der GFZ. Während Rechtsdezernent Leonhardt argumentiert, zur Berechnung der zulässigen Geschoßfläche dürfe nur die auf dem Grundstück viergeschossig überbaubare Grundfläche berücksichtigt werden, meint Holm, das gesamte „Bauland" des Grundstücks — das Grundstück darf zum Teil viergeschossig und zum Teil nur eingeschossig bebaut werden — sei zu berücksichtigen. Beide Seiten berufen sich auf korrekte Interpretation und Anwendung der Baunutzungsverordnung.
Noch nicht abgeschlossen
Nicht hingenommen wird vom Stadtdirektor auch die Einbeziehung von Pkw-Stellflächen außerhalb des zusammenhängenden Grundstücks in die Berechnungsgrundlage für die GFZ. Die Bewertung der Ist-Situation dürfte dadurch erschwert werden, daß ein Umlegungsverfahren noch nicht abgeschlossen ist. Bauherr Holm meint, wenn die Stadt schon nicht die zukünftigen Grundbesitzverhältnisse unter Einbeziehung von elf Stellplätzen als Basis für die Berechnung der GFZ akzeptiere, dann möge sie doch von den derzeitigen Besitzverhältnissen ausgehen. Dann betrage die GFZ nämlich 1,91 und liege damit immer noch unter der Bebauungsplanvorschrift von 2,0.
Die Rücknahme der Baugenehmigung durch die Stadt ist für Holm eine Entscheidung, die in keinem angemessenen Verhältnis zum dadurch entstehenden Schaden steht. Selbst wenn er sich mit der Stadt über 32 Prozent GFZ-Überschreitung vor Gericht streiten müsse, reiche aus, ihm zunächst den Ausbau der beiden Dachgeschosse mit rund 300 Quadratmetern Nutzfläche zu untersagen. Wenn sich dann in einem Gerichtsverfahren herausstelle, daß nur durch Abriß der beiden Dachetagen die Einhaltung der GFZ von 2,0 zu gewährleisten sei, müsse er dann eben abreißen.
Dagegen empfindet Holm ein „Vergleichsangebot" der Stadtverwaltung — es erreichte ihn am Mittwoch —, eine Baugenehmigung zu erteilen, wenn er sich verpflichte, Dach- und Giebelgeschoß abzureißen und durch ein Flachdach oder ein nicht ausbaufähiges flaches Satteldach zu ersetzen, als Nötigung in einer äußerst prekären wirtschaftlichen Situation.
Der Gebäudekomplex wurde mit 4,7 Millionen Mark veranschlagt, 2,9 Millionen Mark hat der Bauherr bereits ausgegeben. Sieben Läden, drei Arztpraxen und vier Büros sollten ab Oktober eröffnet werden. Ein kleinerer Handwerkerbetrieb, der sich mit seiner gesamten Belegschaft auf den Gebäudeausbau konzentrieren mußte, hat nach der Stillegung bereits Kurzarbeit angemeldet.

ERDRÜCKEND WIRKT DER NEUBAU am Siebenmorgen besonders aus diesem Blickwinkel durch seine Höhe neben dem zweigeschossigen Altbau. Dabei ist unstrittig, daß dort so hoch gebaut werden darf, weil im Bebauungsplan weder First- noch Traufenhöhe festgesetzt sind und obendrein wahlweise ein Flach- oder Satteldach aufgesetzt werden darf. Der unbewohnte Altbau wird übrigens nur gewerblich als Arztpraxis genutzt.    Bild: Günter Möllinghoff

Quelle: 
KStA-19880715-rn9-2
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011