Hauptschule Ahornweg ist ein Schmelztiegel für viele Nationen


Hauptschule Ahornweg ist ein Schmelztiegel für viele Nationen — Ausländeranteil: 50 Prozent
Viele sind echte Gladbacher
Sie wurden in der Bundesrepublik geboren und sprechen besser Deutsch als ihre Muttersprache

Von unserer Redakteurin Barbara A. Cepielik
Bergisch Gladbach – „Nun raten Sie doch mal: Wer von uns ist Ausländer?", fragen 16 Teenager aus der 7 a der Hauptschule am Ahornweg, nachdem sie ausführlich erzählt haben, wie sie das Wochenende verlebten. Und sie grinsen erwartungsvoll: Der Gast soll raten – wer ist deutsch, wer nicht. Keine Ahnung! Weder Auge noch Ohr erkennen Unterschiede. Dabei hat die Hauptschule einen Ausländeranteil von 50 Prozent, den höchsten in der Stadt – und die 7 a Klasse ist ( fast) repräsentativ: Sechs Deutsche, sechs Türken und sechs Schülerinnen und Schüler anderer Nationalitäten. Trotzdem: Die Klasse 7 a setzt sich aus 16 nahezu waschechten Bergisch Gladbachern zusammen. Nur zwei aus der ganzen Crew sind wirklich im Ausland geboren, für die meisten von ihnen sind Griechisch und Türkisch, Jugoslawisch und Italienisch – die Sprachen ihrer Eltern – Fremdsprachen.
„Wir leben hier am Ahornweg zwar nicht im Paradies. Aber die Probleme, die wir hier haben, haben wir nicht wegen, sondern trotz des hohen Ausländeranteils", meint Franz Kaiser, Klassenlehrer der 7a und seit Jahren pädagogisch gesehen am Ahornweg „zuhaus".
Noch bunter als in vielen Hauptschulklassen sind die drei „internationalen Vorbereitungsklassen" – ebenfalls per Adresse Ahornweg. Äthiopier, Iraner, Phillippininnen und Mädchen aus Polen, junge Türkinnen und eine Jugoslawin, ein Schüler aus dem Libanon –wenn während des Unterrichts geschwatzt wird, kann es sein, daß Hocharabisch Verständigungssprache ist. Deutsch müssen die Kinder und Teens in diesen Klassen noch lernen – sie sind erst ein Paar Monate in der Bundesrepublik. Offizielle Bezeichnung: Seiteneinsteiger.
Was anderswo nahezu werbeträchtig ist – „Internationale Klassen an unserem Institut machen es Ihren Kindern leicht, zum Cosmopolitan zu werden . .." – ist an der Hauptschule Alltag und wird kaum besonders erwähnt; es sei denn im Schulausschuß der Stadt, wo die hohe Prozentzahl derer ins Auge fällt, deren Namen nicht Meier ist und nicht Schmidt. Daß just am Ahornweg besonders viele Türken die Schulbank drücken, hat mit dem „Wohnplatz Gronau" zu tun. In dem Stadtteil wohnen die meisten türkischen Familien. An das, was anders ist mit türkischen Schülern, hat sich das Lehrerkollegium seit langem gewöhnt: Daß es langer Gespräche bedarf, bevor die Jungen und Mädchen aus Anatolien eine Klassenfahrt mitmachen dürfen; daß immer noch nicht alle Türkinnen bei Sport- und Schwimmunterricht dabeisein können. Daß man aufpassen muß, wenn ein türkisches Kind den 1. Januar als Geburtstdatum nennt – weil es in manchen Landesteilen immer noch Sitte ist, die neugeborenen Kinder nur einmal im Jahr – just am 1. Januar – beim Standesamt eintragen zu lassen. Aber all das ist fast Routine.
Man bekommt mit, wie andere leben
„Ich finde es toll, daß Leute aus so vielen Ländern bei mir in der Klasse sind", meint ein Mädchen. Irgendwie bekomme man ganz nebenbei mit, wie Familien in anderen Ländern leben, was sie essen, wie sie ihre Feste feiern. „Wir kriegen hier was mit, was wir an 'ner anderen Schule nicht hätten." Gibt es beim Lehrplan eine Verbeugung vor den vielen Nationen? Kaum. In Mathematik sowieso nicht, und solange deutsche Texte praxisorientiert sind, spürt man auch keine Unterschiede. Nur wenn's um literarische Feinheiten geht, merkt Franz Kaiser, daß viele seiner Schüler höchstens deutsche Zeitungen, aber wenig deutsche Bücher lesen.
Streit zwischen Griechen und Türken? Daran kann sich keiner erinnern. Aber auch – bemerkenswerter Weise – nicht an neonazistische Parolen, an ausländerfeindliche Grafitties.
Szenenwechsel: Lieselotte Prigizzer bittet – wie seit elf Jahren – „ihre" Schüler der Vorbereitungsklasse zwei in die Klasse. Insgesamt drei, in den Sommerferien sogar vier solcher Vorbereitungsklassen gibt es, Auffangsgruppen für Kinder allen Alters aus aller Herren Länder, die in den Rheinisch-Bergischen Kreis kommen. Ob Analphabet oder Lyzeumsschülerin – hier fangen alle ihre bundesdeutsche Schulkarriere an. Meist nach einem halben oder ein Dreivierteljahr können sie in die deutschen Haupt- oder Realschulklassen überwechseln; ganz wenige besuchen die Vorbereitungsklasse zwei volle Jahre.
Bei beiden Jungen aus Äthiopien laufen, als sie das Stichwort Zeitung hören, direkt raus. sie sind noch nicht lange in Bergisch Gladbach. Bei Nacht und Nebel wurden sie, deren Vater verfolgt wurde, außer Landes gebracht, und ruhig und sicher fühlen sie sich immer noch nicht. Die türkischen Klassenkameraden sind lockerer und lustiger – Familienzusammenführung ist wesentlich undramatischer im Lebenslauf. Zwei phillippinische Schwestern aus Forsbach sind heiter, auch, wenn sie noch nach Vokabeln suchen.
Nein, Schnee kannten sie nicht; es ist neu, daß es keine Schuluniform gibt. Die Lehrer sind nicht so streng und schlagen nicht, fügen türkische Mitschüler hinzu. Es ist vieles anders, aber eigentlich genießen sie die lockere Atmosphäre. Am eloquentesten sind zwei Mädchen aus Polen und aus Jugoslawien – nach wenigen Monaten haben sie den Sprung in die Hauptschule geschafft. Viele der Mitschüler aus dem Ostblock sind nur kurz Gast in der Klasse. Schwieriger wird es immer da, wo zur neuen Sprache auch eine neu Schrift kommt.
In einer anderen Vorbereitungsklasse, der von Marlies Kirste, ist es stiller. Aldelatif aus Marokko, Imad aus dem Libanon, Fatmir aus Jugoslawien und Roland aus Oberschlesien kämpfen mit einfachen Sätzen.
Roland wird erstmal rot, wenn man ihn anspricht – vor vier Wochen hat er noch die Schulbank in Oberschlesien gedrückt. Mieraf aus Äthiopien sagt ihm vor.
Die Geschichte der internationalen Vorbereitungsklassen hat sich gewandelt. Waren es in den 70er Jahren meist zwei Gruppen mit vor allem Griechen und Türken – kurz: Kinder aus den Anwerbeländern – so sank die Schülerzahl Anfang der 80er auf gerade eine Handvoll. Seit einigen Monaten füllen sich die Reihen wieder rapide; zur Zeit, so Schulleiter Hans Neuheuser, zählt man soviele Nationalitäten wie nie zuvor – und besonders viele Schüler aus nichteuropäischen Ländern.
Wie stellen sich die Lehrer auf die kunderbunter Klientel ein? Mit viel Engagement. Lehrerfortbildung, die sich um diesen bereich kümmerte, war bislang rar-gesät im Kreis – sieht man von bescheidenen Ansätzen Anfang Ende der 70er Jahre ab.
Zum ersten mal wird jetzt ab Herbst eine Angebot für Lehrer im Rheinisch-Bergischen Kreis gemacht, die viele ausländische Schüler haben.
Sie sollen Grundsätzliches und Paxisorientiertes lernen über sozio-kulturellen Probleme, übers Ausländerrecht und so fort. Angemeldet haben sich mehr Lehrer als Plätze vorhanden sind – immerhin.

WER IST AUSLÄNDER und wer nicht? Die Redakteurin (rechts) rät und alle amüsieren sich – denn Unterschiede sind schwer auszumachen zwischen den 16 Teenagern. Und auch nicht zu hören.    Bilder: Günter Möllinghoff

ACHT VON SECHZEHN Schülern sind nicht Deutsche in der Klasse 7 a. Aber im Ausland geboren sind nur zwei von ihnen.

UNTERRICHTET die Klasse 7a: Lehrer Franz Kaiser. Die Hauptschule Ahornweg hat den höchsten Ausländeranteil in der Stadt.

 

1063 Ausländer gehen zur Schule
Rund 13000 Schüler gibt es in Bergisch Gladbach; davon sind 1063 Ausländer. 460 von ihnen gehen zur Grundschule, 287 zur Hauptschule, 116 sind Realschüler, 112 sind Gymnasiasten, 88 besuchen die Gesamtschule, 54 die Sonderschule. Die Katholische Grundschule Gronau (38 Prozent) und die Evangelische Grundschule am Broich ( 31,5 Prozent) sowie die Gemeinschaftgrunschule Hebborn (25 Prozent) haben den größten „internationalen" Anteil.
Bei den Haupt- und den Realschule ist das Schulzentrum am Ahornweg Spitzenreiter; in der Integrierten Gesamtschule findet man acht Prozent ausländischer Schüler. An den Gymnasien in der Stadt findet man kaum mehr als je zwei, drei Dutzend ausländischer Schüler.
48 Prozent aller ausländischen Schüler in Bergisch Gladbach besuchen eine Hauptschule, 19 Prozent eine Realschule, 19 Prozent ein Gymnasium und 15 Prozent die Gesamtschule.

 

Quelle: 
KStA-19880716-rn11
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011