














BERGISCHER GESCHICHTSVEREIN E.V.
ABTEILUNG: RHEINISCH-BERGISCHER KREIS
Heimatkundliche Schriftenr eihe als Beilage zu den Abteilungsrundschreiben
N . 1 - Dezember 1956
Dr. Josef Klersch
"Köln
und die Papiermacherkunst
im Strundertal"
Bergisch Gladbach - Herrenstrunden gedachte in den Tagen vom 2. bis 5. Juni 1956 der über 650 Jahre alten Geschichte seiner Johanniter-Kommende.
Am 2.6.1956 hielt Dr. Josef Klersch in einer " Veranstaltung der Papiermacher an der Quelle der Strunde " diesen Vortrag.
Köln und die Papiermacherkunst im Strundertal
In diesem Sommer feiert unsere Nachbarstadt Bergisch Gladbach ihr hundertjähriges Stadtjubiläum. Sie erinnert sich dabei zugleich der alten Komturei Herrenstrunden, deren Geschichte Anton Jux aus diesem Anlass ausführlich und recht gut bearbeitet hat und in einem stattlichen Bande vorlegt. Herrenstrunden und Bergisch Gladbach sind durch die Strunde miteinander verbunden, die in Köln-Mülheim in den Rhein fliesst. Der Strunderbach hat aber auch zahlreiche Beziehungen zwischen Bergisch Gladbach und Köln geschaffen.
Seit dem Hochmittelalter war Köln für das Strundertal immer der grosse Anreger oder auch der Abnehmer der Erzeugnisse seines Gewerbefleisses. Auch bei der Geburt der Bergisch Gladbacher Papierindustrie, die heute Weltruf besitzt, steht Köln als eine Art guter Patenonkel an der Wiege.
Die Kölner waren von jeher kluge Kaufleute und Industrielle, und sie bekamen früh heraus, dass der Strundener Bach ein ganz besonderer Bach ist. Wie der Frühjahrsschnee in einer Talmulde, so liegt der Strundener Bach in der Längsachse einer grossen dreieckigen Kalkmulde. Ehe er bei der Komturei an das Licht des Tages tritt, hat er schon ein beträchtliches, etwa bei Spitze beginnendes Untergrundleben hinter sich. Das Volk hat seit uralters um dieses unterirdische Vorleben des Baches gewusst und es in der Sage von dem Zwergenweiblein, das den Müller verfluchte, der ihm seine Kuh erschlug, und den Mühlbach in die Erde zauberte, gedeutet. Gar mächtig ist die Kraft, die der Bach unterirdisch ansammelt. Allein in dem Teich der Kommende, unmittelbar bei dem eigentlichen Quelltopf, treten in der Sekunde 50 cbm Wasser aus dem Boden, die früher gleich bei der Quelle den Bach befähigten, die alte Domanialmühle zu drehen, die heute das Zander'sche Werk unmittelbar als Fabrikationswasser ableitet.
Geheimnisvoll, wie der unterirdische Oberlauf war auch der Unterlauf. Ursprünglich verlor sich der Bach nach Westen in. die Sumpf- und Bruchgebiete unterhalb von Bergisch Gladbach. Erst im 9. Jahrhundert führten die Franken den Bach bis zum Rheine durch und gewannen neben dem Bachlauf fruchtbares Neuland. Zur Hut und Wehr des neuen Wasserlaufes bildeten sie eine Bachgenossenschaft mit einem erblichen Bachgrafen an der Spitze. Der Oberlauf bis Schlodderdich unterstand unmittelbar dem Landesherrn und
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dieser hatte guten Grund, die bürokratische Teilung des Bachlaufes hochzuhalten, denn wo der freie Geist des Menschen erfinderisch vorangeht, folgt auf dem Fusse die Findigkeit des Steuerfiskus hinterher. Und am Strunderbach lohnte sich das fiskalische Interesse. Seit dem Mittelalter reihten sich an den Ufern der Strunde die Mühlen wie Perlen auf einer Kette. Wenn wir auch vollständige Listen erst aus der Mitte des 18. Jahrhunderts haben, wo es acht Getreide- und vierunddreissig andere Mühlen gab, so wissen wir doch, dass es schon früh im Mittelalter ausser den Mahlmühlen auch Leder- und Tuchwalkmühlen sowie Gewürz-, Öl-, Holz-, Pulver-, Schleif- und Poliermühlen am Strunderbach gab.
Neben der Güte und Menge des Wassers war es in allem die günstige geographische Lage zwischen den bergischen Städten Solingen, Elberfeld, Barmen und Wipperfürth einerseits und dem grossen europäischen Knotenpunkt Köln, die die Gewerbe anzog. Schon ein Jahrhundert, ehe die Kölner 1396 ihre demokratische Freiheit erlangten und die erste demokratische Verfassungsurkunde unterschrieben, den Verbundbrief, auf den sie, und das mit Recht, noch heute stolz sind, liessen die Kölner Weber schon auf der Gierather Mühle ihre Tuche walken. Das Kölner Stadtgebiet hat keinerlei grösseres natürliches Gefälle, mit dem man vor der Erfindung des Dampfes, der Elektrizität und des Motors allein stärkere industrielle Bewegungen verursachen und auf die Dauer halten konnte. Wenn ein Kölner Bürger ein industrielles Unternehmen gründen wollte, dann ging er in das Strundertal, das sich sozusagen vor den Toren der Stadt als natürliche Werkstatt anbot. So kamen auch die Papiermühlen in das Tal und sie behaupteten sich seit dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts bis heute darin, während die anderen Mühlentypen verschwanden oder sich nach Osten in die Berge zurückzogen.
Als das Papier im Strundertal auftauchte, hatte es bereits ein würdiges Alter von 1.1/2 Jahrtausenden und einen Weg hinter sich, der es von China und dem vorderen Orient nach Spanien und schliesslich von da über Frankreich nach Deutschland geführt hatte. Es war noch selten und es haftete ihm noch nicht das Schillernde seiner Existenz an, das es heute im Zeitalter der Masse an sich hat.
Was ist uns heute schon ein Stück Papier ?
Ich warte morgens an der Haltestelle der Strassenbahn. Gleichgültig und doch auch wieder halb interessiert schaue ich einem Arbeiter des Fuhrparks zu,
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der mit einer Stechzange die Papierstücke in einen Blechbehälter sammelt, die hier von wartenden Fahrgästen aus Taschen und Täschchen heraussortiert und achtlos fortgeworfen wurden. Während ich noch nach ihm schaue, klingt eine Schelle auf. Ein Schrottsammler kommt mit seiner Handkarre, der erbötig ist, die Leute von dem Altpapier, das sie bedrückt, zu befreien. Die Schelle ist das einzige, was ihm von der Romantik der alten Zeit geblieben ist. Früher war sein Karren mit bunten Fähnchen besteckt und ein Kasten zwischen den Scheren enthielt bunte Herrlichkeiten für die Kinder, die Lumpen oder Zeitungen brachten. Er gibt heute gar nichts mehr als ein Danke, was ihn nichts kostet. Seitdem das Papier Massenware wurde, scheint es um sein Ansehen nicht mehr gut bestellt zu sein.
Aber das Wort Papier kann auch einen ganz anderen Klang haben, vor allem, wenn es in der Mehrzahl auftritt. Seitdem die Menschen selber Massenware wurden und der einzelne weitgehend unbekannt ist, braucht man Papiere, um nachzuweisen, dass man wer ist, was früher höchstens nötig war, wenn man auf Reisen ging. Eine Unterschrift oder ein aufgedrucktes Siegel haben dem
Papier plötzlich Rang und Geltung gegeben und es für den Menschen höchst ansehnlich gemacht.
Noch höher steigt das Papier im Rang, wenn es Rechte und Pflichten enthält und als materielle Grundlage eines Vertrages dient. Das gilt schon von Verträgen zwischen einzelnen Menschen, viel mehr freilich von solchen unter Völkern. Hier tritt uns das Papier in seiner ganzen und vollen Würde entgegen. Es ist Geistträger geworden. Was immateriell im Geist des Menschen entstand, das findet mittels des Papiers materielle Gestalt und Form. Aber es muss reiner und wahrer Geist sein, sonst wird der Staatsvertrag leicht
wieder zum Fetzen Papier und der Hundertmarkschein, der ja auch ein kleiner Staatsvertrag mit einem Herrn oder einer Frau Ungenannt ist, zum Fidibus für Grossvaters Pfeife.
Am reinsten und schönsten vermag das Papier freilich seine Eigenschaft als Geistträger zu entfalten in der Gestalt des guten und wertvollen Buches. In dieser Rolle trat es auch zuerst in unseren abendländischen Kulturkreis ein. So kurzlebig das Papier in seinen modernen Formen als Packmaterial und technischer Werkstoff ist, so langlebig ist es als Schriftunterlage, sei es geschrieben oder gedruckt. Es muss schon ein völliger Barbar sein, den nicht vor altehrwürdigen Schriften und Büchern irgendwie ein Gefühl der
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Ehrfurcht überkommt. Ohne das Buch wäre unsere ganze abendländische Kultur undenkbar, weil das Buch erst die Mitteilung eines an alle über Zeit und Raum hinweg gewährleistet. Nie ist eine Verbindung fruchtbarer und folgenschwerer gewesen als die zwischen Druck und Papier . Darum fühlten sich die Drucker und Papiermacher seit jeher auch nicht nur als Handwerker in dem rein mechanischen Sinne, sondern als Künstler. Durch das Verlangen der Gebildeten und derer, die sich bilden wollten nach dem Buch, entstand aber zugleich ein konstanter und in seinem Bedarf abschätzbarer Markt, durch den das Papier erst eigentlich in den Kreis der Wirtschaftsgüter einbezogen und seine Herstellung ein Objekt kaufmännischer Kalkulation werden konnte.
Damit wird aber zugleich klar, dass Köln, damals die grösste deutsche Stadt und einer der geistigen Schwerpunkte in Europa bald und stark in den Bann dieser Entwicklung gezogen werden musste. Erst Papier und Druck ermöglichten das grosse Ausmass innerabendländischer Auseinandersetzung, die wir als Reformation und Gegenreformation bezeichnen. Namentlich für die reformatorische Seite erhielt der Buchdruck eine besondere Bedeutung, da durch ihn nunmehr das " reine Wort Gottes " allen zugänglich gemacht werden konnte. Diese Vorgänge stehen auch wieder mit an der Wiege der Papiermacherei im Strunder Tale.
Die Verquickung der Reformation mit politischen Bestrebungen und dem aufkommenden Nationalismus brachte für West- und Mitteleuropa erhebliche kriegerische Verwicklungen mit sich und führte erstmals zu einer Emigration in grösserem Ausmasse sowie zu dem uns heute leider vertraut gewordenen Begriffe der " displaced persons ". Im 16. Jahrhundert flüchteten so zahlreiche reformierte Niederländer aus Antwerpen, Brügge, Gent und anderen Handelsstädten nach Köln. Auf Grund ihrer wirtschaftlichen Beziehungen hatten sie mancherlei Freundschaften in der grossen Hansestadt,
und sie hofften auch in der demokratischen Reichsstadt weiter nicht besonders aufzufallen. Die Stadt Köln hielt zwar unverbrüchlich an Kaiser und Papst fest, duldete auch keine öffentlichen reformierten Gemeindebildungen in ihrem Weichbild, aber sie musste auf Grund der wirtschaftlichen Belange doch gegenüber dem ihr unsympathiechen Bekenntnis ein Auge und manchmal auch zwei zudrücken. Zu diesem Kreise der niederrheinischen und niederländischen Reformierten in Köln gehörten auch die Väter der Papiermühlen an der Strunde. -5-
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Da, wo der Strunderbach aus den Bergen tritt, erbreitert sich sein Tal nach der Kölner Bucht zu. Hier lag damals der Fronhof genannte alte Herrenhof des Landesfürsten mit einer zugehörigen Mahlmühle. Hätte nicht in der Nähe ein altes Kirchlein gestanden, in dem die in charakteristisch bergischer Weise in den Lichtungen des Waldes ringsum verstreuten Herrschaften sich zum Pfarrgottesdienst versammelten, so hätte man nach dem Dorfe Gladbach vergebens Ausschau gehalten, so gering war noch im 16. Jahrhundert die Zahl der Häuser, die den Ort ausmachten. Die Herrschaften, welche die Gemeinde bildeten, hatten je zwei Schöffen und einen Vorsteher und an der Spitze des Ganzen stand ein Schultheiss, der seinen Dienst ebenfalls als Ehrenamt versah. Mit der politischen Gemeinde deckte sich die kirchliche Pfarrei. Sie war katholisch.
In dieses Idyll kam nun 1582 der Kölner reformierte Kaufmann Philipp Fürth und kaufte das Nabbenseifer Gut und Teile der beiden Quirlsgüter, die alle drei als Lehnsgüter zu dem herzoglichen Fronhöf gehörten, durch dessen Stiftungen höchstwahrscheinlich Entstehung und Bedienung der ältesten Dorfkirche ermöglicht worden war. Der Landesherr hatte zu diesen Zwecken Grund und Boden mit Leistungen beschwert, die bei dem Verkauf auf den Käufer übergingen ebenso wie die Lehnspflichten. Als sie eingeführt wurden, gab es nur eine Konfession, und als sie bestanden, konnte die Konfession für diese Rechtsverhältnisse keine Rolle spielen. Pastor und Küster erhielten bis zur grossen französischen Revolution von den einzelnen Gütern ihre Abgaben, meist in Naturalien wie die Ostereier, wie es Herkommen und Gesetz entsprach auch von den reformierten Besitzern.
Am 29. August 1582 erhielt Philipp Fürth von Herzog Wilhelm von Berg das Privileg zur Errichtung einer Papiermühle in Bergisch Gladbach. Damit
hielt die neue Zeit und ein neuer Geist Einzug in das Strunder Tal. Der Herzog von Berg nahm an dem reformierten Bekenntnis von Philipp Fürth keinen Anstoss. Das Herzogtum Berg entschied sich früh für die Toleranz. Das Land war arm und musste jede gewinnbringende Tätigkeit begrüssen, mochte sie kommen woher sie wollte. Die Reformierten mussten sich ihrerseits vom Buchdruck und damit vom Papier besonders angezogen fühlen, da sie das " reine Wort Gottes " besonders hoch schätzten. Philipp Fürth hatte in Köln täglich vor Augen, welche Macht das Buch in den geistigen und politischen Kämpfen der Zeit darstellte, und dass sich dieser Anschauungsunterricht bei ihm auch in wirtschaftliche Überlegungen umsetzte ist wohl nur natürlich.
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Aber eben die Grösse und Bedeutung Kölns verführte den an sich schon grosszügigen Mann zu einer Weite und Grösse der Planung, die in der Enge des Strunder Tales erst wieder den wirklichen wirtschaftlichen Gegebenheiten angepasst werden musste. Das geschah durch seinen Nachfolger Stephan Jacobs, einen Freund und reformierten Glaubensgenossen, der über Lüttich und Maastricht nach Köln gekommen war und dem Philipp Fürth Mühle und Gut 1596 verkaufte. Wenn auch Stephan Jacobs in Köln verblieb und nicht in das Strundener Tal zog, so hatte er doch wohl im Gegensatz zu Philipp Fürth in der Papiermacherei einige Erfahrung. Im Jahre 1602 baute er neben der schon von Fürth übernommenen Quirlsmühle etwas bachabwärts die Gohrsmühle. Auch sein Sohn Jakob und sein Enkel Stephan der Jüngere zogen nicht in das Tal, sondern blieben in Köln wohnen. Sie waren und blieben in erster Linie Kaufleute und das wohl auch mit Recht, denn es galt nicht nur Papier zu machen, sondern vor allem, es auch zu verkaufen. Nur von Köln aus liess sich aber der Absatz zunächst organisieren. An den beiden Stephan Jacobs aber zeigte sich erstmals das schicksalhafte Glück der Strunde, dass in ihrer Entwicklung immer der rechte Mann zur rechten Zeit zum Zuge kommen konnte.
Wie die Quirlsmühle mit dem Nabbenseifer, so war die Gohrsmühle - wie sie seit 1655 heisst - mit dem Kiesebrodtsgut verbunden. Auch die dritte der oberen Mühlen, die Dombach, entstand auf einer Quellwiese des Igeler Hofes, der zur Komturei Herrenstrunden gehörte. So war die Papiermüllerei von Anfang an mit der Landwirtschaft verbunden und blieb das auch bis an die Schwelle des technischen Zeitalters. Darin beruht e zum grossen Teil die Krisenfestigkeit der Mühlen, aber auch die Bodenverbundenheit der Familien, die sie betrieben und seit der Mitte des 17. Jahrhunderts auch bewohnten.
Stephan Jacobs der Jüngere besass die Quirls- und Kiesebrodtsmühle zu eigen und pachtete auch die Dombach, die um 1614 entstanden war. Bei seinem Tode im Jahre 1654 erbten seine Töchter die Mühlen, die die Familiennamen von Näth und Gohr führten. Die Dombach aber kam an seinen Meistergesellen Hendrich Fues. Diese drei Mühlen und die drei Familien gerieten in einen merkwürdigen schicksalhaften Kreis des Geschehens. Bis zum Beginn des Maschinenzeitalters steht im Mittelpunkt des Denkens und Planens nicht das -Werk bezw. die Mühle, sondern die Familie und die Sicherheit der Kinder. Was aber auch immer die Erbteilungen spalten machten, die Strunde führte
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es wieder zusammen. Sie brachte auch die Familien immer wieder in engere oder weitere verwandtschaftliche Verbindungen und Beziehungen, so dass sie den drei. Kugeln eines Billardspieles gleichen, die sich zwar immer wieder abstossen, aber auch immer wieder zueinanderstreben, bis schliesslich unter der Familie Zanders eine geschlossene Einheit zustande kommt. Was die Familien im Innersten zusammenhielt, war freilich nicht zuletzt auch das reformierte Bekenntnis, bei dem sie verblieben. An ihnen bestätigte sich die Kraft der Diaspora, die aus dem Anderssein zur Bewährung und Leistung führte, während sie andererseits die katholische Umgebung vor einem hochmütigen und engen Puritanismus bewahrte;
Neben den schon genannten Familiennamen tauchen noch im Laufe der Geschichte die Namen Schnabel und Fauth auf, Die Schnabel waren eine alte bergische Pfarrersfamilie, die in Müllenbach, Ründeroth, Marienberg und Wiehl amtierten. Ein 1706 geborener Heinrich Schnabel heiratete eine Johanna Gertraut Fues von der durch Erbgang gespaltenen Quirlsmühle, Sein Ziel war deren Wiedervereinigung, die ihm auch gelang, und kurz vor 1782 würde er auch Mitbelehnter der Gohrsmühle. Er war ein sehr tatkräftiger, aber auch sehr eigenwilliger Mann. Er wurde der Gründer der evangelischen Gemeinde von Bergisch Gladbach, andererseits war er der einzige Papiermüller, der jemals mit der katholischen Gemeinde in einen ernsthaften Streit geriet. Seine Persönlichkeit und sein Wirken waren aber derart ausgeprägt, dass sie dem ganzen Unternehmen seinen Stempel aufdrückten, so dass die Quirlsmühle fortan im Volksmunde die Schnabelsmühle hiess.
Seine Tochter Anna Helena Katharina heiratete den Hofrat Johann Gottfried Fauth aus Mülheim a. Rh. , dessen Sohn der Hofrat Franz Heinrich Fauth
kein Kaufmann war, aber sich durch sein Wirken für seine Heimat ein ehrenvolles Andenken hinterlassen hat. In den Wirren der Übergangszeit war er Maire und dann Bürgermeister von Bergisch Gladbach und Bensberg. Seine grösste Tat aber, die wir ihm heute noch danken, war die Rettung des Altenberger Domes im Jahre 1815. Er war verheiratet mit Katharina Pütter aus Düsseldorf, der Nichte des bergischen Medizinalrates Johann Wilhelm Zanders in Düsseldorf. Der dritte Sohn dieses Medizinalrates aber wurde der Nachfolger der Familie Fauth auf der Schnabelsmühle.
Für das fertige Papier ist das Wasser ein arger Feind. Für das werdende
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Papier aber ist es zeugende väterliche Kraft. Eine Papiermühle von ehedem, hatte es schwerer wie jede andere Mühle einen geeigneten Standort zu finden. Die Papiermühle braucht nicht nur das Wasser als die starke treibende Kraft der Räder, sie braucht auch ein stetiges klares reichliches Wasser als
Fabrikationswasser So konnten der Bach und die Quellen leicht zu einem Streitobjekt werden und sind es nicht selten geworden und einzelne. Prozesse um Wassergerechtsame haben ein Alter von mehr als hundert Jahren erreicht. Nicht viel anders war es mit dem mütterlichen Rohstoff des Papiers, den Lumpen, bis die Ersatzstoffe Erleichterung brachten. Aber die schnelle Entwicklung des Maschinenzeitalters sorgte dafür, dass auch ihr Kreis immer mehr ausgedehnt werden musste.
Die Herstellung des Papiers aus Lumpen hat auch immer wieder zu philosophischen und satirischen Betrachtungen angeregt. Schon am Ende des 17. Jahrhunderts schreibt E. Porzelius:
Seynd das nicht auserlesne Sachen,
Aus Lumpen das Papier zu machen ?
Papier, darauf man schreibt und drucket,
Wird in die weite Welt verschicket.
Sind des Erfinders Kunst und Proben
Auch wohl zu der Genüg zu loben ?
Nahe lagen solche Gedanken besonders bei dem Papiergeld, dessen Schaffung aus der Phantasie Goethe im zweiten Teil seines " Faust " so glänzend beschrieben hat, nicht minder wie die ihm innewohnenden dämonischen Kräfte. Wir haben sie in zwei Inflationen kennengelernt. Aber schon bei der ersten Inflation, die das Rheinland heimsuchte, in der französischen Revolution,
als die Flut der Assignaten das Land überschwemmte, sang ein Spottvers:
Aus Lumpen ward ich einst gemacht,
Von Lumpen an den Rhein gebracht,
Aus Lumpen machten Lumpen mich
Und mancher ward zum Lump durch mich.
In der schwierigen und hart umkämpften Versorgung mit Lumpen kam dem Strundertal wieder die Nähe Kölns zustatten, das ein Grosshandelsplatz für Lumpen war, die hier aus der Reichsstadt, Kurköln, Kurtrier, aus Jülich und den Niederlanden zusammenflossen.
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Bei den Lumpen begann auch die Technisierung. Bis zum Jahre 1804 war das alte Stampfgeschirr noch allgemein. Zwischen 1804 und 1812 wurde der Holländer eingeführt, der in anderen deutschen Landschaften und in England. schon länger zum Zerkleinern und Aufbereiten der Lumpen gebraucht wurde.
Die Lumpen führten auch die Frauen schon früh in die Papiermühlen, da sie sich zum Sortieren derselben besonders eigneten. Der Umstand, dass der Müller selbst und ein Teil der Papiermacher auf oder unmittelbar bei der Mühle wohnten, liess die Frauen in der Fabrikation heimisch werden. Es mag sein, dass auch hier die Nähe Kölns mitspielte. Die Kölnische Frau war seit dem Mittelalter wirtschaftlich tätig und durchaus geschäftsfähig. So sehen wir, dass in der Bergisch Gladbacher Papierindustrie die Frauen immer helfend, ratend, und wenn Not am Mann war, auch bestimmend in das Schicksal der Mühlen sich einschalteten, von Maria Jacobs bis zu Maria Zanders.
Neben den drei Hauptmühlen verblasst die Bedeutung der anderen. Aus einem in der Mitte des 17. Jahrhunderts unternommenen Versuch, im Scherfbachtal eine Papiermühle zu errichten, entstand auf dem alten Kipper-Gütchen die Kieppemühle, die 1672 gegen den Protest der drei alten Mühlen in Betrieb kam. Kurz vor 1808 kam sie in den Besitz eines Mitgliedes der Familie Fues und wurde damit in den alten Stamm eingeordnet. Sie hatte damals ein Rad und eine Bütte. Nach wechselvollem Geschick kam die Kieppemühle im Erbgang und durch Kauf im Jahre 1891 an die Kölner Firma Pönsgen & Heyer.
Eine recht alte Mühle war an sich die Cederwaldmühle, die am Caeder- d.h. am Hauwald stand. Sie war wie die Gierathermühle eine Walkmühle für Tuch. Sie gehörte der Komturei und war noch 1773 an das Kölner Wollenamt verpachtet. Im Jahre 1803 wurde sie durch die Saecularisation Staatseigentum . und zerfiel. Auch hier griff die Familie Fues zu und verwandelte sie 1820 in eine Papiermühle mit einem Rad und einer Bütte. Von der Familie Fues pachtete sie im Jahre 1865 Richard Zanders bis 1867. Nach ein paar Zwischenakten ging die Cederwaldmühle dann 1872 an den Zander schen Buchhalter Wilhelm Hanebeck über, der eine Packpapier- und Pappenfabrik daraus machte. 1931 übernahm der heutige Besitzer, Fabrikant Moritz J. Weig -jetziger Bürgermeister der Stadt - diesen Betrieb, der ihn so ausbauen konnte, dass in diesen Tagen,seit der Besitzübernahme das 125-millionste Kilo Papier erzeugt werden konnte.
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Heinrich Schnabel kaufte 1740 eine alte Pulver- und Ölmühle an, die Kradepohlsmühle, in der Absicht, sie zur Aufbereitung von Lumpen zu verwenden. Diesen Zweck erfüllte sie noch für die Schnabelsmühle unter Johann Wilhelm Zanders . Nach dem Kriege von 1870/71 ging sie für 7000 Taler in das Eigentum von Friedrich Wachendorff über. Er war der Sohn eines Papiermachers aus Bergisch Gladbach und machte aus der Kradepohlsmühle ebenfalls eine Pappenfabrik, Er starb erst 1915 im ersten Weltkriege.
Für das Strundener Tal ergaben sich im 19. Jahrhundert die gleichen Fragen wie für alle Wirtschaftsbetriebe, Fragen, die im benachbarten Köln heftig die Gemüter erregten, im geistigen Ringen sich in Persönlichkeiten wie Karl Marx und Adolf Kolping zuspitzten und um das Stichwort Gewerbefreiheit die Jahre mit dem lauten Lärm wirtschaftspolitischer Kämpfe erfüllten.
Die Papiermühlen sahen sich als Betriebe an, die zwischen freiem künstlerischem Schaffen und Handwerk standen. Die Organisation ihrer Produktion war jedenfalls ganz handwerklich. Auch der in der Franzosenzeit eingeführte alte Holländer passte sich noch ganz gut in den Mühlenbetrieb ein. Nun aber kam die Papiermaschine und mit ihr die Massenproduktion. Es fiel den alten Mühlen nicht leicht, von der Tradition abzugehen. Sie hatten bisher ihre
Ehre , aber auch ihre wirtschaftliche Chance in der Qualität gesehen, auch in der Spezialisierung ihrer Produkte. Schon 1723 waren so die Erben van Gohr im Besitze eines Patents zur Anfertigung von Blau-Nähnadel-Papier, das die verpackten Nadeln rostfrei hielt und bis dahin nur von England bezogen werden konnte.
Man brauchte an der Strun de viel Zeit, um sich mit dem Problem der Maschine auseinanderzusetzen. 1798 hatte der Franzose Nicolas Louis Robert die Papiermaschine erfunden. Man verfolgte in. Gladbach ihre Entwicklung genau. Zwei Fragen drückten besonders hart. War die Aufnahme c' Maschine nicht Aufgabe einer jahrhundertealten Tradition und Verrat an der Strunde, und wenn man sich zur Maschine entschloss, woher wollte man dar, Kapital nehmen, sie zu bezahlen ? Aber die Not ist noch immer der stärkste Erzieher gewesen.
Die Papiermaschine war da, nur sie konnte den steigenden Bedarf an Papier befriedigen; wer nicht selber Herr der Maschine würde, den wurde
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Mühle und dem Herrenhaus waren jeweils eine Anzahl von Arbeiterhäuschen mit zugehörigem Gartenland und Äckern verbunden, auf denen zumindest die Stammarbeiter Platz fanden. Erst die Papiermaschine verdrängte diese Arbeiterhäuschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft der Papiermühlen.
Im Anfang betrug die Zahl der Papierarbeiter kaum mehr als 15, wobei die Frauen noch eingerechnet sind. Um 1700 kamen auf eine Mühle etwa 7 Arbeiter und am Ende des 18. Jahrhunderts hatten die 5 Gladbacher Papiermühlen zusammen rund 100 Arbeiter.
Die Löhne waren im 15. Jahrhundert in Deutschland recht auskömmlich. Im 16. Jahrhundert fielen sie aber durch die mit der kirchlichen und geistigen Revolution parallel laufende soziale Revolution auf ein bescheidenes Mass und das Jahrhundert des 30-jährigen Krieges war nicht dazu angetan, hier wesentliche Verbesserungen mit sich zu bringen. Namentlich den reinen Arbeitern, die auf der Mühle selbst an Haus und Acker keinen Rückhalt hatten, scheint es im 17. und 18. Jahrhundert sehr schlecht gegangen zu haben. Im Anfang des 19. Jahrhunderts war nur der Lohn der Professionisten, d.h. der gelernten Arbeiter einigermassen menschenwürdig, aber die Mühlenherren hatten um diese Zeit auch nicht mehr Geld, aber viel mehr Sorgen. Die Zahl der Arbeiter betrug 1806 insgesamt 109. Sie sank 1809 unter dem Druck der Napoleonischen Wirtschaftsblockade gegen England auf 100, ging dann aber langsam und stetig in die Höhe. Im Jahre 1815 hatte die Papierindustrie 166 Arbeiter, 1836 schon 440, darunter 40 Jugendliche. Einen kleinen Rückgang auf 434 Arbeiter brachte der Krimkrieg 1854. Während aber 1806 den 109 Papiermachern noch 110 andere Arbeiter in der Gemeinde Bergisch Gladbach gegenüberstanden, hatte sich nun das Schwergewicht eindeutig auf die Papierindustrie verschoben, denn den 434 Papiermachern standen nur noch 349 andere Arbeiter gegenüber. Nach dem deutsch-französischen Krieg betrug die Zahl der Arbeiter 1871 schon 585, sie stieg bis zur Jahrhundertwende auf rund 850, während heute die Zahl der Betriebsangehörigen bei der Firma Zanders allein mehr als 1.1/2 Tausend beträgt, und diese 1.1/2 Tausend stellen heute in einer Stunde soviel Papier her als alle Papiermühlen des Strundertales 1829 in einem Jahr. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lag die Gesamtproduktion von Bergisch Gladbach zwischen 15000 und 20000 Ries im Jahr, was einem Wert von 80 - 100000 Reichstaler entsprach, während die Zanders' schen Betriebe allein 1912 schon 20.1/2 Millionen kg Papier im Jahre
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erzeugten. Die Bergisch Gladbacher Papierindustrie bestätigt die allgemeine Erfahrung, dass sich die Produktion über alle Konjunkturschwankungen hinweg seit 1800 ständig ausgeweitet hat. Der Grund dafür ist auch in Bergisch Gladbach der nach Quantität und Qualität steigende Bedarf und die Zunahme der Bevölkerung gewesen. Wie allgemein, so drückte auch im Strundener Tal der Zwang zur Technisierung im 19. Jahrhundert auf die Löhne, und trotz ihres langsamen Steigens vermochten sie meist nicht mit den anziehenden Preisen Schritt zu halten. Erst eine gewisse Abrundung der Technisierung, höchstes Pflichtgefühl bei Unternehmern und Arbeitern, fortgesetzte Leistungssteigerungen und das Heranwachsen von gleichberechtigten. Tarifpartnern haben ih Unserer Zeit die Waage zum Auspendeln gebracht.
Dabei darf man aber nicht übersehen, dass die freundliche Milde des Betriebsklimas und die Werkverbundenheit in der Papierindustrie auch besonders Faktoren zu verdanken ist, die in der geschichtlichen Tradition zu suchen sind.
Wie 1582, so stehen auch heute noch die Papiermacher an den Bütten und schöpfen edles Papier, Mitten ih einem hochtechnisierten sind rationalisierten Betrieb schlägt noch heute das alte handwerkliche Herz, ist der Papiermacher noch der gleiche feinnervige Kunsthandwerker wie vor fast 400 Jahren. Hier wird deutlich, dass die Maschine, und sei sie noch so gross und kunstvoll, nicht letztes Ziel und letzter Wert ist, sondern auch nur Dienerin am Werk, das dem Menschen und der von ihm geschaffenen Kultur dienen soll. Das gibt Werk und Werksangehörigen die innere Sicherheit und den Berufsstolz, der
aus der Leistung erwächst, als dessen Zeichen der Papiermacher seit uralters in seine Papiere das Wasserzeichen setzt.
Es scheint so, als sei die Lebenskraft des " fleissigsten Baches des Reiches " in den Menschen dieses Tales lebendig geblieben, eine besondere Lebenskraft, die sich auch in der Langlebigkeit der Unternehmerfamilien zeigt, die sich anderorts meist so schnell verbrauchen. Sie alle waren nicht nur Techniker und Kaufleute, wie es die Zeit jeweil s von ihnen verlangte, sondern sie waren und blieben auch Handwerker und Künstler und damit Menschen, die den Blick für die Rangordnung der Werte nicht verloren, so wie es Julie Zanders in ihrem Testament ausdrückte: " Geld und Gut hat seinen berechtigten Platz im Leben, aber Friede und Freude hängen nicht davon ab. Wer überhaupt die Gabe hat, glücklich zu sein und sich freuen zu können, bedarf nicht viel von dem, was er am Grabe zurücklässt. "
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Das Wasser der Strunde schuf die Papierindustrie, die Papierindustrie schuf ihrerseits die Blüte des Gemeinwesens und dieses wiederum schuf mit an dem sozialen und menschlichen Ausgleich. Die führenden Männer der Industrie sind in Bergisch Gladbach auch seit Jahrhunderten die Anreger, Mitgestalter und Förderer des kommunalen Lebens gewesen. Als 1829 die Firma Zanders entstand , hatte Bergisch Gladbach rund 3000 Einwohner. Als es nach dem geglückten Übergang vom Handwerk zur Industrie im Jahre 1856 Stadt wurde, hatte Bergisch Gladbach rund 5000 Einwohner, und heute, da Zanders eine Weltfirma wurde, sind es rund 35000. Bergisch Gladbach ist in einer schönen Landschaft eine schöne Stadt geblieben. Es ist dem Schicksal entgangen, durch die Maschine eine hässliche Fabrikstadt zu werden. Wie sich die Dorf- und später die Stadtgemeinde immer mit der Papierindustrie verbunden fühlte, so fühlte sich die Industrie in ihren führenden Persönlichkeiten, die immer aus ihr hervorsprossen und nicht als blosse Manager von aussen hereinkamen, nicht nur dem Werk, sondern auch der Stadt als sozialem Gemeinwesen verpflichtet.
Möge es zu beider Bestem so bleiben.