















BERGISCHER GESCHICHTSVEREIN E.V.
ABTEILUNG: RHEINISCH-BERGISCHER KREIS
Heimatkundliche Schriftenreihe
als Beilage zu den Abteilungsrundschreiben
Nr. 7 - Dezember 1959
Professor Dr. Heinrich Neu"
Von der Bürgerkommende zum Herrenhaus "
Die geschichtliche Bedeutung des Johanniterordens für das Rheinland,
insbesondere für das Bergische Land.
Festvortrag, als Manuskript mit freundlicher Genehmigung des Verfassers hier veröffentlicht.
Dieser Vortrag wurde am 3.6.1956 in Bergisch Gladbach - Herren strunden aus Anlass des Gedenkens an die Gründung der Kommende Herrenstrunden vor rund 650 Jahren gehalten.
-1-
Wir haben uns hier versammelt, um der Gründung und Wirksamkeit einer Organisation zu gedenken, die seit rund anderthalb Jahrhunderten aus dem Bilde dieser Bergischen Landschaft verschwunden ist. So lange ist es her, dass in Herrenstrunden kein Angehöriger jenes Ordens der Brüder vom Hospital des hl. Johannes mehr weilt, eines Ordens, der in anderen Gebieten noch als eine der ehrwürdigsten Einrichtungen des Abendlandes fortbesteht Ein Erlass des Landesherrn beendete hier einst das Wirken dieser Männer, ohne Dank für das, was in einem halben Jahrtausend geleistet worden war.
Was ihnen zu eigen war, riss ein Staat an sich, der seine Aufgaben überschritt, der die Ehrfurcht vor der Geschichte und der Tradition verloren hatte. Die Männer, die damals die Obrigkeit in diesem Lande repräsentierten, gingen über ein Werk hinweg, als sei es nicht gewesen.
Es ist schon berechtigt, die Bedeutung dieses Werkes herauszustellen, weil es von hoher Ethik getragen war, weil es dem Nächsten diente und weil es sich einer weltweiten Gemeinschaft und einer grossen Aufgabe verschrieben hatte.
Zwei Aufgaben verbanden sich in dem Wirken des Ordens der Brüder des Hospitals des hl. Johannes zu Jerusalem: Die eine, die ursprüngliche,, war die Sorge für den Mitmenschen, der über die weiten Landstrassen zog. Das Hospital war die Stätte, an der der Hospes, der Fremde als Gast Aufnahme. fand, der wandernde Reisende, der Arme, der hilflos in der Fremde weilte. Das Problem der Schaffung solcher Stätten stellte sich schon im frühen Mittelalter. Damals tauchten bei den Klöstern sogenannte Xenodochien auf, das sind Gebäude, in denen der Reisende gastliche Aufnahme fand. Das Problem der Unterbringung wurde immer bedeutsamer mit dem Anwachsen der Anzahl reisender Menschen, da nicht nur der reiche Kaufmann, der vornehme Adelige über die Strasse zog, sondern auch der einfache Mann sich auf den Weg machte, um ferne Ziele aufzusuchen. Gewiss, die Pilgerfahrten waren schon alt, schon früh begannen die Franken die Kirchen der Martyrer in den rheinischen Römerstädten aufzusuchen, ohne Zweifel stellte sich auch schon damals das Problem der Unterbringung dieser Pilger, das die Geistlichkeit, der die Hut dieser Heiligengräber oblag, zu lösen hatte.
Doch eine grosse Bedeutung erlangte dieses Problem in dem Augenblick, in dem die Pilger nicht mehr nur verhältnismässig nahe gelegene Heiligengräber, die
-2-
in einem ihnen durch Herkunft und Klima vertrauten Lande waren, aufsuchten, sondern das Ziel solcher Wallfahrten in weit entlegenen Gebieten lag, in Städten wie San Jago di Compostella im fernen Spanien, in der Hauptstadt der Christenheit, in Rom, und im noch ferneren Palestina. Es blieb bei diesen weiten Reisen nicht nur bei der Unterbringung. Der Weg war sehr weit und führte durch heisses, unseren Zonen nicht vertrautes Klima, führte durch Landstriche, in denen fiebererregende und ungewohnte Krankheiten beheimatet waren. Mit der Unterbringung des Fremden musste daher auch die Behandlung und Pflege des Erkrankten, der hilflos in ddr Fremde weilte, verbunden werden.
Im Mittelalter hatte derartige Probleme der Einzelne zu lösen. In einer Zeit aber, in der öffentliches und kirchliches Leben in fruchtbarer Zusammenarbeit standen, baute man die Lösung dieser Aufgabe in das weite Feld der von kirchlichen Organisationen getragenen Werke der Barmherzigkeit ein. Bürger aus Amalfi gründeten und dotierten um 1050 in Jerusalem ein Hospital für die fremden Pilger. Sie stellten es unter den Schutz des hl. Johannes des Täufers, der als der Vorläufer des Herrn arm durch das Land gewandert war. Die Betreuung dieses Hospitals übernahmen Brüder, die hier in einer Gemeinschaft lebten. Der Anfang dieses Ordens vollzog sich ähnlich dem des anderen gleichgearteten Ordens, der in den Tagen der Kreuzzüge entstand und der uns Deutschen besonders vertraut wurde. des Deutschen Ritterordens.
Dieses Hospital also wurde ähnlich wie das Hospital , das deutsche Kaufleute 1191 bei Akkon gründeten, die Keimzelle einer weltweiten Organisation. Der Weg nach Jerusalem war weit. Er führte über die Alpenpässe, durch die Poebene und an den langen Küsten Italiens entlang zu den Häfen, von denen die Schiffe nach Palästina in See stachen. Hier musste den Pilgern, die manchmal lange zu warten hatten bevor sie ein Schiff besteigen konnten, in brüderlicher Nächstenliebe geholfen werden. Das führte dazu, dass die Brüder in Jerusalem über ihre Stadt hinaus ihr Werk auszubauen begannen. Sie gründeten Hospitäler in Städten wie Bari, Tarent, Neapel und Pisa. Das war eine Aufgabe, die nur gelöst werden konnte mit Disziplin und Unterordnung. Das Mittelalter kannte dafür eine bewährte Form: die klösterliche Regel !
Aber hier hatte sich ein vollkommen neues Prinzip zu entwickeln: Das Mönchtum war einst entstanden aus dem Eremitentum - weltoffener Dienst am Nächsten -. -3-
-3-
Mönchtum bedeutete in seinen Anfängen Weltflucht. Gewiss kann man darauf hinweisen, dass im frühen Mittelalter das Mönchtum schon weitgehend aus der Weltflucht herausgetreten war, als es sich der Mission zugewendet hatte. Aber damals war diese Zeit vorüber, Die Reformen, vor allem die von Cluny und die des Cisterziensertums bedeuteten irgendwie Rückkehr in die Klostermauern. ( Kloster kommt von Claustrum, das ist ein umhegter Bezirk, in dem seine Bewohner in Zurückgezogenheit von der Welt, in dem Frieden eines irdischen Jerusalem wohnen.) Gewiss waren bei den Klöstern im frühen Mittelalter Xenodochien entstanden. Aber aus seinem Geiste heraus war das Mönchtum jener Tage nicht fähig, die grosse Aufgabe zu lösen, die sich damals stellte und die eben die Brüder des Hospitals des hl. Johannes zu Jerusalem jetzt übernahmen. Diese Aufgabe lag im Sinne der christlichen Caritas. Aber sie konnte nicht in der Einsamkeit, sondern nur an jenen Stellen gelöst werden, die das alte Mönchtum mied, das eben damals mit dem Aufkommen der Kartäuser sich wieder auf seine Ursprünge zu besinnen begann, Ihre Lösung durch das Mönchtum hätte die Mönche nämlich auf die Strassen mit all ihrem Getriebe geführt. Das aber hätte ihrem Lebensprinzip widersprochen.
Solche Aufgaben konnten nur mit weltoffenem Sinn gelöst werden. Die. Johanniter sind Mönche, die auf die Strasse gehen, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Sie haben damit einem neuen Prinzip den Weg gewiesen. Wie die Johanniter so werden auch die Bettelorden in die grossen Städte gehen, da, wo sich die Menschen, die sie ansprechen wollen, zusammenballen.
Weltoffene Männer waren die Johanniter und in dieser Eigenschaft liegt ohne jeden Zweifel mit der Erfolg begründet, der sie einmal zu einer der angesehensten Institutionen auf europäischem Boden werden liess. Niemals hat ein grosses Ziel so die Menschen des Abendlandes begeistert und geeint wie die Wiedergewinnung des hl. Landes aus den Händen des Islam, Ohne Rücksicht auf Opfer haben damals Männer aus Schottland wie aus Calabrien, aus Portugal wie aus Deutschland sich für die Verwirklichung dieses Zieles eingesetzt. Alle Kreise des damaligen öffentlichen Lebens waren daran interessiert: Kaiser und Könige ebensogut wie Männer des edelfreien Standes und des Hochadels, Ritter und Bürger und gewiss auch grosse Massen des Bauerntums. In den Kampf zogen die hinaus, die auch in der Heimat Waffen führten, das waren die Edelfreien und die Ritter, denen sich Bürger zugesellten. Grosse Scharen sind immer wieder den opferreichen Gang gegangen. Die Überlegenheit der Kreuzfahrerheere ist mehr als einmal
-4-
auf die Probe gestellt worden. Von Anfang an aber musste klar sein, dass dieses Land nicht zu behaupten war, wenn es nicht gelang, eine Organisation zu schaffen, die das Gewonnene behaupten konnte. Die ersten Kreuzfahrer hatten das schon erkannt, Den Krieger musste es nach einer gewissen Zeit unwiderstehlich in die Heimat zurückziehen, Nur wenige konnten bereit sein, in dem fernen Land, abseits ihres gewohnten Lebenskreises zu bleiben, Das Prinzip des stehenden Heeres mit einer periodischen Ablösung war noch nicht entwickelt, Wer hätte auf die Dauer die Menschen und das Material steilen sollen, um das Gewonnene zu behaupten ? Die Kreuzfahrer schufen das Königreich Jerusalem und andere christ liehe Staaten in Asien, Diese aber waren viel zu klein, um sich hier als Brückenköpfe gegenüber einer weiten islamischen Welt mit ihren immer wieder anstürmenden Wogen zu behaupten, Gewiss hatte der von den Arabern getragene, einst von so viel Fanatismus belebte Islam schon viel von seiner Stosskraft verloren, Aber noch immer reichte seine Schwungkraft aus, natürliche Grenzen am Mittelmeer zu suchen und seine Massen dorthin vorzutreiben,
Das Königreich Jerusalem war gegenüber diesem Ansturm der Araber nicht zu halten, wenn es rächt vom Aben,..:Jand einen ständigen Zustrom an Menschen und Material erhielt, Die verantwortlichen Männer sind sich dieser Tatsache durchaus bewuss gewesen. Deshalb gründeten sie ein stehendes Heer, das erste im Mittelalter, Ein Heer bedarf aber der Disziplin. Sie gaben sie ihm in Gestalt einer Ordensregel: Sie gründeten die Miliz Chisti vom Tempel, den Tempelorden, dessen Hochmeister mit seinem Hauptquartier an der Stelle des alten Tempels seine Wohnung nahm. Das war der erste Orden, dessen Aufgabe der Kampf mit den Waffe zum Schutze der Christenheit und ihrer heiligen Stätten in Palästina war,: Die zentrale. Frage der Erhaltung des unter so viel Opfern gewonnenen hl. Landes war, ob es rechtzeitig gelang, diesen Orden so stark zu machen, dass er seine grosse und schwere Aufgabe bestehen konnte. Das ist nicht gelungen trotz all der Mittel, die dem Orden zur Verfügung gestellt wurden, und die später den Neid von Grossen dieser Erde erregen sollten. Dieser so wichtige Orden stellte ein internationales christliches Heer dar, das gewiss eine Elite bildete. Aber sein Schwergewicht hat immer in den romanischen Ländern gelegen. Bezeichnend ist, dass es dem Orden richt gelang, in dem Gebiet der früheren Rheinprovinz mehr als zwei Häuser zu gründen, wobei allerdings fraglich ist, ob in Köln nicht ein drittes bestanden hat,
-5-
Da sind um 1137 die Brüder vom Hospital des hl. Johannes mit in die Bresche getreten, die ausgefüllt werden musste, wenn man Palästina halten wollte. Sie sind aus der Gaststube und dem Krankensaal des Hospitals aufgestanden und haben das Schwert umgegürtet, um das bedrohte Land Schulter an Schulter mit den Templern zu verteidigen. Palästina war nur zu halten, wenn es von einem Befestigungsring umgeben war. Diesen haben die Orden erstellt. Grosse Summen müssen aufgebracht worden sein, um die stolzen Burgen zu errichten, die damals die Bewahrung des hl. Landes in christlicher Hand sicherten. Wie manches Gold- und Silberstück muss zusammengetragen worden sein, wieviel Schweiss muss in den heissen Sand Asiens geflossen sein, ehe sich die trutzigen Mauern und Türme dieser Burgen erhoben, hinter denen Templer und Johanniter mit ihren Leibern einen Wall bildeten zur Abwehr der fanatischen Anhänger Mohammeds.
Mit grossem Heroismus haben diese Männer in einem lange sich hinziehenden Kampf gestritten. Wer weiss noch die Namen so vieler dieser Männer, die aus deutschem und welchem Land ausgezogen waren und unter der Glutsonne des Orients lebten, kämpften und starben für ein Ideal, das ihr Glaube ihnen wies ? Aber auf die Dauer war der Ansturm der aus den Weiten Asiens andringenden Flut nicht aufzuhalten. Die Expansion des mit so viel Energien geladenen Orient brandete gegen Europa an.
Das hl. Land war 1291 endgültig verloren. Mit dem heldenhaft verteidigten Akkon wurde die letzte Bastion aufgegeben, von der aus die Wiedergewinnung des Verlorenen hätte unternommen werden können. Das Feuer der Begeisterung für den Gedanken der Kreuzzüge hatte erstaunlich lange im Abendland gebrannt. Es fiel in sich zusammen. Das Abendland raffte sich nicht mehr zu offensivem Vorgehen auf. Man erkannte, dass auf die Dauer dieser Brückenkopf im vorderen Orient nicht zu halten war.
Um so wichtiger blieb die Defensive, nachdem die Offensivkraft der Mohammedaner durch das zum Islam übergetretene Türkentum einen neuen sehr starken Impuls erhalten hatte, da die Araber Nordafrikas die " christliche Seefahrt " auf dem Mittelmeer beunruhigten. Das Mittelmeer war der Schutzgraben Europas geworden. Hier verlief für Jahrhunderte eine Front, die vom Abendland gehalten werden musste. Sie verlief über das Meer. Sie war nur mit Schiffen zu halten.
-6-
Die Ritterorden waren berufen, in diese Front zu treten. Es galt nun, auch Krieger zur See zu werden. Der Hochmeister des Deutschen Ritterordens ist nach Venedig ausgewichen. Er mag gedacht haben, in dieser grössten Hafenstadt des christlichen Mittelmeergebietes die Flotte organisieren zu können, deren der Orden bedurfte, wenn er weiter seine Aufgabe erfüllen wollte. Er mochte hoffen, bei der reichen Republik, die wie kaum eine andere Macht am Mittelmeer ein Interesse daran haben musste, die Front zu halten, die Unterstützung für die Neuorganisation der Verteidigung zu finden. Der Orden hat sich dann entschlossen, an die Landfront zu gehen, in den Balkan. Von dort wich er schon bald, um sich einer neuen, gewiss fruchtbaren, aber weniger Umstellung erfordernden Aufgabe zu widmen.
Das Abendland schwächte sich in einer seltenen Verblendung selbst, als der Ternplerorden unter tragischen Umständen aufgelöst wurde. An der Mittelmeerfront verblieben noch die Johanniter. Im Jahre 1309 nahm der Hochmeister seinen Sitz auf der Insel Rhodos. Hier hatte der Orden sich eine Flotte geschaffen. Es bedarf keiner Erörterungen, was das für Männer bedeutete, die aus dem Ritterstand kamen und denen das Leben auf Schiffen ungewohnt war.
Hier standen sie nicht allein_ Seite an Seite mit ihren Schiffen fuhren die stolzen Geschwader der Republik Venedig, die die Behörden der mächtigen Handelsstadt selbstbewusst in dem grossen Ratssaal des Dogenpalastes abbilden liessen. Immer mehr trat Habsburg mit in die Front ein, sich damit unsterbliche Verdienste um Europa erwerbend. Konstantinopel konnte nicht gehalten werden. Auch Rhodos konnte nicht behauptet werden, Im Jahre 1522 fiel die Insel in die Hände der Türken. Die Verteidigung des Abendlandes am Mittelmeer musste neu organisiert werden, Kaiser Karl V. mit seinem Weltreich war dazu in der Lage. Nun reichte die einheitliche Planung vom Balkan bis zur Strasse von Gibraltar. In diesem Raum wies Karl V. den Johannitern ihren neuen Platz an. Er betraute sie mit der Verteidigung der Insel Malta. Hier stationierten die Johanniter ihre Flotte, die nicht nur den Schiffen das Geleit gegen die Korsaren und Sklavenhändler Nordafrikas geben sollte, sondern eine noch grössere Bedeutung dadurch erhielt, dass sie der Wellenbrecher der türkischen Flut wurde. Die Türken hatten die grosse Bedeutung Maltas wohl erkannt und setzten ungewöhnliche Mittel ein, diesen Stützpunkt in ihre Hand zu bekommen. Doch die Ritter, unter ihrem tapferen Hochmeister La Valette, haben sie mit blutigen Köpfen
-7-
nach Hause geschickt. Die Flotte des Ordens kämpfte mit den venezianischen, spanischen und päpstlichen Schiffen unter Don Juan dt Austria in der entscheidungsvollen Schlacht bei Lepanto, in derder natürliche Sohn Karls V. mit den tapferen Seeleuten ein für allemal die Offensivkraft der Flotte des Sultans brach.
Welche grossen Aufgaben hat dieser Orden nicht in der so langen Zeit seines Bestehens erfüllt. Die Spannkraft seines Willens reichte vom Dienst an dem müden und kranken Pilger bis zu der Verteidigung des Abendlandes und seiner Kultur. Wie viele Menschen bewahrte er vor dem traurigen Schicksal, von nordafrikanischen Freibeutern nicht nur der Habe beraubt zu werden, sondern auch auf den Sklavenmärkten die Freiheit für immer zu verlieren ! Diese Tätigkeit beschränkte sich nicht nur auf den Mittelmeerraum, sie reichte bis tief nach Europa hinein. Daneben hat der Orden mit seinen Priestern, die mit den Rittern den Orden bildeten, noch eine nicht unbeträchtliche Verantwortung für die Seelsorge in seinem weltweiten Arbeitsbereich gehabt,
Um alle diese Aufgaben zu lösen, waren ausserordentlich grosse Mittel und ein unbeschreiblicher Opfersinn notwendig, sowie eine straffe Organisation, die diese Mittel planvoll zum Einsatz brachte„ Eine solche Organisation musste ein breites Fundament und eine einheitliche Leitung haben, Die Spitze war der Hochmeister " über dem Meer Das Fundament aber musste in der europäischen Heimat liegen. Sie war die Etappe und das Kraftreservoir, aus dem der Orden immer wieder die persönlichen und sachlichen Mittel zog, um im Kampf bestehen zu können, Europa musste die Männer stellen, die an der Front kämpften und die Denare und Gulden aufbringen, um Burgen, Schiffe und Hospitäler zu bauen und zu unterhalten, um die Söldner und Seeleute anzuwerben und zu besolden, die in Feld- und Seeschlachten mit den Rittern für das Abendland kämpften. Die Heimat musste auch die Männer versorgen, die müde und abgekämpft von der Front heimkehrten, um daheim ihren Lebensabend zu verbringen.
Die Konvente des Ordens waren da, wo die zum Hospitaldienst und zum Ritterdienst geeignete Mannschaft stehen musste, an der Front. In der Heimat befanden sich die Kommenden, Diese waren vor allem Verwaltungsmittelpunkte, in denen ein Commendator mit Brüdern seine Aufgaben im Dienste für die Front zu erfüllen hatte. Dazu gehörte Rekrutierung ebenso wie die Beschaffung der materiellen Mittel; dazu gehörte auch das Gebet, wie es in den Priesterkommenden für den Orden und die christliche Sache täglich verrichtet wurde.
-8-
Ein Abschnitt dieser Heimatfront lag im Tale der Strunde. Der Johanniterorden hat schon verhältnismässig früh im Bergischen Land Interesse und Förderung gefunden. Es würde von Interesse sein, aus den Ordensarchiven in Malta und Rom zu ermitteln, welche Männer des Bergischen Landes mit dem Orden ihr Lebensschicksal verknüpft haben.. Freilich ist dies eine mühsame Arbeit, an die sich noch niemand gewagt hat. Die Archive, die der Orden uns hier hinterliess, haben einen Nachteil: Sie berichten vor allem über die wirtschaftlichen Verhältnisse, über Gütererwerb und Besitzverwaltung. Wie wenig aber bieten sie für fas innere Leben, über die Persönlichkeiten, die im Bergischen Land als Mitglieder des Ordens weilten, über ihre gewiss recht oft bewegten Schicksale, über ihre Bildung. Nichts ist hier überliefert über ihren Bücherbesitz, wie er für die Strassburger Kommende etwa bekannt ist.
Die Nachrichten in den Urkunden sind die Mosaiksteinchen, aus denen wir ein Bild von dem Wirken der Johanniter im Bergischen Land zusammenfügen müssen, das niemals vollkommen sein kann.
Der hochmittelalterliche Mensch hat sich im Bergischen Land nicht nur für die Johanniter, sondern auch für den anderen grossen Ritterorden interessiert,
die Templer. Die Templer in Niederbreisig bezogen eine Rente aus Buschhaupen bei Burg an der Wupper. Diese verkauften sie im Jahre 1278 den Johannitern. Die Templer überliessen dieses Gebiet als Wirkungsfeld den Johannitern. Es ist in diesem Raum auch nicht zur Gründung eines Hauses des Deutschen Ritterordens gekommen, obwohl dieser Orden in Köln, also an der Eingangspforte des Bergischen Landes, ein so bedeutsames Haus wie die St. Katharinen-kommende besass, das durch Jahrhunderte hindurch geradezu der Vorort der Ballei Koblenz des Deutschen Ordens gewesen ist. Das Bergische Land votierte für den Orden der Brüder vom Hospital des hl. Johannes. Wie kam es dazu ?
Damit erhebt sich die Frage nach den Menschen, die den Johannitern den Eingang in das Bergische Land ermöglichten. Entscheidend war die Stellungnahme der Grafen von Berg. Das erste Auftreten der Johanniter in dieser Landschaft verknüpft sich mit dem Wirken des Grafen Engelbert von Berg in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Es war eine Zeit der Spannungen:
Die Hochadeligen, die edelfreien Vögte, brachen bei ihrem Versuch ihre Landeshoheit auszuweiten in das Kirchengut ein. In den Städten am Rhein traten seit langer Zeit zum erstenmal wieder Ketzer auf. Sie wollten eine Kirche schaffen
-9-
wie sie nach ihrer Meinung einmal in der Zeit der Apostel bestanden hatte.
Es ist die Zeit, in der edelste Persönlichkeiten sich um eine Reform der Kirche bemühten. Hier ist der Theologe Rupert von Deutz zu nennen, der das zur Busse mahnende Buch Ezechiel kommentierte, sowie Erzbischof Arnold, der in Schwarz-Rheindorf den Untergang des alten Jerusalem und den Aufbau eines neuen als Aufruf zur Busse malen liess.
Unkelbach hat dargelegt, dass Graf Engelbert vielleicht die Johanniter im Jahre 1158 in Italien kennenlernte. Der Graf war damals im Heere Barbarossas, der den Grossmeister des Ordens an der Spitze einer Gesandschaft empfing und den Orden in seinen Schutz nahm. Nach seiner Rückkehr hat der Graf diesem Orden eine Heimstatt in seinem Lande bereitet. Er schenkte dem Orden die Michaelskirche in Remscheid und 100 Mark, eine damals recht bedeutende Summe. In einer Zeit, in der die Geldwirtschaft auch im deutschen Raum wieder nach vielen Jahrhunderten in Aufnahme kam, gab der Graf also neben der Kirche und den dazugehörigen Naturalerträgen auch Geld. Die Ritterorden brauchten nicht nur Naturalien zur Verwendung in der Heimat. Für ihre Aufgabe im Mittelmeerraum, in dem die Geldwirtschaft niemals untergegangen war, benötigten sie Geld. Die Stiftung des Grafen Engelbert zielte einmal auf ein Sesshaftwerden von Johannitern in seinem Lande, dann aber vor allem auf die Unterstützung der grossen Aufgabe der Johanniter im fernen Lande hin. Vielleicht hat er sich bei diesem Bemühen übernommen. Jedenfalls versuchte er dann, das Versprechen hinsichtlich der Schenkung des Geldes zu erfüllen. Mit einer der Massnahmen, die er zu diesem Zwecke traf, setzt die Überlieferung über die Beziehungen der Johanniter zum Bergischen Lande ein.
Da Engelbert offenbar das Geld nicht zur Hand hat, löst er seine eingegangene Verpflichtung ab mit der Hergabe eines Hofes bei der Kirche in Remscheid sowie der Kapelle bei der neuerstandenen Burg des Grafengeschlechtes, im Mittelalter vielfach neue Burg, seit langem aber einfach " Burg " genannt. Der Graf überliess den Johannitern die Dotierung des oder der Altäre in der Kapelle, die bei ihrer Burg entstanden war. Das kam auch sonst vor: Der Herr von Kronenburg in der Eifel und der Graf von Jülich siedelten in ähnlicher Weise Ritterorden bei ihren Burgen an, der eine in Kronenburg, der andere in Nideggen. Die Priester dieser Orden erfreuten sich eines besonderen Ansehens. Zudem standen diese Orden, in denen der Adel eine so grosse Bedeutung hatte, diesen Edelherren besonders nahe.
-10-
Dazu kam, dass in diesen Jahrzehnten die Grafen von Berg für den Gedanken des Kreuzzugs begeistert waren. Engelberts Sohn, Graf Adolf ist zum Kreuzzug aufgebrochen und hat 1218 im fernen Land den Tod gefunden. Sein bedeutender Bruder Engelbert, Erzbischof von Köln, hat die Johanniter ebenso gefördert wie sein Vater und einer seiner grossen Vorgänger auf dem Stuhl des Erzbischofs, Philipp von Heinsberg. Er liess vermutlich die grosse Johanneskirche bei Burg errichten und gab den Johannitern bedeutenden Grundbesitz in der Pfarrei Herkenrath. Auch wandte er den recht hohen Betrag von 40 Mark auf, um Anrechte, die Lehnsleute an diesem Hof erlangt hatten, zu beseitigen. Das war eine Massnahme im Interesse des Ordens, denn er konnte nun frei über dieses Gut verfügen und es selbst bewirtschaften. Das mochte den Ertrag steigern, ermöglichte aber wahrscheinlich auch, statt Naturalien Geld einzunehmen.
Die Grafen von Berg haben den Orden also in ihr Land eingeführt. Der zweite Kreis, der den Orden fördern konnte, waren die ritterbürtigen Familien, deren Zahl recht gross war. Noch konnte jeder, der Pferd und Waffen besass, in diese Familien aufsteigen; erst die Goldene Bulle machte 1356 diesen Aufstieg abhängig von der Genehmigung des Kaisers. Dieser Personenkreis hat die Masse der Ritter des Ordens gestellt; aber er konnte keine bedeutenden Schenkungen machen. Einer grossen Zahl dieser Familien machte die Unterbringung der nachgeborenen Söhne ernste Sorgen. Zahllose Nachkommen gingen nach Italien, um dort Kriegsdienst für die reichen Stadtrepubliken zu leisten. Wieviele in diesem Dienst den Tod fanden, wieviele im fremden Volkstum aufgingen, wissen wir nicht.
Für diese nachgeborenen Rittersöhne hatten die Ritterorden eine ganz besondere Bedeutung. Hier fanden sie ein Betätigungsfeld, das in ihren Lebenskreis gehörte und ihnen gleichzeitig eine Versorgungsmöglichkeit bot, die sie zu Hause nicht fanden. Im Laufe der Jahrhunderte schmolz dieser Stand zusammen, Teils sanken Männer und Frauen im Zeitalter einer strengen Ständeordnung ab in einen anderen Stand, teils blieben sie als Mitglied eines Ordens oder als Angehöriger eines Stifts ehelos. Daraus ergab sich eine finanzielle Gesundung für den Rest.
Gerade die ritterbürtigen Familien mussten an den Ritterorden ein besonderes Interesse nehmen. Wir finden in diesen Orden zwar auch Männer des Hochadels, aber ihre Zahl war klein. Vorzugsweise haben zu diesen Orden die Söhne des niederen Adels gehört. In diesen Kreisen musste auch ein besonderes Interesse an der materiellen Förderung des Ordens bestehen. So nennen die Urkunden als
-11-
Geschenkgeber an die Johanniter im Bergischen Land vor allem Angehörige des Ritterstandes: wie Bruno von Bongart, Kellner auf Burg, Engelbert von Boltenberg, Adolf von Flittard, Theoderich von Elner, Hermann von Scherff, Burggraf bezw. Kastellan des Grafen Adolf von Berg, Arnold Clericus zu Schlebusch, Rupert von Rosaue, der 1277 dem Johanniterhaus in Herkenrath einen Besitz schenkte, Gerhard von Struone, h. von Strunden. Der in einem Dorfe bei Bonn angesessene Daniel von Lengsdorf übergab seinem Verwandten Johann von Lengsdorf, einem Johanniter, Besitz; dieser aber stand zweifellos in einem bergischen Johanniterhaus, dem nun dieser Besitz zufiel. Dietrich von Dondorf übertrug dem Orden im Jahre 1224 die Kirche in Herkenrath zusammen mit einer Rente von 4 Maltern Hafer, die aus seinem Hofe in Herkenrath anfielen.
Daneben treten als Förderer zurück der Klerus und das Bürgertum. Der Landklerus war arm, wenn er nicht über väterliches Erbe verfügte. Einmal förderte Gerhard, der Rektor der Kirche in Radevormwald - von dem wir nicht wissen, aus welchem Stande er kam - die Johanniter. Wir hören auch von einer Stiftung eines Wipperfürther Bürgers, des Gerhard Plumph und seiner Mutter. Das Bürgertum tritt kaum in Erscheinung, weil es im Bergischen Lande schwach entwickelt war.
Den Johannitern fiel so im Bergischen Lande an verschiedenen Stellen Besitz zu, dessen Verwaltung die Niederlassung von Ordensmitgliedern notwendig machte. Die Schenkungen der Kirchen in Burg und Herkenrath liessen es als richtig erscheinen, hier Ordenspriester anzusiedeln. Auf diese Weise flossen die Einkünfte der Kirchen ungeschmälert dem Orden zu. Die Entstehung von Niederlassungen ergab sich also zwangsläufig. Die erste iSt die von Burg; die zweite die von Herkenrath. Die Begründung der einen war durch die Schenkung der Grafen von Berg, die andere durch die des Edlen von Dondorf ermöglicht worden. Die Unterhaltung eines solchen Hauses war nur tragbar, wenn der zu verwaltende Güterbesitz gross genug war, um den Aufbau einer Organisation lohnend zu machen. Einen Ansatzpunkt bot auch Wipperfürth,
In der Geschichte des 1277 zuerst genannten Hauses Herkenrath spielte sich folgendes ab: In der Pfarrei Odenthal besass der Bruder des Grafen von Berg, Konrad, Domprobst zu Köln, zwei Höfe: Scherve und Hochscherve. Für eine Reise entlieh Graf Konrad Geld vom Orden. Wenn er auf der Reise starb, sollten die beiden Höfe den Johannitern als Ersatz für das Darlehen zufallen. Konrad
-12-
aber kam zurück ! Gegen Rückzahlung des Darlehens hätten die Höfe wieder in seinen uneingeschränkten Besitz zurückfallen müssen. Die Johanniter waren bereit, gegen Zahlung von 83 Mark und eine lebenslängliche Rente an den Grafen den Besitz Scherve zu übernehmen. Vermutlich wäre durch diesen Erwerb die Niederlassung in Herkenrath lebensfähig geworden. Aber der Ministeriale Konrads, Christian von Hochscherve, erhob Erbansprüche an den Hof. Im Verlaufe des sich ergebenden Streites musste der Orden auf den Erwerb gegen Zahlung von Geld verzichten. Christian verkaufte den Hof, an dem sich die Johanniter das Vorkaufsrecht gesichert hatten, sogleich weiter an die Abtei Altenberg. Bezeichnend ist hier, dass Propst Konrad als Lehnsherr die Erlaubnis zum Weiterverkauf gerne erteilte, wenn es Christian gelingen sollte, " die Güter den Händen der Johanniter von Deutschland zu entwinden ".
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war also das alte gute Verhältnis zwischen dem Grafen von Berg und den Johannitern offenbar gestört. Die näheren Umstände, die zu dem Bruch geführt haben mögen, kennen wir nicht. Es gelang .jedenfalls nicht, Herkenrath zu einer Niederlassung von Bedeutung auszubauen. Die Johanniter entschlossen sich, die kleine dort begründete Niederlassung aufzulösen. Dieses Zerwürfnis könnte auch ein Grund dafür gewesen sein, dass die Niederlassung in Burg ihre Bedeutung verlor.
Das Schwergewicht verlagerte sich an eine andere Stelle, die: zu Beginn des 14. Jahrhunderts erscheint: Strunden. Wenn die Johanniter dort eine Kommende ausbildeten, musste sie nicht zuletzt die Lage des Besitzes, der von dort aus zu verwalten war, dazu veranlasst haben. Vor allem aber hat sie wohl die Lage an einer alten vielbegangenen Strasse bestimmt. Die Zeit der Kreuzzugsbegeisterung war vorüber. Die grosse Idee der Ritterorden hatte viel von ihrer Zugkraft eingebüsst. Das sollte sogar der Deutsche Ritter-Orden erfahren, obwohl seine Tätigkeit der Missionierung und Kolonisierung an der Ostgrenze dem Gesichtskreis des deutschen Menschen viel näher lag. Im 14. Jahrhundert hören die reichen Schenkungen an diesen Orden auf. Das heilige Land war aufgegeben. Das Wirken in Rhodos war nicht so werbend, wie jener Heldenkampf um die Erhaltung der heiligen Stätten in christlicher Hand. Das musste auch der Johanniterorden erfahren. Enttäuschungen wirkten entmutigend und ernüchternd. Aber noch blieben dem Orden Aufgaben in der Heimat. Da war zunächst das religiöse Wirken, vor allem in der Ausübung der Seelsorge in den dem Orden gehörenden Kirchen. Freilich stand er hier im Schatten des Wirkens der
-13-
Bettelorden, welche die breiten Massen ansprachen. Als zweites ist die grosse karitative Aufgabe zu nennen, von der einst das Wirken der Brüder ausging und zu der sie zurückkehrten, seitdem die Sicherung der Christenheit gegen die Ungläubigen hinfällig war.
Die Männer im Bergischen Land mussten die Berechtigung ihrer Existenz nachweisen. Sie konnten ihrem Wirken einen neuen Impuls geben, wenn sie ein Hospital gründete n. Wir wissen nicht, ob sie das schon in Burg taten. Gerhard von Struone ( Strunden ) hat ihnen offensichtlich 1294 Besitz geschenkt, auf dem das " Hospital in Strunden " entstanden ist, in dem im Jahre 1300 Johanniter versammelt waren; am 6. Juli jenes Jahres kam dort Graf Konrad von Berg mit ihnen zu einer Verhandlung über den Hof Scherve zusammen. Ein besonders fähiger Mann wurde hier angesetzt, um in krisenhafter Zeit die Interessen des Ordens zu vertreten: Hermann von Mainz. Den Mangel an Personal in der Heimat sowie die Fähigkeiten dieses Mannes beleuchtet die Tatsache, dass er gleichzeitig drei bedeutende Häuser seines Ordens leitete: Utrecht, Frankfurt und Strunden. Nach ihm erscheint als Komtur Gerhard aus dem Reichsministerialengeschlecht von Hammerstein, dann ein Mann aus dem Bergischen Land, Hermann von Rothenberg; sein Nachfolger war ein Bruder aus dem Hochadel, Otto von Sponheim. In den zwanziger Jahren des 14, Jahrhunderts wurde wiederum ein bedeutender Mann als Komtur eingesetzt, der nicht weniger als drei Jahrzehnte seines Amtes waltete: Heinrich von Selbach aus einem Rittergeschlecht im Freien Grund bei Siegen, das sich von dort aus weit verzweigte; an der Grenze des Bergischen Landes sass ein Zweig auf der Burg Crottorf, wo sein Blut heute noch in den Fürsten von Hatzfeld weiterlebt.
Der " Hospital " brauchte nicht unter allen Umständen eine Niederlassung zu sein, die wirklich mit einem Hospital verbunden war. Wir haben aber ein Zeugnis dafür, dass es sich hier um ein wirkliches Hospital gehandelt hat. In der Zeit Heinrichs von Selbach sind hier nämlich Schwestern des Ordens. Eine Jungfrau Klara von der Mühle wurde 1341 als Schwester in Strunden aufgenommen. Im Jahre 1344 wird Schwester Stina erwähnt, die anscheinend auch in der Nähe beheimatet war - sie gab dem Hause Strunden nämlich einen in der Nähe gelegenen Busch. Wir können nur vermuten, dass diese Schwestern im Hospital an den Aufgaben christlicher Caritas mitwirkten.
-14-
Es erhebt sich nun die Frage nach der Zahl der Johanniter in solchen Häusern. Man darf eine Johanniterkommende nicht verwechseln mit einem Kloster. Die Ritter hatten ihren Platz an der Front im Mittelmeer. In der Heimat sassen diejenigen, die das Hospital versorgten, den Besitz verwalteten und nutzbar machten für die Aufgaben in Palästina, in Rhodos und auf Malta, sowie die Priester, die den Gottesdienst in den Kirchen des Ordens versahen. Von Burg wissen wir, dass dort ein Ordenspriester und ein anderer Bruder wohnten.
1252 weilten hier der Provisor als Vorsteher und vier andere Brüder des Ordens.
Seit dem späten Mittelalter machten die Ritterorden eine Wandlung durch. Bei dem Deutschen Orden tritt diese besonders deutlich nach dem Verluste Preussens in Erscheinung. Es wirkte sich offensichtlich der Wandel im Kampfe aus . Die Ritterheere wurden abgelöst durch die Söldnerheere, die zu Fuss kämpften. Bei den Johannitern kam hinzu, dass die als Matrosen für die Kriegsschiffe angeworbenen Söldner eine grosse Rolle spielten. Das war noch weniger ein Beruf für den ritterbürtigen Adel als der Dienst in den Kasematten von Malta, Dort hatten Pfeilschützen in erster Linie den andringenden Feind abzuwehren. Die Ritter wurden immer mehr zu Offizieren, die Schiffe und Söldner kommandierten und in den Hospitälern die Verwaltung führten.
Dazu kam ein anderes: Der Stand der Ritterbürtigen schloss sich gegenüber dem Volk ab und strebte nach Aufstieg in den Hochadel. Die Goldene Bulle setzte 1356 den Schlusstrich unter diese Entwicklung und zog die Grenzen nach oben. Es treten nun Männer in den Orden ein, die eine Versorgung und ein standesgemässes Leben suchen, wenn auch nach wie vor schwere Pflichten mit dem Leben im Orden verbunden bleiben. Aus dem Bruder war ein Herr geworden, der als Kommandeur im fernen Land fungierte oder in der Heimat den Besitz einer Kommende von einem Herrensitz aus verwaltete, wobei er die Abgaben an die Ordenskasse in Malta zu zahlen hatte. Aus dem Hause der Brüder in Strunden wurde Herrenstrunden. Man sprach jetzt von den Johanniterherren.
Daraus kann man den Männern jener Tage nun keinen Vorwurf machen. Das Absinken der Ritter- und das Aufkommen der Söldnerheere lag im Zuge der Zeit. Nun folgen in. langer Reihe die Komture aus rheinischen und süddeutschen Geschlechtern. Es waren vornehme Männer, die vor Aufnahme in den Orden den Nachweis erbracht hatten, dass ihre Vorfahren in mehreren Generationen von gutem Adel und standesgemässer Herkunft waren.
-15-
Mit den Zeiten hatte sich auch das Leben des Ordens gewandelt. Das Ziel blieb aber unverändert: Christliche Liebe den Armen und Kranken zu erweisen und die Gläubigen zu schützen vor den Ungläubigen, die Leben, Freiheit und Glauben bedrohten, bis die Franzosen im vergangenen Jahrhundert Nordafrika eroberten.
Der Komtur verwaltete einen recht stattlichen Besitz, der mit dazu beitrug, die grossen Aufgaben der Ritter in der Heimat und im fernen Land durchzuführen. Lindlar hat in einer leider noch nicht gedruckten Arbeit diesen Besitz im einzelnen zusammengestellt und seine Geschichte bis zum Ende des Bestehens der Kommende untersucht.
Noch eines sei hier erwähnt: Wir gedachten des Komturs Heinrich von Selbach. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts erbauten Männer aus seinem Geschlecht an der Grenze des rheinischen Landes eine Burg, genannt Hohenselbach. Im Jahre 1353 musste Erzbischof Balduin vor diese Burg ziehen und sie erobern, weil ihre Bewohner den Landfrieden gebrochen, d.h. die Strasse unsicher gemacht hatten. Auch Herrenstrunden war an der Strasse gebaut, aber nicht, um von hier aus den Frieden der Strasse zu stören, sondern um den Menschen auf der Strasse zu dienen ! Die Ritterorden lenkten so manchen Sohn des Adels, vor allem aber des allzu zahlreich gewordenen ritterbürtigen " Proletariats ", in eine Bahn, in der er nicht nutzlos seine Kraft verschwendete, sondern sie der grossen Aufgabe des Ordens dienstbar machte.
In Herrenstrunden haben mehr als sechs Jahrhunderte die Männer des Johanniterordens Deutschland und der Welt gedient, Wir würden gerne wissen, was die Johanniter sonst noch dem Lande und seiner Kultur geschenkt haben, Die Quellen bleiben stumm, aber ein Zeugnis ragt noch auf: Die Kommende und die Kirche, die sie einst geschaffen haben.
Die Ziele des Ordens waren gross und seine Arbeit war fruchtbar. Deshalb hat er auch die Stürme der französischen Revolution und der ihr folgenden Säkularisation überdauert. Uns will es dünken, dass wir heute nur beklagen können, wenn es den Johannitern nicht vergönnt war, das Werk, das sie einst begonnen hatten, im Bergischen Land fortzusetzen. Dieses Werk war das edelste: Dienst für Christus durch Dienst an den Armen und Wehrlosen !
HS-1959-07