Kelten flohen auf den Lüderich

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Der sagenumwobene Berg über dem Tal der Sülz gibt immer wieder neue Geheimnisse preis
Kelten flohen auf den Lüderich
1956 ausgegrabene Ringwallanlage liegt im Verborgenen Fliehburg geht auf 800 v. Chr. zurück

Von unserem Redakteur Mark vom Hofe
Overath — „Hier", sagt Dr. Manfred Rech, „hier muß der Graben verlaufen sein"; der Leiter der ein Mann starken rechtsrheinischen Außenstelle Immekeppel des Rheinischen Landesmuseums schlägt seinen Aktenordner auf und fährt mit dem Finger über eine Skizze, auf der neben Höhenlinien auch ein an verschiedenen Stellen zweiwandiger Grabenbereich eingezeichnet ist: Bestandteile des Ringwalls auf dem Lüderich, der vermutlich um 800 vor Christus einmal der Bevölkerung aus dem Tal Schutz gegen feindliche Angreifer bot.
„Eindeutiger Hinweis"
Rechs Blick geht über den Rand des Ordners hinaus auf ein Farngebüsch, leicht abseits des Wanderwegs unter einem hohen Nadelwald gelegen. Obwohl noch nicht im klassischen Grün, überwuchern die trockenen bräunlichen Farne eine leichte Mulde — „es ist zwar kaum noch etwas zu sehen, aber: Diese im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zugewehte, verschleifte Mulde gibt uns einen eindeutigen Hinweis auf die Ringwall-Anlage", sagt Rech, der den größten Teil des Tages „auf Achse" verbringt, um die Einsatzorte des Landesmuseums zwischen Bonn und Düsseldorf auf der rechten Rheinseite abzuklappern. Den Gang über den Lüderich, trotz zahlreicher Erkenntnisse immer noch ein reiches Betätigungsfeld für die Gräber, hat er kurzerhand in seinen randvoll gefüllten Terminkalender eingeschoben.
Daß der sagenumwobene Berg über dem Sülztal, aus dem bis Ende 1978 noch Erze geholt wurden, gegenwärtig nicht auf der Prioritätenliste des Landschaftsverbands steht, liegt an seiner relativen Ungefährdetheit. „Es ist Wald, da brauchen wir nicht zu fürchten, daß unsere Arbeit plötzlich durch Bauvorhaben zunichte gemacht wird", erklärt Rech. Indes: Bisweilen haben die Gräber auch das Nachsehen. Ohne Absprache ließ der Eigner des Lüderichs, ein in Bayern ansässiger Baron, in der Vergangenheit kurzerhand einige Abfuhrwege schieben. Daß dabei die Raupe unmittelbar über die frühere Wallanlage die Trasse legte und damit Dokumente aus längst vergangenen Zeiten mit einem Stoß zunichte machte —Rech nimmt es zur Kenntnis.
Immerhin ist die Ringwallanlage auf dem Lüderich bereits 1956 so weit untersucht worden, daß man einige Aufschlüsse über ihre Entstehung gewinnen konnte. Damals wurde den Gräbern rasch klar: Ringwälle im Rechtsrheinischen — neben dem Lüderich sind die Erdenburg bei Bensberg, der Güldenberg in der Wahner Heide sowie der Petersberg im Siebengebirge zu nennen — sind die einzigen hier noch erhaltenen und vorhandenen Bodendenkmäler.
Mit grober Maserung
Die Ausgrabungen in den 50er Jahren lassen eindeutig erkennen, daß die Anlage auf dem Lüderich in die vorkeltische, vor-germanische Zeit fällt. Die Bonner Jahrbücher vermerkten 1959: „An Keramik wurden auf der Sohle der Gräben und in den untersten Lagen der Holz-ErdeMauer genügend Reste gefunden. Es handelt sich bei diesen Funden um Scherben hallstattzeitlicher Gefäße, vornehmlich Gebrauchtware mit grober Maserung, hell bis dunkelbrauner Oberfläche mit teilweiser Glättung."
Die Hallstattzeit — benannt nach dem Fundort, Hallstatt im österreichischen Salzkammergut — lag um 800 vor Christus und erreichte mit dem Lüderich ihre vermutlich nördlichste Ausbreitung. Für Dr. Rech steht damit fest, daß lange Zeit gehegte Annahmen, wonach Lüderich und Bensberger Erdenburg auf germanischen Ursprung zurückgehen, nicht haltbar sind. Zwar habe man im Dritten Reich unter Himmlers Ägide versucht, gerade die Erdenburg in die germanische Linie zu rücken —„neuere Grabungen würden aber mit Sicherheit zur Erkenntnis führen, daß hier vorgermanische Siedlungen existierten."
Leichte Erhebungen
Auf die hallstattzeitliche Bevölkerung, die vermutlich aus den Tälern am Fuße des Lüderichs bei feindlichem Einfall die Hänge hinauf in die Fliehburg eilte, deuten auch die zahlreichen Grabhügelfelder am Lüderich hin. Obwohl hier der Gang der Zeit die einst bis zu knapp zwei Metern hoch aufgetürmten Erd-Gesteins-Gräber sich in die Landschaft hat einfügen lassen, entdeckt Dr. Rechs geübtes Auge rasch die leichten Erhebungen auf dem Lüderich — ob in einem engen jüngeren Laubwaldbestand oder auf wiederaufgeforsteten Kahlschlägen: „Hier müßten wir noch einmal graben", sagt er. Die Hügel seien ungefährdet, da widme man sich eher dringenderer Arbeit. Im Innern der Erhebungen müßte man schnell auf einen Gesteinskranz mit Urne stoßen — damals wurden die Toten auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Untersuchungen der Asche, der Knochen und Zähne könnten aber Aufschluß geben, wann die Menschen in diesen Grabhügeln beerdigt wurden. Ihre relative Häufigkeit auf dem Lüderich lasse darauf schließen, daß • eine Siedlung nicht allzu fern gewesen sein kann — ein weiterer Hinweis auf die Vermutung, die Dörfer müßten sich im Tal befunden haben. Grabhügelfelder finden sich auch im Königsforst sowie entlang der ersten Rheinterrasse, des uralten Mauspfads in nordsüdlicher Richtung entlang der rechtsrheinischen Kölner Vororte.

GRABHÜGELFELDER VON 700 vor Christus überdecken den Lüderich-Kopf. Die leichten Erhebungen entdeckt Dr. Rech mit geschultem Blick.

WO HEUTE EIN Wasserwerk steht, fand die Bevölkerung aus vor-keltischer Zeit in einer etwa 15 Hektar großen Fliehburg Unterschlupf.    Bilder: Herbert Haas

DER PLAN DER Grabungen von 1956 zeigt deutlich, daß am Westrand der Wallanlage der Graben doppelt verstärkt war. Gleichfalls weist die Karte Lücken im Ringwall auf — der Zahn der Zeit nagte hier am durchgängigen Wall.    Repro: Herbert Haas

Quelle: 
KStA-19810411-rn13
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 8.7.2011