Alte Siedlung - junge Stadt (IV): Gladbachs Bauern lieferten den Proviant für Bensbergs Burgmannen


Alte Siedlung - junge Stadt (IV)
Gladbach-Bensberg in elf Jahrhunderten
Gladbachs Bauern lieferten den Proviant für Bensbergs Burgmannen
Beamte erhielten Gemeindeland — Neue Güter entstanden, und der Einfluß der Kirche wuchs

Dies war die Situation im Großraum Bensberg-Bergisch Gladbach, als das turbulente Jahre 958 begann — turbulent vor allem deshalb, weil Reginhar III. wegen der Herzogswürde in Lothringen mit König Otto I. in Streit geriet und nach Böhmen verbannt wurde. König Otto übertrug seine Güter an Gottfrieds I. Sohn Gottfried II., den Königsforst übereignete er seinem Bruder, dem Reichsstatthalter am Rhein und Erzbischof von Köln. Der Königsforst wurde dadurch Kirchenland.
Bruno aber behielt davon nur die „Halbscheidt" für sich, den Rest übertrug er dem Kloster St. Pantaleon in Köln. Graf Gottfried II. (nunmehr von Bensberg und Gladbach) wurde 959 Herzog von Niederlothringen. Er blieb unverheiratet und hinterließ keine Erben. Seine Ländereien fielen darum seiner Schwester Gerberga zu, der schon Merheim gehörte. Gerberga war mit dem Graf Megingoz von Geldern vermählt. Die frommen Eheleute ließen in den Jahren 965 — 972 bei ihrem Herrenhof in Gladbach dem heiligen Laurentius eine Kapelle bauen.
Graf Rudolf aus der Betau, Besitzer des Sulsenhofes, starb 966. Sein Nachfolger war Sohn Giselbert III. In Odenthal hatte Graf Udo bereits 949 das Zeitliche gesegnet, und sein Sohn Heribert hatte das Erbe angetreten. Dieser Heribert, Inhaber von Odenthal und Burg Berge, heiratete die Tochter von Megingoz und Gerberga. Burg Bensberg und Burg Berge traten in verwandtschaftliche Beziehungen. Als Graf Luithard, Grundherr von Herkenrath und Dürscheid, im Jahre 973 starb, fielen — da er keine Kinder hinterließ — auch seine Güter an seine Schwester Gerberga. Sie und ihr Mann besaßen somit Merheim, Gladbach, Bensberg und Dürscheid. Den Höfeverband Herkenrath übernahm Gerbergas Bruder Richwin II., der Graf im Eifelgau war. 996 starb Gerberga,. 998 ihr Mann. Uber seine Mutter Irmintrud (Tochter Gerbergas) erbte nun Graf Otto von Odenthal, Nachfolger von Graf Heribert, die Grundherrschaft Merheim. Gerbergas Tochter Berthrada, Äbtissin von St. Maria im Capitol in Köln, erhielt die Grundherr. schaft Dürscheid, die sie dem Stift vermachte.
An Gerbergas Sohn Herrmann fielen die Burg Bensberg und der Höfeverband Gladbach. Außerdem wurde er Schutzvogt von Dürscheid (Kirchenland) und erhielt aus diesem Grunde die Feste Beerenkubbe.
Stetig weiter ausgebaut
Wir konstatieren im Jahr 1000 also drei kirchliche Grundherrschaften: den Königsforst, geteilt zwischen dem Erzbischof von Köln und dem Abt von St. Pantaleon; das Domstift in Paffrath; und die Vogtei Dürscheid (Maria Capitol, Köln). Dazu die Grundherrschaften des Grafen Herrmann (Gladbach, Burg Bensberg und Feste Beerenkubbe), die familia des Grafen Richwin in Herkenrath und die des Sulserhofes (Sulsen, Refrath, Frankenforst) des Grafen Giselbert III.
Jede Grundherrschaft wurde im Laufe der Jahre stetig weiter ausgebaut, Lehngüter entstanden allenthalben, das Gut am Bock zu Gladbach (Buck = Strohstapelplatz), das Bachgut in Paffrath und das Stachelsgut in Refrath waren Wirtshäuser. Durch die Erfindung des „Binders" konnten die bisher gebräuchlichen Holzhäuser nach und nach durch Fachwerkbauten ersetzt werden. Unter „Binder" sind Querbalken zu verstehen, die in Traufenhöhe Längswände miteinander verbanden und festigten. Die Bin-'der wurden im Abstand von zwei Fuß (= 60 cm) angebracht und in ihrer Gesamtheit „das Gebünn" genannt.
Das quergeteilte, zweigeschossige Fachwerkhaus wurde der vorherrschende Haustyp in unserem Raum, Kirchen und Bürgen wurden allerdings aus Stein errichtet — was die Verwendung von Mörtel voraussetzte. Gemahlenen und als Wassermörtel benutzten Tuffstein bezeichnete man als „Traß". Traßvorkommen hat es in Refrath und Gladbach ausreichend gegeben. Sie galten, ebenso wie die Lehmvorkommen für die Fachwerkhäuser, als Allmende und waren jedermann zugänglich.
Der mächtigste Grundherr des Großraums Bensberg — Bergisch Gladbach war zu Beginn des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung der Graf Herrmann. So ist es verständlich, daß er auch die Schutzvogtei über das von Erzbischof Heribert von Köln 1002 gegründete Kloster Deutz übernahm. 1003 trat der Erzbischof diesem Kloster die Halbscheid seiner Halb-scheid vom Königsforst ab. Damit besaß künftig 1/4 des Waldes der Erzbischof, 1/4 der Abt von Deutz und 1/2 der Abt von St. Pantaleon. Als Herrmann 1032 starb, gingen seine Ämter und Besitzungen über an seinen Bruder Adolf I. 1036 starb auch Graf Otto (Merheim und Odenthal), ohne Nachkommen zu hinterlassen, auch ihn beerbte Adolf I. Bei seinem Tode 1041 wurde zunächst sein Sohn Hermann sein Nachfolger, dann —da Hermann früh starb — der jüngere Sohn Adolf II.: ihm gehörend die Grundherrschaften von Merheim, Gladbach, Odenthal, die Burgen Bensberg und Berge, die Feste Beerenkubbe. Er war Schirmherr des Königsforstes und Vogt von Deutz, Volberg, Paffrath und Dürscheid.
Als im Jahre 1046 n. Chr. Adolf II. zum mächtigsten Grundherrn im Großraum Bensberg — Bergisch Gladbach wurde, mußten sich des verstorbenen Grafen Giselbert III. Söhne Immo und Otto die vergleichsweise kleine Herrschaft Sulserhof (Refrath-Frankenforst-Sulsen) teilen. Immo erbte den Sulserhof und sorgte für sein Image: Er baute bei seinem Herrensitz eine Kapelle, die den Ortschaft Immekeppel den Namen gab, er ersetzte die durch einen Brand zerstörte Refrather Kir-che durch einen Neubau, die „Taufkirche", an deren Portal ein Memoirenstein Immos Wappen (ein Ankerkreuz) trägt, und er vollendete den von seinem Vorganger Rudolf begonnenen Ausbau der Hochmotte beim Salhof.
Mit seinen Nachbarn in Bensberg und Herkenrath schloß er eine „Märkerschaft" zur gemeinsamen Nutzung der Allmende: Man teilte das Gemeindeland in Interessengebiete ab und gab die Grundstücke dann für den Bau von Bauernhöfen frei.
Bei Immos Tod im Jahre 1078 bestand die Grundherrschaft Sulsen aus zwei Großräumen, dem Raum Saal (Refrath) und dem Raum Sulsen (Immekeppel). Um die Refrather Hochmotte und die neue Kirche hatte sich schon bald ein aus mehreren Höfen bestehender Weiler (mit Wirtsgut) entwickelt. Nach Östen wurde der Besitz durch den Frankenforst und die Lehngüter Hummelsbroich und Lükkerath abgerundet. In Immekeppel standen der Fronhof, die Sulsener Mühle, die Imminkapelle, auch neben ihr ein Wirtsgut. An den Hängen verstreut lagen die Lehngüter Külheim, Branderhofbusch, Kaule, Schmitzbüchel, Löhe, Norr, Herweg und Birken, Auel, Hohn und Steinacker, Mittel- und Untereschbach, Moitzfeld. Der Besitz reichte auch auf dem anderen Sülzufer bis nach Heiligenhaus.
Immos Söhne und Erben hießen Dieterich und Arnold. Dieterich erhielt außer dein Sulserhof und zahlreichen Hofverbänden auch die Burg Meer bei Bürderich. Dort nahm er seinen Wohnsitz und nannte sich bereits 1104 „Dietrich von Meer". Auch Graf Adolf III., Sohn des mächtigen Adold II. und Zeitgenosse Immos, benutzte seinen Wohnsitz Burg Berge bei Odenthal dazu, sich einen klangvollen Namen zuzulegen — den Namen seines ganzen Geschlechtes, der ganzen Grafschaft, des späteren Herzogtums und schließlich des rechtsrheinischen Landes zu prägen. Ab 1059 hieß er „Adolf von Berge".
Zu dieser Zeit wurde an der Burg Bensberg noch gebaut. Die umfangreiche Anlage, bestehend aus Ober- und Unterburg, versehen mit Türmen, erhielt ihren direkt auf den Felsen gebauten Bergfried erst zu Beginn des 12. Jahrhunderts, danach dann wurde mit dem Bau des Palas begonnen. Verproviantiert wurden die Burgmannen (ministeriales) als Verteidiger der Burg vom Höfeverband Gladbach. Auch dort hatte sich um den Fronhof mit Kapelle und Mühle schon eine kompakte Ansiedlung gebildet. Weitere Weiler waren das Strundorf und Gronau, die Einzelhöfe verteilten sich in größerem Abstand.
Durch die Erbschaft Odenthal waren die Bergischen Grafen auch in den Besitz der Allmende Heidborn (Hebborn) gekommen, und schon Adolf II. lies hier einen Herrenhof errichten. Eine Mühle und eine Kirche brauchte es hier nicht — beides war in Bensberg und Gladbach in erreibhbarer Nähe.
Dieses Paffrath selbst war mittlerweile auch schon zu stattlicher Größe herangewachsen. Die Dorfanlage war befestigt, die Töpferindustrie blühte. Innerhalb des Höfeverbandes ergab sich 1118 eine entscheidende Veränderung.

ZU DEN ÄLTESTEN BAURUINEN im Rheinisch-Bergischen Kreis gehören die Relikte der ehemaligen Hochmotte in Refrath-Kippekausen.    Bild: pullja    Müller.

Diese Serie unserer Mitarbeiterin Annelis Griebler basiert auf einer Dokumentation des wissenschaftlichen Betreuers im Bergisch Gladbacher Stadtarchiv, Dr. Gerd

     

Quelle: 
KStA-19750809-rn14 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigegeben durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 10.5.2011 für den BGV Rhein-Berg