Alte Siedlung - junge Stadt (III): Erbstreitigkeiten waren an der Tagesordnung


Alte Siedlung - junge Stadt (III)
Gladbach-Bensberg in elf Jahrhunderten
Erbstreitigkeiten waren an der Tagesordnung
Eine Laurentius-Kapelle wurde schon vor 1000 Jahren gebaut

Der in der Nachbarschaft so bedrohliche Gebhard war unterdes bereits gestorben, sein Sohn, Graf Udo, schickte nach 910 die ersten Rodescharen in das ererbte Gebiet, und der dortige Herrenhof wurde nach ihm benannt: Udindarre, wörtlich übersetzt „die Drainage Udos". Daß es statt eines nun zwei Grafen im Deutzgau gab, hatte Folgen für das Gerichtswesen. Jedem der Grafen standen als oberstem Richter in seinem Bereich sieben Schöffen für das Grafengericht des Gaus zu, von 915 an tagte also dieses Grafengericht als oberste Gerichtsinstanz in Porz mit vierzehn Schöffen. Privatrechtliche und strafrechtliche Angelegenheiten aber erledigte ein vom jeweiligen Grundherrn eingesetzter Schultheiß mit Schultheißengericht (von gleichfalls sieben Schöffen). Ein Schultheißengericht war für den Grafen Udo in Odenthal, für den Kölner Dom-probst in Paffrath und für den Grafen Reginhar in Bensberg tätig. Unter dem Schultheißengericht standen wiederum die Hofgerichte, die alle Grundstücksangelegenheiten zu erledigen hatten. Hofgerichte tagten an allen Herrenhöfen.
Als Reginhar I. 915 starb, fielen die Hofverbände Saal und Gladbach sowie die Burg Bensberg an Sohn Giselbert II. Seine Stiefschwester Kunigunde erbte damit das Recht, die Einnahmen aus dem Königsforst für den König zu verwalten. Das war zu jener Zeit König Karl von Westfranken.
Giselbert II. war, wie schon sein Vater, dessen „Markgraf" im hiesigen Raum. Durch Kunigundes Erbschaft wurde eine Grenzfestlegung zwischen Merheim und Saal notwendig, um zu klären, wo der Waldbesitz Merheims enden und der als Allmende benutzte Wald beginnen sollte. Einen Grenzsaum zwischen allodium (Eigentum) und Allmende bezeichnete man als Hardt. Daher auf der Merheimer Seite die Brücker Hardt und die Iddelsfelder Hardt, auf der Refrather Seite die Allemenden Eichenkamp, Buchenkamp, Schluchter 'Heide.
Im Jahre 912 schlossen der deutsche König Heinrich der I. und der Westfrankenkönig Karl der Einfältige in Bonn einen „Friedens- und Freundschaftsvertrag" und erkannten einander an. Es gab in der Folge zwei Staaten fränkischer Nation. Seither lag es in Heinrichs Interesse, auch im hiesigem Raum festen Fuß zu fassen, um Lothringen schließlich seinem Reich eingliedern zu können. Der König wies daher 922 das Gebiet um das heutige Hohkeppel den sächsischen Grafen Walfried und Humfried, das Gebiet um Overath dem Lehrer seines Sohnes Bruno, dem Bischof Balderich von Utrecht, und das Gebiet um Herkenrath dem Grafen Richwin von Verdun zu. Richwin war aber mit Giselberts II. Stiefschwester Kunigunde verheiratet.
Siedlungsplätze erschlossen
So war der Roderaum Giselberts nun rundum begrenzt. Neue Siedlungsstellen fanden sich für seine Scharen immerhin noch im Sülztal, in Sulsen (Immekeppel). Die Arbeiter zogen dorthin über die „Ziegentrift" zum „Mutzfeld" (Moitzfeld) und von dort, alten Jagdpfaden folgend entlang des Krebsbaches und durch das „Eichengebüsch" (Löhe). An diesem Weg der Schar findet sich die Ortsbezeichnung „Herweg".
Der neue Herrenhof erhielt, wie es sich gehört, eine Mühle. Bezüglich der Kirche aber war Giselbert der Meinung, seine Refrather Eigenkirche genüge den Bedürfnissen. Die Sulsener Hofhörigen, Minderfreien und Unfreien erhielten auch hier nach getaner Arbeit ihre Lehen und bauten sich einen Hof am nördlichen Berghang, den sie „Kaulenheim" (Külheim) nannten, einen weiteren auf der anderen Seite der Sülz am östlichen Hang „Hurderode" (Hurden).
Töpfer in Paffrath
Von einiger Wichtigkeit unter den Grenzen von Giselbert II. Gebiet war das  Rommerscheid (Grenzsäume, die einem einzelnen Besitzer gehörten, hießen „Scheidt") und zwar als Grenzsaum auch für den Roderaum des Grafen Udo in Odenthal und für den Besitz von Giselberts Schwager Richwin. Die Grenzen verliefen hier von Rommerscheidt aus über die Allmenden Schützheide, Schreibersheide, Sander Heide bis zum großen Grenzwald Hardt. Graf Richwin sandte in dieses Gebiet eine Rodeschar aus, die von Bensberg aus nach Norden vordrang und eine geeignete Baustelle für den gewünschten Herrenhof auf einer bogenförmigen, ringsum abfallenden Erhebung fand (arcus). Man nannte den Hof nach seiner Fertigstellung Erchenrode = Herkenrath. Mühle und Kirche gehörten zu der Anlage dazu. Als Graf Richwin 923 starb, ließ sein Sohn Ötto zum Schutz seines Anwesens eine weitere Burg anlegen, und zwar in dem Bruchgebiet „Beerenbroich" (Bärbroich). Sie war 944 fertig.
Ottos Stiefbruder Gozelo baute seinerseits in Merheim eine neue Grundherrschaft auf, unter anderem mit Lehngütern in Brück und Strunden. Zur gleichen Zeit (915 — 939) ließ der Kölner Domprobst in Paffrath Töpferöfen errichten. Für die „artifices", die Künstler, baute man ein neues Lehngut, den Hof (Hove) Hufe.
Neue Lehngüter
Innerhalb der Grundherrschaften Saal und Gladbach entstanden die neuen Lehngüter Humelter (Hummelsbroich), in der grünen Aue (Gronau), am Mühlenbusch (Quirl) und am Steg (an der Sülz), heute Untersteeg.
Für die auf diese Weise um die Bannsburg herum wachsende Bevölkerung erwies sich die Refrather Holzkirche bald als zu klein. Ein Neubau wurde nötig und in den Jahren 915 bis 922 in Stein ausgeführt. Der Ausbau des dazugehörigen Kirchspiels deckte sich mit dem Gebiet Giselberts II. Der Pfarrsprengel umfaßte die Orte Saal, Refrath, Lücke rath, Hummelsbroich, Gladbach, Gierath, Duckterath, Gronau, Quirl, Bensberg, Sülsen, Kulheim, Hurden und Untersteeg. Als Jagdgebiet reservierte sich Giselbert den Wald bei seinem Salhof. Damit auch ja kein Zweifel daran aufkam, wer hier der Herr war, sprach man in der Folge, den sächsischen Herrschern zum Trotz, vom „Frankenforst". Die „Einforstung" muß bis 928 vollzogen gewesen sein. Denn in diesem Jahr heiratete Giselbert die Tochter Gerberga des Königs Heinrich und die Feindseligkeiten mit dem sächsischen Königshaus hatten ohnedies zunächst ein Ende.
Die Familienbande nutzten aber nur, solange Heinrich I. lebte. Als er 936 starb, und sein Sohn, Otto I., König wurde, stellte sich Herzog Giselbert auf die Seite der Opposition. Dabei war er auch bestrebt, Lothringen wieder mit Westfranken zuvereinigen. Die Krise erreichte 939 ihren Höhepunkt, und es kam bei Andernach zu einer Schlacht, in deren Verlauf Giselbert ums Leben kam. Seine Witwe Gerberga heiratete denWestfrankenkönig Ludwig, um den minderjährigen Sohn Heinrich aus der Ehe mit Giselbert kümmerte sich König Otto persönlich und setzte ihm den Grafen Otto, Sohn Richwins in Herkenrath, zum Vormund ein. Dieser Graf Otto wurde Herzog von Lothringen. Er starb 944, ein Jahr nach seinem Stiefbruder Gozelo in Merheim, und da er kinderlos geblieben war, fiel sein Besitz an Gozelos Erben, den Grafen Gottfried von Merheim. Auch der kleine Heinrich, Giselbert II. Sohn, starb früh. Sein Erbe teilten sich die Kinder von Giselberts Bruder Reginhar II. (gestorben 932).
Erbe aufgeteilt
So erhielt jetzt der Sohn Reginhars II. die familiae in Gladbach und Bensberg, die Tochter die familiae in Saal und in Sulsen. Der Name der Tochter ist nicht überliefert, wir wissen nur, daß sie mit dem Grafen Nevelong aus der Betau verheiratet war. Als dieser starb, fiel das Erbe zu Saal und Sulsen an den Sohn, Graf Rudolf aus der Betau. Der Bruder seiner Mutter, Graf Reginhar III. war sein Nachbar in Bensberg.
Das heißt, die komplizierten Erb- und Familienverhältnisse zusammengefaßt: Anno 944 war Graf Gottfried der Grundherr von Merheim und Herkenrath, Graf Reginhar III. der von Bensberg und Gladbach, Graf Rudolf der von Saal und Sulsen. Sie alle hatten ein und denselben Stammvater, Reginhar I., gehörten aber jetzt verschiedenen Familienzweigen an. Ihr Besitz mußte abermals abgegrenzt werden.
Das hatte unter anderem zur Folge, daß Graf Rudolf die einzige vorhandene- Kirche (in Refrath) und Graf Reginhar die einzige vorhandene Burg (in Bensberg) besaß. Rudolf entschloß sich alsbald, eine eigene Burganlage auf seinem Salhof zu bauen. Dazu war, wegen des flachen Geländes, zunächst die Aufschüttung eines Erdhügels erforderlich. Dadurch ergaben sich ganz von selbst Wall und Graben. Als Krönung der Anlage baute man einen steinernen Turm. Dieser Typ des befestigten Hauses neben dem des befestigten Hofes war im 9. Jahrhundert von den Normannen in Frankreich ausgebildet worden als „mota" (Hochmotte). Die Hochmotte beim Salhof hat 958 fertig gestanden.
Graf Reginhar III. ließ die ihm fehlende Kirche in den Jahren 947 bis 951 bei den Burgsessen in Bensberg errichten und der Jungfrau Maria weihen. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts gab es also in unserem Gebiet drei Grafen mit drei Burgen: Graf Rudolf (Saal-Sulsen) besaß die Hochmotte Saal, Graf Reginal II. (Bensberg-Gladbach) die Burg Bensberg und Graf Gottfried (Merheim und Herkenrath) die Feste Beerenkubbe.
Noch ein Herrenhof
Graf Gottfried von Merheim ließ von seiner Beerenkubbe aus einen weiteren Herrnhof mit Mühle zu Dursen (Dürscheid) anlegen. Nach Fertigstellung dieses Hofes entstanden die Lehngüter Hove und Bölinghoven.
Das Grafengericht des Deutzgaus befand sich weiterhin in Porz. Es wurde von den Grafen abgehalten, die im Gau Besitzungen hatten, und war füf alle die höchste Instanz. Jeder Grundherr hatte aber auch, den Kirchspielen entsprechend, ein eigenes Schultheißengericht, vor dem die einzelnen familise der Höfe mit ihrem Meier als Hunnenschaft vertreten waren. Für das Lehen, das die Bauern von den Grundherrn empfangen hatten, waren sie ihm zu Dienst und Treue verpflichtet und mußten den Lehneid schwören. Die Dienste waren: Fronden und Zinsen.    Fortsetzung folgt

Diese Serie unserer Mitarbeiterin Annelis Griebler basiert auf einer Dokumentation des wissenschaftlichen Betreuers im Bergisch Gladbacher Stadtarchiv, Dr. Gerd Müller.

Quelle: 
KStA-19750808-rn19 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigegeben durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 10.5.2011 für den BGV Rhein-Berg