Das alte Schloß Bensberg



Das alte Schloß Bensberg

Von Dr. Gerd Müller
Auf der Terrasse des Bensberger Ratskellers konnte dieser Tage ein Gespräch belauscht werden, das uns ein ganz neues Bild von Bensberg vermittelt. Da fragte nämlich ein Gast mit Blick auf die Thomas-Morus-Akademie, was denn das für ein Gebäude sei. Die Antwort: „Das neue Schloß." Nun wirklich zum neuen Schloß gewandt, fragte der Gast; was denn das, sei. Die Kellnerin: „Ach richtig, d a s ist das neue Scbloß." Der Gast wiederholte daraufhin seine erste Frage nach dem Gebäude der Thomas-Morus-Akademie und erfuhr: „Ja, das ist die Kadettenanstalt."
In diesem Augenblick muß es einen großen Knall gegeben haben, weil sich gewiß alle Kölner Erzbischöfe und alle Grafen von Berg in ihren Gräbern verzweifelt herumdrehten. Es soll hier deshalb eine kurze Klarstellung erfolgen.
Reginhar I. (850--915), Enkel des Kaisers Lothar 1., Inhaber des Hofes zu Merheim und Graf im Deutzgau, hatte zwischen 855 und 893 zwei große Grundherrschaften angelegt: die Höfe zu Saal, Refrath und Lückerath sowie die Höfe zu Gladbach, Gicrath und Duckterath. Diese waren kaum fertig, als der Regentschaftsrat für den deutschen König Ludwig das Kind im Jahre 900 das Waldgebiet um Odenthal dem Grafen Gebhard von Franken übertrug. Das war gar nicht im Sinne von Reginhar.
Unter Zusammenfassung aller Arbeitskräfte seines Höfe in Merheim, Saal, Refrath, Lükkerath, Gladbach, Gierath und Duckterath baute er deshalb zum Schutz seiner hiesigen „neuen Markt", die man als „bannus" bezeichnete, eine Burg, die „Bannus-" oder „Bannsburg" (= Bensberg). Schon 915 war diese Burg fertig. Sie stand an der Stelle des heutigen Rathauses; denn dort floß ein Bach, der die Burggräben mit Wasser füllen konnte.
Reginhar III. {939-958), Inhaber der „Bannsburg", verstand sich mit Kaiser Otto I. und dessen Bruder Bruno, dem Erzbischof von Köln, denkbar schlecht. So kam es, daß sie einander bekämpften, bis Reginhar 111. in Brunos Gefangenschaft geriet. Auf einem Hoftag in Köln im Jahre 958 sprach Otto I. sein kaiserliches Urteil: Reginhar wurde nach Böhmen verbannt, sein Besitz eingezogen. Die „Bannsburg" wurde dem Grafen Gottfried I. im Lüttichgau (958-964) übertragen.
Reinout, Graf von Mons (973) und neuerlicher Inhaber der „Bannsburg' , hatte einen schweren ' Stand; denn als Otto I. gestorben war, erschienen die Söhne Reginhars 111., Lambert und Reginhar IV., um sich das Erbe ihres Vaters wiederzuholen. In den nun folgenden Kämpfen (973-976) benahmen sich Lambert und Reginhar IV. nach zeitgenössischer Darstellung „wie Landstreicher und Räuber". Ihr „Räubernest", die „Bannsburg", soll damals zerstört worden sein. Otto II. übertrug sie 977 dem Grafen Gottfried von Verdun (964-1005).
Adolf I. (1003-1041), ein Enkel Gottfrieds von Verdun und Graf im Deutzgau, erbte die „Bannsburg ' und beim Tode seines Neffen Otto im Jahre 1036 dessen bei Odenthal gelegene „Burg Berge" dazu. Nach der letzteren nannte sich sein Enkel, Adolf III., seit 1056 „von Berg".
Noch im 11. Jahrhundert haben die Grafen von Berg damit begonnen, eine neue Ring mauer zu bauen. Auf ihr wurde im 12. Jahrhundert ein Palas errichtet. Die Fensterfront des alten Palas ist noch mit einem Kapitell aus der Stauferzeit erhalten, der Palas selbst inzwischen zum Ratssaal ausgebaut woiden. Ringmauer und Palas wurde von einem mächtigen, ebenfalls erhaltenen Bergfried überragt. Für 1139 ist der 'Burgvogt Wicherus von Bensberg, der hier für seinen Herrn die Wacht hielt, belegt.
In einem Streit zwischen Erzbischof Heinrich I. von Köln und Herzog Heinrich vom Limburg, Graf von Berg, im Jahre 1230 zerstörten die Truppen des Erzbischofs die Deutzer Burg und belagerten zusammen mit Einheiten des Grafen von Sayn die Burg Bensberg. Da sie diese nicht einnehmen konnten und es zu keinem offenen Kampf kam, brandschatzten und plünderten die Soldaten die umliegenden Höfe.
Zehn Jahre später, im Jahre 1240, eroberten Bergische Truppen die erzbischöfliche Befestigung bei Mettmann, als Erzbischof Konrad von Hochstaden Krieg mit Herzog Heinrich von Brabant führte. Deshalb verwüsteten die Soldaten des Erzbischofs abermals die Höfe bei der Burg Bensberg. Erzbischof Konrad von Hochstaden selbst wurde im Kampf mit Bensherger Burgleuten verwundet und floh.
Im Verlauf des folgenden Jahrhunderts wurde das Schießpulver erfunden, die Burg Bensberg daher wie alle Burgen in Deutschland ihrer Schutzfunktion beraubt. Sie wurde daher in ein lediglich Wohnzwecken dienendes Schloß umgebaut. Auf diesem Schloß heiratete Graf Wilhelm 11. von Berg im Jahre 1369 die Tochter des Pfalzgrafen Ruprecht des Jüngeren. Zu dieser Zeit war Schloß Bensberg bereits der Sitz des höchsten Verwaltungsbeamten des Gesamtraumes, des „Amtmanns". Es war ferner die Zentrale der gräflichen Finanzverwaltung, der „Kellnerei". Am Fuße des Bergfrieds aber tagte das Bensberger Gericht. Am 11. 12. 1403 erhob sich Jungherzog Adolf von Berg gegen seinen Vater. Beide rüsteten zum Kampf. Im Jahre 1406 trafen die gegnerischen Heere vor Bensberg aufeinander, wobei Bensberg selbst zum größten Teil niedergebrannt wurde. Der Jungherzog siegte und erhielt Bensberg, das ei 1413 gegen ein Darlehen von 6400 französischen Kronen verpfändete.
Zahlreiche Anordnungen, Privilegien und Freiheiten wurden von den Grafen und seit 1380 Herzögen von Berg auf Burg Bensberg ausgesteht. Darunter fallen die Privilegien für die Messerschleifer, Waffenschmiede und Harnischmacher, die Erneuerung der Bensberger Nachbarrolle und die Ausstellung von Rundschreiben. Sie alle tragen den Vermerk: „gegeben zu Benßbur `. Zahlreiche Beispiele liegen für die Zeit von 1404 bis 1566 dazu vor.
Herzog Wilhelm II. von Berg ließ 1575 Teile des Bensberger Schlosses niederreißen und das Kellnereigebäude vergrößern und fürstlich herrichten. Im „Hexenturm" der Burg wurden zwischen 1602 und 1613 zahlreiche „Hexen" gefangengehalten, gefoltert und abgeurteilt. Infolge des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) und des Desinteresses von Wilhelms Nachfolgern geriet das Schloß bis 1690 stark in Verfall.
Der prachtliebende Kurfürst Johann Wilhelm (1690 bis 17161 ließ in den Jahren 1700-1710 ein feudales Jagdschloß in Bensberg bauen. Dieses stand seither im Volksmund als „neues Schloß" im Gegensatz zum bisher beschriebenen „alten Schloß". Letzteres diente bis 1798, dem Einmarsch französischer Revolutionstruppen, nach wie vor lediglich der Verwaltung und Finanzverwaltung des Gesamtraumes.
Die neuen Ideen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" hatten für die Verwaltungszentrale der Feudalherrscher keine Verwendung. Dadurch geriet das „alte Schloß", das zu nichts mehr zu gebrauchen war, größtenteils in Verfall. Der Steuereinnehmer Tutt kaufte den alten Bau.
Bensbergs Pfarrer, Reichsgraf Leopold von Spee (1856 bis 1863) kaufte dem Steuereinnehmer Tutt im Jahre 1859 das „alte Schloß" ab. Alsdann ließ er es wiederherstellen und ausbauen, um dort am 28. Mai 1868 ein Krankenhaus zu eröffnen. Obwohl Graf Spee seit 1863 Kanonikus am Aachener Münster war lag ihm Bensberg immer noch am Herzen. Bei seinem Tode am 23. 11. 1882 ging das "alte Schloß", das Krankenhaus von Bensberg, mit seinen Liegenschaften testamentarisch auf seinen Neffen, den Grafen Hubertus von Spee auf Schloß Linnep bei Düsseldorf über.
Das Bensberger Krankenhaus im „alten Schloß" wurde am 1. 9. 1958 geschlossen; denn die Bensberger hatten inzwischen ein neues Krankenhaus am Hackberg gebaut. Daraufhin beschloß der Rat der Stadt, wieder an die jahrhundertealte Tradition anzuknüpfen, das "alte Schloß" mit seinen Liegenschaften zu erwerben und hier wieder eine Verwaltungszentrale zu schaffen.
Nach den Plänen von Prof. Böhm entstand in den Jahren 1964-1971 ein modernes Rathaus, und zwar unter Ein-Beziehung der historischen Gemäuer aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Damit ist der Bogen vom Alten zum Neuen gespannt, der Boden der ursprünglichen „Bannsburg", der Wiege der City, in der rechten Weise genutzt.

Quelle: 
BHB-19711111-s1 (Bergisches Handelsblatt)