Gefälschtes Volkserzählgut

Gefälschtes Volkserzählgut

Gefälschtes Volkserzählgut

Bergisch Gladbach, Unter dem heimischen Sagengut segelt bekanntlich manches, was unecht ist und der dichtenden Phantasie entsprang. So hat auch Montanus, dem wir zu einem erheblichen Teil die Erhaltung und Überlieferung bergischer Sagen verdanken, offen zugegeben, daß er sehr viele davon völlig frei erfunden hat. Sie sind daher alle, ohne Ausnahme, mit Vorsicht zu behandeln.
Wie. den Sagen, so ist es auch dem übrigen volkstümlichen Erzählgut oftmals ergangen. Es wurde in der Weise verfälscht, daß man gewisse Geschichten Personen zuschob, die an sich nichts damit zu tun hatten, oder aber, daß man sie an ganz andere Orte verlegte, wo sie sich dann mit der Zeit auch ein „Heimatrecht" erwarben. Dafür gibt es auch in Bergisch Gladbach ein „klassisches""
Es ist die Geschichte vom „getreuen Bahnwärter", die meines Wissens zuerst nach 1920 in der örtlichen Zeitung erschien und dann von Johann Bendel 1925 in die zweite Auflage seines Kreisheimatbuches aufgenommen wurde, während sie ihm 1911 noch unbekannt war. Sie wird in seiner schlichten Fassung nachstehend wiedergegeben:
„Als im Jahre 1870 die Eisenbahn von Bergisch Gladbach nach Bensberg fertig war, befand sich am Übergang über die Mülheimer Straße eine Schranke, die von einem Wärter bedient wurde. Kam ein Zug, so schloß er die Schranke, stand stramm, grüßte mit dem Stabe. Viel Arbeit hatte der Wärter nicht, und darum fand er noch Zeit, sich in seinem Bähnhäuschen nützlich zu machen. Er heizte den Ofen, schälte Kartoffeln, wiegte das Kind und fing Fliegen. Nur bei der Ziege im kleinen Stall war er nicht zu gebrauchen. Denn die Ziegen sind eigensinnige Tiere. Melken lassen sie sich nur von einem, den sie kennen, und das war in diesem Falle die Hausfrau.
Eines Nachmittags mußte die Frau nach Gladbach gehen, und unser Bahnwärter setzte sich neben die Wiege, worin das Kind schlief, Bald aber wurde es wach, verlangte nach der Mutter und weinte und schrie. Es war keine Milch mehr da; darum nahm er den Topf und ging in den Stall, die Ziege zu melken. Doch die beroch gründlich seinen Rock und die Eisenbahnermütze, wurde eigensinnigund gab keine Milch. Da das Kind immer ärger schrie, ging der Mann ins Schlafzimmer, zog sich einen Rock der Frau an und eine Jacke und das Kopftuch. Die Ziege beroch in wieder ausgiebig und kam nun zu der Überzeugung, daß die Frau gekommen. Darum gab sie willig die Milch.
Während aber die Milch in den Topf rauschte, hörte der Wärter die Glocke der Schranke und das Nahen eines Zuges. Pflichteifrig sprang er auf, aber es war kaum Zeit mehr, sich umzukleiden. Er überlegte, ob er nicht zur Schranke gehen sollte, aber das konnte ein großes Unglück geben. Darum stürzte er kurzerhand zur Schranke, schloß sie, stellte sich stramm in den Kleidern seiner Frau und grüßte todesmutig mit dem Stabe. Aber da ging ein Hallo los; denn die Leute im Zug sahen sofort den sonderbaren Wärter. Sie lachten und winkten und riefen und schrien: »Eine Frau als Bahnwärter!« — »Eine Frau mit langem Bart!« — Der Lärm wurde immer größer; auch der Lokomotivführer hörte ihn, meinte, eine Frau sei überfahren worden, und ließ den Zug halten. Da konnten alle mit Muße die bärtige Frau betrachten. Unser Wärter aber grinste grimmigund hätte sie lieber alle gefressen, besonders die Frauleute.
Und das alles wegen einer eigensinnigen Ziege. Und drinnen schrie das Kind."
Das liest sich soweit ganz nett! — Die alten Gronauer werden damals nicht wenig erstaunt gewesen sein, als sie diese Geschichte zum erstenmal lasen. Von allen geschilderten Umständen stimmte im Grunde nur das eine, daß vor dem Bau des neuen Bahnhofs tatsächlich an der Mülheimer Straße ein Gleisübergang mit einer bewachten Schranke war. Aber wie rutschte nun diese Geschichte dorthin? Den alten Heimatfreunden, etwa Peter Kombüchen in Schildgen, war die Sache sofort klar. Es handelte sich nämlich in Wirklichkeit um eines der „Bergischen Stöckelcher", die Montanus im Jahre 1870 dem Buche seines Bruders Wilhelm von Waldbrühl (Anton Wilhelm von Zuccalmaglio, „Ringscher Klaaf) als „Beihau" (Anhang) angefügt hatte. Danach hatte sich die Geschichte mit dem Bahnwärter auf der linken Rheinseite zu Horrem (!!!) zugetragen. In einer Neuausgabe der „Bergischen Stöckelcher" vom Jahre 1897 (Seite 16) hat sie dann offenbar jemand entdeckt, gewiß mal öffentlich vorgetragen, und irgendeiner der Hörer mag sie dann, vielleicht in gutem Glauben, kurzerhand nach Gronau verlegt haben!
Das nette „Stöckelche" hat die Überschrift „Der Opruhr". Es möge zur Freude der Leser hier folgen:

Zo Horrem op der Ihserbahn
Do gonn die Zögh wall aff un an;
Der Bahnwährder dann jedesmohl
Steht vür dem Hühßchen wi en Pohl
Un wihst herop an wihst heraff
Met singem decken langen Staff,
Dat alles hübsch en Ordnung noch,
Un langs in rappelt dann der Zog.
Sunne Währder hätt nühß mih zo donn As met dem Klöppel do zo stonn.
Di Zick, wann et fan Zöhgen stell,
Dann kann he dann, nätt wat he well: Der Frauen hälpen Offen stochen,
Ädäppel schällen, Kaffee kochen,
Di Kenger en de Stuffen wegen,
Oder inen jagen di Flehgen;
Di Geeß effr fohden un melken kunnt Di Frau allehn, di dat verstund,
An di och su gewännt di Geeß,
Dat Nümmes söns si an sich leeß,
Un wollt der Mann si melken gonn, Moßt he der Frauen Klehd andonn.

Nu wor di Frau ens op der Reiß,
Un melken moßt der Man di Geeß,
Effr as he op dem Melkstohl sohß,
Do kom en Extrazoch gerohß.
Der Zoch, der wor alt nitt mih wirk, Sich ömzoklehden wor gen Zick,
Un singen Posten wor he quick,
Wann he nit stund un prisentirt
Met singem Staff, wie sich gekürt,
Doröm he sich an nühß mih kihrt
Un zehgt, dat alles richtig wör.
Der Zoch, der peff un rappelt her —
Wat Dengs! Uhß allen Kasten schrau Dat Volk: „Seht do! En Frau! En Frau! Der Führer hürt un bremst do gau,
He daach: En Frau wör vür dat Spohr Geroden odder söns Gefohr,
He woßt nit räht, woran he wor,
Doch als he anhilt, wurd es klohr,
Dat do der Mann em Fraulücksstaht Mem Koppdohch un mem langen Baht Dat gräuliche Geschrei gebraht.
Sun Opruhr manden do en Geeß,
Dat ärmste Dihrchen, dat mer wehß,

Man sieht, mit dem Heimatrecht der Bahnwärtergeschichte in Gronau ist es nichts! Im übrigen haben wir in Bergisch Gladbach auch gar nicht nötig, uns mit „fremden Federn" zu schmücken. Unser bodenständiges Erzählgut ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft!

Quelle: 
KStA-19561104 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe für den BGV durch Kölner Stadt-Anzeiger mit e-mail vom 29.03.2008