Platt kann me nit opschrieve


Platt kann me nit opschrieve
Ur-Paafeder besprachen ein Tonband

Von Martina Kippels
Paffrath (mk) — „Mir han üvverlaat, dat et furchbar viel Lück jüt, die dat ahle Paafeder Platt nit mie künne. Un' deshalv ha'n mer gedaach, lade mer paar Lück, die dat noch künne. So erklärt Bürgermeister Franz-Karl Burgmer seinen Gästen den Anlaß für die Gesprächsrunde „Bier beim Bürgermeister" am Montagabend in der Gaststätte „Alt-Paffrath".
Seiner EinJadung „zom Kalle" folgten sieben Ur-Paafeder: Karl Torringen (pensionierter Straßenbahnschaffner), Christian Fischer (Direktor der Paffrather Raiffeisenbank), Otto Volke, (früherer Wirt der Gaststätte „Alt-Paffrath"), seine Schwester Mini Gröne, Theo Weyer, (ein pensionierter Bäckermeister), Michael Combüchen (Meister in einer Kunstdruckabteilung) und Elisabeth Margan- idz(zweite Vorsitzende des Paffrather Kirchenchores). Festgehalten wurde „dä Verzäll" auf einem Tonband, denn, so Burgmer: „Platt kann me net opschrieve, dat muß me spreche". Die Bänder wanderten anschließend das neu gegründete „Mundartarchiv" der Stadt Bergisch Gladbach.
Munter drauflos gesungen
Das laufende Tonband schien keinen zu stören. Alle erzählten und sangen munter drauflos. Die Unterhaltung wurde teilweise so lebhaft, daß Burgmer an die Technik erinnern mußte: „Nit all' durchenander. Süns künne mer nachher op de Bänder nix mie verstonn." Verzällt wurde hauptsächlich von der Vergangenheit, von alten Paafeder Originalen und Bräuchen. Gesprächsanregungen holte sich Burgmer in dem Buch von Werner Heinrichs „Bergisch Platt".
Was es denn zum Beispiel für alte Sprichwörter gebe ? Allein mit diesem Thema hätte die Gesellschaft Stoff für den gesamten Abend gehabt. Da wurde im Gedächtnis gekramt und solche Sprüche gefunden, wie „Die decksten Eier john zoierz ka-pott" oder „Er hät kinne Kopp und kinne Asch."
Burgmer: „Et wüed jo manchmol jett deftig. Ävver de Lück fröher, die woare nit e su fing." Spezialist für alte Lieder ist Karl Torringen. „De Leeder, die han ich all vun minger Motter. Wenn die samsdags dat Jemös' fädich maat, dann woar die emmer am singe. Dovun han ich dat."
Der Klang der Lieder war zwar meist lustig und die Vortragsweise von Torringen forderte zum Lachen auf. Der Liederinhalt hatte jedoch oft ernsten Charakter. Da wurde singend beschrieben, wie der Vater abends betrunken nach Hause kam und die Frau schlug, oder von dem Mädchen Anne-Marie berichtet, das ihre sechs Jungen allein „jrußtrecke" mußte und durch die viele Arbeit immer dünner wurde. „Et woar doch en ärm Zick", meinte Elisabeth Marganitz.
Nach zwei Stunden beendete Burgmer den offiziellen Charakter der Gesprächsrunde. Er hofft, daß sich einige der Ur-Paafeder auch ohne ihn wieder zusammensetzen und vielleicht auch ein Tonband aufstellen, mit dessen Bändern dann das Mundart-Archiv gefüllt werden kann. Auch in Bensberg, Refrath und Herkenrath will er bald zu einem „Bier beim Bürgermeister" speziell unter mundartlichen Aspekten einladen. Einziges Problem: die richtigen Gesprächspartner zu finden. „Die Leute sind ja versteckt und schwer zu finden."
„Sprachliche Schluffen"
Burgmer gibt dem Platt auch einen psychologischen Wert. „Man muß sprachlich einfach nach Hause gehen können. Im Platt kann man sich ausruhen, sozusagen die sprachlichen Schluffen anziehen. Wenn man das macht, dann bekommt man auch nicht so schnell einen Herzinfarkt."
Damit die Kinder in Zukunft die Sprache ihrer bergischen Ahnen nicht ver-, sondern sogar in der Schule erlernen, stellte Burgmer als CDU-Landtagsabgeordneter eine Kleine Anfrage im Landtag, ob die Landesregierung bereit sei, die Erhaltung der Mundart zu fördern, in dem sie sie im Rahmen der Lehrerausbildung und der Unterrichtsinhalte stärker berüchsichtige.

Quelle: 
KStA-19801119-rn15 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigegeben durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 26.4.2011 für den BGV Rhein-Berg

Kommentare

Platt kammer nit opschrieve

Eine sehr gute Idee unsere Mundart als Kulturgut zu pflegen.

Aber wo sind die Tonbänder? Der Landschaftsverband Rheinland sucht sowas für sein Mundartarchiv.

Hans Bruchhausen

Dank dem Einsatz von Herrn

Dank dem Einsatz von Herrn Bruchhausen konnten die Bänder wiedergefunden und digitalisiert werden. Eine Beschreibung der CD sowie Hörproben sind einzusehen unter

http://archiv.bgv-rhein-berg.de/de/node/24904