Haus Mühlenberg droht der Abbruch

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Alte „Villa Risch" ist ein Gebäude von hohem historischen Wert — Die Stadt tat bisher nichts zu ihrer Erhaltung
Haus Mühlenberg droht der Abbruch
Zwei Privatleute ermittelten auf eigene Faust — Wo bleibt das entscheidende Gutachten des Landeskonservators?

Von unserem Redakteur Wilhelm Becker
Bergisch Gladbach (wb) —Der Altbau des Caritas-Altersheims auf der Margaretenhöhe, im Volksmund „Villa Risch" genannt, gehört zu den wenigen architektonisch wie heimatgeschichtlich wirklich wertvollen Gebäuden im Stadtgebiet. Zu dieser naheliegenden Erkenntis ist bisher nicht — zumindest nicht offiziell — der Landeskonservator in Bonn gekommen. Zwei kunsthistorisch wie heimatgeschichtlich interessierte Bürger von Bergisch Gladbach haben nach fast kriminalistischen Ermittlungen hieb- und stichfeste Fakten für diese Behautung gesammelt.
Indes betreibt der Träger des Gebäudes, die Kölner „CaritasBetriebsführungs- und Trägergesellschaft mbH" mit Hochdruck und so geheim wie möglich die Neubauplanung für ein neues Altenpflegeheim an der gleichen Stelle, womit der Abbruch der alten Villa Risch in immer greifbarere Nähe rückt.
Bei der Stadt selbst, die schon Millionen Mark für die Erhaltung von Fachwerkhäusern ausgegeben hat und bei der verbissen um den Bestand anderer, erheblich weniger wichtiger Gebäude gekämpft wird, hat man, so scheint's, die Hände in den Schoß gelegt, nachdem der städtische Planungsausschuß mit Mehrheit der Abbruchgenehmigung für den Altbau zugestimmt hat; wenn auch vorbehaltlich der Zustimmung des Landeskonservators. Die Denkmalspfleger in Bonn haben sich bisher jedoch noch nicht geäußert.
Authentische Informationen
Die Mühe, in der Geschichte der „Villa Risch" zu forschen, machten sich der in Herkenrath wohnende Deutsch- und Kunstlehrer, Studiendirektor Dr. Manfred Gaul, und der auf der Hardt wohnende Gymnasiallehrer für Deutsch, Englisch und Religion, Studienrat Rainer Michel. Michel wurde erst kürzlich als Heimatforscher bekannt. Dr. Gaul brachte der „Villa Risch" besonderes Interesse entgegen, weil dort seine Mutter acht Jahre im Altersheim lebte und er so diesen Bau durch und durch kennenlernte.
Den beiden gelang es, über Angehörige der Unternehmerf amilie Risch authentische Informationen über das architektonisch wie stadtgeschichtlich bedeutsame Gebäude in Erfahrungzu bringen. Informationen über das Gebäude und Fotos vom Hausbau und seiner früheren Einrichtung erhielten sie vor allem von einer in Bensberg lebenden Tochter des Bauherrn Gustav Risch.
Das große flache Plateau auf der Margaretenhöhe, hoch über Bergisch Gladbach, erschien dem Kölner Unternehmer, „Rittmeister" Gustav Risch, wohl geradezu ideal für ein repräsentatives, familiengerechtes Wohnhaus. Kennengelernt hatte er das Grundstück durch seine Tante, Emma vom Hövel, damalige Inhaberin der Rheinischen Wollspinnerei.
Ins Schwärmen geraten
Mit dem Hausbau beauftragte Gustav Risch den Kölner Architekten Hermann Pflaume den Jüngeren, dessen gleichnamiger Onkel, ebenfalls ein Architekt, in Bergisch Gladbach auch die Villa Zanders baute. In Köln baute der jüngere Pflaume unter anderem einen so repräsentativen Komplex wie das Kaufhaus Peters, heute Karstadt. Über beide Architekten wird zur Zeit im Auftrag des Kölner Stadtkonservators eine wissenschaftliche Arbeit erstellt.
In Bergisch Gladbach baute Hermann Pflaume der Jüngere „Haus Mühlenberg", wie damals die „Villa Risch" genannt wurde, in einer derartigen Harmonie der architektonischen Linien mit der zum Teil von Menschenhand ebenfalls umgestalteten Natur, eingebettet in die freie Natur, daß der kunstsachverständige Dr. Gaul heute ins Schwärmen gerät.
Hermann Pflaume der Jüngere errichtete ein gutsherrliches Landhaus, einen Klinkerbau im Münsterländischen Stil, in einmalig klarer, klassizistischer Linienführung. Das Gebäude wurde in den Jahren 1913 bis 1914 erbaut. Einziehen konnte Gustav Risch mit seiner Familie allerdings erst im Jahre 1918. Er mußte zudem sein Haus mit einer englischen Offiziersfamilie teilen. Erst 1922 durfte die Familie ihr neues Haus, das eher einem kleinen Fürstensitz als einer großbürgerlichen Wohnung entsprach, ganz in Besitz nehmen.
Da gab es nach dem Durchschreiten des Haupteingangs einen in Marmor gehaltenen Vorraum, an den sich das Prunkstück des Gebäudes, die repräsentative. in einem Rundbau gelegene Halle mit einem pompösen Treppenaufgang, offenem Kamin und Kronleuchter anschloß.
Dort, im Erdgeschoß lag das Eßzimmer mit Blick auf den Garten, der, noch heute in seiner ursprünglichen Konzeption erhalten, ein besonderes Kleinod darstellt. Der bisher noch nicht von Manfred Gaul und Rainer Michel ermittelte Gartenarchitekt konzipierte die Gartenanlage so, daß sich an die Terrasse des Haupthauses die symmetrische Anlage eines französischen Gartens anschloß, der in einen freier gestalteten englischen Garten überging. Der englische Garten bildete den fast natürlichen Übergang in die waldreiche Umgebung.
Ebenfalls im Erdgeschoß lagen ein mit Rokoko-Möbeln ausgestattetes und handbemalter Textiltapete umkleidetes Teezimmer, Herrenzimmer mit eingebauten Möbeln und Kamin, Musikzimmer sowie Küche und andere Wirtschaftsräume. Die erste Etage enthielt unter anderem Schlafräume und Frühstückszimmer mit großem Balkon.

„Das muß einmalig gewesen sein"
Unter dem Dach schließlich lagen Fremdenzimmer und Personalräume. Zum Gebäudekomplex mit Garten auf einem schätzungsweise 50 000 bis 60 000 Quadratmeter großen Grundstück gehörten Schwimmbad, Remise und Gewächshäuser. Im Garten gibt es noch heute eine Vielfalt der verschiedensten Pflanzen- und Baumarten, Zedern, Rotbuchen, Ahorn und Linden. Die heutige öffentliche Straße Margaretenhöhe war die baumumsäumte private Zufahrtsallee.
Schwärmt Dr. Gaul: „Das muß einmalig schön gewesen sein. Das war der kleine Petersberg von Bergisch Gladbach." Gaul vergleicht die Gartenfront des Gebäudes mit der gleichartig gestalteten Fassade von „Haus Wahnfried" in Bayreuth, dem Wohnsitz Richard Wagners und seiner Familie.
Gauschule eingerichtet
Gustav Risch und seine Familie hatten nur wenige Jahre Freude an der prachtvollen Idylle ihres Hauses. Nachdem auch seine Firma von Köln nach Bergisch Gladbach verlegt worden war, wurden Gebäude und Grundstück — eventuell in Zusamenhang mit der damaligen Weltwirtschaftskrise — um das ahr 1930 an die Nationalsozialisten verkauft, die dort eine „Gauschule der Deutschen Arbeiterfront" einrichteten. Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde dort für zwei Jahre ein Offiziersstab einquartiert. In den letzten Kriegsjahren war „Haus Mühlenberg Lazarett. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten Haus und Grundstück in den
Besitz der katholischen Kirche. Vielleicht als Schenkung? Die Caritas richtete dort zunächst ein Kinderheim und später das heutige Altersheim ein.
Einfach aufgegeben
So weit die Baugeschichte, die Rainer Michel 'und Manfred Gaul bisher ermittelten. Beide wundern sich, daß die Stadt allem Anschein nach das Gebäude so sang- und klanglos aufgegeben hat. Dies sei um so verwunderlicher, als doch auf der anderen Seite alles getan werde, so Dr. Gaul, um Zeugnisse der Vorfahren aus der Landwirtschaft, nämlich alte Fachwerkhäuser, zu erhalten — oder auch Adelssitze, wie das Bensberger Schloß.
Gerade in Alt-Gladbach klage man darüber, daß es so wenig Zeugen der Vergangenheit gebe. dabei verdanke gerade Bergisch Gladbach seine Existenz und sein Wachstum dem Bürgertum und dem Großbürgertum, wie es sich im 19. Jahrhundert entwikkelt habe.
Inzwischen ist die seit Anfang des Jahres von der Caritas betriebene Evakuierung der Bewohner der ehemaligen „Villa Risch" weitere fortgeschritten. Dort lebten zum Jahresbeginn noch 32 alte Menschen. Mitte März war die Zahl der Altenheimbewohner bereits auf 24 reduziert worden, wie damals vom „Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet. Zwischenzeitlich mußte auch das Obergeschoß der alten Villa aus Brandschutzgründen geräumt werden.
Inzwischen habe sich, so berichtet Dr. Gaul, dessen Mutter erst kürzlich aus dem Altbau ins evangelische Seniorenheim auf dem Quirlsberg umziehen konnte, die Zahl der Altbaubewohner auf vier verringert.
Die Geschäftsführung der Caritas-Trägergesellschaft ist zur Zeit weder bereit, zu den Informaitonen von Gaul und Michel Stellung zu nehmen, sie zu ergänzen oder eventuell zu korrigieren noch weitere Informationen über den Stand der Neubauplanung geben. Man verweist darauf, daß in etwa drei bis vier Wochen die Neubaupläne fertig seien und daß man dann bereit sei, sie der Öffentlichkeit vorzustellen.
Schon vor Ostern war Franz-Josef Stoffer, Geschäftsführer der Caritas-Trägergesellschaft nicht willens, Fotografieren im Altbau zuzulassen. Damals wollte der „Kölner Stadt-Anzeiger" durch Fotos dokumentieren, wie das Erdgeschoß der alten Villa durch billige, häßliche Zwischenwände — eine notwendige Veränderung zur Schaffung weiterer Zimmer für die Altersheimbewohner — verunstaltet wurde.
Beschäftigte Experten
Damals sollte auch mit Fotos verdeutlicht werden, daß eine Renovierung des Altbaus unumgänglich sei, denn die dort nachträglich mit relativ geringem Kostenaufwand geschaffenen sanitären Einrichtungen, Bäder und Toiletten, können nur als reine Provisorien bezeichnet werden. Stoffer lehnte mit der Bemerkung ab, es solle keine weitere Unruhe ins Haus kommen.
Beim Landeskonservator in Bonn ist der zuständige Experte nicht zu sprechen. Die Herren hätten so viel zu tun und seien ständig unterwegs. Frühestens am Freitag sei mit einer Stellungnahme zu rechnen, heißt es aus dem Sekretariat des Landeskonservators.

MIT WERTVOLLEN Rokoko-Möbeln war das Teezimmer in der früheren Villa Risch eingerichtet.

DIE GANZE, HEUTE NOCH ERHALTENE architektonische Schönheit der Gartenfront von „Haus Mühlenberg" dokumentiert dieses alte Foto. Das Originalfoto, das in den Jahren 1920 bis 1930 entstanden sein dürfte, befindet sich im Besitz der Familie Risch.    Bilder: privat

Quelle: 
KStA-19801008 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
(Duplikat) Freigabe nach telefonischer Zusage für alle Artikel bis Einstellungsdatum 31.07.2007