Eine buchstäblich blutige Vergangenheit

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Hausbesuch - Geschichte und Geschichten: Eine buchstäblich blutige Vergangenheit
HAUS STADE: Der ehemalige Rittersitz beherbergte von 1918 bis 1953 eine Serumstation, in der Pferdeblut für medizinische Zwecke gezapft wurde - Heute arbeitet in dem Haus eine Software-Firma

VON KARIN GRUNEWALD
Rösrath. Alte Rittergüter gibt es viele im Bergischen. Sie rufen die Vergangenheit wach mit adeligen Herrschaften, Jagdgesellschaften und diversen Fehden, die die Fantasie anregen. Die jüngere Hausvergangenheit muss sich hingegen meist anstrengen, um ohne Ritter und Edelmänner bemerkenswert in die Geschichte einzugehen. Haus Stade in Hoffnungsthal hat eine solche Zeit zu bieten. Von 1918 bis 1953 beherbergte es eine Serumstation. In langen Ställen schnaubten und scharrten Pferde, während ihr Blut gezapft wurde, um Diphterie und Tetanus zu heilen.
Der rosafarbene Anstrich des verwinkelten Hauses mit seinem Erker und Türmchen beginnt bereits zu verblassen. Ein altes Eisentor steht verloren im Gelände und nur ein paar Bruchsteinmäuerchen lassen erahnen, dass es einmal der Eingang zu einem größeren Gebäude gewesen sein muss. Auf den ältesten noch erhaltenen Mauern aus dem beginnenden 17. Jahrhundert thront ein Erker. Hier hat Andreas Nettersheim sein Büro unter alten Eichenbalken. 2008 kaufte er das Anwesen, renovierte das Haupthaus und zog mit seiner Firma „Netempire AG" ein. Seither wird dort, wo früher die Ritter residierten, Software entwickelt. Nicht die erste Technik, die das alte Haus erlebt.
Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Serumstation eingerichtet, einige Jahre später auch ein Labor im Erdgeschoss des Haupthauses. 1939 kaufte der Tierarzt und Serologe Hans Weidlich aus Marburg Haus Stade. „80 bis 100 Pferde wurden hier ständig gehalten", sagt Gretel Zlomke, die fest zur Geschichte des Hauses gehört. Sie war einst verlobt mit Hans Weidlichs einzigem Sohn, der noch vor der Hochzeit tödlich verunglückte. Gretel Zlomke pflegte das Ehe paar Weidlich, erbte das Haus und wohnte dort 40 Jahre lang mit ihrer Familie. Gesehen hat sie den Laborbetrieb nicht mehr, aber sie kennt ihn vom Hörensagen aus erster Hand. „Zweimal in der Woche sind die Pferde von den Weiden in die Ställe geführt und zur Ader gelassen worden", erzählt sie. „Danach bekamen sie viel Hafer, um sich zu regenerieren." Reich sei Weidlich damit nicht geworden. „Dafür war es eine Heidenarbeit", sagt Gretel Zlomke. Sie erinnert sich auch noch an die „großen Glas-Ballons mit 100 oder 150 Litern, in denen das Blut mit der Bahn nach Leverkusen und Marburg gebracht wurde". Nach Aufgabe der Station 1953 seien sie alle zerschlagen worden. Nicht mehr benötigt. Genau wie die Hälfte der Stallungen, die abgerissen wurden.
Die ältere Vergangenheit des Anwesens gestaltet sich beim Stöbern im Archiv des Rösrather Geschichtsvereins weniger blutig. Erstmalig urkundlich erwähnt wird das Gut im Jahr 1363. Seine Geschichte ist verbunden mit der der adeligen Familie von Loe, die das Anwesen 1450 übernahm. Viel ist nicht überliefert, aber zumindest scheint es den Herren und Damen von Haus Stade nicht schlecht gegangen zu sein. In einer „Aufstellung der Lehensgüter" von 1707 finden sich unter anderem der „Hofferhof", „Der Zehnte zu Wahn", „Die Büsche zu Altenrath" und „Der Weingarten zu Lülsdorf". In einer Inventarliste von 1712 sind neben Tellern und zinnernen Schüsseln auch eine „Kiste mit Pachtverträgen" und ein Kettenhemd eingetragen.
In den Annalen finden sich Katastrophen und Klatsch wie für fast jedes Rittergut. Gebäudeteile kamen hinzu, zu Napoleons Zeit brannten große Teile davon ab und wurden wieder aufgebaut. Hochzeiten fanden statt, Erbschaften wurden geteilt. Besondere Erwähnung findet ein „fast fünfzig Jahre währender Vogelkrieg zwischen den Herren von Stade und den Amtsjägern des Königsforstes". Die Stader wollten die Jagdrechte an ihren Vogelherden zurück, die Kurfürst Jan Wellem 1681 für sich beansprucht hatte.
Andreas Nettersheim lässt die Vögel heute friedlich auf seinem zehn Hektar großen Land um Haus Stade zwitschern. Er schätzt die Geschichte des Hauses, stößt sich an der 1,75 Meter hohen Eingangstür zu seinem Büro nicht mehr den Kopf und nennt den niedrigen, noch nicht renovierten Raum, in dem keine Wand gerade ist, in Anspielung an die Wesen aus „Herr der Ringe" liebevoll „Hobbit-Raum". In das Logo der Firma hat er die Wappen der adeligen Familien aufgenommen, die auf einem Stein mit der Jahreszahl 1631 über der Eingangstür prangen. Alte Schätze hat er bei der Renovierung bislang nicht gefunden. Nur ein • Marmeladenglas, das 1968 von einigen Jugendlichen mit einer gereimten Nachricht an den Finder in der Decke des Erkers versteckt wurde. „Einer der Unterzeichner ist ein jetziger Nachbar", erzählt Nettersheim. „Er hat sich gefreut wie ein kleines Kind, als ich ihm das Glas geschenkt habe."
Mit dem Kauf des Anwesens verband der neue Eigentümer auch die Motivation, bestimmten Werten wieder mehr Bedeutung zuzumessen. Den Ort zum CO2neutralen Standort zu machen, erwies sich bislang als schwierig, weil die meisten Ideen an Einwänden von, Denkmal-, Landschafts- oder Wasserschutzbehörden scheiterten. Seinen Mitarbeitern will er einen Ausgleich zum stressigen Job bieten: Bogenschießen, Buchenholzofen zum Pizza backen, Sportraum, Joggen, draußen essen.
Noch hat der neue Eigentümer nicht alle Ecken des Geländes erforscht. Im Fachwerkgebäude, dort, wo laut Gretel Zlomke die „Quarantänestation für die neuen Pferde" war, tut sich unter einer Holzklappe ein Gewölbekeller auf. Die hölzerne Treppe ist modrig und eingefallen, unten ist es stockfinster. „Keine Ahnung, was da drin ist", sagt Nettersheim und versorgt den Fotografen des „Kölner Stadt-Anzeiger" mit Leiter und Taschenlampe. Das Blitzlicht fördert ein Regal zutage, in dem sich unter Spinnweben zahllose leere Glasbehälter stapeln — vermutlich dazu da gewesen, das abgezapfte Pferdeblut aufzufangen. Von dem Geheimgang, der zu Zeiten der Wehrburg quer durch den Berg bis Menzlingen geführt haben soll, hat der Besitzer bisher nichts entdeckt. Doch ist die Geschichte von Haus Stade auch nach 650 Jahren noch offen für neue Kapitel.
www.ksta.de/rbo-bilder www.ksta.de/rbo-hausbesuch

Ein Winterfoto von Haus Stade, aufgenommen etwa 1925. Damals wurde das Gebäude als Serumstation genutzt. BILD:ARCHIV GESCHICHTSVEREIN RÖSRATH

Haus Stade in Hoffnungsthal wurde 1363 erstmals urkundlich erwähnt. Ursprünglich war es ein Rittersitz.
BILDER: ROLAND U. NEUMANN

Andreas Nettersheim kaufte das Haus 2008 und zog mit seiner Firma ein.

Hintergrund: Pferdeblut in der Pharma-Industrie
Die Idee, Pferdeblut für die Gewinnung von Medikamenten zu nutzen, geht im Wesentlichen auf den Marburger Nobelpreisträger Emil von Behring zurück. Zusammen mit Paul Ehrlich entdeckte er 1890 ein Heilverfahren gegen Diphterie. Da die Produktion von Antikörpern durch das eigene Immunsystem der Erkrankten zu lange dauerte, wurden ihnen in einem frühen Stadium der Krankheit Antikörper gespritzt. Das Verfahren, das zu einer schnellen Abwehr des Erregers führt, nennt sich „passive Immunisierung". Diese hat keine länger anhaltende Impfwirkung, sondern war und ist eine Notfallmaßnahme bei bereits erfolgtem Ausbruch einer Krankheit oder Vergiftung.
Pferden und anderen Tieren werden in geringen Dosen Krankheitserreger gespritzt, auf die ihr Immunsystem mit der Bildung von Antikörpern reagiert, ohne dass sie selbst gefährlich erkranken. Die Antikörper werden aus dem Blut extrahiert.
Mit der Verbreitung des Penicillins und der Entdeckung aktiver Impfstoffe ging die Bedeutung der passiven Immunisierung stark zurück. Heute werden Antikörper in der Regel aus menschlichem Blut oder auf gentechnologischem Weg hergestellt. Für die Produktion mancher Medikamente -zum Beispiel solcher, die gegen schwere Lebensmittelvergiftungen oder Schlangenbisse eingesetzt werden - wird jedoch auch heute noch auf das Blut von Tieren zurückgegriffen. (kgr)

Im Keller verborgen: ein altes Regal mit leeren Glasbehältern.

Quelle: 
KStA-20100911-s60 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011