Streit um „Campus memoriae"


Streit um „Campus memoriae"
STADTGESCHICHTE Alte Grabsteine sollen neuen Platz am Eingang des Friedhofs erhalten

VON STEPHANIE PEINE UND JULIA LAPPERT
Bergisch Gladbach. Engel aus weißem Marmor, ein in Stein gehauener Jesus auf dem Weg nach Golgatha, hoch aufragende, schon etwas morsch wirkende Kreuze über der schlichten Namenstafel: Ein Gang über den katholischen Friedhof St. Laurentius zeigt, wie viel Bedeutung früher der imposanten oder anrührenden Gestaltung der Familiengrabstätte beigemessen wurde. Wer es sich leisten konnte, wollte sich und seine Familie auch im Tod angemessen repräsentiert sehen.
Doch die Zeugnisse vergangener Begräbniskultur sind gefährdet. Viele Gräber werden nicht mehr gepflegt oder ganz aufgegeben. „Immer wieder werden alte Gräber abgeräumt und wertvolle Grabsteine landen im Schredder", sagt Karl Hubert Hagen, Vorsitzender des Bergisch Gladbacher Verschönerungsvereins. Um das zu verhindern, setzen sich engagierte Bergisch Gladbacher – unter ihnen Franz Heinrich Krey, stellvertretender Vorsitzender des Verschönerungsvereins, Bestatter Fritz Roth und Werner Gödderz – dafür ein, dass Grabsteine, die für die Stadtgeschichte einen hohen Wert haben, erhalten' weiden. Auf dem Laurentius-Friedhöf ist daher ein „Campus memoriae" geplant, der ein Ort der Erinnerung werden soll. Die Grabsteine der abgeräumten Gräber könnten hier einen neuen Platz finden und um ein Rondell in der Nähe des Haupteinganges wieder aufgestellt werden.
Die Umsetzung wird jedoch nicht von allen begrüßt. Kritiker betonen die Einheit von Begräbnisplatz und Grabstein als Gesamtdenkmal, das durch eine Entfernung des Steines verletzt werde. Statt der gewachsenen Einheit werde eine künstliche „Museumsatmosphäre" geschaffen. Gerade der LaurentiusFriedhof lebe von seinen Familiengräbern. Lücken, die hier gerissen würden, vermittelten das Gefühl eines Friedhofes als Auslaufmodell.
„Wenn man nicht eingreift, verschwinden die Steine ganz", meint hingegen Max Morsches, Vorsitzender des Bergischen Geschichtsvereins. Daher habe man auch in Bensberg bereits alte Stelen zusammengeführt. „Kann sein, dass der Stein dann nicht mehr das Denkmal ist, das es einmal war", räumt er ein. Doch bleibe es auf diese Weise wenigstens erhalten. In Gladbach existierten viele alte Gräber von Bürgermeistern oder Fabrikanten, die für die Stadtgeschichte von Bedeutung seien. Um das Wissen präsent zu halten, biete der Geschichtsverein Friedhofsführungen an und bereite eine Veröffentlichung über den Laurentius-Friedhof vor.
Die Umsetzung von Steinen sei immer häufiger ein Mittel, um künstlerisch interessante Stücke zu erhalten, erklärt Christoph Keldenich von Aeternitas, Verbraucherinitiative Bestattungskultur, in Königswinter. Das sei eine gute Idee und auch juristisch spreche nichts dagegen, sofern die Ruhefristen abgelaufen seien und die Gräber nicht verlängert würden.
Die Probleme sind eher finanzieller Art. Zwar stelle die Kirchengemeinde, so Gerd Grüchter vom Friedhofsausschuss, einen Platz für die Steine zur Verfügung und wolle die Wege pflegen, doch die Umsetzung wolle man nicht finanzieren. Die Versetzung eines kleinen Grabsteins kostet nach Angaben des Verschönerungsvereins bis zu 1000 Euro. Eine weitere Hürde stellt die Satzung des Verschönerungsvereins dar. Darin ist vorgesehen, dass sich der Verein ausschließlich für denkmalgeschützte Objekte einsetzen darf. Dieses Kriterium erfüllen allerdings die wenigsten Grabsteine, die auf dem „Campus memoriae" in Zukunft stehen sollen. Franz Heinrich Krey ist dennoch zuversichtlich und verwies auf die Gemeinnützigkeit des Vorhabens. Gefordert sei eine gemeinsame finanzielle Anstrengung von Kirche, Stadt und Verschönerungsverein, um Grabsteine, wie den von Jakob Herweg, dem ersten Bürgermeister nach dem Erhalt der Gladbacher Stadtrechte, zu schützen.>
 Kommentar

Engagierte Bergisch Gladbacher – unter ihnen Franz Heinrich Krey (Mitte) – setzen sich für ein „Campus memoriae" ein.

Zahlreiche Zeugnisse vergangener Begräbniskultur sind auf dem katholischen Friedhof St. Laurentius zu finden.    BILDER: CHRISTOPHER ARLINGHADS

Quelle: 
KStA-20100903-s37 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011