Moitzfelder Knabenheim hatte bei Anwohnern einen schlechten Ruf

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„Das war eine Welt für sich”
MISSBRAUCH Moitzfelder Knabenheim hatte bei Anwohnern einen schlechten Ruf

VON STEFAN KUNZE UND MATTHIAS NIEWELS
Bensberg. Von Vergewaltigungen und Misshandlungen berichten ehemalige Bewohner des Knabenheims der Diakonie in Moitzfeld. Gewalt sowohl untereinander als auch durch Erzieher sei in den 60er und 70er Jahren an der Tagesordnung gewesen. „Das war eine Welt für sich, wir haben nichts von dem mitbekommen, was in dem Heim geschah." So oder so ähnlich heißt es heute immer aus dem direkten Umfeld. Anwohner des ehemaligen Heims – sie alle wollen nicht beim Namen genannt werden –berichten von „Rabauken", die damals „viel Unsinn" gemacht hätten.
Das Hauptgebäude des ehemaligen Kinderheims liegt heute inmitten eines ruhigen Wohngebiets. Ein Gebäude „Gut an der Linde" wurde 1413 erstmals erwähnt. Das zweigeschossige Fachwerkhaus wurde um 1790 errichtet. 1925 kaufte es die Diakonie und richtete dort ein „Heim für schwer erziehbare Töchter besserer Stände" ein. 1950 wurde die Immobilie an die Stadt Bergisch Gladbach verkauft, die es wiederum verpachtete. Im Januar 1951 zog das „Knabenhaus" Bornen nach Moitzfeld. Nach der Schließung des Heims 1977 wurde es von der Stadt als Übergangsheim genutzt.
Seit den 80er Jahren ist rund um das Gelände viel gebaut worden: schmucke Villen und Reihenhäuser. Die Stadt will von dieser Entwicklung profitieren und sucht seit 2007 einen Käufer für das Bauland und das Fachwerkhaus – aber das denkmalgeschützte Haus fand keinen Käufer. Nach den neuen Berichten über die Vergangenheit des Gebäudes dürfte der Verkauf noch schwieriger werden.
Die Alteingesessenen in Moitzfeld und Bensberg, die das Heim noch erlebt haben, berichten von umgekippten Mülltonnen, verunstalteten Blumenbeeten oder gekappten Fichten. Die Besitzerin eines kleinen Kiosks, den es schon damals gab, erinnert sich an „schlimme Jugendliche". „Die hatten häufig viel Geld in den Taschen." Sie ist sicher: „Auf legalem Weg haben die das aber nicht bekommen." Kaum einer hat ein gutes oder verständnisvolles Wort für die Kinder und Jugendlichen des Heims. Eher schon für die Erzieher. Über die heißt es immer wieder: „Wir haben die bewundert. Die hatten einen wirklich harten Job."
Und natürlich wird heftig diskutiert. Es ist das Gesprächsthema im Ort. Richtiggehend angeekelt zeigen sich die Menschen über die Vorwürfe der Vergewaltigungen von Kindern und Jugendlichen untereinander und durch ihre Erzieher. „Schrecklich, wenn das alles so stimmt." Fast immer kommt ein Nachsatz, der mit einem „aber" beginnt. Zum Beispiel: „Aber es war ja eine andere Zeit." Eine „härtere Erziehung", also „Ohrfeigen" oder ein „Klaps auf den Po", seien in dieser Zeit auch bei „normalen Familien" üblich gewesen. Bensberger berichten davon, dass sie auf dem Weg zum Waldspaziergang an dem Heim vorbeigingen. Und da habe es geheißen: „Benimm dich anständig, sonst kommst du da rein."
> Kommentar

Unter Denkmalschutz steht das ehemalige Kinderheim in Moitzfeld. Das Gebäude steht zum Verkauf
BILD: STEFAN KUNZE

Ein Dokument aus den 60er Jahren: Heimbewohner und Erzieher des Moitzfelder Kinderheims.

Quelle: 
KStA-20100429-s33 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe für den BGV erteilt durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12.9.2011