Baumeister im Schatten des Sohnes

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Gnadenkirche ersparte weite Wege
Baumeister im Schatten des Sohnes
Professor erforscht Architektenfamilie

Von unserer Redakteurin Stephanie Peine
Bergisch Gladbach — Bei Wind und Wetter, im Sommer auf staubigen Straßen, im Winter bei Kalte, Schnee und Eis, nahm eine kleine Schar unerschrockener Bergisch Gladbacher Bürger den langen und beschwerlichen Weg nach Mülheim am Rhein auf sich, um dort am Gottesdienst teilzunehmen. Die eifrigen Kirchgänger, die zu Fuß oder in Kutschen die rund zehn Kilometer ins Mülheimer Kirchspiel zurücklegten, gehörten der reformierten Minderheit im katholischen Bergisch Gladbach an. Die aufrechten Gläubigen — unter ihnen angesehene Bürger des Ortes — mußten vor 1775 viele Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, wollten sie nicht vom Glauben abfallen. Denn neben der katholischen Sankt-Laurentius-Kirche existierte bis dahin keine reformierte Kirche in Bergisch Gladbach.
Erst vor 216 Jahren, anno 1775.erhielt die kleine Gemeinde von den zuständigen Behörden in Düsseldorf die Genehmigung zum Bau einer Kirche — allerdings ohne Turm und Glocken. Im Frühjahr des darauffolgenden Jahres wurde mit dem Bau von Kirche und Pastorat begonnen und in die zum 20. April 1776 hochgezogenen Grundmauern eine Gedenkplatte eingelassen.
So genau die Grundsteinlegung dokumentiert ist, so große Unsicherheit herrschte lange Zeit über den Architekten des Gebäudes. „Da in den vorhandenen Quellen ein Baumeister namens Leydel genannt, aber kein Vorname erwähnt ist, wurde das Bauwerk sowohl einem ,Michael' als auch einem ,Martin' Leydel (Leidtel) zugesprochen", erklärte Hermann J. Mahlberg, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Wuppertal und Leiter der Forschungsstelle für Denkmalpflege, der sich intensiv mit der Bau- und Architekturgeschichte der Gnadenkirche befaßt hat.
Bei einem dieser Zuschreibungsversuche sei der vermutete Architekt Michael Leydel mit dem Erbauer der Godesberger Redoute gleichgesetzt worden —eine Hypothese, die völlig indiskutabel sei, da besagter Michael zum Zeitpunkt des Baubeginns in Bergisch Gladbach „erst zarte fünfzehn Jahre alt" gewesen sei. Auch Martin Leydel, dessen Vorname von der Autorin des Rheinisch-Bergischen Bandes der „Denkmäler des Rheinlandes", Gerda Panofsky-Soergel, vorsorglich mit einem Fragezeichen versehen wurde, „schied aus dem Kreis der potentiellen Baumeister aus, weil er in der fraglichen Zeit nachweislich in Ahrweiler arbeitete", sagte Mahlberg.
Statt Michael (1760 — 1841) oder Martin (1767 — ?) wies Mahlberg den Onkel und Vater der beiden, Johann Georg Leydel (1721 — 1785) als Erbauer nach und erkannte gleichzeitig. warum das Verwirrspiel so lange anhalten konnte: Es gab nicht einen Baumeister Leydel, sondern gleich mehrere, die aus einer vielköpfigen Architekten-Familie stammten. Bis dahin hatte sich die Forschung immer nur über die rege Bautätigkeit des Baumeisters Leydel gewundert, dem ungewöhnlich viele Gebäude zugeschrieben wurden. Auf die Spur brachte Mahlberg eine Aktennotiz, nach der der Architekt aus Mülheim stamme. Johann Georg Leydel war Stadtbaumeister in Mülheim und muß dort mit den Anhängern des reformierten Glaubens aus Bergisch Gladbach in Kontakt gekommen sein.
Leydel selbst war Katholik. gehörte aber offenbar nicht zu den Strenggläubigen seiner Kirche. Er erlaubte nicht nur die Heirat seiner Tochter mit einem holländischen, reformierten Rheinschiffer. sondern mußte sich vor Gericht auch gegen den Vorwurf verteidigen, die Fastenzeit nicht einzuhalten und seinen katholischen Lehrjungen gezwungen zu haben, am Freitag Fleisch zu essen.
Bei einer stilistischen Analyse der Gebäudegruppe am Quirlsberg müsse berücksichtigt werden, daß der heutige Zustand von der ursprünglichen Planung teilweise erheblich abweiche, gibt Mahlberg zu bedenken, doch zeigten Kirche und Pastorat eindeutig die Handschrift Johann Georg Leydels. 1787 hatte sich die Gemeinde mit Erfolg darum bemüht, die Erlaubnis zum Bau eines Kirchturms zu erlangen. Der Turm wird nach einer Zeichnung des Leichlinger Baumeisters Andreas Weltersbach in den freigebliebenen Raum zwischen Kirche und Pfarrhaus eingepaßt — an der Stelle also, die Leydel dafür vorgesehen hatte. Im Jahre 1899 erfuhr die Kirche ihre einschneidendste Veränderung: die gesamte Nordseite des achteckigen Kirchenraumes wurde entfernt, die Seitenwände verlängert und über dem Eingang eine offene Vorhalle errichtet.

VON URALTEN BÄUMEN noch nicht beschattet: Die Gnadenkirche, hier kurz nach der Jahrhundertwende, ersparte den Reformierten den langen Weg nach Mülheim.    Bild: Archiv

Die Forschungsstelle für Denkmalpflege der Bergischen Universität und Gesamthochschule Wuppertal, unter der Leitung von Professor Hermann J. Mahlberg, hat sich die Aufgabe gestellt, historische Bausubstanz im Rheinland und der Wupperregion zu erfassen und ihren geschichtlichen und sozialen Kontext zu erarbeiten. Ober den Rahmen der Hochschule hinaus, sollen die Forschungsergebnisse einem breiten Publikum durch Veröffentlichungen und Lehrveranstaltungen zugänglich gemacht und besonders angehenden Lehrern ein Bewußtsein für Denkmalpflege vermittelt werden. Zeitliche Schwerpunkte der Forschungsstelle, die mit dem Landeskonservator, den Unteren Denkmalbehörden, Stadtarchiven und Geschichtsvereinen zusammenarbeitet, sind das 18., 19. und 20. Jahrhundert.

Quelle: 
KStA-19910105 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigegeben durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 27.4.2011 für den BGV Rhein-Berg